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GESCHICHTE/295: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 122 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 21 / 24. Mai 2011
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1979/1: Sportliche Bildung im Bildungsgesamtplan von Bund und Ländern
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 122)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Im Zusammenhang mit der Fortschreibung des Bildungsgesamtplans von 1973 durch die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK) sah es der Deutsche Sportbund (DSB) als eine wichtige Aufgabe an, die Bildungsmöglichkeiten des Sports in allen Bereichen von der Elementarerziehung der Kleinkinder über Schule und Hochschule bis zur Weiterbildung in die Fortschreibung einzubringen. Der DSB regte an, dafür ein eigenes Kapitel "Sportliche Bildung" im fortzuschreibenden Plan auszuweisen. Damit sollte auch zum Ausdruck gebracht werden, dass für die Gesellschaft Bewegung, Spiel und Sport ein nicht austauschbarer Bestandteil menschlicher Bildung sind, und zwar für jedes Lebensalter.

Nach entsprechenden Vorarbeiten und politischen Vorgesprächen leitete das DSB-Präsidium am 18. Januar 1979 einen ausformulierten Vorschlag für ein neues Kapitel "Sportliche Bildung" der Bund-Länder-Kommission zu. Der DSB-Entwurf hatte folgenden Wortlaut:

"1. Bildungsmöglichkeiten des Sports

Ein wichtiges, nicht austauschbares Gebiet der Bildung und Erziehung ist der Sport. Er leistet innerhalb und außerhalb der Schule spezifische Beiträge zur individuellen, sozialen, kulturellen und politischen Bildung:

- Sport fördert die motorischen Eigenschaften und ermöglicht (durch Körper- und Bewegungserfahrungen, Natur- und Umwelterfahrungen) die Entwicklung neuer Fähigkeiten und Fertigkeiten: er ist ein Modellfall körperlicher Aktivität und Belastung (körperlichen Trainings).

- Sport entwickelt das Bewusstsein für eine gesunde Lebensweise (indem er die Wechselwirkung zwischen Bewegung/Spiel und Wohlbefinden erfahrbar macht) und für eine durch eigene Aktivität erfüllte Freizeit (in verschiedenen Bereichen, in unterschiedlichen Gruppierungen und zu verschiedenen Zeiten).

- Sport ist ein überschaubares Feld der Selbstbestimmung, des persönlichen Einsatzes und individueller Selbstverwirklichung; er ermöglicht es, andere Menschen kennenzulernen, mit ihnen zusammenzuwirken, gemeinsam mit ihnen zu handeln, und fördert das Verständnis für den Partner.

- Sport bietet vielfältige Gelegenheiten, über die Rolle des Sports in unserer Gesellschaft nachzudenken und Verantwortung zu übernehmen.

Der Sport muss deshalb auch im Rahmen der Bildungsplanung einen angemessenen Platz erhalten. Dazu gehört neben der staatlichen Förderung des Schulsports die Anerkennung bestimmter Maßnahmen des außerschulischen Sports als Bildungsveranstaltungen. Die Bildungsmöglichkeiten des Sports erstrecken sich auf alle Bildungsbereiche:


1.1 Elementarbereich

Für Kinder vom dritten Lebensjahr an sind Bewegung und Spiel bis zum Schulbeginn ein außerordentlich wichtiges Handlungsfeld; sie nehmen - als erste Stufe der Handlungsfähigkeit - eine zentrale Rolle bei der Umwelterfahrung und Umweltbewältigung ein und bestimmen so die körperliche, emotionale und kognitive Entwicklung des Kinder überhaupt entscheidend mit.


1.2 Sport in der Schule (Primär- und Sekundarbereich)

In der Schule gewinnt der Sport als Unterricht und als Teil des Schullebens doppelte Bedeutung. Die Vielfalt der im Schulsport gewonnenen Erfahrungen mit möglichst vielen Sportarten, die Hinführung zu sportlichen Leistungen und die Aufklärung über die Funktionen des Sports für das spätere Leben machen es dem Schüler möglich und fördern sein Interesse, sich auch in der Freizeit und nach dem Verlassen der Schule sportlich zu betätigen. Auch kann er hier Mitarbeit, Mitbestimmung und Mitverantwortung bis hin zur selbstständigen Organisation und Durchführung von Sportveranstaltungen lernen.

Für Schüler berufsbildender Schulen hat der Schulsport zusätzliche Bedeutung; für sie ist er ein besonderes Mittel der Kompensation gegenüber den beruflichen Belastungen.

Für Sonderschüler (lernschwierige, verhaltensgestörte, körperlich und geistig behinderte Kinder und Jugendliche) kann der Schulsport darüber hinaus einen speziellen Beitrag zu individueller Entfaltung und Selbständigkeit, Therapie und sozialer Integration leisten.

