Schattenblick →INFOPOOL →SPORT → FAKTEN

GESCHICHTE/317: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 139 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 41 / 11. Oktober 2011
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1982/IV: Der Sport muss kommunale Pflichtaufgabe bleiben
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 139)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Mit einem Appell an die Städte, Gemeinden und Kreise, in einer Zeit knapper werdender Haushaltsmittel nicht am falschen Ende zu sparen, griff im September 1982 das Präsidium des Deutschen Sportbundes in die Diskussionen um die zahlreicher werdenden Sparmaßnahmen ein, die den Sportbetrieb auf der kommunalen Ebene zunehmend belasteten und von dem Grundsatz ablenkten, dass der Sport eine kommunale Pflichtaufgabe sei und bleiben müsse. Die vom DSB-Präsidium zu dieser Problematik verabschiedete Resolution zur Errichtung und Benutzung kommunaler Sport- und Freizeitanlagen hatte folgenden Wortlaut:

"Die Förderung des Sports ist ein Teil der sozialen Daseinsvorsorge. In diesem Rahmen zählt die Schaffung und Bereitstellung von Sport- und Freizeitanlagen zu den Pflichtaufgaben der öffentlichen Hände. Die 'Soziale Offensive des Sports' wird sich nämlich nur in dem Maß weiter entwickeln, wie der Sport auf allen vorhandenen Anlagen ausgeübt werden kann.

Über die Verpflichtung des Staates zur Förderung des Sports sowie die Schaffung und Bereitstellung öffentlicher Anlagen hat es daher niemals Diskussionen gegeben, zumal sich der Sport zusätzlich selbst bei der Errichtung von Vereins-Anlagen in größerem Rahmen engagiert hat. In letzter Zeit mehren sich jedoch Anzeichen dafür, dass Städte, Gemeinden und Kreise zunehmend beim Sport sparen wollen, indem sie Nutzungsgebühren für kommunale Sport- und Freizeitanlagen erheben und darüber hinaus die Zukunft des kommunalen Sportstättenbaus in Frage stellen. Sie ignorieren dabei, dass von der Bereitstellung öffentlicher Sport- und Freizeitanlagen eine beachtliche gesellschaftliche Wirkung für alle Bürger ausgeht. Der Deutsche Sportbund appelliert in dieser Lage an die Städte, Gemeinden und Kreise, nicht am falschen Ende zu sparen und die lang bewährte Partnerschaft von Sport und Staat jetzt durch ungeeignete Maßnahmen zu belasten. Nicht am Sport, sondern mit dem Sport für alle sparen, heißt die Devise unserer Zeit.

Der Deutsche Sportbund weist darauf hin, dass die allgemeine Lebensqualität der Kommunen und das Wohlbefinden der Bürger unseres Landes, die sich in ständig wachsender Zahl sportlich betätigen, gerade durch die Schaffung und die kostenlose Bereitstellung öffentlicher Sport- und Freizeitanlagen wesentlich verbessert werden.

In diesem Zusammenhang erneuert das Präsidium des DSB das Angebot des Sports, die Nutzung kommunaler Einrichtungen auf der Grundlage geeigneter Verträge in die Mitverantwortung der Vereine übernehmen zu wollen. Die Kooperation zwischen Gemeinden und Vereinen hat sich bisher bewährt; sie ist in einer Zeit angespannter Haushalte ganz besonders gefordert."


Sonntagsreden helfen nichts

In der Ausgabe 9/82 der DSJ-Zeitschrift "Olympische Jugend", hatte sich Falk Billion mit diesen Sparmaßnahmen befasst, die die bisherige bewährte Partnerschaft von Kommunen und Sport gefährden würden, und u. a. ausgeführt:

"Wenn es darum geht, den Wert des Sports in wohlgesetzten Sonntagsreden zu preisen, können sich die politisch Verantwortlichen in unserer Republik gar nicht genug vordrängeln. Als Länder und Gemeinden in ihren Kassen noch Geld hatten, das sie auszugeben bereit waren, war die Finanzierung und insbesondere die Einweihung kommunaler Sportanlagen ein erfolgversprechender Weg, sich als kommunaler Repräsentant in politische Erinnerung zu bringen.

Es gibt kaum einen Ortsprospekt oder eine Städtewerbung, die nicht die stattliche Anzahl und die herausragende Qualität des kommunalen Angebotes an Sport- und Freizeitanlagen als ein besonderes Indiz für die exzeptionelle Lebensqualität gebührend herausstreicht. Diese kommunalen Leistungen richten sich nun allerdings auch nicht nur an irgendjemanden, denn knapp 30 % der bundesdeutschen Bevölkerung, vom Jüngsten Säugling bis zum ältesten Greis, sind schließlich Mitglied in einem Sportverein, und es gibt darüber hinaus eine beeindruckende Zahl von Mitbürgern, die auch ohne Mitgliedsausweis sportlich aktiv sind. (...)

Der Sport hat in unserem Gemeinwesen durchaus und unbestritten seinen Wert, nicht nur für die Gesundheit und körperliche Ertüchtigung der Bürger, sondern weit darüber hinaus auch für das gesellschaftliche Zusammenleben, ja geradezu für die Festigung der positiven und konstruktiven Werte unserer Gesellschaft. Schließlich vermittelt der Sport in seinen heutigen Formen, die längst über den reinen athletischen oder gesundheitlichen Zweck hinausgehen, Kontakt und Kommunikation, Freude und Identitätsfindung. Nicht zuletzt wirkt der Sport in seiner breiten Basis der Jugend in gewisser Weise stabilisierend, weil er eine Alternative, zumindest aber eine Hilfe anbietet, in einer Zeit, die Arbeitslosigkeit, Orientierungsschwierigkeiten und Zukunftsängste vieler Jugendlicher kennt. (...)

Das Diktat der leeren Kassen droht dazu zu führen, dass nicht nur keine öffentlichen Sport- und Freizeitanlagen mehr gebaut werden sollen; man greift sogar in den Bestand ein, indem bestehende Anlagen geschlossen (vor allem Bäder) oder in ihrem Angebotsumfang reduziert werden. Findige Kämmerer haben längst die Gebührenerhebung für die Benutzung kommunaler Sportstätten als ein vermeintliches Mittel zur Sanierung der Kommunalfinanzen erkannt. (...)

Es ist an der Zeit, sich von momentanen kommunalen Irritationen nicht verunsichern zu lassen. Ungeeignete Maßnahmen, wie die Streichung von Leistungen und das Überbürden von Lasten, zahlen sich auf die Dauer für den Staat nicht aus. Es würde den öffentlichen Institutionen wohl besser zu Gesicht stehen, wenn sie, anstatt per Spardekret dem Sport neue Lasten aufzuladen, sich an die Tugend der Partnerschaft erinnerten, die darin besteht, nach gemeinsamen Lösungswegen zu suchen. Dies würde übrigens auch den (insbesondere zu Wahlkampfzeiten) wiederholten Appellen an die 'Mündigkeit' des Bürgers sehr zu verbesserten Glaubwürdigkeit verhelfen."


*


Quelle:
DOSB-Presse Nr. 41 / 11. Oktober 2011, S. 26
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
Herausgeber: Deutscher Olympischer Sportbund
Otto-Fleck-Schneise 12, 60528 Frankfurt/M.
Tel. 069/67 00-255
E-Mail: presse@dosb.de
Internet: www.dosb.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 19. Oktober 2011