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GESCHICHTE/328: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 149 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 1-3 / 17. Januar 2012
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1984/I: Das Berufsfeld außerschulischer Sport
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 149)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Als Anfang der achtziger Jahre eine bis dahin kaum gekannte Akademiker- und damit auch Sportlehrerarbeitslosigkeit in der Bundesrepublik auftrat und ausgebildete Lehrkräfte längere Zeit keine Einstellung im Schuldienst fanden, rückten auf der Suche nach neuen Berufsfeldern außerhalb der staatlichen Schulen auch die Sportverbände und Vereine als Arbeitgeber mehr und mehr in das Blickfeld. Bei den Sportorganisationen war durchaus ein Bedarf an hauptamtlich tätigen Sportlehrkräften vorhanden, deren Qualifikation jedoch den Bedürfnissen des außerschulischen Sports entsprechen musste. Ein weiteres Problem war allerdings die Finanzierung solchen hauptberuflichen Personals.

Der DSB befasste sich mit den zu lösenden Problemstellungen und appellierte bereits im April 1983 an die Vereine und Verbände, der wachsenden Zahl arbeitsloser Sportlehrer Beschäftigungsmöglichkeiten zu bieten. Am 20. Januar 1984 gab das DSB-Präsidium dann eine "Standortbestimmung und einen Appell" zum "Berufsfeld außerschulischer Sport für Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge" heraus, in der in fünf Abschnitten nach einer Vorbemerkung kurzfristige Maßnahmen, die gegenwärtige Arbeitsmarktsituation, die Aufgaben der Sportwissenschaft und die Gestaltung von Studiengängen angesprochen wurden.

Aus den Abschnitten I, II, IV und V dieser Standortbestimmung wird nachfolgend zitiert:

"I. Vorbemerkung

Der Deutsche Sportbund und seine Mitgliedsorganisationen beobachten mit Sorge die zunehmende Arbeitslosigkeit von Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge. Diesem Problembereich, im besonderen Hinblick auf sportwissenschaftliche Studiengänge, die künftig stärkeren Bezug auf Arbeitsmöglichkeiten im außerschulischen Berufsfeld Sport nehmen müssen, sind die nachfolgenden Ausführungen gewidmet; sie richten sich gleichermaßen an Hochschullehrer und Studierende wie an Sportverbände und Sportvereine.

Die wachsende Arbeitslosigkeit von Sportlehrern hat den Blick in steigendem Maße auf Beschäftigungsmöglichkeiten im außerschulischen Berufsfeld Sport gelenkt. Dabei richten sich große Erwartungen auch auf Sportvereine und Sportverbände. Der Deutsche Sportbund und seine Mitgliedsorganisationen müssen allerdings für ihren Bereich aus folgenden Gründen vor allzu großen Hoffnungen warnen.

- Schon aus finanziellen Gründen erscheint eine arbeitsmarktpolitisch wirkungsvolle Ausweitung bezahlter Vereins- und Verbandsmitarbeiter kaum möglich. Die hierfür erforderliche Erhöhung von Mitgliedsbeiträge!wäre nicht durchsetzbar und bedeutete eine Bedrohung des Konzeptes 'Sport für alle'.

- Das Prinzip der Ehrenamtlichkeit im Sport, die Bereitschaft zu freiwilliger, unentgeltlicher Tätigkeit, könnte durch überproportionale Ausweitung der Hauptamtlichkeit gefährdet werden.

- Die Beschäftigung von Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge zöge sowohl eine Akademisierung als auch eine Verberuflichung nach sich. Die Folgen sind schwer abzuschätzen. In jedem Falle jedoch käme es zu einem Verdrängungswettbewerb mit den Absolventen der sporteigenen Ausbildungsstätten (Sportschulen der Landessportbünde und Spitzenverbände, Führungs- und Verwaltungs-Akademie des Deutschen Sportbundes, Trainerakademie etc.). Das Problem der Arbeitslosigkeit würde sich lediglich nach unten verlagern. Es ist außerdem zu bezweifeln, ob Vereinsarbeit ein angemessenes Feld hauptberuflicher Tätigkeit für Akademiker ist.


II. Kurzfristige Maßnahmen im Bereich des außerschulischen Sports

Der Deutsche Sportbund und seine Mitgliedsorganisationen werden für ihren Organisationsbereich prüfen, welche kurzfristig zu treffenden Maßnahmen zur Linderung der Arbeitslosigkeit beitragen können. Sie sind sich darüber im klaren, dass die grundlegenden Probleme damit nicht zu beseitigen sind.

- Der Einsatz von in der Schule tätigen Sportlehrern in den Vereinen ist nach wie vor zu begrüßen, weil dadurch die Verbindung von Schule und Verein gefördert wird. In der derzeitigen Situation jedoch müssen arbeitslose Sportlehrer bevorzugt werden.

- Die Vereine und Verbände werden versuchen, arbeitslose Sportlehrer bzw. auch Absolventen nicht lehrerbezogener Sportstudiengänge über Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) anzustellen.

