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GESCHICHTE/277: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 107 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 5 / 1. Februar 2011
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1975/V: Initiativen des DSB im "Internationalen Jahr der Frau"
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 107)

Eine Serie von Friedrich Mevert


In dem von der UNO für 1975 proklamierten "Internationalen Jahr der Frau" begrüßte das Präsidium des DSB die Initiativen des Bundesausschusses Frauensport, über einen Kongress Impulse für die weitere Entwicklung des Frauensports zu finden. Dieser fand am 19./20. September unter der Schirmherrschaft von Bundestagsvizepräsidentin Annemarie Renger in Bad Hersfeld statt und stand unter dem Thema "Chancen und Hemmnisse für die Frauen im Sport".

Zuvor hatte Ruth Brosche, die Vorsitzende des Bundesausschusses Frauensport, in einer Erklärung in der Sportpresse und in den Verbandszeitschriften zur verstärkten Mitarbeit aufgerufen:

"Als am Jahresanfang in der Bonner Beethovenhalle das von den Vereinten Nationen proklamierte 'Internationale Jahr der Frau' mit einer Ansprache des Bundespräsidenten eröffnet wurde, mag es nicht unbedingt allen Vertretern von Regierung, Parteien und Verbänden wohl gewesen sein.

Vor der Türe misstönendes Topfgeklapper einer Feministinnengruppe, deren Mitglieder, symbolisch aneinandergekettet, riefen: 'Schöne Reden sprengen unsere Ketten nicht', im Saal Feierstundenstimmung, Blumen, viel Prominenz, viele Reden und ein harmonisch aufspielendes Streichorchester! Über der Bühne prangte wieder einmal das Wort von der Gleichberechtigung, das wohl besser durch Chancengleichheit ersetzt worden wäre.

Der gute Wille aller Akteure ist unbestritten. Sicher gilt es, auf Missstände aufmerksam zu machen und auch die bei uns noch vorhandenen rechtlichen, politischen und sozialen Nachteile der Frauen zu beseitigen. Aber Worte hat man hierzulande oft gehört, ohne dass es zu Änderungen gekommen wäre.

Die Stellvertretende UN-Generalsekretärin, die Finnin Helvi Sipilae, deutete in Bonn das begonnene Jahr nicht nur als ein Jahr der Frau; sie meinte, es solle im Zeichen der Menschheit stehen. 'Wenn wir uns dieses Ziel setzen', so Frau Sipilae wörtlich, 'werden wir mit Sicherheit Lösungen für viele der uns bedrängenden Probleme finden, die nur durch die volle Mitwirkung von Männern und brauen bewältigt werden können.'

Diese Aussage hat auch Gültigkeit für den Deutschen Sportbund. Dazu bedarf es jedoch einer stärkeren Information und Mobilisierung der Frauen in allen Bereichen. Der Bundesausschuss Frauensport des DSB will versuchen, mit dem geplanten Kongress am 19./20. September 1975 in Bad Hersfeld seinen Beitrag zu diesem Jahr zu leisten.

Vier Hauptreferate und fünf Arbeitskreise (in letzteren soll die Theorie in anschließende Praxis umgesetzt werden) sprechen die Selbstverwirklichung im Sport, die Familie als Chance oder Hemmnis zur sportlichen Betätigung, den Sport als Chance oder Gefahr für die Gesundheit der Frau und die Wahl des Freizeitsports unter Berücksichtigung der biologischen Eignung und der Arbeitsbelastung der Frau an.

Zur Mitarbeit sind wir alle aufgerufen. Es wird an uns liegen, ob wir die Themen mit Leben erfüllen, sie in unseren Alltag, in die Arbeit für unsere Mitbürger umsetzen, oder ob sie für uns Schlagwörter bleiben."



Tag des ausländischen Mitbürgers 1975

In einem Modellseminar befasste sich der DSB Anfang September in Frankfurt mit dem "Sport für ausländische Mitbürger", das unter der Zielsetzung stand, die Mitwirkung der Turn- und Sportvereine bei der Eingliederung der seinerzeit rund zwei Millionen ausländischen Arbeitnehmer in die Gesellschaft durch vielfältige Sport- und Freizeitangebote zu verstärken. Dafür wurden in detaillierter Form zahlreiche Empfehlungen erarbeitet. Anlässlich des "Tages des ausländischen Mitbürgers" am 12. Oktober 1975 rief der Deutsche Sportbund alle Sportvereine auf, sich in diesem neuen Aufgabenbereich zu engagieren:

"Die Katholische Kirche Deutschlands bereitet zusammen mit der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Griechisch-Orthodoxen Metropole einen 'Tag des ausländischen Mitbürgers' vor, der für den 12. Oktober 1975 festgelegt worden ist. Bereits im Jahre 1970 wurde in der Bundesrepublik Deutschland auf Anregung der Kirchen in ökumenischer Zusammenarbeit an vielen Orten ein solcher Tag veranstaltet. Sinn dieses Tages ist es, Begegnungen zwischen Ausländern und Deutschen zu fördern, damit beide Gruppen Kontakt miteinander bekommen, voneinander lernen und einander anregen und bereichern können.

