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GESCHICHTE/273: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 104 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 50-52 / 14. Dezember 2010
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1975/II: Europäische Sportminister tagen erstmalig in Brüssel
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 104)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Nach der 1. Europäischen Sportjugendkonferenz 1971 in München und der 1. Europäischen Sportkonferenz 1973 in Wien traten 1975 erstmalig auch die nationalen Sportminister zu einer Konferenz auf der (west-) europäischen Ebene des Europarates zusammen. Im Dritten Sportbericht der Bundesregierung, erschienen im April 1976, heißt es darüber:

"Am 20./21. März 1975 tagte auf Initiative des Europarates die 1. Europäische Sportministerkonferenz in Brüssel. Teilnehmer waren neben den Sportministern einer Vielzahl westeuropäischer Länder Vertreter westeuropäischer Sportorganisationen. Die Sportministerkonferenz erzielte Einvernehmen über eine 'Europäische Charta des Sports für alle', in der u. a. das Recht des Einzelnen auf sportliche Betätigung ausdrücklich normiert ist. Sie verabschiedete außerdem - von einer allgemeinen Dankresolution abgesehen - drei Resolutionen.

Gegenstand der Resolution zum Thema 'Der Staat und der Sport für alle' (= die Rolle der Behörden hinsichtlich der Entwicklung des Sports für alle) sind insbesondere Fragen des Verhältnisses des Staates zum Sport sowie die besonderen Aufgaben des Staates auf dem Gebiet der Sportförderung, die primär in einer unterstützenden und ergänzenden Funktion gesehen werden. Das Bemühen, die europäische Kooperation im Bereich des Sports weiter voranzubringen, findet seinen Niederschlag in der Resolution 'Bereiche der Zusammenarbeit'. Im Mittelpunkt dieser Kooperation sollen Informationsaustausch und Koordinierung der wissenschaftlichen Forschung stehen.

Die vorstehende Resolution wird durch eine Resolution 'Strukturen der Zusammenarbeit' ergänzt. Sie enthält die Empfehlung der Sportministerkonferenz, einen 'Rat für die Entwicklung des Sports' (Council for the development of sport - CDS) als vierten Ausschuss des bestehenden 'Rats für kulturelle Zusammenarbeit' (Council for cultural cooperation - CCC) zu errichten und das 'Clearing house' in Brüssel - eine zentrale europäische Informations- und Dokumentationsstelle - weiter auszubauen.

Um eine möglichst enge europäische Zusammenarbeit zu erreichen, hat die Sportministerkonferenz angeregt, in kürzeren Zeitabständen Arbeitsgruppensitzungen der Sportminister zur Behandlung spezifischer Sportprobleme durchzuführen. Die erste Arbeitsgruppensitzung hat auf Einladung des britischen Minister of State for Sport and Recreation am 19./20. November 1975 in London stattgefunden. Beratungsgegenstand war die konkrete Ausgestaltung einzelner Kooperationsbereiche (z. B. Aufbau einer europäischen Sportdatenbank mit Hilfe des beim Bundesinstitut für Sportwissenschaft vorhandenen Sportinformationssystems (SUSIS).

Die Bundesregierung hat die Sportminister eingeladen, die nächste Arbeitsgruppensitzung in der Bundesrepublik Deutschland abzuhalten. Die II. Plenarsitzung der Europäischen Sportministerkonferenz ist für das Jahr 1977 oder 1978 in London vorgesehen." Die in Brüssel verabschiedete 'Europäische Charta des Sports für alle' hatte folgenden Wortlaut:

"Die für den Sport verantwortlichen Minister Europas, in Brüssel versammelt,

1. in Anerkennung des Ziels des Europarates, eine größere Einheit zwischen seinen Mitgliedern zu erreichen, um die Ideale und Prinzipien zu bewahren und zu verwirklichen, die ihr gemeinsames Erbe sind, und um ihren wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt zu erleichtern, besonders dadurch, dass sie gemeinsame Ziele verfolgen, um die europäische Kultur zu schützen und zu fördern;

2. in Erinnerung an die Empfehlung 588 (1970) der Beratenden Versammlung über die Entwicklung des Sports für alle und die Schaffung koordinierender Strukturen und an die Empfehlung 682 (1972) über eine Europäische Charta 'Sport für alle';

3. im Bewusstsein der Tatsache, dass der Sport, weil er schöpferische Tätigkeiten und die Erholung fördernde Beschäftigungen anbietet, verschiedenartige Beiträge zur persönlichen und sozialen Entwicklung leisten kann;

4. erneut bestätigend, dass der Mensch für sein körperliches und geistiges Wohl ein gewisses Maß an sportlicher Übung benötigt;

