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GESCHICHTE/309: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 132 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 31-34 / 2. August 2011
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1981/II: Konzeption des DSB für den Sport der Behinderten
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 132)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Im "Internationalen Jahr der Behinderten" 1981 setzte sich der DSB schwerpunktmäßig in enger Kooperation mit dem Deutschen Behinderten-Sportverband (DBS) für eine verstärkte Förderung der körperlich und geistig Behinderten ein. Zu diesem Zweck richtete das Präsidium beim Wissenschaftlichen Beirat des DSB eine ad-hoc-Kommission ein, die eine detaillierte Gesamtkonzeption zum Sport der Behinderten vorbereitete. Diese wurde dann bei der Hauptausschuss-Sitzung am 13. Juni in Dortmund beraten und als Konzeption des DSB verabschiedet. Zusätzlich wurde durch zahlreiche Einzelmaßnahmen unterstrichen, welche große Bedeutung vom DSB diesem Aufgabenbereich zugemessen wurde.

So wurde insbesondere durch Verhandlungen mit dem DBS und der "Lebenshilfe für geistig Behinderte" erreicht, die Sportgruppen der geistig Behinderten in den DBS zu integrieren. Von wesentlicher Bedeutung waren auch die gemeinsamen Empfehlungen vom 18. September 1981 und die gemeinsame Veranstaltung mit der Kultusminister-Konferenz der Länder (KMK) zum "Sport mit behinderten Kindern und Jugendlichen" am 12. November 1981 in Mainz/Wiesbaden sowie die Vorbereitung einer Elternfibel zur Praxis von "Bewegung, Spiel und Sport für geistig behinderte Kinder". Auch in den Landessportbünden und deren Sportjugenden wurden zahlreiche Initiativen zur Förderung des Behindertensports gestartet.

Die in Dortmund am 13. Juni 1981 vom Hauptausschuss beschlossene Konzeption hatte folgenden Wortlaut (Auszüge):

"Präambel

Der Deutsche Sportbund und seine Mitgliedsorganisationen haben sich 1972 die Aufgabe 'Sport für alle' gestellt. Mit ihr verfolgt die Turn- und Sportbewegung das Ziel, allen Gruppen unserer Bevölkerung nach eigenem Interesse und Bedürfnis Bewegung, Spiel und Sport allerorts in den vielfältigen Formen des Freizeit-, Breiten- und Spitzensports zu ermöglichen.

Mit der Forderung 'Sport für alle' ist auch die Verpflichtung des DSB verbunden, sich um die große Gruppe behinderter Bürger in unserer Gesellschaft zu kümmern. Wenn der DSB diese Konzeption vorlegt, will er damit den Deutschen Behinderten-Sportverband und den Deutschen Gehörlosen-Sportverband fördern, die auf diesem Feld seit über 30 Jahren vorbildlich wirken, und dazu beitragen, dass sich die Öffentlichkeit und alle staatlichen Instanzen verstärkt der Lebenshilfe für behinderte Menschen durch den Sport annehmen.

Mit dieser Konzeption wollen der DSB und seine Mitgliedsorganisationen außerdem zum Ausdruck bringen, dass sie die Förderung von Bewegung, Spiel und Sport behinderter Menschen als eine vordringliche Aufgabe ihrer eigenen Sportpolitik ansehen. Sie wollen mit dieser Initiative auch die Turn- und Sportvereine bewegen, sich noch mehr als bisher für den Sport des behinderten Menschen zu öffnen.


Ziele des DSB

Der DSB will den Sport der Behinderten in Freizeit, Erziehung, Therapie und Rehabilitation weiterentwickeln helfen und dabei insbesondere

- die Öffentlichkeit auf die Möglichkeiten und Probleme der Behinderten im Sport aufmerksam machen, um so die Auseinandersetzung mit Fragen des Sports der Behinderten voranzutreiben;

- alle zuständigen Stellen (Bund, Länder und Gemeinden; Krankenkassen und Versicherungsträger; Verbände und Vereine) an ihre Verantwortung dafür erinnern und sie zu konkreten Maßnahmen auffordern;

- die zuständigen Institutionen veranlassen, ein flächendeckendes Netz von Einrichtungen für differenzierte Sportangebote auf- und auszubauen, die allen Behinderten offenstehen und gut für sie erreichbar sind;

- Sportverbänden und Sportvereinen empfehlen, sich Behinderten stärker zu öffnen und Formen zur Begegnung und Integration Behinderter und Nicht-Behinderter im Sport zu entwickeln.

Der DSB gibt Anregungen, Empfehlungen und praktische Hilfen (z.B. Publikationen, Modellmaßnahmen) zur Auswahl von Inhalten und Methoden im Sport, zur speziellen Ausbildung von Übungsleitern und Sportlehrern, zum Bau und zur Ausstattung behindertengerechter Sportanlagen sowie zur sportwissenschaftlichen Diskussion.


