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GESCHICHTE/294: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 121 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 20 / 17. Mai 2011
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1978/ V: Memorandum zur Wiedererrichtung eines Sportmuseums
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 121)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Beratungsgegenstand beim Münchner DSB-Bundestag am 26./27. Mai 1978 war auch die Koordination der von verschiedenen Initiativen aus dem Bereich des Sports - insbesondere von NOK und DSB -, der Wissenschaft und der Kultur angeregte Wiedererrichtung eines Deutschen Sportmuseums. Dazu wurde einstimmig das folgende Memorandum verfasst:

"Bereits im Jahre 1925 wurde in Berlin ein 'Museum für Leibesübungen' gegründet, das sich im Laufe der Zeit durch seine beispielhafte Arbeit internationale Anerkennung verschaffte. Dieses Museum ist Ende des Krieges 1945 zerstört worden. Nach dem Krieg musste sich die Sportbewegung mit Vorrang um den materiellen und organisatorischen Neuaufbau kümmern und darüber hinaus allen Herausforderungen begegnen, die sich aus den gesellschaftlichen Entwicklungen und den sich ständig verändernden Bedürfnissen ergaben.

Mehr als 30 Jahre nach Kriegsende ist für die Sportbewegung mit ihren fast 15 Millionen Mitgliedern in über 47.000 Turn- und Sportvereinen der Zeitpunkt gekommen, ihren politischen und kulturellen Bildungsauftrag stärker als bisher darzustellen und ihm in einer besonderen Einrichtung angemessenen Ausdruck und Wirkung zu verschaffen.

Zahlreiche Vertreter aus Sport, Wissenschaft, Kultur und anderen Bereichen des öffentlichen Lebens haben in diesem Sinne nachdrücklich die Wiedererrichtung eines 'Deutschen Sportmuseums' gefordert. Der Deutsche Sportbund und das NOK für Deutschland versuchen inzwischen, die verschiedenen Initiativen mit dem Ziel zu koordinieren, diesen Plan gemeinsam mit den Mitgliedsorganisationen des DSB und den zuständigen staatlichen Stellen zu verwirklichen.

Der Zeitpunkt dafür ist besonders günstig. Das Geschichtsbewusstsein wächst in weiten Kreisen der Bevölkerung und ein großes Interesse an historischen Fragen und an Museen als Stätte ihrer Darstellung kann beobachtet werden.

Dies gilt auch für die geschichtliche und kulturelle Dimension des Sports. In gleicher Weise wie der Sport die moderne Technologie einsetzt und die Massenmedien für seine Ziele gewinnt, muss er sich jetzt auch die teilweise einzigartigen Möglichkeiten eines modernen Museums zunutze machen, die sich auf anderen Gebieten der Kultur längst bewährt haben und die für den Sport bereits in einigen europäischen Ländern, u. a. in der DDR, genutzt werden können. Das 'Deutsche Sportmuseum' soll vor allem vier Aufgaben erfüllen:

1. Es soll der Sicherung wertvollen Kulturgutes dienen und eine Stätte bewusster und von nationaler Verantwortung getragener Traditionspflege im besten Sinne sein.

2. Es soll mit Hilfe der historischen Forschung die Entwicklung von Turnen, Spiel und Sport in ihren vielfältigen sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Bezügen einer breiten Öffentlichkeit verständlich machen und somit zu ihrer geistigen Durchdringung beitragen.

3. Es soll ein Ort ständiger und intensiver Begegnung von Sport und Kunst sein und die lebendige Auseinandersetzung zwischen diesen beiden Lebensbereichen fördern.

4. Es soll den aktuellen Entwicklungsstand und die Probleme des Sports sowie seine Perspektiven - Chancen, Hemmnisse und Gefahren - darstellen und ein Mittel vielseitiger Öffentlichkeitsarbeit sein.

Neben Dauerausstellungen auf den Gebieten von allgemeinem Interesse und zentraler Bedeutung - z. B. Olympismus - sind aus besonderen Anlässen, wie internationale Großveranstaltungen, auch Sonder- und Wanderausstellungen durchzuführen, die den Wirkungskreis des 'Deutschen Sportmuseums' noch erweitern.

In enger Verbindung mit dem 'Deutschen Sportmuseum' wird ein 'Zentralarchiv des deutschen Sports' geplant, um das wertvolle und gegenwärtig weit verstreute Archivmaterial von Organisationen, Institutionen, Vereinen oder herausragenden Persönlichkeiten des Sports zu sammeln, zu ordnen und wissenschaftlich aufzubereiten.

Auf Grund dieser Konzeption ist nach übereinstimmender Ansicht der an den Vorüberlegungen beteiligten Experten sowie der Präsidien des Deutschen Sportbundes und des NOK für Deutschland der Bereich der Deutschen Sporthochschule Köln ein idealer Standort für die geplante Einrichtung. Dort könnten Museum und Archiv in enger räumlicher und funktioneller Verbindung mit den bestehenden historischen Forschungsinstituten, der vor kurzem geschaffenen Zentralbibliothek für Sport und Sportwissenschaft und mit der Abteilung Dokumentation des Bundesinstituts für Sportwissenschaft ihre Aufgaben optimal erfüllen.

Die Lage in der Museumsstadt Köln begünstigt ferner die internationale Ausstrahlung der neuen Einrichtung. Die mit der Raumplanung und dem weiteren Ausbau der Deutschen Sporthochschule befassten Behörden haben im Zusammenhang mit den Vorstellungen des DSB und des NOK für Deutschland bereits die Möglichkeit der Errichtung des Museums auf einem Gelände an der Deutschen Sporthochschule sorgfältig untersucht und ausdrücklich empfohlen.

