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GESCHICHTE/257: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 92 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 38 / 21. September 2010
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1972/V: Ein glanzvoller Tag des offenen Wortes
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 92)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Ausführlich berichteten die Zeitschriften der Landessportbünde und Verbände in ihrer Dezember-Ausgabe 1972 über die am 11. November im Frankfurter Römer stattgefundene 11. Hauptausschuss-Sitzung des DSB, bei der der Reformprozess im deutschen Sport im Mittelpunkt der Diskussionen stand:

"Es gab keine Sieger, und es gab keine Verlierer. Auf der elften Hauptausschuss-Sitzung des Deutschen Sportbundes, die praktisch die höchste und breiteste Ebene des bundesdeutschen Sports darstellt, gewann das parlamentarische Selbstverständnis wieder an Boden. Ein kämpferischer DSB-Präsident Wilhelm Kregel, ein unverblümter Willi Daume, ein höchst aggressiver Josef Neckermann, ein eckiger DSB-Vizepräsident Hans Gmelin und ein massiver Willi Weyer sorgten am 11. November in Frankfurt für einen glanzvollen Tag des offenen Wortes.

Eine durch große Leistungen und geistige Autorität geprägte zehnjährige Alleinherrschaft Willi Daumes hatte zwangsläufig jene demokratischen Tugenden verschüttet, die nun notwendig sind, um die von vielen Seiten geforderten und in zahlreichen Diskussionspapieren niedergelegten Struktur- und Organisationsänderungen in einen Reformprozess umzumünzen. Der verbale Schlagabtausch im Frankfurter Römer, in demokratischen Parlamenten selbstverständlich, überraschte den Beobachter deshalb, weil er ihn gar nicht mehr für möglich gehalten hatte.

Zielobjekt der Frankfurter Kraftprobe war der Deutsche Sportbund. Ihm sollten nach den Vorschlägen des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland, des Bundesausschusses für Leistungssport und des Sporthilfevorsitzenden Josef Neckermann Verantwortungsbereiche genommen werden. Die Aufgliederung des bundesdeutschen Sports in neue Kategorien, wie Breitensport, Leistungssport und Hochleistungssport (Teilnahme an Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften), und das Streben nach mehr Souveränität bestimmter Gruppen unter dem Dach des DSB musste jene Traditionalisten in der Bundesrepublik erschrecken, die auf ihren DSB als das erste demokratisch gewählte Forum des deutschen Sports seit 25 Jahren so stolz sind.

Und in der Tat sieht es so aus, als hätte der Josef Neckermann-Plan mit dem Überbau eines Sportparlaments mit einem Sportpräsidenten in Kanzlerfunktion ebensowenig eine Chance wie Willi Daumes Vorstoß auf die Mitsprache im Bereich des Leistungs- und Hochleistungssports seitens des NOKs.

- Wäre der Hauptausschuss des Deutschen Sportbundes seiner Punktion als Sportparlament immer so gerecht geworden wie am 11. November 1972 in Frankfurt, so hätte es manche Kommunikationsschwierigkeit mit Sicherheit überhaupt nicht gegeben.

Die Meinung des DSB-Präsidenten Dr. Wilhelm Kregel, man solle doch niemanden eine Krise des Deutschen Sportbundes einreden, und Josef Neckermanns Auffassung, "das ständige Gerede von der Einheit des bundesdeutschen Sports" seien "Phrasen", zeigen nur die weite Skala extremer Aufrechnungen.

Durch die nach den Olympischen Spielen in München zwangsläufig entstandene Aktionsleere, die strapazierte Sportführer vielleicht nervöser als sonst agieren und reagieren lässt, ist die elfte Hauptausschusssitzung emotionell aufgeladen worden, ohne dass man den Sachfragen Gewalt angetan hätte.

- Jeder der Redner von Frankfurt hatte für seinen Teil die rechten Argumente:

Kregel mit seinem Führungsanspruch für den DSB.
Daume mit der Forderung nach mehr Einfluss für das NOK.
Neckermann mit seiner zornigen Klage über falsch verstandene Ordnungsprinzipien oder
Weyer mit seiner Warnung vor dem Staat.

Man wird zusammenkommen müssen! Der Prozess des Fortschritts durch Annäherung vollzieht sich am schnellsten."