Bedeutung des Sports für Behinderte

Bewegung, Spiel und Sport bieten dem behinderten Menschen in besonderer Weise Möglichkeiten der individuellen Selbsterfahrung und Bewährung, aber auch gleichzeitig der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. In der Begegnung und im gemeinsamen Handeln der Behinderten und Nicht-Behinderten entstehen Räume zum gegenseitigen Verstehen und Helfen. Dadurch vermitteln Bewegung, Spiel und Sport dem behinderten Menschen das Gefühl von Lebensfreude und Wohlbefinden.

Diese Bedeutung kann aber nur wirksam realisiert werden, wenn sich der Sport der Behinderten an der Zielsetzung orientiert, eine auf die jeweiligen Möglichkeiten des Behinderten bezogene Handlungsfähigkeit zu entwickeln und zu fördern. Der Sport der Behinderten darf daher nicht in erster Linie versuchen, einen am Nicht-Behinderten gemessenen Funktionsverlust zu kompensieren.

Das Leisten im Sport der Behinderten ist daher zuerst auf die Erfahrung individueller Möglichkeiten bezogen; deshalb hat der Behindertensport seinen Schwerpunkt eindeutig im Breitensport. Erst auf (der Stabilisierung) dieser Grundlage kann sich die Möglichkeit aufbauen, sich mit anderen zu vergleichen. Die im Leisten enthaltene Möglichkeit, individuelles Können und gesellschaftliche Anforderung aneinander zu messen, muss im Sport der Behinderten ihren Bezugspunkt in den je unterschiedlichen Fähigkeiten des behinderten Menschen haben. Bewegung, Spiel und Sport bauen auf dem Üben und Trainieren vorhandener Fähigkeiten und körperlicher Fertigkeiten auf; halten sie - auch für den Alltag - verfügbar, erweitern sie und steigern sie bis zum Erlernen und Stabilisieren sportlicher Handlungen. Die Bedeutung des Zusammenhangs zwischen individuellem Leisten und gesellschaftlicher Anerkennung wird in folgenden Einzelbereichen deutlich:

Förderung der Persönlichkeitsentwicklung:
In der Auseinandersetzung mit der Umwelt und der Erfahrung individuellen Leistens vermitteln Bewegung, Spiel und Sport wichtige Erlebnisse für den weiteren Lebensweg des behinderten Menschen. Gerade in der kindlichen Entwicklung sind dies notwendige Bedingungen auch für kognitive Lernprozesse.

Wiederherstellung, Erhaltung und Verbesserung der Gesundheit:
Gesundheit als Zustand 'körperlichen, seelischen, sozialen und beruflichen Wohlbefindens' ist bei Behinderten oft labil und leichter von Einflussfaktoren aller Art zu beeinträchtigen; Sport kann erholend, entspannend, entlastend sein und das körperliche Befinden, die Fitness und die Gesundheit je nach Art, Regelmäßigkeit, Reizhöhe kurzfristig oder überdauernd positiv beeinflussen.

Geselligkeit und gesellschaftliche Integration:
Die drohende Isolierung zu durchbrechen ist ein wichtiger Anreiz für die Teilnahme am Sport. Deshalb werden der Anschluss an eine Gruppe und regelmäßiger Kontakt unter den Mitgliedern notwendig. Diese Aufgabe endet nicht mit der gruppenbildenden und -fördernden Sportstunde, sondern bedarf der Pflege durch ein vielseitiges Vereinsleben. Homogene Gruppen gleicher Schicksalslage, die gleiche Behinderungen, Fähigkeiten und Interessen verbinden, sind - vor allem am Anfang - ebenso zu bilden wie integrierte Gruppen Behinderter und Nicht-Behinderter, in denen es darauf ankommt, gegenseitig Achtung, Anerkennung und Hilfe zu entwickeln.

Leistung im Wettkampf:
Leistung im Wettkampf ist Erprobung eigener Fähigkeiten an objektiven Maßstäben. Im Wettkampf kann der Behinderte auch soziale Anerkennung finden. Andererseits kann das im Wettkampf angelegte Erlebnis von Misserfolgen helfen, Enttäuschungen zu ertragen.

(...) Die Verwirklichung eines so anspruchsvollen Konzepts ist nur in Zusammenarbeit von Sport Staat möglich, durch Mithilfe aller gesellschaftlichen Organisationen, besonders all jener, die mit Behinderten arbeiten.

Die Unbefangenheit im Umgang mit Behinderten ist auch eine allgemeine Erziehungsaufgabe. Nicht Mitleid, sondern Verständnis, Einsicht und Hilfe aller nichtbehinderten Menschen machen die Behinderten zu chancengleichen Mitbürgern.

Sport ist für Behinderte Hilfe zur Selbsthilfe. Gleiche Chancen für sie ergeben sich nur durch mehr Hilfe als für Nicht-Behinderte."


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 31-34 / 2. August 2011, S. 28
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 6. August 2011