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GESCHICHTE/319: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 141 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 43 / 25. Oktober 2011
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1982/VI: Raketen-Stationierung - Proteste auch im Sport
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 141)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Die Protestbewegung in der jungen Generation gegen die geplante Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenraketen (NATO-Doppelbeschluss) auf dem Gebiet der Bundesrepublik ergriff Anfang der 80er-Jahre auch Teile der sporttreibenden Jugend. Eine von mehreren Leistungssportlern gegründete Initiative "Sportler gegen Atomraketen" setzte sich zum Ziel, den "Krefelder Appell" für Abrüstung in Ost und West zu unterstützen und sammelte dafür über 2.000 Unterschriften, darunter auch von Olympiasiegern, Welt- und Europameistern. Bei einem Kongress "Sportler gegen Atomraketen - Sportler für den Frieden" am 9. Oktober 1982 in der Universität Dortmund demonstrierten zahlreiche Sportlerinnen und Sportler und auch die Sportpolitischen Sprecher von SPD, Herbert Heinemann, und DKP, Vera Achenbach, gegen die Stationierung von Pershing II-Raketen und Marschflugkörpern in der Bundesrepublik. Die "Olympische Jugend" berichtete in ihrer November-Ausgabe (auszugsweise):

"Der Zugang des Sports zur Friedensbewegung wurde im Aufruf zum Kongress dreifach formuliert: zum einen sei die Existenzgrundlage der Sportler wie aller Menschen durch Aufrüstung und Krieg bedroht, zum zweiten würde die geplante Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenraketen in der Bundesrepublik eine neue Situation schaffen, die Rüstungsspirale erneut in Gang setzen und die Gefahr eines Atomkrieges enorm verschärfen. Und drittens ist es ja die internationale Sportbewegung selber, die sich durch ihre Statuten und Regeln das Ziel setzte, durch Sport zur Verständigung der Menschen - unabhängig von Nation und politischer Auffassung, über Ländergrenzen hinweg - beizutragen. Sport ist eben nur im Frieden möglich, und wohin Konfrontation und Boykott führen, zeigt Moskau 1980. Mit allen Kräften wollen deshalb die Sportler die Friedensbewegung unterstützen.

Die Erfahrung mit dem Olympia-Boykott 1980 war denn auch zentraler Punkt im Referat von Dr. Horst Meyer, NOK-Mitglied und Ruderolympiasieger, der den Rahmen von 'Sport und Friedensbewegung' einleitend absteckte. 'Dass die Mannschaft der Bundesrepublik Deutschland aus lauter Solidarität oder - besser gesagt - falsch verstandener Bündnistreue der Bundesregierung und des Bundestages gegenüber der amerikanischen Administration eine der ganz wenigen Mannschaften war, die nicht an den Olympischen Spielen in Moskau teilgenommen haben, ist ihnen bekannt. Wenn nun heute sämtliche, im Bundestag vertretenen Parteien - aus welchen Gründen auch immer - nicht mehr wahrhaben wollen, dass sie mit breiter politischer Mehrheit eine Fehlentscheidung getroffen haben, dann sollten sie sie zugeben und heute nicht so tun, als wenn es gerade der politische Gegner gewesen sei, der zu einem sehr frühen Zeitpunkt alle in den nutzlosen Olympiaboykott getrieben hat. Die Verantwortung eines Parlamentarier-Gewissens schlägt anscheinend nur für kurze Dauer.' (...)"


Mit einem Appell "Sportler gegen Atomraketen - Sportler für den Frieden" schloss der Kongress:

"Wir, die Teilnehmer am Friedenskongress 'Sportler gegen Atomraketen - Sportler für den Frieden' am 9. Oktober 1982 in Dortmund, wenden uns mit diesem Aufruf an unsere Sportfreundinnen und Sportfreunde, an unsere Kolleginnen und Kollegen in allen Bereichen des Sports, an die sportinteressierte Öffentlichkeit. Wir sind Freizeit-, Breiten- und Spitzensportler, wir treiben, lehren und organisieren Sport in Vereinen und Verbänden, in Schulen und Hochschulen; Sport macht einen wesentlichen Teil unseres Lebensinhaltes aus. Sport soll unser Leben schöner, reicher machen, doch heute kamen wir zusammen, weil wir wie viele andere Menschen Angst vor Krieg und Zerstörung haben. Wir verstehen uns als Teil der Friedensbewegung in unserem Land. Denn wichtigste Existenzgrundlage unseres Sporttreibens ist eine friedliche Welt. Und wir tragen besondere Verantwortung, weil sich die Sportbewegung selber die Aufgabe gestellt hat, zur Verständigung der Menschen aller Rassen, Religionen, politischer Überzeugungen und Länder beizutragen und Begegnungen und Freundschaften über Staatsgrenzen und unterschiedliche Meinungen hinweg zu entwickeln. Diese Ideale wollen wir mit Leben erfüllen. (...)

