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GESCHICHTE/335: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 154 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 9 / 28. Februar 2012
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1984/VI: DSB-Bundestag verabschiedet umweltpolitische Grundsätze
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 154)


Eine Serie von Friedrich Mevert

Nach dem festlichen Teil des DSB-Bundestages 1984 in Bad Homburg v. d. H. (siehe auch Folge 153) stand die Umweltproblematik im gesellschaftspolitischen Mittelpunkt der Beratungen des deutschen Sportparlaments.

Einführend hatte DSB-Präsident Willi Weyer in seinem Rechenschaftsbericht nach zahlreichen für den Sport negativen Gerichtsurteilen eine politische Grundsatzentscheidung gefordert, dass Sportanlagen wie Kinderspielplätze dem sozialen Bereich zuzuordnen seien. "Sport für alle erfordert auch Platz für alle" begründete er die anschließend von Vizepräsidentin Erika Dienstl vorgetragenen und erläuterten "Umweltpolitischen Grundsätze", die der Bundestag dann verabschiedete und in denen Argumente der Selbstbeschränkung ebenso enthalten waren wie Appelle zum unverzüglichen Handeln auf allen Ebenen.

Aus den in drei Kapiteln zusammengefassten Grundsätzen zur Umweltpolitik des Sports werden - auszugsweise - einige Abschnitte zitiert:

"1.1 Sport als Umweltfaktor

Immer mehr Menschen treiben Sport. 18 Millionen sind Mitglied in den fast 60.000 Sportvereinen in der Bundesrepublik Deutschland und Berlin (West); das ist nahezu ein Drittel der Bevölkerung. Darüber hinaus betätigen sich viele Menschen in ihrer Freizeit regelmäßig aktiv sportlich, auch motiviert durch die Trimm- und Spielbewegung des Deutschen Sportbundes.

Sport findet in vielen räumlichen Bereichen statt, in der freien Landschaft, auf siedlungsnahen Flächen und in Wohngebieten. Er hat dabei mit allen Bereichen der Umwelt zu tun, mit Boden, Luft und Wasser, mit Tier- und Pflanzenwelt, mit Mensch, Kultur und Technik.

Die Beziehung zwischen Sport und Umwelt war lange Zeit kein Problem; sie stellt sich heute weitaus schwieriger dar als noch vor Jahren. Die Ursachen dafür liegen in der größeren Zahl der Menschen, die Sport treiben, in der größeren Vielfalt der ausgeübten Sportarten und im verstärkten Umweltbewusstsein der Bürger.

Um Sport ausüben zu können, werden Spiel-, Sport- und Erholungsanlagen benötigt, d. h. sowohl Bauten und Flächen, die speziell der sportlichen Nutzung gewidmet sind, als auch Landschaftsteile und Gewässer, die für Sport und Spiel mitgenutzt werden. Sport braucht Raum; doch der Raum ist begrenzt und unterliegt der Konkurrenz verschiedenartigster Nutzungsansprüche.

So erwachsen aus der Beziehung zwischen Sport und Umwelt wechselseitige Beeinflussungen mit Problemen und Konflikten, die es zu lösen gilt. (...)


2.1 Umweltbedeutung zukünftiger Sportentwicklung

Der Sport ist einer der wenigen Bereiche, bei denen konstantes Wachstum auch für die Zukunft zu erwarten ist. Neben dem Spitzen- und Breitensport in den Turn- und Sportvereinen wird der Sport als ein Element der Freizeitgestaltung vieler Menschen am Feierabend, am Wochenende und im Urlaub weiter an Bedeutung gewinnen.

Dabei findet der Sport nicht mehr nur allein in den klassischen Kernsportstätten, d. h. auf den Sportplätzen, in den Sporthallen, Frei- und Hallenbädern, statt. Die Bedeutung von Anlagen für einzelne Sportarten wie Tennis, Sportschießen, Reiten, Winter- und Wassersport ist in den letzten Jahren überproportional gestiegen.

Bewegung, Spiel und Sport gehen zurück zur Natur. Sie nutzen in zunehmendem Maße auch "Sportanlagen" in der freien Landschaft, so z.B. Bad-, Reit- und Wanderwege, Flüsse, Bäche, Kanäle, Seen, Waldlichtungen, Feldraine und die "grüne Wiese". Im Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis kommen die Menschen durch die Angebote des Freizeitsports wieder mehr mit der Natur in Berührung.