Das Präsidium des Deutschen Sportbundes hat bei seiner Sitzung am 28.2. bis 1.3.1975 in Frankfurt am Main einen Aufruf des DSB über die Landessportbünde an sämtliche Sportvereine in der Bundesrepublik Deutschland beschlossen, mit dem diese aufgefordert werden sollen, sich - allgemein - zusammen mit anderen örtlichen Institutionen und Gruppen an der Vorbereitung des 12. Oktober 1975 zu beteiligen und - speziell - für diesen Tag zusammen mit Ausländern sportliche Angebote zu entwickeln, die dazu motivieren können, ausländische Mitbürger in der Folgezeit in die 'Sport für alle'-Programme der Vereine aufzunehmen. Der 'Tag des ausländischen Mitbürgers' soll keine zentrale Großveranstaltung (z. B. mit einer Kundgebung in einer Großstadt) sein, sondern ein Tag (Sonntag) mit einer Fülle vielfältiger Veranstaltungen in möglichst vielen Orten der Bundesrepublik - mit Gottesdiensten und Frühschoppen am Vormittag, zwanglosen Diskussionsrunden sowie kulturellen und sportlichen Angeboten am Fachmittag. Es ist dabei wünschenswert, dass Deutsche und Ausländer (in örtlichen Ausschüssen) als gemeinsame Ausrichter auftreten. Mit der Gestaltung des einen Tages allein ist es nicht getan. Es geht um kontinuierliche Zusammenarbeit und Kontakte bei der Vorbereitung, der Durchführung und der Nacharbeit - als Voraussetzung für dauerhafte zwischenmenschliche Beziehungen zwischen Ausländern und Deutschen in der Bundesrepublik Deutschland.

Dabei ist es gleichgültig, welche Stelle auf örtlicher Ebene Jeweils die Initiative übernimmt. Es wird sicher auch möglich sein, die sportlichen Angebote mit größeren Veranstaltungen am Ort zu verbinden: mit Schützen-, Sänger- oder Feuerwehrfesten. Als Inhalte eignen sich vor allem solche Formen, die organisatorisch einfach sind, viel Spaß machen und an denen sich - der Eigenart unserer ausländischen Mitbürger gemäß - die ganze Familie beteiligen kann.

Die Initiative zum 'Tag des ausländischen Mitbürgers' soll eigentlich an jedem Ort von den Kirchen ausgehen. Wo das aber nicht der Fall ist, sollten sich die Sportvereine und andere Einrichtungen des Sports (z. B. städtische Sportämter, Sportinstitute der Hochschulen) nicht scheuen, von sich aus aktiv zu werden.

Zweiter Schritt wäre in einem solchen Fall die Ansprache der nötigen Partner am Ort: der Kirchengemeinden, der zuständigen Behörden von Stadt und Kreis (Sozialamt, Ausländerreferat, Jugendamt etc.), der Wohlfahrtsverbände, der Schulen, der Gewerkschaften und Betriebe, anderer örtlicher Vereine (nicht nur der Sportvereine) und örtlicher in- und ausländischer Militäreinheiten sowie der Lokalredaktionen von Presse, Funk und Fernsehen u. a. Ein solches gemeinsames Vorgehen erleichtert sicher auch die Finanzierung.

Ganz wichtig ist es, schon in der Vorbereitungszeit mit den ausländischen Mitbürgern Kontakt aufzunehmen und gemeinsame Ausschüsse zu bilden, die auch die Durchführung des Tages organisieren und dafür sorgen, dass die Ausländer auch später mit den Sportvereinen in Verbindung bleiben. In jeder städtischen Behörde gibt es einen für die Belange ausländischer Mitbürger verantwortlichen Mitarbeiter, der die Begegnung mit Sprechern der ausländischen Gruppen vermitteln kann.

Der Deutsche Sportbund und alle seine Mitgliedsorganisationen rufen ihre Turn- und Sportvereine auf, sich nach Kräften mit eigenen Angeboten am 'Tag des ausländischen Mitbürgers 1975' zu beteiligen und damit die Herausforderung an den Sport, 'Sport für alle' zu sein, durch praktische Mithilfe anzunehmen."


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 5 / 1. Februar 2011, S. 22
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 12. Februar 2011