Schattenblick →INFOPOOL →SPORT → FAKTEN

GESCHICHTE/302: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 126 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 25 / 21. Juni 2011
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1980/I: Kirche und Sport erklären ethische Prinzipien für unverzichtbar
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 126)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Gleich zu Beginn des Olympiajahres 1980 vertiefte der Deutsche Sportbund die Kontakte zu den beiden großen Kirchen. Bei einem Spitzengespräch am 8. Januar in Köln trafen sich mit Kardinal Joseph Höffner, Landesbischof Eduard Lohse und DSB-Präsident Willi Weyer die Repräsentanten zu einem Meinungsaustausch über die Entwicklung des Sports und die weitere Zusammenarbeit von Kirche und Sport. Dabei knüpften sie an frühere Begegnungen und Erklärungen an und wandten sich wieder - aus ihrer Sorge um Gefahren gegenüber den Normen und Werten des Sports - gemeinsam mit Vorschlägen zur Bewältigung von Problemen an die Öffentlichkeit. Die gemeinsame Erklärung hat folgenden Wortlaut:

"(1) In einem Jahr Olympischer Spiele, in dem die Aufmerksamkeit für den Sport in allen Teilen der Gesellschaft besonders groß ist, halten sie es für notwendig, die wachsende Bedeutung von Bewegung, Spiel und Sport in unserer Zeit erneut hervorzuheben, aber auch kritisch zu Entwicklungen im Sport Stellung zu nehmen und Vorschläge zur Bewältigung von Problemen zu machen.

Eigenart und Individualität, das Recht auf Unversehrtheit der Person ebenso wie die Bereitschaft, sich für den anderen einzusetzen und auch den Gegner als Partner anzuerkennen, sind Grundwerte, die den Sport tragen. Kirchen und Sportorganisationen appellieren daher an alle, die mit dem Sport zu tun haben, diese Grundwerte zu erhalten und nicht preiszugeben.

(2) Kirchen und Sportorganisationen sind davon überzeugt, dass ihr Zusammenwirken dem Menschen in einer konsumorientierten Industriegesellschaft helfen kann, sein Leben aus eigener Initiative zu gestalten und seine Individualität zu entfalten. Bewegung, Spiel und Sport vermitteln Erfahrungen des eigenen Könnens und Wertes, aber auch der eigenen Grenzen; sie steigern das Wohlbefinden und können dem Leben Spannung und größere Fülle geben; sie vermitteln soziale Kontakte und Erlebnisse; sie sind für die menschliche Bildung vom Kindes- bis ins hohe Alter unersetzlich. Sport führt Menschen unabhängig von ihrer Rasse, Religion, nationalen Zugehörigkeit und weltanschaulichen Einstellung zusammen und leistet damit auf seine Weise einen Beitrag zur Verständigung untereinander.

(3) Der Sportverein stellt dem einzelnen Menschen nicht nur ein Sportangebot seiner Wahl zur Verfügung; darüber hinaus findet der einzelne dort zugleich vielfältige Möglichkeiten zu geselliger Begegnung, einen Ausgleich für berufliche Belastungen sowie die Chance, mitzugestalten und Ideen zu verwirklichen, Achtung und Anerkennung zu finden, soziale und politische Erfahrungen in einer demokratisch geführten Gruppe zu sammeln. Vereine bauen dabei auf freiwillige Leistungen ihrer ehrenamtlichen Helfer auf, die für ein freiheitlich-demokratisches Gemeinwesen große Bedeutung haben.

(4) Kirchen und Sportorganisationen müssen feststellen, dass die ethischen Grundsätze im Sport ebenso wie die Möglichkeiten, die im Sport liegen, immer wieder gefährdet sind:

- Der Leistungssport kann zur Selbstverwirklichung des Sportlers beitragen und ihm nicht austauschbare Erlebnisse vermitteln. Er ist ein Bereich, in dem Athleten beispielhaft zeigen können, was Menschen vermögen. Hier finden auch die Helfer Anerkennung, die in Vereinen und Verbänden am sportlichen Erfolg mitwirken. So verstanden, ist die Leistung im Sport ein kultureller und sozialer Wert. Die wachsenden Anforderungen im Spitzensport bringen für den Athleten und seine Betreuer hohe zeitliche, körperliche, psychische und soziale Belastungen; diese führen oft dazu, dass sie sich anderen Lebensbereichen wie der Schule, dem Beruf, der Familie, dem Freundeskreis und ihrem Glauben nicht mehr genügend widmen können. Manche von ihnen sind versucht, ihre Leistungsgrenzen mit unerlaubten Mitteln und Praktiken sowie durch technische Manipulationen zu überschreiten.

- Wettkampf gehört zum Leistungssport. Dies schließt aber nicht aus, dass Sportler und Mannschaften Partner sein müssen, die einander brauchen und die Anspruch auf Respekt und faires Verhalten haben. So darf die verständliche Identifizierung mit der 'eigenen' Mannschaft auch nicht dazu führen, dass Mannschaften und Zuschauer Wettkämpfe im Sinne eines Freund-Feind-Verhältnisses empfinden und mit Beschimpfungen, Gewalt und Zerstörung auf Entscheidungen des Schiedsrichters und auf den Ausgang eines Wettkampfes reagieren wie dies in letzter Zeit immer häufiger zu beobachten war.

