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GESCHICHTE/250: August 1990 - Noch vier Monate bis zur sportlichen Einheit - Teil 14 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 31-34 / 3. August 2010
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

August 1990: Noch vier Monate bis zur sportlichen Einheit (14)
Hohes Tempo bei der Vereinigung der deutschen Fachverbände

Von Friedrich Mevert


Gab es noch im Vormonat Juli vor zwanzig Jahren bei einigen Fachverbänden auf beiden Seiten der ehemaligen Zonengrenze Verzögerungen bei den Vereinigungsfortschritten, so setzte dann der Beschluss der Volkskammer vom 23. August 1990 über den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland zum 3. Oktober 1990 auch klare zeitliche Fristen für die sportliche Einheit. Nachfolgend ein Überblick über den Verhandlungsstand bei den wichtigsten Verbänden im August 1990:

Bei den Amateurboxern planten die Landesverbände des DBV der DDR den Beitritt zum DABV der Bundesrepublik am 8. Dezember in Bochum; der DDR-Basketballverband beabsichtigte seine Auflösung am 4. November und den Beitritt zum DBB am 24. November in Hagen, und die Schlittensportler wollten ihre Vereinigungsmodalitäten im September beraten und bereits bei den Weltmeisterschaften im Januar 1991 mit einer gesamtdeutschen Mannschaft an den Start gehen.

Die DDR-Eishockeyvereine traten mit Wirkung vom 11. September in München dem Deutschen Eishockey-Bund (DEB) bei; zum 1. Januar 1991 waren der Beitritt der DDR-Landesverbände des Deutschen Eislauf-Verbandes zur DEU und bereits im Dezember dann gesamtdeutsche Meisterschaften in Berlin geplant, und als Termin für den Beitritt der DDR-Eisschnellläufer zur DESG war der Tag der staatlichen Vereinigung am 3. Oktober vorgesehen. Die Fechter planten den Zusammenschluss unmittelbar nach der staatlichen Vereinigung und vollzogen ihn dann am 9. Dezember in Bonn.

Der Deutsche Fußball-Verband der DDR plante seine Auflösung zunächst erst im Mai/Juni 1991 nach dem bis dahin zu erfolgenden Beitritt seiner fünf Landesverbände zum DFB, doch wurde die "Fußball-Einheit" dann doch bereits am 21. November durch den Beitritt des neuen Nordostdeutschen Verbandes in den DFB am DFB-Gründungsort Leipzig vollzogen. Die Handballer sahen den 1. Januar 1991 als Vereinigungstermin vor. Zunächst waren noch mit dem Weltverband (IHF) die unterschiedlichen Qualifikationsrechte beider Verbände zu den bevorstehenden Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen zu klären, doch nach deren Regelung gab es die "Handball-Einheit" schon am 8. Dezember in Dortmund. Im Hockey wurde zwar als spätester Termin für den Beitritt des DDR-Verbandes der 31. März 1991 festgesetzt, aber dann doch bereits am 3. November in Hürth vollzogen.

Im Judo sollten die neugegründeten DDR-Landesverbände am 1. Januar 1991 dem DJV beitreten, vollzogen wurde der Beitritt am 2. Februar 1991. Im Kanusport war der Zusammenschluss beim DKV-Verbandstag im April 1991 vorgesehen, und in der Leichtathletik wurde über die Beitrittsanträge der DDR-Landesverbände beim DLV-Verbandstag am 24. November in Salzgitter entschieden. Der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) nahm die fünf DDR-Landesverbände am 8. Dezember in Leipzig in seine Reihen auf. Der Deutsche Pferdesport-Verband der DDR beabsichtigte den Beitritt zur Deutschen Reiterlichen Vereinigung zum 1. Januar 1991. Im Ringen war als Vereinigungstermin der beiden Verbände der 1. Januar geplant, ebenso im Schießsport und im Rudern. Bei den Ruder-WM Anfang November in Australien sollten allerdings - auch nach der staatlichen Einheit - noch zwei getrennte Mannschaften starten. Im Schwimmsport traten die ostdeutschen Landesverbände dem DSV am 19. Oktober bei, wenige Tage später erfolgte die Vereinigung der Tischtennis-Verbände am 23. Oktober in Frankfurt/Main und wiederum fünf Tage später die der Triathleten in Nürnberg.

Der Deutsche Tennis-Bund nahm die fünf DDR-Landesverbände bei seiner Mitgliederversammlung am 9. Februar 1991 in Berlin auf; bereits am 8./9. September 1990 in Hannover vollzog sich der Beitritt der fünf ostdeutschen Landesturnverbände in den Deutschen Turner-Bund, und am 8. Dezember traten die entsprechenden DDR-Landesverbände in Berlin dem Deutschen Volleyball-Verband bei.


