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GESCHICHTE/320: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 142 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 44 / 1. November 2011
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1982/VII: Die Verbindung des DSB zur Bundeswehr wird vertieft
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 142)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Die Beratungen mit dem Bundesministerium der Verteidigung, die der DSB bereits in den 50er-Jahren begonnen hatte, dienten in erster Linie der Förderung der einberufenen Spitzensportler in ihrer Wehrdienstzeit. In dieser Frage wurden im Laufe der Jahre großzügige Regelungen vereinbart. Doch in anderen Bereichen gab es den Sport betreffende Entwicklungen in der Bundeswehr, die der DSB kritisch beurteilte. Im Mai 1979 verdeutlichte der Dachverband in einem Memorandum gegenüber dem Bundesverteidigungsministerium seinen Standpunkt zur wachsenden Bedeutung des Sports in der Bundeswehr und zur dementsprechenden organisatorischen und personellen Ausgestaltung.

Nachdem DSB-Präsident Willi Weyer im Oktober 1982 vor der Kommandeurstagung in Hagen über den "Sport in der Bundeswehr in der Verantwortung der Kommandeure" referiert hatte, war dann wenige Wochen später Bundesverteidigungsminister Manfred Wörner besonderer Gast und Referent bei der 25. Hauptausschuss-Sitzung des DSB am 4. Dezember 1982 im Frankfurter Römer zum Schwerpunktthema "Der Sport in der Bundeswehr".

Nachfolgend dokumentieren wir Auszüge aus der Minister-Rede "Sport in der Bundeswehr ist Breitensport".

"(...) Es ist ja erst wenige Wochen her, dass der Präsident des Deutschen Sportbundes, Willi Weyer, vor den Kommandeuren der Bundeswehr, übrigens von großem Applaus und einer beachtlichen Resonanz verfolgt, reden konnte. Wir haben uns damals gefreut, ihn bei uns zu haben; und nun bin ich hier, nicht um Revanche zu nehmen, sondern um unsererseits die Chance zu nutzen, unsere Vorstellungen über den Sport in der Bundeswehr darlegen zu dürfen.

(...) Ich habe mir vorgenommen, heute vor allen Dingen etwas zur Sportausbildung in der Truppe zu sagen und einige aktuelle Probleme anzusprechen. Im Grunde genommen ist mein Auftritt etwas zu früh. Natürlich kenne ich den Sport in der Bundeswehr aus meinen zahllosen Wehrübungen, aus meiner eigenen praktischen Erfahrung, aber eben nur ausschnittsweise. Sie können sich vorstellen, dass ich als ein Mann, der dem Sport besonders nahesteht, nicht so sehr an hehren Grundsätzen interessiert bin als an der Praxis draußen in der Truppe. Das ist einer der Gründe, warum ich das Gespräch suche und Anregungen aufgeschlossen gegenüberstehe.

Herr Präsident, Sie haben in Hagen gesagt, der Deutsche Sportbund vertrete nicht nur den organisierten Sport, sondern er verstehe sich vielmehr als Anwalt aller Bürger, die Sport treiben. Das akzeptieren wir nicht nur, darüber freuen wir uns. Daraus leitet sich auch ein gewisser Anspruch her, die Bürger, die nun in Uniform Sport treiben, ebenfalls mit zu vertreten, deren Interessen zu berücksichtigen. (...)

Nun zur Sportausbildung in der Truppe. Natürlich ist die Sportausbildung in der Truppe kein Selbstzweck. Man muss sie eingebettet sehen und orientieren am Auftrag der Streitkräfte. Was uns dabei besonderen Kummer bereitet, ist die Tatsache, dass wir Wehrpflichtige vor uns haben, die sehr unterschiedlich belastbar sind. Die Skala reicht vom Hochleistungssportler auf der einen Seite bis zum nur eingeschränkt tauglichen Soldaten, der oftmals nach den ärztlichen Bescheinigungen gar keinen Sport treiben darf. Es ist ja leider so, dass wir gezwungen sind und wohl bis zum Ende der 80er Jahre gezwungen sein werden, in den gesundheitlichen Anforderungen weitere Abstriche machen zu müssen.

Meine eigene persönliche Erfahrung ist leider Gottes die, dass die junge Generation, die in die Bundeswehr kommt, im Durchschnitt gesehen eben nicht besonders belastbar ist. Das merkt man im übrigen schon an den Klagen über die hohen Anforderungen der ersten drei Monate der Grundausbildung, die harte physische Belastungen mit sich bringen und in einem großen Kontrast stehen zu den anschließenden Monaten, wo häufiger über das 'Gammeln' geklagt wird. Aber die Tatsache, dass selbst Sportler mir sagen, dass sie sich in diesen ersten drei Monaten ungeheuer gefordert fühlen, lässt doch erkennen, dass wir es mit einer jungen Generation zu tun haben, deren körperliche Belastbarkeit nicht eben sehr hoch einzuschätzen ist.

Dieser begrenzten körperlichen Belastbarkeit kommt aber für eine Armee entscheidende Bedeutung zu. Das haben alle Erkenntnisse bis hin zur Auswertung der kriegerischen Konflikte der jüngsten Vergangenheit gezeigt. Natürlich unterhalten wir eine Armee nicht, um einen Krieg zu führen, sondern um einen Krieg zu verhindern; aber eine Armee kann einen Krieg nur dann verhindern, wenn ihr Abschreckungswert hoch ist. Und ihr Abschreckungswert ist nur dann hoch, wenn Freund und Feind wissen, dass, wenn diese Armee gefordert würde, sie dann ihrer Aufgabe auch gerecht wird. (...)

