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GESCHICHTE/260: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 94 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 40 / 05. Oktober 2010
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1973/II: 1. Europäische Sportkonferenz vereint West- und Osteuropa
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 94)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Schon Mitte der sechziger Jahre war bei bilateralen Sportbegegnungen und am Rande von Sitzungen des Europarates die Idee entwickelt worden, ein Kontaktforum unter dem Namen "Europäische Sportkonferenz" ins Leben zu rufen. Daran sollten - über den damaligen "Eisernen Vorhang" hinweg - verantwortliche Persönlichkeiten der nationalen Sportorganisationen und/oder der staatlichen Institutionen des Sports möglichst aller europäischen Länder teilnehmen. Besondere Initiativen gingen dabei von der Zentrale des DSB in Frankfurt am Main in der Person des damaligen Generalsekretärs Karlheinz Gieseler aus. In den Vorgesprächen kristallisierte sich heraus, dass ein neutrales Land mit gleichermaßen guten Beziehungen zu den west- wie den osteuropäischen Sportverbänden am besten als erster Veranstalter auftreten sollte. So lud dann die österreichische Bundessportorganisation (BSO) vom 12. bis 17. Mai 1973 zur "1. Europäischen Sportkonferenz" unter dem Patronat der UNESCO nach Wien ein.

Dabei gab es erstmals die Möglichkeit, gesellschaftspolitische Fragen des Sports und Themen wie den Sportstättenbau, die Erkenntnisse beim Sport beider Geschlechter und die Rolle der Massenmedien bei der Forderung nach einem "Sport für alle" offen über gesellschaftspolitisch unterschiedliche Systeme hinweg miteinander zu diskutieren.

Die Konferenz endete mit dem Bekenntnis, dass solche Zusammenkünfte ein geeignetes Mittel seien, engere Kontakte zwischen den nationalen Organisationen und staatlichen Institutionen des Sports herzustellen, den Erfahrungsaustausch zu verstärken, Fragen und Probleme von gemeinsamem Interesse zu beraten sowie Lösungsvorschläge auszuarbeiten. Es wurde außerdem beschlossen, Europäische Sportkonferenzen zu einer ständigen Einrichtung zu machen. Schließlich wurde die DDR mit der Ausrichtung der 2. Europäischen Sportkonferenz 1975 betraut.

Zum Abschluss der Konferenz verabschiedeten die Teilnehmer die nachfolgende Erklärung:

"Die an der Ersten Europäischen Sportkonferenz teilnehmenden Repräsentanten der nationalen Organisationen und staatlichen Institutionen des Sports aus 25 europäischen Ländern geben ihrer Befriedigung über das Zustandekommen und den erfolgreichen Verlauf dieser Konferenz Ausdruck.

Die aktive Teilnahme und schöpferische Mitgestaltung einer so großen Anzahl nationaler Sportorganisationen und Institutionen unterstreicht die Bedeutung der 1. Europäischen Sportkonferenz ebenso wie die Tatsache, dass der Bundespräsident der Republik Österreich, Franz Jonas, in einer Grußbotschaft an die Teilnehmer die Durchführung der Konferenz würdigte und die UNESCO durch den einführenden Beitrag ihres Generaldirektors Renè Maheu am Beginn der Konferenz deren Ziele und Anliegen nachdrücklich unterstützte.

Alle Teilnehmer sind sich einig, dass es gerade in der heutigen Zeit, in der die Völker Europas danach streben, für europäische Zusammenarbeit und Sicherheit einzutreten, auch in den Bereichen des Sports in allen europäischen Ländern das Bedürfnis stark angewachsen ist, die humane und soziale Mission des Sports umfassend und tiefgründig zu realisieren und wirkungsvolle Beiträge zur Verständigung, zur freundschaftlichen Zusammenarbeit ohne Unterschied der Rasse, Religion und politischen Auffassungen zu leisten.

Die Vertreter der teilnehmenden Länder sind der übereinstimmenden Auffassung, dass die Konferenz in einer freundschaftlichen und verständnisvollen Atmosphäre verlief. Sie wurden in ihrer Absicht bestätigt, dass derartige Konferenzen ein geeignetes Mittel sein können, engere Kontakte zwischen den nationalen Organisationen und staatlichen Institutionen des Sports herzustellen, den Erfahrungsaustausch in allen Bereichen des Sports zu verstärken, Fragen und Probleme von gemeinsamen Interesse zu diskutieren sowie Lösungsvorschläge auszuarbeiten.

