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GESCHICHTE/306: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 130 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 29 / 19. Juli 2011
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1980/V: Bundespräsident gratuliert zum 30. Geburtstag des DSB
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 130)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Das erste Dezember-Wochenende 1980 zählt zu den bedeutsamsten Daten in der noch jungen Geschichte des Deutschen Sportbundes. Es begann am 5. Dezember mit der Einweihung der neuen Führungs- und Verwaltungsakademie des DSB in Berlin-Schöneberg, bei der Richard von Weizsäcker, damals Vizepräsident des Deutschen Bundestages, die Festrede hielt und setzte sich am selben Tage fort mit einer Festakademie im Charlottenburger Schloss, in deren Rahmen der DSB nicht nur die bereits 1952 gestiftete Carl Diem-Plakette, sondern erstmalig auch die Fritz Wildung-Plakette (an Vereine) und die Ludwig Wolker-Plakette (an Persönlichkeiten) verlieh, um damit die Erinnerung an seine Wurzeln, die bürgerliche, die konfessionelle und die Arbeiter-Sportbewegung, lebendig zu erhalten.

Festredner bei der 22. Hauptausschuss-Sitzung am 6. Dezember, die aus Anlass des 30. Geburtstages des DSB in festlichem Rahmen im Deutschen Reichstag stattfand, waren dann mit Bundespräsident Prof. Karl Carstens und Bundestagspräsident Richard Stücklen die führenden Repräsentanten des Staates.


Willi Weyer: Das Gemeinschaftswerk von Millionen

"Fünf Jahre sind seit dem denkwürdigen Festakt in der Frankfurter Paulskirche vergangen, mit dem wir den 25. Jahrestag der Gründung des Deutschen Sportbundes feierten. Es war damals eine Bestandsaufnahme der erreichten und eine Besinnung auf die neuen Ziele. Heute haben Sie, verehrter Herr Bundestagspräsident, uns hier im Deutschen Reichstag und unmittelbar an der Mauer der deutschen Teilung eindringlich die historische Entwicklung vor Augen geführt, die auch den Sport hüben und drüben geprägt hat.


Zur deutschen Wirklichkeit gehört heute im Sport

- der Deutsche Sportbund, die Gemeinschaft der freien Turn- und Sportverbände der Bundesrepublik Deutschland einschließlich Berlin (West). 'Dieser DSB tritt ein für den Grundsatz der Freiheit und Freiwilligkeit in der Sportausübung und Sportgemeinschaft, Der DSB ist parteipolitisch neutral, er räumt allen Rassen die gleichen Rechte ein und vertritt das Prinzip religiöser und weltanschaulicher Toleranz.' So steht es in seiner Satzung. Und gehört außerdem

- der Deutsche Turn- und Sportbund der DDR, die sozialistische Sportorganisation der Deutschen Demokratischen Republik. 'Sie wirkt in der Erziehung zum sozialistischen Patriotismus und proletarischen Internationalismus... Der DTSB der DDR wirkt bei der Bildung von Persönlichkeiten mit, die sich durch Liebe und Treue zu dem sozialistischen Vaterland auszeichnen und die entwickelte sozialistische Gesellschaft in der DDR aktiv mitgestalten.' So steht es im Statut des DTSB der DDR (...)

Die unmittelbare Nähe der deutschen Geschichte hier in diesem hohen Haus zur Weimarer Republik (und zum Deutschen Reich), angesichts des Brandenburger Tors auch zur Machtergreifung Hitlers und einen Steinwurf von der Mauer zur deutschen Spaltung kann man nur in dieser Stadt erleben. Wo sonst geht der Atem der Freiheit so heftig, spürt man die ihr drohenden Gefahren so hautnah wie in Berlin?

Mit allem ist der Sport eng verbunden. Seine historischen Stationen liegen nirgendwo sonst so eng beieinander wie hier. Dies alles aufgezeigt und gemahnt zu haben, die Traditionen auf dem Weg in die Zukunft des Deutschen Sportbundes nicht gering zu achten oder gar zu unterschlagen, dafür danken wir Ihnen, verehrter Herr Bundestagspräsident. Nur ein engagierter Freund des Sports konnte diese Zusammenhänge herausfinden, lieber Richard Stücklen. Mein Dank gilt ganz besonders dem Bundespräsidenten Professor Karl Carstens, unserem Schirmherrn, der uns zum 30jährigen Bestehen des Deutschen Sportbundes mit seiner Anwesenheit erfreut. Wir sind, Herr Bundespräsident, sehr glücklich, dass Sie heute bei uns weilen, und freuen uns sehr, dass dies ausgerechnet in Berlin, unserer alten Hauptstadt, geschieht, von der wir alle hoffen, dass sie eines Tages wieder die Hauptstadt eines friedlichen und wiedervereinigten Deutschland sein wird.

