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GESCHICHTE/343: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 162 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 18 / 2. Mai 2012
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1986/I: Willi Weyers Abschied beim DSB-Bundestag: "Es hat sich gelohnt"
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 162)

Eine Serie von Friedrich Mevert



Mit langanhaltendem Beifall und der Wahl zum Ehrenpräsidenten dankten die Delegierten aus den Mitgliedsorganisationen beim 19. Bundestag des Deutschen Sportbundes am 3. Mai 1986 in Saarbrücken Willi Weyer, der nach seiner Wahl 1974 in Essen zwölf Jahre lang als DSB-Präsident maßgeblich die Geschicke geleitet und die Geschichte des DSB gestaltet hatte und sich nun aus gesundheitlichen Gründen nicht zur Wiederwahl stellte. In seinem letzten "Bericht zur Lage" zeigte Weyer in aller Offenheit und Deutlichkeit positive und auch negative Aspekte der Sportförderung und Sportpolitik aus seiner Amtszeit auf. Wir zitieren in Auszügen:

"(...) Als Sie mich am 25. Mai 1974 im Essener Saalbau zu Ihrem Präsidenten wählten, mir Ihr Vertrauen gaben, das Sie mir noch vier Jahre früher in Mainz verweigert hatten - ich kenne solche Situationen aus meinem politischen Leben nur zu gut -, da habe ich mich als politischer Präsident vorgestellt und meinen Abschied aus der Parteipolitik versprochen. Beides habe ich gehalten.

Politischer Präsident - hat sich dies gelohnt, war es überhaupt richtig? Richtig war es auf alle Fälle; gelohnt, darüber später mehr. Eine Millionen-Bewegung wie der Sport muss heute ein eigenes politisches Selbstverständnis von der Spitze des DSB bis in den letzten Dorfverein hinunter haben, wenn sie Gehör finden, ihre Absichten umsetzen und das Ziel erreichen will, das sie unter der Parole 'Sport für alle' versprochen hat.

Das politische Selbstverständnis ist heute da! Vereine und Verbände verstehen sich als subsidiärer Partner des Bundes, der Länder und vor allem der Gemeinden. Sie vertreten heute wichtige sozialpolitische Aufgaben, wie sie sich in der wachsenden gesundheitlichen Selbstverantwortung der Bürger, in der gefestigten politischen Mitverantwortung von fast zwei Millionen ehrenamtlichen Mitarbeitern und in der stabilen ökonomischen Eigenverantwortung von über 61.000 Vereinen ausdrücken. Ohne diese freiwillige Leistung geht nichts im Sport, auch nicht im Spitzensport.

Hat sich dieses Engagement nun auch gegenüber den politisch Verantwortlichen gelohnt? Diese Frage lässt sich nicht ohne weiteres bejahen. Wir fanden wohl überall Verständnis, das ist richtig; aber von Worten allein kann keiner satt werden. Längst fällige Entscheidungen in der Steuer-, Umwelt-, Sozial- und Bildungspolitik blieben aus oder wurden auf die lange Bank geschoben. Ich habe ihnen 1974 schon gesagt, dass es ein langer Weg durch die Instanzen sein wird, der vor uns liegt. Was wir angestoßen haben, läuft mit Langzeitwirkung, könnte allerdings viel schneller ablaufen, wenn wir an die Dringlichkeit denken und an die Vereine, die mehr Hilfestellung verdient haben. Für uns sind es Existenzfragen, ob Überschüsse aus traditionellen wirtschaftlichen Geschäftsbetrieben (Veranstaltungen) steuerunschädlich den gemeinnützigen Zwecken des Vereins wieder zugeführt werden können oder nicht; ob uns auf der Grundlage von unsinnigen LAI-Hinweisen weiterhin Tennis-, Fußball- und andere Spielplätze auf dem Klageweg geschlossen oder zeitlich begrenzt werden können oder nicht; ob die Sportmedizin weiterhin aus der Approbationsordnung für Ärzte herausgehalten werden kann oder nicht, obwohl der Sport in der Gesundheitspflege und Kostenentlastung inzwischen einen anerkannten Rang gewonnen hat; ob der Sport in den Schulen und Hochschulen weiterhin stagniert oder in den Berufsschulen völlig ausfällt oder nicht, obwohl sein Wert für junge Menschen in sozialer, pädagogischer oder psychologischer Hinsicht unbestritten ist. (...)

Es hat sich außerdem ein höchst undemokratisches Verfahren eingebürgert: Was die Parteien in der Opposition versprochen haben, gerät in Vergessenheit, sobald sie auf den Regierungsbänken sitzen! Mit solchem Opportunismus ist die Glaubwürdigkeit, die wichtigste Grundlage einer Demokratie, schnell verspielt. Dies haben wir auch dem Bundeskanzler in unserem letzten Gespräch gesagt: Wenn man den Politikern nicht mehr glauben kann, ist es um die Demokratie schlecht bestellt!

Der Sport ist heute soziales Handeln. Die Vereine kümmern sich um alle Menschen in allen Schichten. Wer Sport für alle will, der muss allerdings auch Raum für alle sichern! Mit seiner Fortschreibung zum Goldenen Plan und seinen Umweltpolitischen Grundsätzen hat der DSB dafür die Leitlinien nach innen und außen geschaffen. Die Anpassung der vorhandenen Sportanlagen, die Öffnung der natürlichen Möglichkeiten und der Schutz der sozialen Gemeinschaftseinrichtungen vor Einzelinteressen haben Vorrang. Ich wiederhole meine Frage: Warum sollte der Sportplatz nicht die gleichen Rechte besitzen wie der Kindergarten? (...)