Wir wollen eine weltweite Abrüstung in Ost und West, wollen, dass alle Atomwaffen von unserer Erde verschwinden. Wir wollen kein Gleichgewicht des Schreckens, sondern ein friedliches Miteinander in der Welt. Deswegen gilt es jetzt, jede weitere Aufrüstung zu verhindern. Wir stimmen mit den Initiatoren des 'Krefelder Appells' in der Auffassung überein, dass die Stationierung neuer amerikanischer Mittelstreckenraketen Pershing II und Marschflugkörper eine neue Situation schaffen und die Rüstungsspirale erneut in Bewegung setzen würde. Wir sehen keine berechtigte Begründung für diese Maßnahme, ebensowenig wie für den Bau der Neutronenwaffe. Wir sehen damit jedoch große Gefahren auf unser Land zukommen. (...)"

Wir haben heute verschiedene Aspekte von Sport und Frieden diskutiert. Unterschiedliche Meinungen traten zutage. Aber einig sind wir uns im gemeinsamen Kampf für den Frieden, für Abrüstung. Einig sind wir uns darin, dass es jetzt und heute dringender denn je darum geht, die Forderung an die Bundesregierung (...) unüberhörbar zu machen. Das Jahr 1985 darf nicht das Jahr der Raketenstationierung, sondern muss das Jahr der politischen Verhinderung dieser Stationierung werden. Der Deutsche Sportbund war unter Hinweis auf seine durch die Satzung vorgegebene parteipolitische Neutralität der Einladung nicht gefolgt. In einer Stellungnahme sagte das Präsidium: "Die Sorge um den Frieden beherrscht uns. Demonstrationen, Kongresse Kirchentage oder Unterschriftensammlung für den Frieden drücken die Angst aus, dass er verlorengehen könnte. Immer sind auch Sportler dabei. Das ist gut so, denn ohne Frieden kann der Sport nicht gedeihen. Es wäre allerdings falsch, so zu tun, als ob nur diejenigen für den Frieden seien, die überall mitmarschieren, alle anderen aber, die nicht demonstrieren oder Appelle unterzeichnen, ins - wie es eine bestimmte politische Richtung versucht - "imperialistische Lager" abgedrängt werden sollen. (...)

Frieden in Freiheit ist angesichts der drohenden Waffen zur wichtigsten Sache unseres menschlichen Daseins geworden und eine Herausforderung an alle Bürger. Dieses mitverantwortliche politische Bewusstsein sollte den Sport jedoch davor bewahren, seine tägliche Demonstration für Frieden, Freundschaft und Fairness selbst zu stören, indem er sich in falsche Fronten einreiht, seine Freunde rund um die Welt durch unbedachtes Handeln desavouiert und die Einheit von Frieden und Freiheit aufhebt. Der Sportler braucht den Frieden, aber auch das freie Spiel der Kräfte, wenn er die selbst gesetzten Ziele erreichen will. Und noch eines: Wir sprechen so viel von Demokratie. Wäre es nicht an der Zeit, wieder mehr von unserer Verfassung zu reden und davon, dass sie nicht nur aus den freiheitlichen Grundrechten besteht, so wie viele meinen und sich listig oder arglistig auf sie berufen, nur um sie aus den Angeln heben oder in "Bewegungen" vieler Art aus den kompliziert zusammengesetzten Verfassungsverhältnissen ausbrechen zu können?

Menschenrechte sind zuerst Bürgerpflichten. Und das Wesen und Streben eines Verfassungsstaates ist die Sicherung der Freiheit! Wer diese Sicherungen - aus welchen Motiven auch immer - ausschaltet in der Erwartung, die Freiheit selbst in der Hand behalten zu können, der irrt. Freiheit ist nur gesichert zu haben! Es wird für so vieles demonstriert. Wäre es nicht einmal an der Zeit, für unser Grundgesetz auf die Straße zu gehen, unsere gemeinsame Loyalität zu dieser freiheitlichen Verfassung zu bekunden und den inneren Frieden zu stärken, um auch den äußeren Frieden sichern zu können? Hier sind die Sportler doppelt gefordert: Es geht um die Freiheit ihres Handelns und um den Frieden ihrer internationalen Begegnung!"


In seinen beiden Hauptausschuss-Sitzungen des Jahres 1983 befasste sich der DSB ausführlich mit der Friedensarbeit des Sports und verabschiedete am 3. Dezember 1983 eine Resolution zum Thema "Sport und Frieden".


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 43 / 25. Oktober 2011, S. 25
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veröffentlicht im Schattenblick zum 3. November 2011