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GESCHICHTE/282: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 111 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 9 / 1. März 2011
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1976/III: Freizeitpolitische Konzeption als "Programm der Partnerschaft"
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 111)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Die Verabschiedung einer Freizeitpolitischen Konzeption des DSB sowie eines Gesamtausbildungsplans bildete den Abschluss des DSB-Bundestages am 18./19. Juni in Kiel, bei dem im Rahmen der Kundgebung "Sport - Freizeit - Arbeit" DSB-Präsident Willi Weyer, der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Heinz Oskar Vetter, und auch Hanns Martin Schleyer als Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände Grundsatzreferate hielten.

Mit der Konzeption beschloss das oberste DSB-Organ ein "Programm der Partnerschaft", in dem sich der Deutsche Sportbund verpflichtete, alles in seiner Kraft Stehende zu tun, um den Sport für alle Menschen zu öffnen. Gleichzeitig wurde aber auch vom Staat erwartet, dass er die Voraussetzungen dafür schaffe, dass sich jeder interessierte Bürger sportlich betätigen könne.


Die Präambel:

"Sport wird für immer mehr Menschen selbstverständlicher Inhalt ihres Freizeitlebens. Das Ziel des Deutschen Sportbundes 'Sport für alle' deckt deshalb ein elementares Bedürfnis der Bevölkerung. Damit die Voraussetzungen mit dem Bedürfnis Schritt halten, ist eine langfristige, integrierte Planung des Deutschen Sportbundes, seiner Verbände und Vereine einerseits, der Sportförderung durch die öffentliche Hände und der sportbezogenen Gesetzgebung andererseits, sowie eine Partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den anderen Trägern des Freizeitlebens notwendig. In dieser Absicht legt der Deutsche Sportbund seine freizeitpolitische Konzeption vor."


"Rolle des Sports im Freizeitleben":

"Das vom Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland garantierte Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit schließt die Erfüllung solcher elementaren menschlichen Bedürfnisse ein, die sich vorwiegend in der Freizeit des einzelnen Menschen verwirklichen lassen. Zu diesen Bedürfnissen gehören Bewegung, Turnen, Spiel und Sport für alle Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrem Alter, ihrer sozialen Lage und ihrer Leistungsfähigkeit. Der Deutsche Sportbund hat deshalb in seinem Programm 'Sport für alle' den Freizeit-, Breiten- und Spitzensport innerhalb und außerhalb der Turn- und Sportbewegung zusammengefasst, wobei er unter Freizeitsport die allgemein nicht wettkampforientierten sowohl von den Vereinen betreuten wie unorganisiert ausgeübten Formen des Sports und unter Breitensport vielgestaltige Formen des vorwiegend in Vereinen organisierten und wettkampforientierten Sports versteht. Die freie Zeit ist zur Erfüllung dieser elementaren Bedürfnisse besonders wichtig geworden; das ergibt sich u. a. durch die einschneidenden Veränderungen der modernen Lebens- und Arbeitsbedingungen. In keiner Generation vorher hat es deshalb so bewegungsarme Lebensbedingungen gegeben wie in der unsrigen.

Bewegung, Turnen, Spiel und Sport tragen zur Verbesserung der Lebensqualität bei, dies gilt

- für ihren Freizeitwert, denn sie bieten Gebrauchsformen für das Freizeitleben, die dem Menschen zur Selbstverwirklichung und zur Lebensfreude verhelfen;

- für ihren Gesundheitswert, denn sie bieten Vorsorge und Ausgleich gegen die Gefahren der Bewegungsarmut und tragen zur Erhaltung und Wiedergewinnung von Gesundheit und Vitalität bei;

- für ihren Bildungswert, denn sie vermitteln unaustauschbare Grunderfahrungen, Möglichkeiten der Selbstgestaltung und der Kreativität;

- für ihren Sozialwert, denn der Sport dient in hohem Maße der Begegnung von Menschen, ermöglicht damit vielfältige Formen der gesellschaftlichen Mitwirkung und fördert unmittelbar das gesellschaftliche Engagement.

Der einzelne Mensch und die Gesellschaft erleiden außergewöhnlichen Schaden, wenn das Bedürfnis nach Bewegung, Turnen, Spiel und Sport nicht erfüllt und damit ihr Freizeit-, Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwert nicht entfaltet wird. Der ursächliche Zusammenhang zwischen gestörtem Wohlbefinden und Bewegungsmangel ist unübersehbar. Die Vermehrung und Verbesserung des Bewegungs-, Spiel- und Sportangebotes in der Freizeit ist deshalb auch eine wichtige Maßnahme der sozialen Vorsorge zur Abwendung sonst unvermeidlicher und ständig wachsender Belastung des Einzelnen und der Gemeinschaft.

