Schattenblick →INFOPOOL →SPORT → FAKTEN

GESCHICHTE/305: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 129 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 28 / 12. Juli 2011
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1980/IV: Weyer zur Entwicklung und Förderung der Sportwissenschaft
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 129)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Der Aufgabe, am Auf- und Ausbau einer interdisziplinären Sportwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland unterstützend mitzuwirken, dienten dem Deutschen Sportbund in den sechziger und siebziger Jahren eine Vielzahl von Einzelmaßnahmen. Zu nennen sind vor allem die Mitwirkung an der Weiterentwicklung des 1970 gegründeten Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISP), in dem Prof. Klaus Heinemann den DSB im Direktorium vertrat, die Fortführung des Carl Diem-Wettbewerbes in Naturwissenschaften/Medizin und Geistes-/Sozialwissenschaften sowie die Vergabe des Hermann-Altrock-Stipendiums, die Fortführung der Vierteljahresschrift "Sportwissenschaft" gemeinsam mit BISP und ADL, die Mitwirkung an sportwissenschaftlichen Kongressen und Konferenzen sowie die Konstituierung einer Kommission "Wissenschaft" des DSB-Bundesausschusses Wissenschaft und Bildung zur Koordinierung der Tätigkeit der wissenschaftlichen Gremien im DSB.

Beim Sportwissenschaftlichen Hochschultag der DVS vom 1. bis 3. Oktober 1980 in Köln sprach DSB-Präsident Willi Weyer über die Entwicklungsprobleme der Sportwissenschaften:

"Die Belebung und Unterstützung der Sportwissenschaft ist ein Anliegen, das der DSB schon seit dem ersten Tag seines Bestehens verfolgt: 'Der DSB erstrebt die Forderung und Auswertung der wissenschaftlichen Forschung für den Sport' ist einer der zehn Grundsätze des DSB in seiner ersten Satzung von 10. Dezember 1950. Für diese selbstgestellte Aufgabe hatte der DSB damals zwei triftige Gründe:

- Zum einen galt es, der Wissenschaft vom Sport unter den anderen Wissenschaften Rang und Anerkennung zu verschaffen. (Damals gab es keinen einzigen Lehrstuhl für Leibeserziehung und Sport.) Es ging ja nicht an, dass eine so wichtige gesellschaftliche Erscheinung wie der Sport noch länger von der Überheblichkeit jener Wissenschaftler anderer Disziplinen bestimmt wurde, die da meinten: Sport analysiert man nicht, sondern man betreibt ihn bestenfalls. Das war eine Einstellung, die nicht nur viele Jahre gedauert hat, sondern auch heute noch anzutreffen ist.

- Zum anderen brauchte der DSB für seine sportpolitischen Entscheidungen und Programme, die zum Teil weit über rein sportfachliche Fragen hinausgingen und letztlich gesellschaftspolitischen Charakter hatten, ein wissenschaftlich gesichertes Fundament. (Dieses Bedürfnis findet in der Tätigkeit unseres Wissenschaftlichen Beirats seinen Ausdruck; man könnte ihn geradezu als Umschlag-Platz zwischen Theorie und Praxis bezeichnen.)

Der DSB und seine Mitgliedsorganisationen benötigen die Sportwissenschaft also, um bestimmte Probleme des Sports untersuchen zu lassen und um Lösungsmöglichkeiten für strittige Fragen finden zu können. Allerdings können sportwissenschaftliche Erkenntnisse unser sportpolitisches Handeln nur unterstützen, nicht begründen! Nicht immer können wir jedoch im DSB auf sportwissenschaftliche Ergebnisse warten wenn wir eine sportpolitische Entscheidung treffen müssen. Und andererseits dürfen wir sportwissenschaftliche Ergebnisse nicht als Alibi für bestimmte sportpolitische Entscheidungen benutzen. Hier sind die Grenzen der Zusammenarbeit zwischen Sportwissenschaft und Sportpolitik erreicht. Die Sportwissenschaft kann uns nur Entscheidungshilfen geben; die politische Verantwortung müssen wir selbst übernehmen. (...)

Der DSB möchte beim Aufbau einer eigenständigen Sportwissenschaft mitwirken. Wir stellen sie uns als 'Integrations- oder Querschnittwissenschaft' vor, die durch interdisziplinäre Zusammenarbeit der einzelnen sportwissenschaftlichen Zweige (Sportmedizin, Sportpsychologie, Sportpädagogik, Sportsoziologie, Sportgeschichte, Bewegungslehre usw.) bei der Erforschung des Schul-, Freizeit-, Breiten- und Leistungssports (oder einzelner Probleme, Phänomene und Merkmale aus diesen Bereichen - wie Gesundheit, Leistung, Motivation, Spiel und Sozialisation) gekennzeichnet ist.

Diese Auffassung vertritt der DSB nicht erst seit zehn Jahren, als der Begriff 'Sportwissenschaft' überall im Sport in die Diskussion kam:

- Sie zeigte sich schon vor dreißig Jahren in der Zusammensetzung unseres Beirats, in dem Wissenschaftler aller Richtungen vertreten waren (und bis heute vertreten sind).

- Das gilt ebenso für das 1963 vom DSB begründete 'Zentralkomitee für die Forschung auf dem Gebiete des Sports', das naturwissenschaftliche und geisteswissenschaftliche Untersuchungen im Sport förderte.

