Schattenblick →INFOPOOL →SPORT → FAKTEN

GESCHICHTE/298: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 124 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 23 / 7. Juni 2011
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1979/III: Neues Trimm-Programm "Spiel mit - da spielt sich etwas ab"
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 124)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Zu den wichtigen sportpolitischen Ereignissen des Jahres 1979 gehörte zweifellos auch das neue Programm der Trimm-Aktion des Deutschen Sportbundes unter dem Motto "Spiel mit - da spielt sich etwas ab". Mit zahlreichen Werbemitteln wie Fernsehspots, Plakaten, Broschüren etc. schöpften die Breitensport-Verantwortlichen des DSB mit Jürgen Palm an der Spitze alle Möglichkeiten aus, um die verschiedensten Zielgruppen anzusprechen.

DSB-Präsident Willi Weyer erklärte zur Eröffnung der Aktion "Spiel mit": "Ein neues Motto und ein neues Ziel bestimmen die Aktion 'Trimm dich durch Sport' des Deutschen Sportbundes von diesem Tage an: 'Spiel mit - da spielt sich was ab', das ist die Losung, mit der der Deutsche Sportbund in den nächsten Jahren die weitere Entwicklung des Freizeitsportes auf dem Wege zum Sport für alle fördern:will. Dies ist aber doch, so werden Sie denken, ein kräftiger Kontrast: Vier Jahre lang hat der DSB mit den Themen Trimm-Trab und Ausdauer ein Ziel auf seine Fahnen geschrieben, bei dem es vor allem auch darum ging, die organische Leistungsfähigkeit, insbesondere die der Herz-Kreislauf-Funktion durch Ausdauersport zu verbessern. (...)

Es ist jetzt die richtige Zeit, das Spielthema aufzugreifen, in dem wir zugleich auch einen Beitrag zum Klimawandel in unserer Gesellschaft sehen. Der Ausdaueraktion des DSB ist seit ihrem Start 1974 ein regelrechter Durchbruch gelungen. Lassen Sie mich dies an einigen Zahlen verdeutlichen. Wie das EMNID-Institut im vergangenen Jahr für uns herausfand:

- trimm-traben zwei- und mehrmals wöchentlich 1,3 Mio Menschen,

- trimm-traben mindestens alle zwei Wochen 4,4 Mio Menschen,

- radfahren eine Strecke von mindestens 5 km zwei- und mehrmals wöchentlich 3,2 Mio Menschen,

- mindestens alle zwei Wochen 8 Mio Menschen,

- schwimmen 1,6 Mio zwei- und mehrmals wöchentlich über 200 m,

- schwimmen 8,4- Mio mindestens alle zwei Wochen. (...)

Die neue Spielaktion ist sehr gründlich vorbereitet worden. Seit vier Jahren laufen die Vorarbeiten. 1977 wurde die umfassendste bisher abgewickelte wissenschaftliche Untersuchung zum Spielbedürfnis und Spielverhalten in der Bevölkerung in unserem Auftrag durch EMNID durchgeführt. 1978 legte der Bundesausschuss den Grundstein für die neue Kampagne u. a. durch ein Modellseminar und durch eine Pilotveranstaltung für die Spielfeste.

Wir gehen also gut gerüstet in den neuen Lebensabschnitt der Trimm-Aktion. Lassen Sie mich aus der Fülle des Materials in der außerordentlich reizvollen Spieluntersuchung nun einige Zahlen nennen:

38 % der Bevölkerung beteiligen sich wenigstens gelegentlich an Ball- und Bewegungsspielen,

68 % aber sind an solchen Spielen interessiert, d. h. ihre Zahl ist fast doppelt so hoch,

53 % interessieren sich für die Teilnahme am Spieltreff als einem praktischen Angebot zum Lernen und Mitmachen,

50 % der Bevölkerung nämlich haben niemals ein Ballspiel richtig erlernt, so haben z. B. 96 % noch nie Hockey, 83 % nie Tennis oder Basketball, 75 % nie Volleyball, 58 % nie Handball, 57 % nie Fußball, 44 % nie Tischtennis gespielt.

Zum Spielen braucht man jemand, der den Anstoß gibt. 20 % wünschen sich, dass Bekannte sie darauf ansprechen, 16 % dass die Familie sie mitnimmt und nur bei 40 % ist der Gesichtspunkt, dass man beim Spielen andere Menschen kennenlernen kann ausschlaggebend. Nicht nur Sportanlagen werden als Spielort gewünscht. Neben dem Sportplatz (73 %) nennen 59 % den Park, 49 % die Grünfläche im Wohnbereich, 41 % den Schulhof als Spielräume.