Und in einem Kommentar von Karl Bellmer (K.B.), des damaligen DSB-Pressechefs, zu dieser Hauptausschusssitzung hieß es ergänzend:

Mehr Klarheit durch Debatte mit hohem Gehalt

"Wochenlang bot sich dem Sportinteressenten nach den Olympischen Spielen ein verwirrendes Bild. Da tauchten Zitate aus 'vertraulich' gestempelten Plänen in Zeitungen auf, gab es öffentlich vorgetragene Diskussionsbeiträge, Spekulationen über Personal- und Sachfragen - eine irritierende Vielfalt unterschiedlicher Meinungen und Stellungnahmen. Dabei ging es in allen Fällen um Strukturfragen des deutschen Sports, um die klare Abgrenzung der Aufgaben und Kompetenzbereiche. Am Schluss war der sportliche Herr Jedermann eher verärgert als aufgeklärt.

Der Hauptausschuss des Deutschen Sportbundes hat diesen Nebel zerrissen, indem er die Chance nützte, die er in der Vergangenheit nicht immer sah: das Plenum für die Diskussion aller Grundsatzfragen zu sein. In einer Debatte, die mit ihrem Gehalt jedem hohen Parlament zur Ehre gereicht hätte, artikulierten alle Sprecher der Mitgliedsorganisationen wie in einer mitreißenden Rede schon vorher Präsident Dr. Kregel: Der Deutsche Sportbund ist die Dachorganisation des Sports in der Bundesrepublik und muss es bleiben!

Die mühsam errungene Einheit des Sports darf nicht aufs Spiel gesetzt werden. Das schließt nicht die Verpflichtung aus, veraltete Formen und Strukturen durch bessere zu ersetzen und speziell auch für den Leistungssport mit seinen eigenen Anforderungen eine Konstruktion zu finden, die höchste Effektivität sicherstellt. Die Forderung des Nationalen Olympischen Komitees, künftig beim Leistungsaufbau der Olympiamannschaften ein größeres Mitsprecherecht zu erhalten, blieb unwidersprochen.

Zwar ist auch auf der 11. Hauptausschuss-Sitzung in Frankfurt noch kein Idealmodell vorgestellt worden. Das war auch nicht Aufgabe dieser Sitzung und konnte nicht erwartet werden. Alle Beteiligten sehen nun aber wohl klarer."


Bundeskanzler Willy Brandt: Sport ist ein bedeutender Teil moderner Gesellschaftspolitik

Ein umfassendes und realistisches Sportförderungsprogramm, Verbesserung des Schul- und Hochschulsports, Bau weiterer Spiel-, Sport- und Freizeitanlagen für alle Bevölkerungsgruppen sowie eine Verstärkung der Zahl der Sportpädagogen, Trainer und Übungsleiter für den Schul-, Vereins- und Leistungssport nannte Bundeskanzler Willy Brandt als Schwerpunkte der Sportförderung für den Bundestag in der kommenden Legislaturperiode.

In einem Interview mit dem Sport-Informations-Dienst in seiner Eigenschaft als SPD-Vorsitzender erklärte Brandt: "Ich bin sicher, dass diese Notwendigkeit von allen Beteiligten erkannt wird."

In seiner Regierungserklärung im Oktober 1969, in der er eine verstärkte Sportförderung ankündigte, habe er nicht zuviel versprochen, erklärte Brandt. "Wir haben nicht nur unsere Versprechungen erfüllt, sondern wir konnten darüber hinaus noch weitere Maßnahmen planen, einleiten oder verwirklichen helfen." Als Beispiele zitierte er das "Aktionsprogramm Schulsport", den Aufbau des Bundesinstituts für Sportwissenschaft und den Ausbau von Sportstätten für die Bundeswehr. Außerdem nannte er die Hilfe des Bundes für die Stadien aus Anlass der Fußball-Weltmeisterschaft 1974. Brandt verneinte Befürchtungen, wonach sich staatliche Organe zu sehr in der Sportförderung engagieren könnten. "Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall", sagte der Bundeskanzler. "Über viele Jahre hinweg ist die Sportförderung allerdings unterbewertet worden. Für meine Partei ist der Sport ein bedeutender Teil in einer modernen Gesellschaftspolitik."

Auf die Frage, ob er die Hoffnung gehabt hätte, dass mit den Olympischen Spielen 1972 ein Beitrag zu besseren Sport- und Jugendkontakten zwischen der Bundesrepublik und der DDR geleistet würde, antwortete Brandt: "Ja, diese Hoffnung hat nicht getrogen. Die Spiele haben nach vielen Jahren deutscher Streitereien in den internationalen Sportorganisationen bewiesen, dass Begegnungen von Sportlern zwischen der Bundesrepublik und der DDR ohne Gezänk und ohne unverständliche Diskussionen um Protokollfragen möglich sind. Ich erwarte, dass der Abschluss eines Grundlagenvertrages zwischen der Bundesrepublik und der DDR auch neue Möglichkeiten im Bereich der Jugend und des Sports eröffnet."


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 38 / 21. September 2010, S. 15
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 28. September 2010