- Sport und Sportler werden zunehmend für Zwecke genutzt, die außerhalb ihrer eigenen Ziele und Anliegen stehen. Firmen sehen häufig im Sport und im Sportler einen idealen Werbeträger; der Staat erwartet vom Sport oft eine Vergrößerung des staatlichen Ansehens und internationalen Prestiges; sportliche Leistungen werden nicht selten von finanziellen Gewinnen abhängig gemacht. Damit aber verliert der Sport seinen Eigenwert und seine Unabhängigkeit. Diese Entwicklung reicht teilweise schon bis in den kleinsten Ortsverein.

- In letzter Zeit wird zunehmend Klage über fehlendes Verständnis für den gesetzlich geregelten Schutz der Sonn- und Feiertage geführt. Der Mensch soll an diesen Tagen Gelegenheit haben, zur Ruhe zu kommen, Gottesdienst zu feiern und sich auf sich selbst zu besinnen.

(5) Kirche und Sport wollen helfen, Menschlichkeit, wie sie auch im Evangelium erscheint, im Sport lebendig zu halten; sie bitten deshalb alle, die mit dem Sport zu tun haben, die Achtung vor der Würde des Menschen zu festigen und zu fördern.

- Um eine Bildung des ganzen Menschen zu erreichen, müssen auch Bewegung, Spiel und Sport in Programmen und Lehrplänen des Elementarbereichs und aller Schulen, der außerschulischen Jugend- sowie der Erwachsenenbildung einen festen Platz haben; ganz besonders gilt dies für die bisher vernachlässigten berufsbildenden und Sonderschulen. Vereine sollten verstärkt zur Gesellung anregen und insbesondere für Familien und sozial benachteiligte Gruppen ein Freizeitangebot schaffen sowie vor allem alle Menschen vor Vereinsamung bewahren. Nur so können jedem die Chancen und Möglichkeiten, die im Sport liegen, eröffnet werden.

- Sie appellieren an Zuschauer, Sportler, Trainer und Betreuer, die Regeln der Fairness stets zu achten, die Unversehrtheit der Person zu respektieren und Sportler und Mannschaften als Partner anzuerkennen. Die Massenmedien können dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Sie sollten alle Bereiche des Sports angemessen darstellen die persönliche Leistung nicht nur des Gewinners würdigen und um Verständnis für die Werte des Sports werben, indem sie zeigen, dass Sport mehr ist als Rekord und Tordifferenz.

- Sie bitten alle Verantwortlichen in Sport, Politik und Gesellschaft sich dafür einzusetzen, dass der Beitrag zur Verständigung und zum Frieden zwischen den Völkern, den die internationalen Sportveranstaltungen erbringen können, nicht durch politische Einwirkung oder nationalistisches und ideologisches Denken unmöglich gemacht wird.

- Sie gehen davon aus, dass der Sport auch dann unabhängig bleibt, wenn er Öffentliche Zuwendungen erhält, sofern seine Mittel der Selbsthilfe nicht ausreichen. Dies muss aus der Erkenntnis heraus geschehen, dass am besten die Sportler, die Mitglieder der Vereine und die Verbände selbst ihre Interessen, Wünsche und Möglichkeiten beurteilen, eigenverantwortlich wahrnehmen und verwirklichen können.

- Der Grundsatz religiöser Toleranz gebietet es, die Glaubensüberzeugung des Menschen zu respektieren. Sportveranstaltungen sollen den Schutz der Sonn- und kirchlichen Feiertage berücksichtigen und - soweit sie nur an solchen Tagen durchgeführt werden können - in ihrer Zeitplanung allen Beteiligten die Möglichkeit bieten, ihrem Glauben gemäß zu leben und den Gottesdienst zu besuchen.

- Kirche und Sport sehen den Schwerpunkt ihrer Zusammenarbeit in Zukunft in der Verstärkung der örtlichen Praxis, nachdem sich der Dialog auf Bundes- und Landesebene bereits fruchtbar entwickelt hat. Mit diesem Ziel sollten an möglichst vielen Orten Kontaktkreise gegründet werden.

- Sportwissenschaftler und Theologen sollten auch über gemeinsame Bildungsaufgaben an Universitäten und Akademien miteinander ins Gespräch kommen und zusammenarbeiten.

Die Kirchen und der Deutsche Sportbund wollen ihr Bestes zum Wohl der Menschen tun. Sie verstehen sich als Partner, die einander helfen und achten, aber auch kritisch begleiten. Deshalb wollen sie ihre Gespräche in regelmäßigen Abständen fortführen."


*


Quelle:
DOSB-Presse Nr. 25 / 21. Juni 2011, S. 30
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
Herausgeber: Deutscher Olympischer Sportbund
Otto-Fleck-Schneise 12, 60528 Frankfurt/M.
Tel. 069/67 00-255
E-Mail: presse@dosb.de
Internet: www.dosb.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 6. Juli 2011