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GESCHICHTE/270: Dezember 1990 - Einheit im deutschen Sport wird vollzogen - Teil 18 und Schluß (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 48 / 30. November 2010
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

Dezember 1990: Die Einheit im deutschen Sport wird vollzogen
Aufnahme der neuen Landessportbünde in Hannover in den Deutschen Sportbund (Teil 18 und Schluss)

Von Friedrich Mevert


Es war der 15. Dezember 1990, als um 9,24 Uhr im Kuppelsaal der Stadthalle von Hannover 568 Delegierte der Mitgliedsorganisationen des DSB mit ihrer Stimmkarte mehr als zwei Monate nach der politischen Einheit nun auch die sportliche Einheit in Deutschland vollzogen. Mit dieser Abstimmung in der Sitzung des DSB-Hauptausschusses waren die fünf im September neugegründeten Landessportbünde in den Deutschen Sportbund aufgenommen worden und konnten als Mitglieder am sich zeitlich direkt anschließenden 21. DSB-Bundestag teilnehmen. Die vorangestellte Sitzung des Hauptausschusses war erforderlich geworden, weil diesem zweithöchsten Organ des DSB satzungsrechtlich die Aufnahme neuer Mitgliedsorganisationen oblag. Zehn Tage zuvor hatte der Bundesvorstand des DTSB bei seiner letzten Sitzung am 5. Dezember den Beschluss zur Auflösung des Deutschen Turn- und Sportbundes der (ehemaligen) DDR gefasst.

Unter dem Generalthema "Tradition - Einheit - Fortschritt" hatte die 21. Ordentliche Mitgliederversammlung des DSB als Festveranstaltung zum 40jährigen Bestehen des Deutschen Sportbundes bereits am 14. Dezember mit Grußworten von Bundesminister Rudolf Seiters, Kultusminister Prof. Rolf Wernstedt und Hannovers Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg sowie einem Festvortrag des Tübinger Historikers Prof. Dr. Hermann Bausinger begonnen, der - in Kurzform - den Sport im 20. Jahrhundert analysierte. 40 Jahre nach seiner Wahl zum ersten DSB-Präsidenten glänzte der 77jährige Ehrenpräsident Prof. Dr. h.c. Willi Daume noch einmal mit einer großartigen Ansprache.

Im parlamentarischen Teil am zweiten Tag der Mitgliederversammlung (15.12.) wurde der Übergangspräsident des ehemaligen DTSB, der Wernigeroder Bürgermeister und Präsident des DDR-Bob- und Schlittensportverbandes, Martin Kilian, zu einem der fünf DSB-Vizepräsidenten gewählt, aber in dieser Funktion bereits im November 1992 beim nächsten Bundestag in Berlin durch den sächsischen LSB-Präsidenten Andreas Decker abgelöst. Als Beisitzer im Präsidium wurden in Hannover aus den neuen Landessportbünden Prof. Dr. Gerhard Junghähnel (Brandenburg) und Prof. Dr. Manfred Thieß (Jena) gewählt. Als der mit großer Mehrheit in geheimer Wahl bestätigte DSB-Präsident Hans Hansen nach dem gemeinsamen Aufgabenkatalog für das kommende Jahrzehnt gefragt wurde, antwortete er kurz und knapp: "Ärmel aufkrempeln und anpacken!"

Am Wochenende vor dem DSB-Bundestag hatte es bei weiteren Fachverbänden entsprechende Vereinigungen gegeben. So wurden am 8. Dezember beim "Tag der Einheit im Radsport" in Leipzig die fünf ostdeutschen Landesverbände in den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) aufgenommen, so traten am gleichen Tag in Dortmund die ostdeutschen Handball-Landesverbände dem Deutschen Handball-Bund (DHB) bei, und so wurden am 9. Dezember in Bonn die ostdeutschen Landesverbände der Fechter Mitglieder des Deutschen Fechter-Bundes (DFB).

Vier Tage vor der Vereinigung hatte es übrigens noch am 4. Dezember bei der Handball-Weltmeisterschaft der Frauen 1990 im südkoreanischen Seoul ein Spiel um die Bronzemedaille zwischen den beiden deutschen Mannschaften gegeben, das das ostdeutsche Team des DHV mit 25:19 gegen die westdeutsche Auswahl des DHB gewonnen hatte. Nach den ersten gemeinsamen Deutschen Meisterschaften im Eiskunstlaufen vom 13. bis 16. Dezember in Berlin erfolgte die Aufnahme der ostdeutschen Landesverbände in die Deutsche Eislauf-Union (DEU) mit Wirkung zum 1. Januar 1991. Schwierigkeiten auch im sportlichen Vereinigungsprozess Handelte es sich bei der Zusammenführung des Deutschen Sports im auslaufenden Jahr 1990 noch um eine formale Angelegenheit, so wurde in den folgenden Monaten und Jahren deutlich, dass trotz des teilweise bis ins Detail vorberatenen konzeptionellen Ansatzes bei der Realisierung immer wieder Defizite und Schwierigkeiten entstanden. Die getrennte Entwicklung der sportlichen Strukturen in mehr als vier Jahrzehnten von der kommunalen Ebene bis zur Spitze in zwei völlig verschiedenen politischen Systemen führte immer wieder auch zu Differenzen und Spannungen, so dass es noch Jahre dauern sollte, bis endlich die erhoffte Normalität eintrat. Um - zwanzig Jahre später - nur an einige Probleme zu erinnern, seien die persönlichen und familiären Schicksale genannt, die durch die Entlassung von über 10.000 hauptamtlichen Mitarbeitern des aufgeblähten DTSB-Apparates entstanden. Zahlreiche Betriebssportgemeinschaften verloren bei der Umwandlung in selbständige rechtsfähige Vereine ihre finanzielle Basis, zumal auch ihre früheren Institutionen oder Förderbetriebe wirtschaftlich zusammenbrachen oder aufgelöst wurden. Die zwangsläufig einsetzende Abwanderung - oft auch Abwerbung - von Spitzensportlern aus ostdeutschen Sportclubs in westdeutsche Vereine und Leistungszentren erzeugte verständliche Spannungen auch in den betreffenden Verbänden.