Es erfüllt die Teilnehmer der 1. Europäischen Sportkonferenz mit Genugtuung, dass sie gerade jetzt ein deutliches Zeichen dafür zu setzen vermochten, dass der Sport für die Beziehungen zwischen den Völkern ebenso bedeutsam, wie für das Wohl jedes Volkes selbst sein kann. Die 1. Europäische Sportkonferenz hat bewiesen, dass sich für die nationalen Sportorganisationen und Institutionen ein weites Feld enger und konstruktiver Zusammenarbeit eröffnet. Auch vielfältige bilaterale Kontakte konnten hergestellt, fortgesetzt und erweitert werden. Der Verlauf der Konferenz legt Zeugnis dafür ab, dass es nützlich und notwendig ist, derartige Konferenzen, auf denen auch Bilanz der Zusammenarbeit gezogen sowie neue Wege und Methoden zu ihrer Vertiefung erörtert werden, in der Regel alle 2 Jahre durchzuführen. Die 1. Europäische Sportkonferenz nimmt mit Zustimmung zur Kenntnis, dass die Sportorganisation der Deutschen Demokratischen Republik bereit ist, die nächste Europäische Sportkonferenz 1975 in ihrem Lande durchzuführen. Die Sportorganisation Dänemarks erklärte ihre Bereitschaft, 1977 Gastgeber der Europäischen Sportkonferenz zu sein.

Die Konferenz bittet die Sportorganisationen und Institutionen jener Länder, die im Vorbereitungskomitee für die 1. Europäische Sportkonferenz vertreten waren (Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Österreich, Schweden, UdSSR und Ungarn) zusammen mit Vertretern der Sportorganisation der Deutschen Demokratischen Republik die zweite Europäische Sportkonferenz 1975 vorzubereiten.

Die UNESCO wird gebeten, einen Beobachter in das Vorbereitungskomitee zu entsenden. Alle Teilnehmer der Ersten Europäischen Sportkonferenz sagen ihren herzlichen Dank für die liebenswürdige Gastfreundschaft, die sie in Wien empfangen haben. Diesen Dank richten sie vor allem an die österreichische Bundes-Sportorganisation, an das Bundesministerium für Unterricht und Kunst und an die Stadt Wien, aber auch an alle Referenten und Diskussionsredner, sowie an die CIEPS, die zum guten Gelingen der Konferenz beigetragen haben.
Wien, 16. Mai 1973"

Starke DSB-Bedenken gegen internationale Schulsportwettbewerbe Nachdrücklich wandte sich der Deutsche Sportbund 1973 gegen die Ausweitung schulischer Sportwettbewerbe auf europäischer und internationaler Ebene. Darüber berichtete der Sportinformationsdienst (sid) im folgenden Beitrag:

"Der Deutsche Sportbund hat seine Bedenken gegen die Internationale Schulsport-Föderation (ISF) und deren Schulwettbewerbe auf internationaler Ebene in einem Schreiben von Präsident Dr. Wilhelm Kregel an die Kultusminister der Länder und die befreundeten Dachorganisationen in anderen Ländern deutlich zum Ausdruck gebracht.

Der DSB und seine Fachverbände beobachten die Entwicklung der ISF mit einer umfangreichen und komplizierten Organisationsstruktur mit Sorge. Schon wurden zum Teil mit deutscher Teilnahme Europäische Schulmeisterschaften sogar mit Nationalmannschaften (Leichtathletik) durchgeführt. Der DSB hält es für bedenklich, dass Kultusministerien einzelner Bundesländer die Tätigkeit der ISF unterstützen, sich an deren Wettkämpfen beteiligen und sogar die Gründung einer eigenen Schulsportorganisation in der Bundesrepublik Deutschland über die Kultusministerkonferenz (KMK) herbeiführen wollen.

Der DSB weist in diesem Zusammenhang auf die Fülle von Problemen hin, die mit einer Mitgliedschaft verbunden sind: Überschneidungen mit den Aufgaben der Sportverbände; Störung des systematischen Trainingsaufbaus; Verschlechterung der unbefriedigenden Situation im Schulsport, weil zusätzlicher sachlicher und personeller Aufwand für die Vorbereitung der Spitzenathleten unter den Schülern notwendig wird.

Dr. Kregel weist ferner auf die vorbereitete Vereinbarung zwischen KMK und DSB hin, wonach schulische Wettkämpfe in keinem Fall über die Bundesebene hinausgehen sollten. Darüber besteht keine Meinungsverschiedenheit. Ähnliche Bedenken wurden von den Sportorganisationen anderer Länder geäußert, selbst in Norwegen und Schweden, die eigene Schulsportverbände besitzen."


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 40 / 5. Oktober 2010, S. 32
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
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veröffentlicht im Schattenblick zum 20. Oktober 2010