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GESCHICHTE/256: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 91 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 37 / 14. September 2010
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1972/IV: Zwei Kommentare zu Entwicklungen im Sport im Olympiajahr
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 91)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Bei der 11. Sitzung des DSB-Hauptausschusses am 11. November 1972 im Frankfurter Römer gab es einen verbalen Schlagabtausch über Strukturfragen und Kompetenzabgrenzungen mit dem Ergebnis, dass der DSB die Dachorganisation des Sports in der Bundesrepublik sei und die Einheit nicht aufs Spiel gesetzt werden dürfe.

Mit den vielfach kritisch diskutierten Entwicklungen zur Organisation des Leistungs- und des Breitensports in der nacholympischen Diskussion innerhalb des DSB hatten sich zuvor Karl Hoffmann (LSB Nordrhein-Westfalen), noch heute Mitarbeiter der DOSB PRESSE, und Hans-Peter Schössler (LSB Rheinland-Pfalz), heute Lotto-Geschäftsführer in Rheinland-Pfalz, in ihren seinerzeit bundesweit abgedruckten Kommentaren befasst:

Fragezeichen um den Deutschen Trimm-Club

"Am 5. April 1972 wurde in Düsseldorf der Deutsche Trimm-Club gegründet. 'Trimm Dich', das Magazin für 'Sport und Freizeitgestaltung', das vorerst in einer Auflage von 60.000 Exemplaren vierteljährlich zweimal herauskommt, stellte in seiner Nummer 3 die Frage: 'Warum Deutscher Trimm-Club?' und gab auch gleich die Antwort: 'Weil es längst schon Trimm-Clubs in Holland, den skandinavischen und anderen Ländern gibt.'

Diese ausgesprochen lahme Begründung schien den Landessportbünden und Bundesfachverbänden nicht so ganz zu passen. Kein Mensch hat etwas gegen holländische Deiche oder norwegisches Abendrot. Aber dass man einen deutschen Trimm-Club bilden muss, weil es andernorts schon welche gibt, verwundert doch sehr.

Mehr zu denken gibt allerdings die andere Frage in 'Trimm Dich', das in Zukunft den organisierten (freien) Trimmern, die ja angeblich von Organisation (im Verein) nichts wissen wollen, zusätzlich zu einem Versicherungsschutz gegen Unfall bei der Sportausübung für den lächerlichen Monatsbeitrag von 2,30 Mark ins Haus flattert: 'Warum überhaupt noch'n Verein?' Trimm-Präsidiumsmitglieder, die bisher im Brustton der Überzeugung erklärten, der Trimm-Club sei keine Konkurrenz für die Vereine, haben offensichtlich ihr eigenes 'Verbandsorgan' noch nicht gelesen.

Das aber ist die entscheidende Frage: geht der in Vereinen und Verbänden organisierte Breitensport nicht auf die Dauer zugrunde, wenn zu einem Spottpreis solche Leistungen geboten werden können und noch eine Ermäßigung beim Besuch von Sportstätten erreicht werden soll? Immerhin sitzen im Trimm-Club-Präsidium Vertreter der Verbände, die sich in ihren Verbandsbereichen für den zeitgemäßen Monatsbeitrag zwischen fünf und zehn Mark eingesetzt haben.

Ungemütlich wird es einem bei dem Gedanken an diesen Trimm-Club, der nach seiner inzwischen verabschiedeten zweiten Satzung nun Teil des Deutschen Sportbundes ist und sich seiner Führung unterwirft. Wie will der DSB die Interessen der Verbände und Vereine wahren und zugleich den Trimm-Club fördern, der seine Dienstleistungen an proSport abgetreten hat?

Am 18. März verweigerte das DSB-Präsidium das erwartete grüne Licht, am 5. April mußten die proSport-Manager trotzdem handeln, denn die Konkurrenz war rege geworden, am 4. Mai gab es Kontaktgespräche, dann den DSB-Bundestag in Berlin, dann 12 Forderungen des DSB, der Landessportbünde und Fachverbände, schließlich die Ausarbeitung einer neuen Satzung und die außerordentliche Mitgliederversammlung am 9. August. Dort fand die eigentliche Hochzeit statt.

Professor Dr. Jürgen Dieckert (Oldenburg), der Vorsitzende des DSB-Bundesausschusses für Breitensport, wurde Präsident. Einige Präsidiumsmitglieder, die das seit der Gründungsversammlung am 5. April artigerweise schon vorgehabt hatten oder zurückgepfiffen worden waren, traten zurück, und die Vertreter der Verbände zogen ein.

