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GESCHICHTE/271: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 102 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 48 / 30. November 2010
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1974/V: Das Problem "Werbung am Mann" belastete den deutschen Sport
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 102)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Der "Missbrauch von Sportlern für die gewerbliche Werbung", wie es die Stiftung Deutsche Sporthilfe bezeichnete, während die Kurzformel "Werbung am Mann" hieß, war das am meisten diskutierte sportpolitische Thema des Jahres 1974 in den deutschen Sportverbänden und ihren Dachorganisationen. In chronologischer Reihenfolge sind nachfolgend die wichtigsten Beschlüsse zu diesem Problembereich aufgeführt:

Grundsatzbeschluss der Stiftung Deutsche Sporthilfe

"Der Vorstand der Stiftung Deutsche Sporthilfe hat in seiner Sitzung vom 11. Januar 1974 in Frankfurt am Main nach Anhörung von Vertretern des Sports, der Medien und der Wirtschaft folgende Beschlüsse gefasst:

1. Die Stiftung Deutsche Sporthilfe verurteilt den Missbrauch von Sportlern für gewerbliche Werbung.

2. Die Stiftung Deutsche Sporthilfe ist der Ansicht, dass sie nach den Grundsätzen der Stiftung und nach den Motiven der Mäzene der Stiftung gehalten ist, die Förderung von solchen Sportlern, Vereinen und Verbänden einzustellen, die aufgrund von Werbeverträgen Werbung für eine Firma oder Produkte mit Sportlern betreiben.

Die Stiftung macht damit klar, dass uneigennütziges Mäzenatentum und gewerbliche Werbung mit Sportlern nicht in Einklang gebracht werden können.

Die Stiftung ist der Meinung, dass sie mit diesem Beschluss in Übereinstimmung mit den Grundsätzen des Deutschen Sportbundes und des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland handelt."

Dieser Grundsatzbeschluss wurde durch Ausführungsbestimmungen vom 20. März ergänzt.

Mit einem karikierenden Poster "So brechen wir den Weltrekord! Im Werben .. Tips zur noch besseren Ausbeutung des Sportlers als Werbefläche. Die Deutsche Sportjugend" prangerte die DSJ Auswüchse in diesem Bereich an und begrüßte die Regelungen des Deutschen Fußball-Bundes, wonach Jugendspieler als Werbeträger ausgeschlossen werden.


Die Erklärung der DSJ lautete:

"Der Vorstand der Deutschen Sportjugend sieht die zunehmende Werbung auf Sportlerkleidung als ein ernstes Problem, das einer eindeutigen Klärung aller Beteiligten bedarf. Dieses Problem stellt sich besonders für die jugendlichen Sportler, die in weitaus größerem Maße die Entscheidungen von Vereinsvorständen als gegeben hinnehmen (müssen).

In der Suche nach Geldquellen für die anfallenden Unkosten zeigt sich die bedauerliche Tatsache, dass die öffentliche Hand und die Mitglieder der Vereine nicht in der Lage sind, einen qualifizierten Sportbetrieb finanziell zu sichern. In dieser Situation hat das mit offener Werbung verknüpfte Mäzenatentum von Unternehmen einige sportliche Maßnahmen ermöglicht. Eine bedenkliche Wandlung ist jedoch durch die Benutzung der Sportler als Werbeträger eingetreten und durch Vertragsabschlüsse mit Summen, die unabhängig von den steuerlichen Konsequenzen eine Abhängigkeit der betreffenden Vereine von den jeweiligen Unternehmen befürchten lassen. Der Vorstand der DSJ begrüßt die klare Regelung des Deutschen Fußball-Bundes, nach der zumindest jugendliche Sportler als Werbeträger ausgeschlossen werden und empfiehlt allen betroffenen Verbänden entsprechende Statuten als Minimalregelung. Er hält es für erforderlich, dass in diesem letztlich von moralischen Kriterien abhängigen Entscheidungsprozess der Wert der Persönlichkeit über den der finanziellen Zuwendungen gestellt werden muss."


Der Beschluss des NOK

Der entsprechende Beschluss der Mitgliederversammlung des NOK vom 16. November, gegen den sich Fußball-, Handball- und Basketball-Bund aussprachen, hatte folgenden Wortlaut:

"1. Werbung auf der Kleidung und auf Ausrüstungs-Gegenständen (z. B. Trikots, Trainingsanzügen, Bademäntel) ist im Wettkampfbereich unzulässig. Soweit aufgrund bestehender Verträge die Werbung auf der Kleidung und auf Ausrüstungsgegenständen bislang zugelassen ist, ist sie für offiziell von den Verbänden benannte Olympia-Kandidaten und die Mitglieder der Olympia-Mannschaften spätestens mit Beginn des Olympia-Jahres 1976 nicht mehr gestattet.

2. Die Bezeichnung der Hersteller auf Geräten für den Wettkampf, auf Kleidung und auf Ausrüstungsgegenständen ist gestattet, soweit die Regeln der internationalen Verbände sie zulassen; falls solche Regeln nicht bestehen, darf sie das handelsübliche Maß nicht überschreiten.

3. Werbung auf Startnummern ist nur gestattet, soweit die Regeln der internationalen Verbände sie zulassen.

4. Die Verwendung von Firmen- und Produkt-Bezeichnungen zum wesentlichen Zwecke der Werbung in Vereinsnamen und Emblemen ist durch die olympischen Fachverbände entsprechend ihren satzungsmäßigen Möglichkeiten zu verhindern."