- Mehrere Vereine sollen gemeinsam einen Sportlehrer beschäftigen, um dadurch die Kosten zu teilen.

- Die Bemühungen, mit den Schulbehörden zu Kooperationsmodellen zu gelangen, wonach Sportlehrer teils in der Schule und teils im Verein angestellt sind, werden fortgesetzt.

- Die Bereitschaft von Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge, eine ihrem Qualifikationsniveau nicht entsprechende und dadurch gewöhnlich auch niedriger dotierte Tätigkeit im Sport zu übernehmen, muss in geeigneter Weise gefördert werden.

Der Deutsche Sportbund und seine Mitgliedsorganisationen sehen im kommerziellen Sport, der Nachfragebedürfnissen entspricht, einen wachsenden Arbeitsmarkt. Dieser hat jedoch den gleichen Qualitätsansprüchen und Qualitätsanforderungen zu genügen, wie sie von allen Sportanbietern zum Wohle und Schütze des Sporttreibenden verlangt werden müssen.


IV. Aufgaben der Sportwissenschaft

Bei allen notwendigen Bemühungen, die Beschäftigungschancen von Sportstudierenden und arbeitslosen Sportlehrern etwa durch Zusatzqualifikationen mittels Aufbaustudiengängen von kurzer Dauer zu verbessern, darf sich die Sportwissenschaft bei der Konzipierung von Studiengängen für den außerschulischen Bereich nicht in erster Linie an der Not der augenblicklichen Beschäftigungssituation und an zufälligen örtlichen Gegebenheiten orientieren. Es ist offensichtlich geworden, dass sie sich von der traditonellen Konzentrierung auf die Ausbildung von Sportlehrern für den Schulischen Bereich lösen muss.

Zu den grundlegenden Aufgaben der Sportwissenschaft gehören Prognosen über künftige Veränderungen im Sport überhaupt, woraus sich sowohl ihre eigenen weiteren Aufgaben als auch Aussagen über mögliche Berufsfelder und deren Qualifikationsanforderungen herleiten lassen. Es sind also Überlegungen anzustellen darüber,

- wie sich der Sport in den 90er Jahren, wenn unsere Gesellschaft immer weniger Arbeitsgesellschaft ist, gestalten und welche neuen Probleme es geben wird;

- wie Sportwissenschaft in ihrer eigenen Forschung auf diese Veränderungen reagieren kann und wird;

- welche möglichen Beschäftigungen mit welchen Anforderungsprofilen aus solchen Entwicklungen entstehen und welche Qualifikationen nötig werden.

Es muss überdies sorgfältig geprüft werden, welche Tätigkeiten im außerschulischen Berufsfeld Sport einer akademischen Ausbildung bedürfen und welche nicht. Die sporteigenen Ausbildungseinrichtungen stellen schon heute für eine ganze Reihe von Einsatzmöglichkeiten hervorragende Qualifikationsangebote in der Aus-, Fort- und Weiterbildung zur Verfügung.


V. Die Gestaltung von Studiengängen

Bei der Gestaltung von Studiengängen für das außerschulische Berufsfeld Sport werden folgende Grundsätze empfohlen:

- An den verschiedenen Hochschulen sollte nach Möglichkeit eine weitgehende Einheitlichkeit angestrebt werden, was sowohl für die Beschreibung von Tätigkeitsfeldern und die Setzung von Ausbildungsschwerpunkten als auch für die Ausbildungsinhalte und die Abschlüsse gilt. Erforderlich ist eine Erarbeitung von Rahmenstudienordnungen. Einheitlichkeit fördert die Entwicklung von Berufsbildern, die sich dann leichter am Arbeitsmarkt durchsetzen und für den Abnehmer von Studienabsolventen von größerer Transparenz sind.

- Lehramtsstudiengänge sollten künftig eine relativ breite Ausbildung vermitteln, die den Absolventen in die Lage versetzt, auf Arbeitsmarktschwankungen flexibel zu reagieren und gegebenenfalls eine außerschulische Tätigkeit im Sport aufzunehmen. Enge Spezialisierungen sind daher zu vermeiden.

- Wissenschaftliche Ausbildung ist nicht in erster Linie Berufsausbildung und darf es auch nicht sein. Ein eventuell notwendiges, vertieftes Wissen in einzelnen Bereichen lässt sich durch Aufbau- und Zusatzausbildungen erreichen (z. B. Sprachen, betriebswirtschaftliche, juristische, EDV-Kenntnisse etc). Sportwissenschaftliche Kurzstudiengänge als alleinige Grundlagen einer berufsorientierten Ausbildung im Sport sind abzulehnen.

Bei aller planenden, studientechnischen Vorsorge liegt es jedoch nicht zuletzt an der Flexibilität und Mobilität eines jeden einzelnen, die sich bietenden Chancen im Berufsfeld Sport wahrzunehmen. Die Fähigkeit zur raschen Anpassung an neue Verhältnisse ist mehr denn je gefordert."


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 1-3 / 17. Januar 2012, S. 29
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 20. Januar 2012