Wenn künftig noch mehr Menschen Sport treiben möchten, werden sich diese Berührungspunkte zwischen Sport und Umwelt weiter vermehren. Es gibt dann mehr unterschiedliche Alters-, Leistungs- und Organisationsgruppen mit breiter gefächerten Aktivitäten und entsprechend unterschiedlichen Raumansprüchen. Aufgrund dieser Entwicklung muss aber auch mit einer Vermehrung der Probleme und Konflikte im Wechselspiel von Sport und Umwelt gerechnet werden.

Bei der künftigen Gestaltung dieses Verhältnisses wird es darum gehen, dass jeder Sportinteressierte in unserem Land genügend Bewegungs- und Spielraum gewinnen kann, ohne dabei mehr als nötig von außen behindert zu werden und ohne dabei seinerseits die Umwelt zu beeinträchtigen: ein äußerst schwieriges Problem.

Der Sport ist ein wichtiger Teil der Sozialfunktion der Umwelt; deshalb muss er in Entscheidungen über die künftige Gestaltung der Umwelt einbezogen werden. Sport, Freizeit und Erholung sind öffentliche Belange, die zur Sicherung einer menschenwürdigen Umwelt besonders berücksichtigt werden müssen. (...)


3. Thesen zur Umweltpolitik des Sports

1. Sport und Umwelt sind miteinander wechselseitig verflochten. So wie der Sport die Umwelt mitgestaltet und prägt, so werden seine Entwicklungsmöglichkeiten durch die Umwelt beeinflusst.

Um die humane Punktion des Sports zu fördern und die Lebensfreundlichkeit der Umwelt zu erhalten, muss der Sport künftig in seinem positiven Beitrag zur Umweltgestaltung stärker gewürdigt werden.

2. Sport braucht Raum, Sport benötigt Möglichkeiten in Natur und Landschaft, auf siedlungsnahen Flächen, innerhalb der Besiedlungen und im engeren Wohnumfeld.

Bei der künftigen räumlichen Entwicklung müssen in der Raumordnung und Regionalplanung Möglichkeiten zur umweltverträglichen Ausübung des Sports in besonderem Maße berücksichtigt und dafür gesetzliche Grundlagen geschaffen werden.

3. Sportliche Betätigung der Menschen ist ein Wachstumsbereich. Sowohl die Zahl der sporttreibenden Menschen als auch die Vielfalt der Aktivitäten nimmt weiterhin zu.

Alle müssen im Sport genügend Bewegungs- und Spielraum finden können, ohne dabei mehr als nötig von außen behindert zu werden und ohne dabei die Umwelt, in der Sport betrieben wird, zu gefährden oder zu zerstören.

4. Sport trägt aufgrund seiner Bedeutung eine erhebliche Mitverantwortung für die weitere Entwicklung der Umwelt. Mitverantwortung fordert aktive Mitgestaltung.

Die Sportorganisationen müssen sich als Träger öffentlichen Interesses und als Träger öffentlicher Belange an der Mitgestaltung der Umwelt beteiligen können, um künftig Mitverantwortung für die Umwelt übernehmen zu können.

5. Sport braucht besondere Sportanlagen. Diese müssen in ihrer Gestaltung und technischen Ausstattung für Sportler und Umwelt verträglich sein.

Der Deutsche Sportbund wird mit dem 3: Memorandum zum Goldenen Plan auch Leitlinien für die Sport- und Umweltverträglichkeit der Sportinfrastruktur herausgeben.

6. Das wachsende Bedürfnis nach natürlicher Umwelt führt zu einer vermehrten Nutzung von Natur und Landschaft durch den Sport.

Der DSB wird sich - unabhängig von bereits bestehenden gesetzlichen Regelungen - für eine schonende sportliche Nutzung von Natur und Landschaft einsetzen.

7. Die Zusammenhänge zwischen Sport und Umwelt sind vielgestaltig und werden sich in Zukunft noch weiter vermehren.

Das öffentliche Bewusstsein über die Umweltwirkungen des Sports muss erweitert und jeder einzelne Sportler muss zu bewussterem Umgang mit der Natur angehalten werden. Mit diesem Ziel wird der Deutsche Sportbund die Aktion "Sport schützt seine Umwelt" durchführen.

8. Diese Aufgaben können nicht vom Sport allein gelöst werden.

Der Deutsche Sportbund appelliert an alle Bürger, Sportler, Umweltschutzorganisationen, private und staatliche Stellen, sich dieser Gemeinschaftsaufgabe verstärkt mit anzunehmen. Die Verantwortlichen in Bund, Ländern und Gemeinden sind hiermit aufgefordert, alles dafür zu tun, dass Sport auch künftig in gesunder Umwelt möglich ist."


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 9 / 28. Februar 2012, S. 25
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 6. März 2012