5. in Erkenntnis der Anziehungskraft des Sports für alle Schichten der Bevölkerung und seines besonderen Wertes in einer sich schnell verändernden Welt, die einerseits von immer mehr Freizeit bestimmt wird und andererseits von Verstädterung und technischer Entwicklung, die dazu führen können, den Menschen von seiner natürlichen Umgebung zu isolieren;

6. unter Betonung der Tatsache, dass die Idee des Sports für alle - 1966 zum ersten Male vom Europarat zur Förderung der lebenslangen Erziehung und kulturellen Entwicklung formuliert - zu einer Politik gehört, die es zum Ziele hat, den Nutzen des Sports so vielen Menschen wie möglich zugänglich zu machen;

7. die umfassende Art dieser Idee unterstreichend, die den Sport in vielen verschiedenen Formen umfasst - von der körperlichen Betätigung zur Erholung bis zum Hochleistungssport;

8. in Erkenntnis der Tatsache, dass der Sport für alle gewisse Probleme aufwirft, die in einem rein nationalen Rahmen nicht zufriedenstellend gelöst werden können;

9. damit im Zusammenhang erneut betonend, dass die Annahme gemeinsamer Prinzipien es ermöglichen würde, die Politik der einzelnen Nationen laufend aufeinander abzustimmen;

10. die bereits vom Rat für Kulturelle Zusammenarbeit und von verschiedenen anderen internationalen Gremien beim Aufstellen gemeinsamer Prinzipien geleistete Arbeit begrüßend;

11. in Erwägung der Tatsache, dass die Annahme einer Europäischen Charta 'Sport für alle', die diese Prinzipien definiert, eine gemeinsame Grundlage für die Aktionen der Regierungen und anderer Behörden bilden könnte; empfehlen dem Ministerausschuss des Europarates,

a) die Europäische Charta »Sport für alle» anzunehmen, deren Text hier folgt;

b) die Staaten, die vertragsschließende Teile des Europäischen Kulturabkommens sind, zu der Verpflichtung aufzufordern,
- in der Ausführung ihrer nationalen Politik die Prinzipien der Charta zu achten;
- sowohl auf nationaler Ebene als auch im europäischen Rahmen alle Vorkehrungen, gegebenenfalls einschließlich gesetzgeberischer Maßnahmen, zu treffen, um Verpflichtungen Wirksamkeit zu verschaffen, die sich aus der Charta ergeben.

Artikel I
Jeder Mensch hat das Recht, Sport zu treiben.

Artikel II
Der Sport soll als wichtiger Faktor der Entwicklung des Menschen gefördert und durch öffentliche Mittel angemessen unterstützt werden.

Artikel III
Der Sport als Aspekt der soziokulturellen Entwicklung soll auf örtlicher, regionaler und nationaler Ebene in Verbindung mit anderen Bereichen von Entscheidung und Planung behandelt werden: Erziehung, Gesundheit, Soziales, Raumordnung, Naturschutz, Künste und Freizeit.

Artikel IV
Jede Regierung soll eine ständige und wirkungsvolle Zusammenarbeit zwischen Staat und freiwilligen Organisationen begünstigen und die Bildung nationaler Strukturen fördern, die es erlauben, den Sport für alle zu entwickeln und zu koordinieren.

Artikel V
Es müssen Maßnahmen ergriffen werden, um den Sport und die Sportler vor jeder politischen, kommerziellen oder finanziellen Ausnutzung sowie vor missbräuchlichen und herabwürdigenden Praktiken, einschließlich des Gebrauchs von Drogen, zu bewahren.

Artikel VI
Da das Ausmaß der Teilnahme am Sport unter anderem von Größe, Vielfalt und Zugänglichkeit der Anlagen abhängt, soll deren Gesamtplanung als eine Angelegenheit der Regierungen betrachtet werden, lokalen, regionalen und nationalen Erfordernissen Rechnung tragen und Maßnahmen einschließen, die eine volle Nutzung bestehender und neuer Einrichtungen garantieren.

Artikel VII
Es sind Vorkehrungen - gegebenenfalls einschließlich gesetzgeberischer Maßnahmen - zu treffen, um für die Freizeitgestaltung den Zugang zur Natur sicherzustellen.

Artikel VIII
In jedem Programm für Sportentwicklung soll die Notwendigkeit des Einsatzes qualifizierten Führungspersonals auf allen Ebenen der verwaltungsmäßigen und technischen Leitung, in der Führung und im Training anerkannt werden."


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 50-52 / 14. Dezember 2010, S. 23
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 25. Dezember 2010