DFB-Generalsekretär Hans Paßlack hatte seinerzeit im Rahmen der Debatte dem NOK das Recht bestritten, besondere Amateurregeln zu verordnen. Dies sei nach den Zulassungsbestimmungen des IOC vor allem Sache der internationalen Fachverbände.


Leitlinien für die Werbung im Sport

"Leitlinien für die Werbung im Sport" fasste dann der Hauptausschuss des DSB am 30. November im Frankfurter Römer in folgender Fassung:

"Die Werbung ist ein Teil unserer Marktwirtschaft. Die Werbung stellt den Sport in zunehmendem Maße vor besondere Aufgaben und Probleme. Um sie zu lösen, ist ein gemeinschaftliches Vorgehen der Turn- und Sportbewegung unabdingbar. Unter dieser Zielsetzung sollen nachstehende Leitlinien für die Werbung im Sport eine dem Sport angemessene Form der Werbung zum Vorteil der Turn- und Sportvereine und -verbände umreißen und Schaden vom Sport durch den werblichen Missbrauch der Sportler abwenden:

1. Gegen eine stationäre und vertraglich vereinbarte Bandenwerbung in Stadien und Hallen sowie gegen eine in diesem Rahmen vereinbarte Überdruckwerbung bei besonderen Veranstaltungen bestehen keine Bedenken; ihr gleichgestellt sind entsprechende Werbemaßnahmen an anderen Sportveranstaltungsorten.

2. Darüber hinausgehende nichtstationäre Werbung (Reiterwerbung usw.) in jeglicher Form wird abgelehnt.

3. Die Bezeichnung der Hersteller auf Geräten für den Wettkampf auf Kleidung und auf Ausrüstungsgegenständen ist gestattet, soweit die Regeln der Internationalen Verbände sie zulassen; falls solche Regeln nicht bestehen, darf sie das handelsübliche Maß nicht überschreiten.

4. Werbung auf Startnummern ist nur gestattet, soweit die Regeln der Internationalen Verbände sie zulassen.

5. Werbung auf Kleidung und auf Ausrüstungsgegenständen (z. B. Trikots, Trainingsanzüge, Bademäntel) ist im Wettkampfbereich unzulässig. Soweit aufgrund bestehender Verträge die Werbung auf der Kleidung und auf Ausrüstungsgegenständen bislang zugelassen ist, ist sie nach einer Übergangszeit, die vom jeweils zuständigen Spitzenverband festgelegt wird, spätestens jedoch ab 1. Januar 1976, nicht mehr gestattet. Der Abschluss neuer Verträge ist ab sofort unzulässig.

6. Die Verwendung von Firmen- und Produktbezeichnungen zum wesentlichen Zwecke der Werbung in Vereinsnamen und -emblemen ist künftig von den Mitgliedsorganisationen des DSB entsprechend ihrer satzungsmäßigen Möglichkeiten zu vermeiden.

7. Mitgliedsorganisationen des DSB, die bisher aufgrund von Beschlüssen ihrer zuständigen Gremien eine den Prinzipien dieser Leitlinien widersprechende Werbung im Sport zulassen, werden aufgefordert, die Werbung im Sport nach ihren gattungsmäßigen Möglichkeiten im Sinne dieser Leitlinien zu regeln.

Der Hauptausschuss des Deutschen Sportbundes fordert das Präsidium auf, in Verhandlungen mit den öffentlichen Händen einen finanziellen Ausgleich u. a. in der Steuergesetzgebung, Spendenbescheinigungskompetenz, Förderung bundeszentraler Stützpunkte (auch Vereine) für die ausgefallenen Mittel aus der Werbung sicherzustellen."


Am 14. Dezember schließlich fasste der Vorstand der Stiftung Deutsche Sporthilfe folgenden präzisierenden Beschluss:

"Aus der Verantwortung für die sozialgerechte Behandlung der von der Deutschen Sporthilfe betreuten Spitzsensportler wurden die Beschlüsse der Stiftung vom 11. Januar und 20. März 1974 - unter Berücksichtigung der Beschlüsse des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland vom 16. November 1974 und des Hauptausschusses des Deutschen Sportbundes vom 30. November 1974 - wie folgt weiter ausgefüllt:

1. Vereine, Gliederungen von Vereinen und Gruppen, die nach der Gründung der Stiftung Deutsche Sporthilfe am 26. Mai 1967 in ihre Namen Firmen oder Produkte aufgenommen haben, gelten als Vereine, deren Sportler Werbung betreiben.

2. Sportler, die auf ihrer Kleidung Werbung für Firmen oder Produkte betreiben - auch solche, die unter Ziffer 1. fallen - werden - soweit die Förderung nicht bereits eingestellt ist - vom 1. März 1975 an von der Stiftung Deutsche Sporthilfe nach Überprüfung jedes Einzelfalls nicht mehr gefördert.

Die Deutsche Sporthilfe will, dass mit dieser Entscheidung ein Höchstmaß an Gerechtigkeit im Sinne der Aufgabe der Stiftung als Sozialwerk für den Spitzensport erreicht wird. Die Deutsche Sporthilfe hält unverändert daran fest, dass Ungerechtigkeiten durch Doppelförderung vermieden werden müssen."


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 48 / 30. November 2010, S. 30
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
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veröffentlicht im Schattenblick zum 15. Dezember 2010