Auch Bundeskanzler Helmut Schmidt hat geschrieben. In unserer Festversammlung 1975 hat er die Partnerschaft zwischen Sport und Staat auf die einfache Formel gebracht: 'Eine freiheitliche Demokratie lebt von der bürgerlichen Selbsthilfe; nur wo sie nicht reicht, leistet der Staat Hilfe. Auf diese Art subsidiärer Partnerschaft kann auch der Sport immer rechnen; mehr sollte er nicht wollen.'

Diesmal schrieb der Bundeskanzler: 'Sport und Sportler haben der Bundesrepublik Deutschland viele Freunde in aller Welt erworben. Die beharrlichen Bemühungen des Deutschen Sportbundes um die sportliche Begegnung zwischen den Menschen aus beiden deutschen Staaten verdienen ebenso wie die nach vorne gerichteten Initiativen in der sportlichen Entwicklungshilfe unseren besonderen Dank.'"


Richard Stücklen: Haltet mir die Vereine hoch

"Dem Sport bin ich eng verbunden. Gern habe ich deshalb den Reichstag bereitgestellt, um mit Ihnen hier diesen festlichen Tag zu begehen. Mit diesem Willkommensgruß verbinde ich gleichzeitig die Glückwünsche zum 30jährigen Bestehen des Deutschen Sportbundes. Es sollte dem DSB gleichzeitig Dank und Anerkennung zum Ausdruck gebracht werden für seine Arbeit, die er wie kaum eine andere Organisation der Allgemeinheit erbracht hat.

Mit dieser Tagung in Berlin zeigt der Deutsche Sportbund seine festen Verbindungen mit unserer alten Reichshauptstadt und zu seinen vollintegrierten Berliner Sportlern, die jederzeit auf die Treue des DSB und seiner Mitgliedsorganisationen setzen konnten. (...)

Weil man hier in Berlin das Unmenschliche und Absurde der Teilung unseres Landes und Volkes hautnah wie nirgendwo sonst erlebt, ist diese Stadt bis auf den heutigen Tag nicht nur Verkörperung des deutschen Leidens geblieben, sondern auch des unverbrüchlichen Willens der Deutschen, die staatliche Einheit in Freiheit wiederherzustellen.

Dieser Wille, der der Wille aller guten Deutschen sein muss, verpflichtet auch Sie, den Deutschen Sportbund, einen eminent wichtigen politischen Entscheidungsträger, und dessen verantwortliche Führer, die als Einzelpersonen ohnehin in staatsbürgerlicher Verantwortung stehen. (...)

Ich möchte Sie zu dem Erreichten im 30. Jahr ihres Bestehens herzlich beglückwünschen und Sie ermuntern, unermüdlich und hartnäckig an dem großen Ziel, das sich der DSB gesteckt hat: 'Sport für alle', weiterzuarbeiten. Es ist eine immerwährende Aufgabe. In diesen Dank schließe ich auch und nicht zuletzt die vielen Zehntausende von ehrenamtlichen Funktionsträgern ein, die draußen im Lande unermüdlich tätig sind.

Der DSB als Dachorganisation wird getragen von den Fachverbänden, die sich von den kleinsten bis zu den Großvereinen von unten nach oben durchorganisieren. Das Fundament aber, auf dem diese Säulen errichtet sind, das sind die mehr als 55.000 Vereine mit faßt 17 Millionen Mitgliedern. Eines von den 17 Millionen Mitgliedern steht auch heute vor Ihnen. Ich bin Vorsitzender des kleinsten Vereins des Bayerischen Landes-Sportverbandes, des CC Harlaching mit 10 Mitgliedern.

Im Sommer dieses Jahres haben Sie auf dem Bundestag des Deutschen Sportbundes in Bremen ein Programm unter dem Stichwort 'Vereint für die Vereine' beschlossen. Damit haben Sie klar Position bezogen und gesagt, wem Sie verpflichtet sind, nämlich den Vereinen. Haltet mir die Vereine hoch! Sie sind die eigentliche Bürgerinitiative des Sports!

Der Deutsche Sportbund und seine Mitgliedsorganisationen sind kein Selbstzweck; sie erhalten ihre Legitimationen von den gemeinnützigen Turn- und Sportvereinen. Dies bedeutet gleichzeitig eine Verpflichtung für die Spitzenorganisationen, alle ihre Kapazitäten in den Dienst der Vereine zu stellen.

Die soziale Komponente des Sports wird immer wichtiger! In dem Maße, mit dem die Vereine sich um Junge und Alte, Kranke und Gesunde kümmern, tragen sie zur gesellschaftlichen Integration aller in unserem Gemeinwesen bei. Dies ist besonders wichtig in einer Zeit, deren Tendenz eher zur Desintegration führt, wie die immer häufiger werdenden gruppenspezifischen Einrichtungen zeigen. (...)