- Die Vorstellung des DSB kam 1970 auch bei der Namensgebung für das Bundesinstitut für Sportwissenschaft zum Tragen. Die Argumente des Zentralkomitees für die Bezeichnung 'Sportwissenschaft' scheinen mir heute noch gültig zu sein...

- Auch bei der Herausgabe der Viertel-Jahresschrift 'Sportwissenschaft' im Jahre 1971 (mit dem ADL und dem BISP) verfolgte der DSB diese Linie konsequent weiter - ebenso als er

- 1972 im 'Aktionsprogramm für den Schulsport' Fachbereiche für Sportwissenschaft an den Hochschulen forderte.

- Die Bemühungen des DSB um Integration in der Sportwissenschaft drücken sich schließlich in den von ihm initiierten Koordinierungsgesprächen aller sportwissenschaftlichen Institutionen und Organisationen in der Bundesrepublik aus.

Wenn ich aus dieser Entwicklung das Fazit ziehen sollte, dann wage ich zu behaupten, dass es in der Bundesrepublik ohne die konsequente Hilfe des DSB keine Sportwissenschaft gäbe! (...) Als das Zentralkomitee des DSB 1970 seine Tätigkeit ruhen ließ und das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISP) seine Funktion übernahm, ließ sich der DSB vom Bundesminister des Innern (BMI) zusichern, dass auch weiterhin die Förderung der Forschung in allen Bereichen des Sports durch den Bund gewährleistet sein müsse. Denn eine Sportwissenschaft, meine Damen und Herren, die allein oder überwiegend die Zweckforschung im Leistungssport umfasst, kann nicht die Sportwissenschaft sein, die wir brauchen. (...)

Die Bundesregierung hat der Sportwissenschaft bisher durch das BISP gewiss eine bevorzugte Förderung eingeräumt - gegenüber anderen Wissenschaften. Diese Forderung muss weitergehen, meine Damen und Herren, denn die selbständige Weiterentwicklung der Sportwissenschaft, ihr 'Take-off', ist noch nicht gewährleistet. Nur eine zentrale Förderung kann bewirken, dass die Sportwissenschaft als problemorientierte Wissenschaft erhalten bleibt, und kann verhindern, dass sich die Sportwissenschaft wieder in Einzeldisziplinen aufsplittert, die dann Halt bei ihren Mutterwissenschaften suchen.

Was ist im einzelnen zu tun? Der DSB hatte schon 1970 für eine unabhängige Anstalt zur Förderung der Sportwissenschaft als optimale Lösung für deren freie Entwicklung plädiert und die Eingliederung des BISP in den Geschäftsbereich des BMI als Übergangslösung bezeichnet. Eine selbständige Einrichtung in der Art eines Max-Planck-Instituts, die auch heute noch wünschenswert ist, ließ sich damals nicht verwirklichen, weil dazu einfach die materiellen Voraussetzungen fehlten. An dieser Situation hat sich bis heute kaum etwas geändert:

- Ich kann mir z. B. nicht vorstellen, dass wir genügend Gelder zum Fließen bringen könnten, um eine private Stiftung gründen zu können.

- Eine gemeinsame Einrichtung des Bundes und der Länder, die ja eigentlich für den Aufbau und die Sicherung einer umfassenden Sportwissenschaft ideal wäre, erscheint mir zwar denkbar, aber kaum realistisch (...).

- Getrennte Einrichtungen des Bundes und der Länder (dort die Zweckforschung - hier die Grundlagenforschung, dort der Leistungssport - hier die anderen Sportbereiche) würden die Sportwissenschaft spalten und die notwendigen Wechselbeziehungen zwischen den genannten Bereichen verhindern. (...)

Ich sehe zunächst die folgenden Möglichkeiten:

1. Auf Bundesebene sind andere Quellen zu suchen, wenn sich das BMI ganz auf die Zweckforschung im Spitzensport konzentriert. In Frage käme z. B. das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft. Ich will auch nicht ausschließen, dass wir für das BISP notfalls eine andere Trägerschaft innerhalb der Bundesregierung anstreben könnten, sofern sich das BISP in seinen Forschungsmöglichkeiten und Forschungsschwerpunkten langfristig nicht weiterentwickeln kann.

2. Die Bundesländer sollten in einer konzertierten Aktion im Rahmen der KMK das Programm für eine systematische Förderung der Grundlagenforschung im Sport und der sportwissenschaftlichen Organisationen entwickeln und verwirklichen.

3. Der DSB und seine Mitgliedsverbände für Wissenschaft und Bildung sollten gemeinsam und auch je selbständig versuchen, den Sport als eigenen Bereich in den bestehenden Forschungsgemeinschaften zu etablieren; hier fehlt bisher die nötige Offenheit gegenüber Sportprojekten. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft z. B. könnte an einigen Universitäten gezielte Sonderforschungsbereiche für Sport einrichten, die VW-Stiftung Schwerpunktprogramme für die Sportforschung entwickeln. Diese Chancen sind bisher kaum genutzt worden."


*


Quelle:
DOSB-Presse Nr. 28 / 12. Juli 2011, S. 18
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
Herausgeber: Deutscher Olympischer Sportbund
Otto-Fleck-Schneise 12, 60528 Frankfurt/M.
Tel. 069/67 00-255
E-Mail: presse@dosb.de
Internet: www.dosb.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 23. Juli 2011