Die allmähliche Aufdeckung politischer Verstrickungen von gerade gewählten Personen aus SED-Kadern in den neuen Sportorganisationen führte zu zahlreichen Wechseln. So mussten allein drei Präsidenten der fünf neuen Landessportbünde bereits nach kurzer Zeit wegen früherer Stasi-Aktivitäten von ihren Ämtern zurücktreten. Es mangelte nicht nur am Nachwuchs von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, sondern auch an ausreichenden Sportstätten für den Übungs- und Wettkampfbetrieb, da den ostdeutschen Kommunen die Mittel für die notwendige Sanierung der Sportanlagen fehlten.

In einer "realistischen Bestandsaufnahme" nahm der damalige DSB-Vizepräsident Manfred von Richthofen in der Sitzung des DSB-Hauptausschusses am 15. Juni 1991 in Bonn sowohl zu den Schwierigkeiten des sportlichen Vereinigungsprozesses wie auch zur Tätigkeit der eingesetzten Doping-Kommissionen Stellung. Präsident Hans Hansen betonte in seinem Bericht, dass das dramatische West-Ost-Gefälle, das die Existenz der Menschen und ihre soziale Lage unmittelbar betreffe, im sportlichen Bereich glücklicherweise nicht so drastisch spürbar sei. Er dankte für die dafür verantwortlichen Patenschaften und Solidarität im Sport und schloss mit einer dringenden Bitte an alle Delegierten: "Wir können es nur gemeinsam schaffen! Denn am Ziel sind wir noch lange nicht!"


Rückblicke nach zehn und zwanzig Jahren

Zehn Jahre nach dem Fall der Mauer zwischen beiden Teilen Deutschlands konnte DSB-Präsident Manfred von Richthofen dann jedoch in seinem Bericht zum Hauptausschuss am 27. November 1999 in Erinnerung an diese Ereignis die positive Feststellung treffen, dass "im Sport weitgehend zusammengewachsen ist, was zusammengehört." Und er ergänzte seine Bilanz:

"Voller Bewunderung und Dankbarkeit dürfen wir heute die Aufbauleistung des Sports in Ostdeutschland bilanzieren. Das, was in den Landessportbünden Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen und auch im Ostteil Berlins bisher mit großem Engagement geschaffen wurde, ist aller Ehren wert."

Durchgängig habe es einen beachtlichen Mitgliederaufschwung gegeben. Die Zahl der Vereine sei kontinuierlich gestiegen, und die Angebotspalette stehe der in den westlichen Bundesländern vielfach nicht nach. "Vor allem aber", so Richthofen, "registrieren wir die ungebrochene Begeisterungsfähigkeit an der Arbeit im Sport trotz manchmal widrigster Umstände. Denn es ist in erster Linie die Sportstätten-Situation, die das Wirken in vielen Bereichen sogar unzumutbar macht."


Die große Integrationskraft des Sports

Zum 20. Jahrestag der Wiedervereinigung am 3. Oktober 2010 konnte DOSB-Präsident Thomas Bach zu Recht betonen, dass der deutsche Sport mit seiner Integrations- und Symbolkraft einen maßgeblichen Teil zum Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten beigetragen habe. Im Sport sei dank dessen großer Integrationskraft vieles einfacher. Dies habe sicher dazu beigetragen, dass die Einheit des Sports leichter gelungen sei als in anderen Teilen der Gesellschaft.

Allerdings sei, so sagte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, der Weg zur Einheit des Sportes auch "steinig und beschwerlich" gewesen, denn "der Sport war nicht nur damit beschäftigt, in den neuen Bundesländern eine neue Basis zu schaffen. Es galt auch, das Erbe der Probleme von Stasi und Doping zu bewältigen. Das forderte die ganze Kraft, aber hier hat der Deutsche Sportbund Maßstäbe gesetzt, auch wenn rückblickend betrachtet sicher nicht alles richtig gemacht worden ist", erklärte Bach.


Die bleibenden Probleme Doping und Stasi

Im Jahr der Vereinigung 1990 seien Probleme nicht ausgeblieben. "Die Doping-Problematik und das Stasi-Thema begleiten den Sport bis heute. Vor allem beim Doping werden wir die geschichtliche Aufarbeitung weiter vorantreiben. Denn um eine bessere Zukunft gestalten zu können, müssen wir aus den Fehlern der Vergangenheit lernen", betonte Thomas Bach.

Er verwies in diesem Zusammenhang auch auf das an der Universität Leipzig laufende Forschungsprojekt "Doping in Deutschland", das sich mit dem Doping in Ost und West beschäftigt und dessen erste Ergebnisse Ende Oktober in Leipzig der Öffentlichkeit vorgestellt wurden.


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 48 / 30. November 2010, S. 26
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 11. Dezember 2010