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GESCHICHTE/269: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 101) (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 47 / 23. November 2010
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1974/IV: Ziele und Aufgaben im Frauensport
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 101)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Der Bundesausschuss für Frauensport im Deutschen Sportbund (DSB) führte vom 29. bis 31. März 1974 seine Vollversammlung in Neustadt an der Weinstraße durch. Die Sportwissenschaftlerin Prof. Ilsa-Maria Sabath (Münster), die seinerzeit selbst nicht für ein Vorstandsamt kandidierte, da sie bereits ein Führungsamt im DSB innehatte, unterbreitete der Vollversammlung jedoch schriftlich Vorstellungen von einer Intensivierung der Arbeit des Bundesausschusses:

"Auf der Grundlage der bisherigen Empfehlungen des Bundesausschusses Frauensport zu Fragen der Ausweitung des Frauensports, des Spitzensports der Mädchen und Frauen und der Gewinnung von weiblichen Führungskräften sind u. E. nachstehende Aufgaben vordringlich:

I. Unser Ziel ist die auf Sachkenntnis und Kooperationsfähigkeit beruhende integrierte Mitarbeit der Frau für alle Funktionen des Vereins- und Verbandslebens.

Erste Aufgabe des neuen Vorstandes sollte es sein, die bisherigen Bemühungen um eine integrierte Mitarbeit der Frauen in den Führungsgremien aller Ebenen der Selbstverwaltung des Sports weiter auszubauen.

Nur wenn die Aufgabenfelder für eine verantwortliche Mitarbeit klar abgesteckt und für die an einer Mitarbeit interessierten Frau durchsichtig gemacht werden, können wir mit verstärkter Bereitschaft der Frauen rechnen.

Der geplante Katalog 'Aufgaben, Rechte und Pflichten einer Referentin für Frauensport' sollte schnell erstellt werden.

Durch kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit ist die Bewusstseinsbildung auf unterster Ebene voranzutreiben, dass Mädchen und Frauen zur integrierten verantwortlichen Mitarbeit in den Entscheidungsgremien bereit sind.

Bei der vielerorts stattfindenden Umstrukturierung der Vereine und Verbände und der damit verbundenen Änderung von Satzungen ist die verantwortliche Mitarbeit der Frau (auch als mögliche Leiterin eines Sachressorts) sicherzustellen. Dort, wo es notwendig erscheint, ist durch eine vorübergehende 'Schutzklausel' in der Satzung die Mitarbeit wenigstens einer Frau im Vorstand zu sichern.

Es erscheint mancherorts noch notwendig, dass die Frauen, die in einem Sachressort mitarbeiten oder verantwortlich ein Aufgabengebiet leiten, weiterhin die Möglichkeit erhalten, in einem eigenständigen Gremium (z. B. Fachausschuss Frauenarbeit) ihre Arbeitsrichtlinien aufzustellen, Sachfragen der Frauenarbeit aufeinander abzustimmen, Anregungen der Untergliederungen entgegenzunehmen, Schwerpunkte festzulegen und Erfahrungen der Ressortarbeit auszutauschen. Ein solches Gremium hat sich mit ihrer leitenden Referentin für Frauenarbeit der betreffenden Gliederung des Verbandssport oder des Vereins zu verstehen.

Frauen müssen mehr als bisher befähigt werden, verantwortliche Aufgaben übernehmen zu können. Wir benötigen qualifizierte ehrenamtliche Mitarbeiterinnen als Übungsleiter oder Organisationsleiter.

Lehrgänge aus dem Themenbereich 'Führen und Verwalten' sind mit gezielten Schwerpunkten (z. B. Menschenführung, Rhetorik, Diskussionsschulung, Sitzungs- und Versammlungstechniken; Planung und Organisations, Rechts- und Wirtschaftsfragen) anzubieten. Die Lehrgänge sind für Frauen und Männer auszuschreiben.


II. Die klar erkennbaren Tendenzen zum verstärkten Frauensport verlangen auf der Grundlage der Ergebnisse der Umfragen, die im Auftrag des DSB von ALLENSBACH und EMNID zum Frauensport durchgeführt wurde,

1. die Planung und Durchführung von Modellversuchen zur Ausweitung des Frauensports für Vereine verschiedener Größenordnungen, die die Wünsche von Frauen mehr als bisher berücksichtigen (besonders auf dem Lande und in Kleinstädten), die die Gruppe der 18 bis 25jährigen Mädchen und Jungen besonders ansprechen, die Formen des Familiensports entwickeln.

2. Wissenschaftliche Untersuchungen (Feldforschung) zur geschlechtsspezifischen motorischen Entwicklung und zum Leistungsverhalten, zur geschlechtsspezifischen Sozialisation im Vereinssport.

3. Erstellung einer Dokumentation zum Frauensport (geordnet nach den Disziplinen der Sportwissenschaft).

4. Forschungsauftrag für die Entwicklung familiengerechter und familienfreundlicher Erholungs-, Spiel- und Sportanlagen.


III. Eine verbesserte Kooperation der Selbstverwaltungsgremien des Sports ist erforderlich:

Enge Zusammenarbeit der Abteilung Frauensport mit allen übrigen Sachressorts des DSB, Verbesserung der Zusammenarbeit der Referenten für Frauensport der Verbände und der Landessportbünde mit dem Bundesausschuss Frauensport, sowie eine schnellere gegenseitige Information über geplante Vorhaben etc."