Turnen, Spiel und Sport sind Teil einer modernen Bildungs- und Freizeitpolitik; sie müssen deshalb unabhängig von Alter, Einkommen, Geschlecht und Leistungsfähigkeit an jedem Ort und nach persönlicher Neigung jedermann offenstehen. In diesem Sinne zählen die Angebote, Programme und Veranstaltungen der Vereine und Verbände sowohl zu den allgemeinen Bildungs- als auch zu den im Rahmen der Erwachsenenbildungs-Gesetze zu fördernden Maßnahmen."


"Beitrag zum Freizeitleben als Selbstverpflichtung des DSB":

"Der Deutsche Sportbund hat sich durch programmatische Erklärungen und durch praktische Aktionen ständig zu seiner Mitverantwortung für die Entwicklungen des Freizeitlebens in unserem Land bekannt. Er hat in den eigenen Reihen und weit darüber hinaus einen Prozess der Bewusstseinsbildung in Gang gesetzt, der in allen Ebenen seiner Organisation zu vielgestaltiger Anpassung des Sportangebots an die allgemeinen Bedürfnisse führte.

Der Deutsche Sportbund vertritt die Interessen aller Bürger für Turnen, Spiel und Sport in der Freizeit - unabhängig, ob sie Mitglieder oder Teilnehmer in den Turn- und Sportvereinen sind oder sich sportlich auf andere Weise betätigen. Der DSB setzt sich deshalb auch für das Recht aller Bürger ein, die sich nach ihren individuellen Bedürfnissen unorganisiert sportlich betätigen möchten.

Der Deutsche Sportbund beansprucht für den organisierten Sport kein Monopol. In Würdigung des Arbeitsumfanges und der Leistung seiner Vereine, Gemeinschaften und Gruppen erklärt er die betreute Ausübung des Sports zur ausdrücklichen Priorität in der Sportförderung. Bei der Ausgestaltung ihrer Angebote z. B. in Form von Kursen dürfen die Vereine nicht durch steuerliche Belastungen behindert werden.

Der Deutsche Sportbund lehnt eine Förderung kommerzieller Sportangebote ab, erkennt jedoch bei fachlicher, pädagogischer und medizinischer Unbedenklichkeit ihren Beitrag zur Ergänzung des Sportangebotes an. Anderen neuen Formen und Freizeitprogrammen bietet der DSB an, die Kooperation und Integration zu prüfen."


Ziele der Konzeption als "Programm der Partnerschaft":

"Seitdem sich der Deutsche Sportbund mit den Konsequenzen der Freizeitentwicklung für Ziele, Methoden und Inhalte des Sports auseinandersetzt, bekräftigt er die Notwendigkeit der Koordination aller beteiligten Einrichtungen. Moderne Freizeitpädagogik und Freizeitpolitik setzen einerseits größtmögliche Vielseitigkeit der Programme und Angebote, andererseits ein hohes Maß an Zusammenwirken und Abstimmung zwischen den freien Trägern und den Förderungsmaßnahmen der Kommunen, der Länder und des Bundes voraus.

Aus diesen Gründen hat der Deutsche Sportbund seinen Beitrag zur Freizeitentwicklung ständig auch mit anderen Partnern, u. a. mit Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, Arbeitgeberorganisationen, Ärzteschaft abgestimmt. Aus dem gleichen Grund ergriff er jene Initiative, die schließlich zur Gründung der Deutschen Gesellschaft für Freizeit führte.

Der Deutsche Sportbund begrüßt es deshalb auch, dass Bund, Länder, kommunale Spitzenverbände und Parteien Konzeptionen zu einer modernen Freizeitpolitik vorlegen und den Sport als einen wichtigen Inhalt des Freizeitlebens berücksichtigen. Der Deutsche Sportbund legt diese Freizeitpolitische Konzeption als ein Programm der Partnerschaft vor, das sich für alle Bürger an die öffentlichen Hände, die kommunalen Vereinigungen, die Parteien, die Arbeitgeber- und Arbeitnehmer-Organisationen, die Kirchen, die Medien und alle Institutionen wendet, die sich der humanen Entfaltung des Freizeitlebens verpflichtet fühlen."


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 9 / 1. März 2011, S. 30
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
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veröffentlicht im Schattenblick zum 11. März 2011