Was können sie dort tun? Wer in der so oft schlecht gemachten Arbeit der Vereine und Verbände steht, wird ein ungutes Gefühl nicht los. In einem anderen Zusammenhang wurde einmal die Frage gestellt, ob die Vereine die siebziger Jahre überleben. Nie war das aktueller als heute.

Karl Hoffmann"


Das Veto der Landessportbünde

"Die Vorsitzenden der Landessportbünde haben sich in ihrer Sitzung am 14. und 15. Oktober 1972 in Saarbrücken in einer für den Sport entscheidenden Frage einmütig gezeigt. Sie demonstrierten für die Einheit des Deutschen Sportbundes im Hinblick auf Bestrebungen, den Bundesausschuß für Leistungssport aus dem DSB auszugliedern und im Bundesinstitut für Sportwissenschaften zu integrieren.

Diese Einhelligkeit in einer sportpolitisch relevanten und zugleich brisanten Frage ermutigt. Zeigt sie doch, daß zumindest der eine Flügel im DSB, den anderen bilden die Bundesfachverbände, nach wie vor und vielleicht sogar verstärkt den Willen hat, jedem Separatismus die kalte Schulter zu zeigen. Und dieser Mut zur Entschlossenheit und zur Stärkung des Deutschen Sportbundes, der nicht von ungefähr zur größten Organisation auf freiwilliger Basis in der Bundesrepublik geworden ist, scheint in der Tat dringend erforderlich. Die bedauerlicherweise in den letzten Jahren feststellbaren Auflösungserscheinungen festgefügter Ordnungen haben auch am Haus des Deutschen Sportes Spuren hinterlassen.

Wann endlich, so muß man sich ernsthaft fragen, werden einige Sportführer, deren allzu ehrgeiziges Streben unverkennbar in falsche Richtungen zielt, erkennen, daß der Sport nur gesellschaftskonkurrierend und anerkannt sein kann, wenn er sich als eine Einheit präsentiert. Und auch, daß der Leistungssport auf der einen Seite und der Breiten- und Freizeitsport andererseits trotz der Verschiedenartigkeit und der akzeptierten Zweisäulentheorie unter ein Dach, nämlich das des DSB, gehören.

Fast scheint es ein wenig makaber, daß an der krankhaften Besessenheit einiger weniger, die dem Sport einen Gefallen zu tun glauben, etwas zerbrechen sollte, was in mühevoller Kleinarbeit und unter Überwindung mancher Rückschläge, sprich Förderung des Leistungssports, erst in der gewünschten Intensität vor München aufgebaut wurde.

Die Landessportbünde haben deutlich gemacht, daß der Verein im Mittelpunkt aller Überlegungen stehen muß. Auch von Überlegungen, die Konzentrationen und Reformen bedingen. Das ist aber nur dann erreichbar, wenn alle an einem Strang ziehen und persönliche Animositäten und übersteigertes Selbstbewußtsein im Dienst der Sache zurückstellen.

Hans-Peter Schössler"


Die Erklärung der Landessportbünde hatte folgenden Wortlaut:

"Der deutsche Sport hat nach dem Kriege zum ersten Male in seiner Geschichte im Deutschen Sportbund (DSB) eine einheitliche Organisation gefunden. Diese Einheit in der Vielfalt der Mitgliederorganisationen des DSB bildete die Grundlage für die Entwicklung des deutschen Sports in den letzten Jahrzehnten, eine Entwicklung, die sich in elf Millionen Mitgliedern, in 40.000 Vereinen, in Leistungs- und Breitensport ausdrückt und zu den größten gesellschaftlichen Nachkriegsleistungen gerechnet wird.

Die Präsidenten der Landessportbünde appellierten anläßlich ihrer Arbeitstagung in Saarbrücken an alle verantwortlichen Kräfte im deutschen Sport, diese Einheit zu erhalten und den DSB als die gemeinsame sportpolitische Führungsspitze weiter zu festigen, um den gewonnenen Rang und die allgemeine Anerkennung der Turn- und Sportbewegung nicht zu gefährden.

Der Sport bedarf jedoch auch der fortlaufenden Anpassung an die veränderten gesellschaftspolitischen Erfordernisse. Alle Überlegungen in dieser Richtung müssen den Verein als Träger dieser Bewegung in den Mittelpunkt stellen. Mit dieser Zielsetzung bildeten die Landessportbünde eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Hermann Neuberger mit Hans Gmelin, Willi Klein (Koblenz) und Hubert Heckmann. Die Ergebnisse dieser Arbeitsgruppe sollen dem Präsidium des DSB bei seinen Entscheidungen helfen."


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 37 / 14. September 2010, S. 24
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 22. September 2010