Die Rolle, die dem Spiel in unserem heutigen Dasein zukommt, kann man gewiss nicht nur aus sportfachlicher Sicht allein begründen. Das Spiel - auch in den von uns hier betreuten Bereichen der Sport- und Bewegungsspiele - gehört zum Gesamterscheinungsbild des gesellschaftlichen Lebens in einer Zeit. Wir Deutsche haben es trotz des außerordentlichen Interesses an den großen leistungssportlichen Ereignissen der Spielszene mit dem eigenen Mitspielen nicht leicht. In unseren Wertvorstellungen hat die Arbeit, hat das sozusagen Nützliche ein besonders starkes Gewicht. Dies gilt auch für die als nützlich begründbare sportliche Tätigkeit wie das Fitnesstraining. Das Spielen als eine nicht unmittelbar nutzorientierte Tätigkeit ist in seinen Werten noch nicht allgemein bewusst geworden.

Es ist in diesem Zusammenhang wohl mehr als ein Zufall, dass wir vom Sport aus nun Ende der 70er Jahre, in denen die Sinnfragen des Lebens und eine Neuorientierung auf nichtmaterielle Werte immer stärker diskutiert werden, das Spiel in den Vordergrund rücken. Wenn im Freizeitleben von vielen Millionen Menschen das Spielen in Parks und Sportanlagen, an Stränden und auf Grünflächen zwischen den Wohnsiedlungen ganz natürlich wird, dann sollte dies doch auch zum zwischenmenschlichen Klima in unserer Gesellschaft einen Beitrag leisten können.

Lassen Sie mich nun noch einige Ziele unserer Aktion 'Spiel mit' beschreiben:

1. Wir wollen bewusst machen, dass Spielen nicht nur Kindersache, sondern ein menschliches Grundbedürfnis für alle Altersabschnitte ist.

2. Spielen trägt auf ganz ursprüngliche und jedermann zugängliche Weise zum Wohlbefinden des einzelnen und zu den mitmenschlichen Beziehungen bei. Spielen ist für uns Teil einer Kultur des Zusammenlebens.

3. Wir wollen dazu motivieren, dass man öfter spielt, dass es selbstverständlicher wird, Familie, Nachbarn, Freunde, ausländische Mitbürger, Behinderte, Urlaubsgäste zum Mitspielen einzuladen. Zugleich soll bewusster werden, dass neben den wettkampforientierten, termingebundenen Sportspielen eine unermessliche Vielfalt nicht organisierter Spielanlässe in der Freizeit genutzt werden können, so beim Familienausflug, bei geselligen Zusammenkünften, auf der Urlaubsreise, in der Arbeitspause.

4. Der DSB wird verdeutlichen, dass unser Lebensraum auch genügend Spielraum bleiben muss, dass dem Bau von Spiel- und Sportanlagen weiterhin eine der Prioritäten öffentlicher Förderung zukommt.

5. Zugleich wird mit der Aktion 'Spiel mit' der DSB auch für die bessere Erschließung des Grünraumes für das Spiel eintreten, öffentliche Park- und Rasenflächen, auf denen das Schild 'Betreten verboten' steht, sollen die Ausnahme und durch Spiel belebtes Grün die Regel werden.

6. Das Miteinander-Spielen als Anlass für die gestaltete Lebensfreude und gesundheitsförderliche Aktivität wird der DSB und werden seine Mitgliedsverbände und Vereine durch die Veranstaltung von Spielfesten als volkstümliche, sommerliche Ereignisse und durch die Einführung regelmäßiger Spieltreffs fördern.

Wer kann schon nein sagen, wenn einem jemand auf die Schulter klopft und sagt: Kommspiel mit. In der Gewissheit, dass auch Sie nicht nein sagen können, klopft ihnen sozusagen der Deutsche Sportbund auf die Schulter: Spielen Sie also auch mit (...)."


*


Quelle:
DOSB-Presse Nr. 23 / 7. Juni 2011, S. 29
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
Herausgeber: Deutscher Olympischer Sportbund
Otto-Fleck-Schneise 12, 60528 Frankfurt/M.
Tel. 069/67 00-255
E-Mail: presse@dosb.de
Internet: www.dosb.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 21. Juni 2011