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GESCHICHTE/318: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 140 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 42 / 18. Oktober 2011
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1982/V: TRIMMING 130 - Formel für ein gesundes Leben
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 140)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Im Rahmen der breiten- und freizeitsportlichen Aktion "Trimm Dich durch Sport" wurde für die Jahre 1983 bis 1986 der Schwerpunkt unter den Arbeitstitel "Sport und Gesundheit" gestellt, um den Sport im Hinblick auf seine gesundheitlichen Wirkungsmöglichkeiten stärker zu thematisieren. Unter dem Schlagwort "TRIMMING 130 - Bewegung ist die beste Medizin" fand die Aktion "Sport und Gesundheit" eine bundesweite Verbreitung.

Bei TRIMMING 130 handelt es sich um einen gesundheitlich wirksamen, spielerisch ausgeführten Freizeitsport, bei dem 130 Pulsschläge je Minute während zehn Minuten oder länger gehalten und viele Muskeln bewegt werden. Dabei sollen in einer Woche bei wenigstens zweimaliger Aktivität mindestens 60 Minuten Gesamtübungszeit erreicht werden. Als die wichtigste Zielgruppe sprach TRIMMING 130 die über 30-Jährigen an, da von dieser Gruppe auch die größte Vorbildwirkung auf die Sport- und Gesundheitserziehung der Kinder ausgeht.

Auch für die Aktion TRIMMING 130 wurde eine umfassende Öffentlichkeitsarbeit angestrebt. DSB-Präsident Dr. Willi Weyer stellte die neue Aktion im Rahmen einer Pressekonferenz am 15. September 1982 in Sonthofen vor. Nachfolgend die wichtigsten Auszüge aus Weyers Präsentation:

"Die moderne Wissenschaft und der gesunde Menschenverstand treffen manches Mal zusammen. An einem Tag wie heute zum Beispiel. Medizinische Forschungen rund um die Welt führen heute den Beweis für etwas, das vor über 2.000 Jahren schon Mütter und Väter ihren Kindern gesagt haben: Bewegung ist gesund. Dass die Wissenschaft schlüssig beweist, was sich schon als Volksweisheit behauptet, spricht dafür, dass Wahrheiten sich auf verschiedenen Wegen durchsetzen: durch den Spruch der Gelehrten und durch den Volksmund.

Die Botschaft der Gesundheit, mit der der Sport schon unter den Leitgedanken des 'Zweiten Weges' und des 'Goldenen Planes', besonders aber mit der Parole 'Trimm Dich' unter die Leute gegangen ist, nämlich die Lebenskräfte zu stärken, Krankheitserscheinungen abzuwehren, lässt sich heute nicht mehr anzweifeln: Sport nach Maß ist für den einzelnen wie für die Gesellschaft ein Prophylaktikum und auch ein Therapeutikum ganz ungewöhnlicher Art.

Darauf ist auch der Deutsche Sportbund ein wenig stolz. Aber er tritt nicht in der Pose dessen vor die Öffentlichkeit, der meint, den Stein der Weisen in der Hand zu halten. 'Bewegung ist die beste Medizin', so heißt die Unterzeile unserer neuen Aktionsformel TRIMMING 130. Das sagen wir selbstbewusst. Wir sagen es mit gutem Gewissen, nachdem dieser Spruch auch von unseren wissenschaftlichen und pädagogischen Ratgebern nach allen Seiten hin abgeklopft worden ist. Allerdings: Das Maß muss stimmen!

Wenn an diesem Tag Ärzteschaft und Sport, Kranken- und Ersatzkassen, Bund, Länder und Gemeinden gemeinsam den Schritt in eine gesundheitsbewusstere und gesundheitsaktivere Zukunft tun, dann mit dieser Betonung auf dem richtigen Maß. Vielleicht erinnern Sie sich, dass ich als Innenminister und damit als Polizeiminister des Landes Nordrhein-Westfalen immer gegen die Einführung einer Höchstgeschwindigkeit gewesen bin. Dagegen habe ich den Gedanken einer Richtgeschwindigkeit auf der Autobahn unterstützt.

Lassen Sie mich diese Überlegung auf das Thema 'Sport und Gesundheit' übertragen. Ich bin auch hier der Ansicht, dass es letzten Endes dem einzelnen Menschen freigestellt sein muss, ob er im Sport mehr die Leistung und den Wettkampf oder mehr den Spaß und den gesundheitlichen Ausgleich sucht. Wenn er zu den letzteren gehört - und das sind viele Millionen Menschen - dann sollte man ihm auch hier sagen, was für ihn richtig und unbedenklich ist. Man sollte ihm sozusagen eine Richtgeschwindigkeit mit auf den Weg des Bewegungstrainings geben. TRIMMING 130, so heißt jetzt unsere Richtgeschwindigkeit. (...)

Lassen Sie mich noch einen Augenblick bei der Zahl 130 bleiben. '130', diese Zahl erinnert natürlich auch an die Richtgeschwindigkeit auf der Autobahn. Dies wird helfen, sich die Zahl 130 einzuprägen. Zahlen können einen hohen Aufmerksamkeitsgrad und Aufforderungswert erreichen. Sie lassen sich gut merken, werden zum Gesprächsstoff und bieten Orientierungsmarken im täglichen Verhalten. Darauf setzen wir!

Mit zwölf Jahren Erfahrung in der Trimm-Aktion haben wir keine Hemmung gehabt, der deutschen Sprache mal wieder ein etwas exotisches Wort hinzuzufügen. Vielleicht erinnern sich einige von Ihnen an die Verblüffung, aber auch an einige Wogen der Entrüstung, die 1970 beim Start der Aktion 'Trimm Dich durch Sport' wegen dieses seltsamen Wortes 'Trimm Dich', das mehr an Pudel und Kohlenschiffe erinnerte, durch einige sprachbewusste Kreise unseres Landes ging. Nun treiben wir es also noch weiter und sagen: 'TRIMMING'. Dieses Wort kam uns zunächst ein wenig spanisch vor. Aber es überzeugte!