Der Bundestag des DSB appelliert jetzt an seine Mitgliedsorganisationen, an Staat, politische Parteien und die gesamte interessierte Öffentlichkeit in unserem Lande, die Wiedererrichtung eines 'Deutschen Sportmuseums' mit allen zu Gebote stehenden Mitteln zu unterstützen. Er beauftragt gleichzeitig das Präsidium des DSB, die gemeinsam mit dem NOK begonnene Arbeit zügig und systematisch fortzuführen und insbesondere mit den zuständigen staatlichen Stellen und politischen Beschlussgremien die notwendigen Schritte einzuleiten, um diese große nationale Aufgabe als Gemeinschaftswerk von Sport, Staat und Gesellschaft zu verwirklichen."


Gesundheit und Sport: Kooperation mit der Ärzteschaft

Bei einer Demonstrationsveranstaltung zum Thema "Gesundheit und Sport" am 9. Dezember 1978 in der Deutschen Sporthochschule Köln machte DSB-Präsident Willi Weyer einführend darauf aufmerksam, dass die Bundesärztekammer und der DSB "auf dem Wege gemeinsamer gesundheitspolitischer Initiativen ein gutes Stück vorwärts gekommen" seien und nannte dafür zahlreiche konkrete Beispiele. Die Kölner Veranstaltung solle exemplarisch den Beitrag des Sports zur Gesundheitsförderung in allen Altersstufen beitragen und auch die Absicht des Sports verdeutlichen, "seinen ihm möglichen Beitrag zur Dämpfung der explosiven Kostenentwicklung im Gesundheitswesen zu leisten."

Das Hauptreferat hielt der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Karsten Vilmar: "Gesundheit wird von vielen heute als das höchste Gut bezeichnet. Das Wissen um Fragen der Gesundheit und das Interesse daran sind außerordentlich gestiegen. Die Menschen sind angeblich gesundheitsbewusster geworden. Wenn man jedoch das Verhalten der Menschen beobachtet, muss man sich oft fragen, ob nicht eher mehr Krankheitsbewusstsein entwickelt worden ist, da man blindlings den Fortschritten der Medizin und der Medizintechnik vertraut und sich kaum mehr in nennenswerter Weise um seine eigene Gesundheit kümmert (...).

Bei vielen Dingen in der Medizin und im menschlichen Leben entscheidet die Dosis über Nutzen und Schaden, so auch beim Sport. Es spricht zum Beispiel nicht für übergroßes Gesundheitsbewusstsein, wenn pro Winter rund hunderttausend Bundesbürger mit Skiverletzungen in ein Krankenhaus müssen und auch aus mancher falsch verstandener Fitness- oder Trimmbemühung kann gesundheitlicher Schaden resultieren. Es kommt also nicht darauf an, aus dem Stand heraus Höchstleistungen zu erzielen, Bewegung und Belastung müssen vielmehr dem Alter und der Leistungsfähigkeit angemessen sein.

Sport sollte auch Spaß machen und nicht in der Art der Fließbandarbeit, gleichsam wie in einer Lauftrommel betrieben werden; denn es sollen Körper, Seele und Geist gefördert werden. Sport kann so zu einer sinnvollen Freizeitgestaltung beitragen und den Menschen vor gesundheitsschädigendem passiven Unterhaltungskonsum schützen, der ihn außerdem der sozialen Isolation aussetzen kann, wenn zum Beispiel der abendliche Rückzug mit der Bierflasche vor den Fernseher zur Regel wird. Sport dagegen bietet die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen, Geselligkeit zu pflegen und den Erlebnisspielraum zu erweitern. Sport und Spiel gehören zusammen. (...)

Im Sinne moderner Gesundheitsberatung sollten auch die Ärzte zur körperlichen Aktivität, zur sportlichen Betätigung in allen Lebensaltern anhalten und anregen und die Patienten auch nach Krankheiten, seien es Verletzungen oder auch Herzinfarkte, zu angemessenem Sport ermutigen. Sicher müssen auch bei der Ärzteschaft die Kenntnisse über diese Zusammenhänge erweitert und vertieft werden. Aus diesem Grunde werden eine Reihe mit Sport zusammenhängender Themen inzwischen bei ärztlichen Fortbildungsveranstaltungen erörtert. Bei den Kongressen der Bundesärztekammer gehören sportärztliche Seminare heute zum festen Bestandteil. Diese gesundheitsberatende Tätigkeit sollte aber keineswegs eine Aufgabe der Ärzteschaft allein bleiben. Die heutige Veranstaltung gemeinsam mit dem Deutschen Sportbund sollte daher Nachahmung und eine große Resonanz in der Öffentlichkeit finden. Vernünftige Gesundheitsberatung, zu der bestimmt vorrangig die Beratung über die Bedeutung des Sports gehört, muss auch in der Gesundheitspolitik gebührend berücksichtigt werden. Bei allem Bemühen um mehr sportliche Betätigung sollte jedoch vermieden werden, dass aus Sport und Gesundheit ebensowenig wie aus der Jugend eine Art Ersatz-Religion gemacht wird. Sportliche Betätigung soll vielmehr den Menschen zu eigenem Handeln ermutigen und damit Eigeninitiative und Verantwortungsfreude stärken, um auf diese Weise das Leben lebenswerter zu machen oder zu erhalten."


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 20 / 17. Mai 2011, S. 29
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 25. Mai 2011