In den allgemeinbildenden Schulen sind für die einzelnen Schulstufen spezifische Schulsport-Programme notwendig:

Im 1. bis 4. Schuljahr (Primarstufe) gewinnen die Schüler die Grundlage für spezielle sportliche Fertigkeiten; kompensatorischer Sportunterricht schafft gleiche Ausgangsbedingungen für alle. Im 5. und 6. Schuljahr (Orientierungsstufe) steht das motorische Lernen im Mittelpunkt, das im Rahmen breit gestreuter Lerninhalte auf eine spätere Spezialisierung vorbereitet.

Im 7. bis 10. Schuljahr (Sekundarstufe I) werden Differenzierungen entwickelt und (z. B. in Neigungs- und Fördergruppen) erste Schwerpunkte gesetzt.

Im 11. bis 13. Schuljahr (Sekundarstufe II/gymnasiale Oberstufe) erhält der Schüler u. a. Gelegenheit, sich zu spezialisieren und auch mit der Theorie des Sports zu befassen.


1.3 Sport in der Hochschule (Tertiärer Bereich)

In den Hochschulen wird Sport zum Gegenstand von Forschung und Lehre. Die Qualität der sportwissenschaftlichen Untersuchungen bestimmt in hohem Maße die Angebote in anderen Bildungsbereichen, insbesondere in der Schule. Aufgabe der Hochschulen im Sport ist es, in Zusammenarbeit mit anderen zuständigen Partnern (z.B freien Bildungsträgern wie den Sportverbänden) neue Bildungsangebote, vor allem neue Studiengänge für sportbezogene Berufe, sowie Kontakt- und Aufbaustudien zu entwickeln. Die Förderung praxisnaher Forschung und Lehre in den sportwissenschaftlichen Instituten und Fachbereichen der Hochschulen ist auch Voraussetzung der Bildungsplanung im Sport.


1.4 Sport als Weiterbildung (Quartärer Bereich)

Sportvereine und Sportverbände sind (neben anderen Einrichtungen wie Hochschulen, Betrieben und der Bundeswehr) in erster Linie der Ort, an dem sich unabhängig von staatlicher Einflussnahme, die freie Sportpraxis der Bürger vollzieht. Hier wird verwirklicht, wozu im schulischen Sportunterricht erzogen worden ist; hier lassen sich die im Sportunterricht erworbenen Fähigkeiten erweitern und vertiefen. Sportvereine und Sportverbände sind außerdem demokratische Modelle der Selbstbestimmung und Selbstverwaltung, indem sie die Bemühungen der Schule um Förderung der Mitverantwortung junger Menschen auf freier Ebene fortführen. Diese Bildungswirkungen fließen jedoch gleichsam nebenher in das Sporttreiben ein; besondere Bedeutung gewinnen sie als außerschulische Jugendbildung im Sport der Kinder und Jugendlichen. Daneben gibt es in den Sportvereinen und Sportverbänden - im Jugend- wie auch im Erwachsenenbereich - aber auch bestimmte Maßnahmen, die (wie in den Volkshochschulen) als ausgesprochene Bildungs- oder Weiterbildungsveranstaltungen besondere staatliche Förderung verdienen:

- sportpraktische Kurse, die den Teilnehmern durch organisiertes, bewusstes Lernen neue sportliche Bewegungserfahrungen und -fertigkeiten vermitteln;

- Kurse für bestimmte soziale Gruppen (Mutter und Kind, Familien, ältere und behinderte Menschen u. a.);

- Lehrgänge zur Ausbildung von Übungsleitern, Organisationsleitern, Jugendleitern und Trainern;

Insofern sind die Sportvereine und Sportverbände auch Träger von Bildung und Weiterbildung im Sinne der einschlägigen Gesetze.


2. Forderungen

Damit die Bildungsmöglichkeiten des Sports ausgeschöpft werden können, sind die folgenden Maßnahmen notwendig:

- Berücksichtigung des schulischen und außerschulischen Sports in Gesetzen, Verordnungen und Bestimmungen des Bundes und der Länder zur Bildung und Weiterbildung;

- Einbeziehung des Sports in die vorschulische Erziehung (Angebot für Bewegung, Spiel und Sport; Ausbildung der Erzieher; Räume und Geräte);

- Verwirklichung von mindestens drei Wochenstunden Sportunterricht an allgemeinbildenden Schulen und beruflichen Vollzeitschulen sowie von mindestens einer Wochenstunde an beruflichen Teilzeitschulen;

- Anerkennung von Sportverbänden und Sportvereinen als Träger von Aus- und Weiterbildung im Bereich der Jugend- und Erwachsenenbildung."

Die Anregungen des DSB wurden bei den Beratungen der BLK im neuen Gesamtentwurf berücksichtigt. Am 16. Juni 1980 hatten dann Vertreter des DSB Gelegenheit, bei einer Anhörung der BLK in Bonn zum Entwurf Stellung zu nehmen.


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 21 / 24. Mai 2011, S. 30
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veröffentlicht im Schattenblick zum 1. Juni 2011