Meldungen: Stärkerer Mitgliederanstieg als bei den Männern

Die Zahl der weiblichen Mitglieder im DSB hat sich 1973 nicht zuletzt durch den Einfluss der Olympischen Spiele in München erheblich gesteigert. Die Zuwachsrate liegt bei 8,2 Prozent, das ist mehr als das Doppelte der Zuwachsrate der männlichen Mitgliederzahlen. Beachtlich vor allem ist der Zuwachs im Volleyballverband, in dem die Zahl der Frauen um 55 Prozent gestiegen ist.

Der Deutsche Turnerbund meldet bereits eine halbe Million mehr weibliche als männliche Mitglieder. Das Verhältnis im DSB (1:2,5) hat sich so stark verbessert, dass sich die Frauen aus ihrer früheren Randgruppenposition zu einem wesentlichen Bestandteil des DSB entwickelt haben.


Frauenvertretung beibehalten

Trotz dieser Entwicklung hält der Bundesausschuss Frauensport eine Interessenvertretung der Frau noch immer für erforderlich; er empfiehlt aber, die Position Frauenwart(in) in Referent(in) für Frauensport umzubenennen, um ein antiquiertes Image abbauen zu helfen. Der Bundesausschuss wendet sich gegen eine voreilige und verfrühte Auflösung der Frauenvertretung, da sonst die guten Ansätze zu kooperativer Mitarbeit der Frau wieder zunichte gemacht werden. Mit dieser aktuellen und im Wandel befindlichen Problematik wird sich der Bundesausschuss auf seiner nächsten Vollversammlung zu befassen haben. Es wird das wichtigste Anliegen des Bundesausschusses Frauensport sein müssen, qualifizierte Frauen für die Mitarbeit im Sport zu gewinnen und zu fördern. Der Bundesausschuss hofft, dass die Mitgliedsorganisationen des DSB den Frauen verstärkt Möglichkeiten bieten in leitende Funktionen hineinzuwachsen. Letztlich sollte auch der Weg in das höchste internationale Sportgremium, das IOC, den Frauen geöffnet werden.


Für familiengerechte Anlagen

Das besondere Interesse des Bundesausschusses Frauensport galt dem Familiensport. Voraussetzung für die sportliche Betätigung der Familie sind entsprechende Sportanlagen, deren Schaffung bislang bei weitem noch nicht ausreichend berücksichtigt wurde. Es war dem Bundesausschuss Frauensport ein besonderes Anliegen, familiengerechte und familienfreundliche Erholungs-, Spiel- und Sportanlagen zu fordern. Eine entsprechende Resolution wurde vom Präsidium des DSB befürwortet und an die kommunalen Spitzenverbände weitergeleitet.


Leitfaden zum Frauen-Leistungssport

Der Bundesausschuss Frauensport wird ein Buch zu sportmedizinischen Fragen des Frauenleistungssports herausgeben. Es bietet all denen, die im Frauensport tätig sind, Informationen über die Leistungsfähigkeit weiblicher Jugendlicher in den verschiedenen Entwicklungsstufen bezüglich Schnelligkeit, Kraft, Ausdauer und Geschicklichkeit, über geschlechtsspezifische Unterschiede im Wachstum und in der Entwicklung Jugendlicher, über Trainingsmethoden aus der Praxis und über die Intersexualität im Frauenleistungssport.


Bundestagspräsidentin tritt für die Frau im Sport ein

"In den Sportorganisationen sind die Frauen noch immer unterrepräsentiert. Das ist ein höchst unerfreulicher Zustand, der von den Frauen allein nicht behoben werden kann. Etwas weniger Egoismus der Männer wäre schon ein wichtiger Schritt". Mit diesen Worten charakterisiert Annemarie Renger, die Präsidentin des Deutschen Bundestages, in einem Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (SID) die Rolle der Frau im Sport.

Eine weitere große Aufgabe der Sportpolitik liegt nach Meinung von Annemarie Renger im Breitensport: "Im Bereich des Leistungssports haben wir erhebliche Verbesserungen erzielt. In unserer Gesellschaft sind aber ausreichende Spiel-, Sport- und Erholungsmöglichkeiten für alle Altersgruppen eine Notwendigkeit, die meiner Meinung nach in ihrer vollen Bedeutung noch nicht überall erkannt worden ist. Mir liegt vor allem daran, die Erfordernisse familiengerechter Anlagen besonders hervorzuheben. Gesetzliche Bestimmungen für die Bauträger, bei der Errichtung von Wohnsiedlungen gleichzeitig Spiel- und Sportmöglichkeiten zu schaffen, sind nicht weniger notwendig als Bestimmungen für die Errichtung von Autogaragen."


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 47 / 23. November 2010, S. 24
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 27. November 2010