In diesem Sinne möchte ich die drei Grundsätze unserer Sportausbildung verdeutlichen:

1. Wir sehen im Sport ein hervorragendes Mittel zur Erziehung und Ausbildung der Soldaten. Daher haben wir der Sportausbildung in der Grundausbildung einen sehr hohen Rang zugemessen. Für die Soldaten in der Grundausbildung sind dreimal 90 Minuten Sport in der Woche vorgeschrieben. In den übrigen Ausbildungsabschnitten sind mindestens zweimal 90 Minuten Sport je Woche einzuplanen. Ich glaube, das macht klar angesichts der Fülle der Ausbildungsanforderungen, die auf den jungen Wehrpflichtigen zukommt, wie hoch wir den Wert des Sports veranschlagen. Dabei orientieren wir uns an bewährten Strukturen des Schul- und Vereinssports. Der junge Wehrpflichtige soll den Sport, den er in der Bundeswehr findet, wiedererkennen, soweit er in Vereinen Sport getrieben hat. Und nicht nur das: er soll den Sport so erleben, dass er ihn hinterher auch wieder zu Hause weitertreibt. (...)

2. Die Sportausbildung in der Bundeswehr ist vor allem Breitensport, Das versteht sich an sich von selbst. Das heißt, man muss sie in ihrer pädagogischen Gesamtwirkung sehen. Sie hat den ganzen Menschen zum Ziel und nicht nur einige gut ausgewählte und besonders gut nutzbare Fähigkeiten des einzelnen. Lassen Sie mich eines ganz besonders herausstreichen, was meiner eigenen Erfahrung mit dem Sport und wahrscheinlich auch Ihrer entspricht: Für die Bundeswehr ist die Sportausbildung Bestandteil des gesamten Erziehungs- und Ausbildungsauftrags und nicht etwa nur ein Mittel zur Verbesserung der körperlichen Leistungsfähigkeit!

Das heißt also, abwechslungsreiches Spiel, nicht stupides Rundenlaufen, Bewegungsschulung an Gerätebahnen, nicht drillhaftes Turnen, lebendiges Spielen, nicht uniformes Treiben, Wassergewöhnung sowie die Ausbildung zum Schwimmer und Rettungsschwimmer und nicht der Wurf ins kalte Wasser bestimmen unsere Intentionen. (...)

3. Sport darf auch durch keinen anderen Dienst ersetzt werden. Die Waffen- und Gefechtsausbildung oder Teile daraus gehören selbst dann nicht zur Sportausbildung, wenn sie wettkampfmäßig durchgeführt werden und somit eine sportliche Note tragen. Ich werde dafür sorgen, dass diese Ausbildung auch nicht in der für die Sportausbildung vorgesehenen Zeit betrieben wird. Ich hoffe, dass damit die Sorge genommen ist, bei der Bundeswehr könnte wieder der sogenannte 'Knobelbechersport' Einzug halten. Wir werden schon dafür einstehen, dass das nicht der Fall sein wird. Distanz- und Eilmärsche mit oder ohne Gepäck, das Überwinden von Hindernisbahnen, Sprung-auf-marsch-marsch im Gelände und ähnliches mehr, das ist eben kein Sport. Mir liegt daran, dass beides nicht vermischt wird. (...)

Ich fasse zusammen. Die Sportausbildung in der Bundeswehr setzt sich aus drei Komponenten zusammen: der funktionalen, der pädagogischen und der sozialen Komponente. Die funktionale Komponente ist der Beitrag des Sports zur physischen und psychischen Leistungsfähigkeit des Soldaten. Die pädagogische Komponente veranschlage ich persönlich sehr hoch; allerdings muss dann der Ausbilder ein entsprechendes Vorbild sein. Nicht bei allen Sportveranstaltungen, die ich besuche, habe ich den Eindruck, dass Fairness, Selbstüberwindung und Leistungswille Trumpf sind. Aber dass der Sport, wenn er richtig betrieben wird, ungeheure Möglichkeiten zur Erziehung der Person in sich birgt, die überhaupt noch nicht voll erkannt und auch noch nicht voll ausgeschöpft sind, das ist für mich offenkundig. Und dann noch die soziale Komponente: Sport fördert Kameradschaft und Zusammengehörigkeit, eine Binsenweisheit, die ich nicht vorzutragen brauche. Loch für die Bundeswehr ist es ganz wichtig, wenn der Vorgesetzte mitmacht und in die Kameradschaft der Sportausübung mit einbezogen wird. Dies ist ein wichtiges Führungsmittel, wenn er es nur richtig begreift. (...)

Nun darf ich zum Schluss kommen. Sie haben, lieber Willi Weyer, vor einiger Zeit dem Bundesminister der Verteidigung ein Memorandum vorgelegt und bestimmte Vorstellungen in Hagen erneut und, wie ich finde, eindrucksvoll unterstrichen. Wir können nicht allen Ihren Wünschen nachkommen, aber Sie können bei mir und in der Bundeswehr viel Entgegenkommen, allen guten Willen voraussetzen. Sie werden in mir einen aufmerksamen und willigen Gesprächspartner haben.

Sie haben in Hagen kurz gesagt, zur Zusammenarbeit zwischen Sport und Bundeswehr: die Verbindung klappt. Ich greife das meinerseits auf und bestätige das. Und ich persönlich fühle mich dafür verantwortlich, dass diese Zusammenarbeit zwischen dem Haus des Sports und der Hardthöhe vertrauensvoll fortgesetzt wird. Sie sehen hier vor sich einen Bundesminister der Verteidigung, der fest entschlossen ist, dem Sport in der Bundeswehr noch mehr Gewicht zu geben, und Sie sehen einen Politiker vor sich, der sich an der Praxis orientiert und deswegen praktischen Ratschlägen gegenüber immer aufgeschlossen sein wird."


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 44 / 1. November 2011, S. 24
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 4. November 2011