Es überzeugte nicht nur, weil es Assoziationen mit Jogging und Training erlaubte, sondern vor allem, weil man ein regelrechtes Ei des Kolumbus ausbrütete: Unter TRIMMING kann man nämlich, ohne das zungenbrecherische Wort 'aerobische Aktivität' zu verwenden, alle Sportarten und Betätigungsformen zusammenfassen, die wie Dauerlauf, Radfahren, Schwimmen, aber auch Tanzen, Bergwandern, Tennisspielen dynamisch, ausdauernd und damit kreislaufwirksam ausgeübt werden können. Vielleicht wird dieses Wort TRIMMING sogar ein Begriff, der in die weite Welt hinausgeht, so wie es die Ideen der Trimm-Aktion ja inzwischen schon getan haben.

Wissenschaftliche Erkenntnisse sind immer der erste Schritt; der zweite ist ihre Umsetzung in verständliche Maximen für jedermann und in praktikable Lebensgewohnheiten. Eineinhalb Jahre haben jetzt unsere Partner in der Projektkommission 'Sport und Gesundheit' beraten, haben die vielen wissenschaftlichen Experten, die Werbefachleute und unser hauptamtliches Team an der Umsetzung des aktuellen sportmedizinischen Wissensstandes in eine praktikable und volkstümliche Kampagne gearbeitet. Was wir Ihnen heute vorstellen, will jedem Bürger etwas bieten. Vor allem jenen, die ihre Lebensmitte über viele Jahrzehnte jugendlich und spannkräftig bestehen wollen. (...)

Seit einem Jahrzehnt arbeiten wir auch in enger Partnerschaft mit den Ortskrankenkassen und der Barmer Ersatzkasse zusammen. Diese Kooperation hat zu einem gemeinsamen Feldzug geführt, der einmalig in der Welt ist und dessen Waffen gute Argumente und vernünftige Ratschläge in millionenfacher Größenordnung waren und sind. Mit im Partnerkreis sind jetzt auch die Kommunen, die Länder und der Bund. Selbst wenn keine finanzielle Förderung der nationalen Kampagne von den letztgenannten Partnern beigetragen werden kann, ihre Unterstützungsmöglichkeit in den Medien, der Aufklärung, der lokalen und regionalen Aktionen wird große Bedeutung erlangen.

Der Ärzteschaft, wie den Kranken- und Ersatzkassen ist die Bedeutung sehr wohl bewusst, die in der nichtmedikamentösen Versorgung der Bevölkerung mit gesundheitsfördernden Hilfen liegt. Das ist eine außerordentliche Chance, aber auch eine außerordentliche Verantwortung. Der Arzt, der im Patientengespräch seine Autorität für Verhaltensänderungen und neu zu erwerbende Lebensgewohnheiten im Bereich körperlicher Aktivität so einsetzt, wie er das richtige Heilmittel verschreibt, dieser Arzt ist der einflussreiche Sprecher einer existentiell notwendigen Besinnung und Bewegung in der modernen industriellen Gesellschaft.

Wir im Sport wollen das uns mögliche dazu beitragen, dass jener Milliardenberg an Kosten durch gesundheitlich nachteilige Lebensgewohnheiten in sinnvoller Weise mit abgetragen wird. Es ist tatsächlich ein Milliardenberg! Wenn man jenen Komplex an Krankheiten zusammenfasst, bei denen der Bewegungsmangel einer der ausschlaggebenden Faktoren ist, dann kommt man bei uns auf ein jährliches Volumen von mindestens 65 Milliarden DM, wie es Prof. Dr. Harald Mellerowicz errechnet hat. Und das sind 65 Milliarden zuviel!

Das Geld ist knapp in diesen Tagen. Jede ersparte Mark an Krankheiten und Folgekosten ist ein Stück Sicherung der Lebensqualität. In TBIMMING 130 stellen wir heute eine Formel für selbstbestimmte Lebensqualität vor, das Rezept für einen neuen Lebensstil. Als Käthe Strobel, die damalige Gesundheitsministerin, 1970 die Trimm-Aktion in Berlin eröffnete, sprach sie das Wort 'Gesundheit ist kein Schicksal'. Nach zwölf Jahren knüpfen wir daran heute an. Über unser Gesundbleiben können wir selbst mitbestimmen.

- Dies fällt dem einzelnen allerdings umso schwerer, je mehr Überwindung, Anstrengung, Zeit, finanzieller Aufwand verlangt werden.

- Es fällt aber leichter, sich mit Puls 130 als mit Puls 170 zu trimmen; und es ist doch, wie wir wissen, wirksam.

- Es ist leichter, zwei- bis dreimal in der Woche zwischen 20 und 30 Minuten Zeit aufzuwenden für das Trimmen, als sich mit einem langen Programm abzuquälen.

- Es ist jetzt möglich, sich mit TRIMMING 130 aus einem bunten Strauß von Möglichkeiten das persönlich Passende auszuwählen.

Schließlich aber, und darin werden uns sicher alle Gesundheitserzieher recht geben, bietet der Sport eine Voraussetzung an, ohne die alle guten Vorsätze zu mehr Gesundheit bald zerrinnen: Der Sport bietet jene Geselligkeit, die das Gesundbleiben menschlicher macht."


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 42 / 18. Oktober 2011, S. 20
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
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veröffentlicht im Schattenblick zum 25. Oktober 2011