Die Sportorganisationen haben eben mehr als nur die Verantwortung um die Organisation von Wettkampf-Veranstaltungen. Die unzähligen Eltern, die die Kinder den Vereinen und Verbänden, den Trainern und Übungsleitern anvertrauen, müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Kinder nicht zu Leistungsmanipulationen missbraucht werden. Sport ist zu schön, als dass wir unsere Kinder durch den Sport verderben sollten. (...)

Der Deutsche Bundestag wird Sie - wie die Bundesregierung - aus partnerschaftlichem Verständnis und der daraus resultierenden Verantwortung heraus bei ihren Bemühungen unterstützen. Nicht zuletzt deshalb hat der Deutsche Bundestag einen eigenen Sportausschuss erneut etabliert, damit die gesellschaftliche Bedeutung des Sports auch im Parlament ihren sichtbaren Ausdruck findet. Dem Deutschen Sportbund wünsche ich für sein nächstes Jahrzehnt weiterhin eine kontinuierliche Aufwärtsentwicklung und ein erfolgreiches Wirken zum Wohle aller sporttreibenden Bürger in unserem Lande."


Prof. Karl Carstens: Ein langer Weg in die deutsche Einheit

"Ihren Bericht, Herr Präsident Weyer, habe ich mit großer Aufmerksamkeit und großem Interesse angehört, gab er doch eine vorzügliche Einführung in die Probleme, mit denen auch der Deutsche Sportbund sich auseinandersetzen muss, und ich freue mich, dass ich angesichts meiner Verbundenheit mit dem Deutschen Sportbund aus erster Hand eine Einführung in die Probleme des Sports erhalten habe. Ich werde das alles, was Sie gesagt haben, in Zukunft im Kopfe haben, wann immer es für mich eine Gelegenheit gibt, über Probleme dieser Art und Probleme des Sportes zu sprechen.

Ich komme hierher zu Ihnen, um damit meiner Verbundenheit mit dem deutschen Sport Ausdruck zu geben, meiner Verbundenheit, die sich darin äußert, dass ich Schirmherr des Deutschen Sportbundes bin, dass ich die Freude und die Ehre habe, das Silberne Lorbeerblatt und die Silbermedaille für den Behindertensport auszuhändigen; ich habe das gerade vor einigen Tagen getan, um damit besonders hervorragende Sportler auszuzeichnen. Meine Verbundenheit drückt sich auch in dem Besuch vieler sportlicher Veranstaltungen aus und nicht zuletzt in meiner Mitgliedschaft - Vorsitzender wie Herr Stücklen bin ich leider nicht - in zwei Sportvereinen, die im Deutschen Sportbund zusammengeschlossen sind. (...)

Wenige Meter von hier beginnt die Mauer, die Berlin in zwei Teile zerschneidet. Der Reichstag und überhaupt die Stadt Berlin sind aber auch Symbol für den Willen der Deutschen, an der Einheit der Nation festzuhalten. Es wird ein langer Weg sein, den wir gehen müssen, und niemand kann sagen, wann das verwirklicht ist. Es wird darauf ankommen, dass wir in der Zwischenzeit die Freiheit bewahren, den Frieden sichern und den Willen lebendig halten, ein Volk, eine Ration zu bleiben.

Auf diesem langen Wege kann der deutsche Sport einen wichtigen Beitrag zur Bewahrung unserer freiheitlichen Ordnung leisten. Weil Sie sich alle den Sport - so wie Sie ihn verstehen - nicht anders als in einem freiheitlichen Gemeinwesen vorstellen können, ist die tägliche freiwillige Leistung der Mitarbeiter in den Vereinen und Verbänden auch ein Beitrag für unsere Freiheit! Der deutsche Sport leistet außerdem einen Beitrag zum Frieden. Ich möchte Ihnen in diesem Zusammenhang ganz besonders für die vielen internationalen Begegnungen danken, die Sie einleiten und organisieren. Sie sind Beiträge zum friedlichen Zusammenleben der Völker. Und schließlich leistet der deutsche Sport einen Beitrag zum Zusammenhalt der deutschen Nation, wenn dies auch ein mühsamer Teil seiner Tätigkeit ist; das weiß ich sehr wohl. Er leistet seinen Beitrag zum Zusammenhalt der Nation, indem er sich immer wieder um Begegnungen mit den Sportvereinen aus der DDR bemüht und sich davon durch nichts abbringen lässt.

Ich wünsche Ihnen bei allen Ihren künftigen Aktivitäten von Herzen Glück und Erfolg und uns allen die Kraft, unsere Freiheit in Frieden zu sichern."


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 29 / 19. Juli 2011, S. 25
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veröffentlicht im Schattenblick zum 29. Juli 2011