Der Sport ist herausgefordert. Er stellt sich den Entwicklungen, die sich aus den Veränderungen unserer Gesellschaft ergeben. So habe ich es ihnen immer wieder gesagt. Der Wandel im Arbeitsleben mit noch mehr Freizeit gehört dazu, die Individualisierung des Zeitgenossen, die fortlaufende Kommerzialisierung allenthalben und der Einbruch der Medien auch in den Sport. Der Sport wird zur Unterhaltung und der Spitzensport zum Arbeitsplatz. Die Konkurrenz schläft nicht. Über 3.600 neue Sportanbieter stehen heute bereits neben den Vereinen, die nun einmal keine Dienstleistungsunternehmen sind. Hier liegt der tiefere Grund, warum wir einfach die Entlastung von bürokratischem Ballast fordern, den Ämter und Behörden den Vereinen aufbürden, und auf mehr Steuergerechtigkeit für Vereine drängen, die das unverzichtbare ehrenamtliche Element stärken und die weitere Entwicklung des Sports beleben könnte. (...)

Es wird nicht leicht fallen, diesen Strukturwandel ideell und organisatorisch zu verarbeiten. Die Sportvereine müssen sich zunehmend auf einen Ideen- und Innovations-Wettbewerb rüsten, wenn sie die Probleme der Zukunft bewältigen wollen. Vier Ansätze hierfür:

1.‍ ‍Wenn sich die Sportvereine und -organisationen behaupten wollen, dann wird es entscheidend davon abhängen, inwieweit sie einen Spürsinn für die sich immer schneller verändernden Lebensstile in der komplexen Gesellschaft entwickeln. Für pluralistische Lebensstile und Erlebniswelten müssen sie sensibler reagieren - auch auf ihr Umfeld.

2.‍ ‍Die Differenzierung des Sportangebots stellt eine wichtige Aufgabe dar. Die individualisierten Lebensstile simulieren vielfältige Variationen, die verständlich zu machen sind. Großvereine zeigen bereits, wie man wirkungsvoll z.B.mit Sportkursen, mit neuen Formen der Vereins-Geselligkeit und der Mitglieder-Betreuung verfahren kann.

3.‍ ‍Wenn die Vereine flexibel auf ihr Umfeld reagieren und differenzierte Sportangebote schaffen, so sind Rationalisierungs- und Professionalisierungs-Maßnahmen unvermeidlich. Wenn vermehrt haupt- und nebenamtliche Mitarbeiter herangezogen werden, so ist ihr Verhältnis zur ehrenamtlichen Führung gleichzeitig auszubalancieren.

4.‍ ‍Die Infrastruktur - Plätze, Hallen, Vereinsheime, Gastronomie etc. - ist der Entwicklung anzupassen, um sich auf die neuen Bedürfnisse einzustellen. Für die näher herangerückten Erlebnisbereiche wie Sport, Gesundheit und individualisiertes Selbsterleben werden geeignete Räume und eine phantasievolle Gestaltung der Sportanlagen erforderlich. (...)

Genug, meine Freunde, meine Zeit als Präsident des Deutschen Sportbundes ist zu Ende. Ich danke allen für Verständnis auch dann, wenn ich einmal schwer zu verstehen war wie 1978, als ich den DSB aus der institutionellen Förderung durch den Bund herausführte und wir uns frei machten - mit ihrer Hilfe. Der DSB hat sich damit freigeschwommen, um im eigenen Hause selbst bestimmen zu können. Ich danke meinen Mitstreitern im Präsidium dafür, dass sie mitgezogen haben. Es war mir eine Freude, dass ich zwölf Jahre lang ihr Präsident sein durfte. Ich danke auch für die kritische Begleitung, denn sie schafft erst das richtige Bild. Nimmt man alles in allem,

- so sind sich die 82 Mitgliederorganisationen des DSB - vor allem die LSB und Spitzenverbände - in dieser Zeit ein wichtiges Stück nähergekommen;

- so hat es sich gelohnt, allenthalben für den Sport einzutreten, auch wenn wir nicht immer ganz erreichen konnten, was wir wollten;

- so ist das politische Selbstverständnis in den Vereinen gewachsen; sie lassen sich die Butter nicht mehr vom Brot nehmen;

- so konnten wir die Frauen (auch ohne den Erbsenzähler-Paragraphen der Quotierung) stärker an die Führung heranbringen, wenn auch noch längst nicht weit genug;

- so haben wir den Spitzensportlern größere Chancen und ein verbessertes Umfeld geschaffen;

- so begegnen wir uns als Freunde in unserer gemeinsamen Sache des Sports - freundschaftlich und fair.

Wenn Sie in diesem Geiste weitermachen, Freunde bleiben und mit Freude Ihr Werk gestalten können, dann werden Sie mit Geduld, Zuversicht und Toleranz den Menschen in unserer Sportorganisation das geben, was wir ihnen versprechen:

Lebenshilfe in unserer Zeit. Sport macht Spaß! Dies wünsche ich Ihnen und meinem Nachfolger im Amt des Präsidenten des Deutschen Sportbundes von ganzem Herzen. Meine Zeit hat sich gelohnt! Ich scheide mit einem freundschaftlichen 'Glück auf!'"

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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 18 / 2. Mai 2012, S. 17
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veröffentlicht im Schattenblick zum 12. Mai 2012