Weitgehende Einigung bei den NOK

Auch die Beratungen über die Vereinigung der beiden deutschen NOK kamen zügig voran. Nachdem am 7. August in Baden-Baden Vizepräsident Dr. August Kirsch sowie Generalsekretär Walther Tröger für die bundesdeutsche Seite und Präsident Dr. Joachim Weiskopf sowie Generalsekretär Wolfgang Gitter für die DDR-Seite vor allem Struktur- und Personalfragen verhandelt hatten, waren sich am 17. August die Führungsgremien beider NOK nach einem gemeinsamen Gespräch mit IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch im Ost-Berliner Grand Hotel über den Weg zur Vereinigung weitgehend einig. Als Termin für den Zusammenschluss wurde der 17. November in Berlin vorgesehen.

Auf politischer Ebene beschloss die DDR-Volkskammer in einer Sondersitzung nach stundenlangen Beratungen in der Nacht vom 22. auf den 23. August, dass der Beitrittstermin der DDR-Länder zur Bundesrepublik der 3. Oktober 1990 sein solle. Am 31. August unterzeichneten Bundesminister Dr. Schäuble und DDR-Staatssekretär Krause im Kronprinzenpalais in Ost-Berlin den in der Nacht zuvor abschließend ausgehandelten und dann durch die Kabinette in Bonn und Ost-Berlin gebilligten Einigungsvertrag.

In diesem Vertrag wurden auch für den Sport in Kapitel VIII wesentliche Regelungen getroffen. So wurden in Artikel 39 festgelegt:

"(1) Die in dem in Artikel 3 genannten Gebiet in Umwandlung befindlichen Strukturen des Sports werden auf Selbstverwaltung umgestellt. Die öffentlichen Hände fördern den Sport ideell und materiell nach der Zuständigkeitsverteilung des Grundgesetzes.

(2) Der Spitzensport und seine Entwicklung... wird, soweit er sich bewährt hat, weiter gefördert. Die Förderung erfolgt im Rahmen der in der Bundesrepublik Deutschland bestehenden Regeln und Grundsätze nach Maßgabe der öffentlichen Haushalte in dem in Artikel 3 genannten Gebiet. In diesem Rahmen werden das Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) in Leipzig, das vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) anerkannte Dopingkontrollabor in Kreischa (bei Dresden) und die Forschungs- und Entwicklungsstelle für Sportgeräte (FES) in Berlin (Ost) - in der jeweils angemessenen Rechtsform - als Einrichtungen im vereinten Deutschland in erforderlichem Umfang fortgeführt oder bestehenden Einrichtungen angegliedert.

(3) Für eine Übergangszeit bis zum 31. Dezember 1992 unterstützt der Bund den Behindertensport."

Einige weitere wichtige Daten für die sportliche Vereinigung im Monat August seien noch in Kurzform genannt:

Am 9. August beriet das DTSB-Präsidium über die notwendige Reduzierung des hauptamtlichen Mitarbeiterstabes von 9.000 DTSB-Beschäftigten bis auf 2.300 bis zum Jahresende;
Am 19. August fanden in Dresden die letzten DDR-Meisterschaften in der Leichtathletik statt, bei denen es auch um die Qualifikation für die Europameisterschaften Ende August in Split ging;
Am 28. August forderte in Bonn der Vorsitzende des Sportausschusses des Deutschen Bundestages, Ferdi Tillmann (CDU), Bundespostminister Schwarz-Schilling auf, ab 1991 Jährlich Postsondermarken mit Zuschlagserlösen zugunsten des Sports herauszugeben, um damit dem erhöhten Finanzbedarf für die Sportförderung im vereinten Deutschland entsprechen zu können;
In ihrer Arbeitstagung in Frankfurt forderten die Hauptgeschäftsführer der Landessportbünde des DSB, dass die in Gründung befindlichen neuen Landessportbünde in der Noch-DDR an den Erträgen der Lotteriegesellschaften beteiligt werden sollten und dass geprüft werden müsse, ob nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten ein neuer "Goldener Plan" für den Sportstättenbau im ehemaligen DDR-Gebiet geschaffen werden könne.

Doch auch das war unter der Überschrift "Sporthistoriker werden es schwer haben" in der Presse zu lesen. So berichtete "Die Brücke" am 15. August über die systematische Verbrennung von DDR-Sportakten in der Zentrale des DTSB in der Ost-Berliner Storkower Straße u. a.: "Seit die demokratische November-Revolution in der DDR auch der SED-Herrschaft über den Sport ein Ende bereitete, waren und sind zahlreiche kommunistische Sportfunktionäre um ihre Vergangenheitsbewältigung und um ihre Zukunft besorgt.

Akten, insbesondere die üblen Kaderakten, können da leicht zum Verhängnis werden. Bevor sich der ehemalige Vizepräsident des DTSB, Franz Rydz, selbstmörderisch in den See bei Kienbaum stürzte, verbrannte er Akten.

Wie zuverlässig bekannt wurde, sind auch bis in die jüngste Zeit beim DTSB belastende Akten planmäßig ein Raub der Flammen geworden.

Ein weiteres Beispiel dafür, dass es Sporthistoriker demnächst schwer haben werden, die Geschichte von 40 Jahren DDR-Sport aufzuarbeiten."


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 31-34 / 3. August 2010, S. 17
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 7. August 2010