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GESCHICHTE/239: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 81 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 24 / 15. Juni 2010
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1971/I: DSJ: "Moderner Dreikampf" gegen Umweltverschmutzung
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 81)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Erika Dienstl, langjährige Vorsitzende der Deutschen Sportjugend (DSJ), später Vizepräsidentin und dann Ehrenmitglied des Deutschen Sportbundes (DSB), schrieb im Jahr 2000 in dem Buch "In einem Jugendberghaus fing es an ..." zum 50jährigen Bestehen der DSJ in ihrem Beitrag "Sport und Umwelt - vom bestaunten DSJ-Plakat zum IOC-Thema" einleitend:


"Als sich die Deutsche Sportjugend vor nahezu 30 Jahren des Themas 'Sport und Umwelt' als erste Sportorganisation überhaupt annahm, hatte niemand ahnen können, dass es später zu einem der drei Schwerpunkte des Internationalen Olympischen Komitees neben Sport und Kultur werden würde. Zunächst schwankte man auch im Bereich des Sports zwischen Amüsement und Befremden, als die Deutsche Sportjugend 1971 eine Plakataktion unter dem Titel: 'Moderner Dreikampf: 1. Kampf um sauberes Wasser, 2. Kampf um saubere Luft, 3. Kampf um saubere Umwelt. Umweltverschmutzung: Todesurteil für den Sport. Die Deutsche Sportjugend' startete. Damals standen die meisten Verantwortlichen in den Sportorganisationen noch auf dem Standpunkt, dass dies keine Problematik sei, mit der sich der Sport auseinandersetzen müsse. Aber wie bei vielen sportpolitischen Aktivitäten der früheren und der späteren Jahre war auch hier die Deutsche SportJugend der Vorreiter. (...) Und auch beim Bundesauswahllager für die Jugendlichen, die am Jugendlager der Olympischen Spiele 1972 in München teilnehmen wollten, war das Verhältnis 'Sport und Umwelt' ein aktiv gestaltetes Thema.

Unter der herausfordernden Überschrift 'Sport 1980' versuchte die Deutsche Sportjugend mit einem so genannten Müllfestival im Berliner Olympiastadion zu verdeutlichen, dass nur der sensible Umgang mit den Ressourcen der Natur den Sport in die Lage versetzen würde, seine Aktivitäten ohne gesundheitsschädigende Wirkung auszuüben. Manfred Steffny schrieb damals: 'Es gibt nur drei Alternativen: Aufgeben, Auswandern oder Verändern', als er sich mit dem Thema 'Sport und Umwelt' beschäftigte.

Da weder Aufgeben noch Auswandern in Frage kam, begann der deutsche Sport sein Bemühen um Veränderung. Nach dem Beginn durch die Deutsche Sportjugend dauerte es aber noch einige Jahre, bis der Deutsche Sportbund mit seinem weitsichtigen Präsidenten Willi Weyer zunächst den Wissenschaftlichen Beirat beauftragte, sich des Themas anzunehmen und anschließend 1982 beschloss, eine Präsidialkommission 'Sport und Umwelt' ins Leben zu rufen. Ich wurde als ehemalige DSJ-Vorsitzende und frisch gekürte Vize-Präsidentin des DSB mit der Leitung dieser Präsidialkommission betraut. Es war nicht leicht, zum einen die Vorurteile der Naturschutzorganisationen gegen den Sport abzubauen und zum anderen sachkundige Personen für die Mitarbeit zu gewinnen. Aber es war sicher ein guter Entschluss, in diesen Arbeitskreis auch Personen außerhalb des Sports, die im Umweltbereich tätig waren, zu berufen, So konnte der Bundestag des Deutschen Sportbundes 1984 bereits die 'Umweltpolitischen Grundsätze des Deutschen Sportbundes' verabschieden. Sie wurden 1997/98 aktualisiert und vom Bundestag des DSB in der heutigen Form 1998 bestätigt. (...)

Beim IOC-Kongress 1999 in Rio de Janeiro wurde dann eine Resolution verabschiedet, die auch von den Forderungen des deutschen Sports geprägt ist. Ich hatte Gelegenheit, zum Thema 'Umweltbildung im Sport' zu referieren.

Wenn man bedenkt, dass der Deutsche Sportbund bereits seit 1985 seinen Informationsdienst (Sport schützt Umwelt) viermal jährlich sowohl als Informationsquelle wie als Diskussionsplattform für Sportverbände aber auch für Meinungsäußerungen außerhalb des Sports herausgibt, ist es sicher nicht vermessen, festzustellen, dass der damalige Versuchsballon der Deutschen Sportjugend im Hinblick auf die Plakataktion 1971 der erste Schritt in die richtige Richtung war. Die Sensibilisierung ist gelungen, wenn auch von der heutigen Agenda 21 der Olympischen Bewegung zu diesem Thema bis zur handfesten Umsetzung noch viel zu tun bleibt. Es bleibt das Verdienst der Deutschen SportJugend, damals den Anstoß zu heute selbstverständlichen Aktivitäten gegeben zu haben."

Der in der April-Ausgabe 1971 der DSJ-Zeitschrift "Olympische Jugend" veröffentlichte Aufruf der Deutschen Sportjugend und ein ergänzender Kommentar hatten folgenden Wortlaut:


"Moderner Dreikampf

1. Kampf um sauberes Wasser
2. Kampf um saubere Luft
3. Kampf um saubere Umwelt

Umweltverschmutzung: Todesurteil für den Sport

Die Deutsche Sportjugend

Zerstören die 'Unverantwortlichen' unsere natürlichen Lebensordnungen?
- oder: Machen wir es ihnen - und uns - von jetzt an nicht mehr so leicht!

Die Bilanz des Europäischen NaturschutzJahres 1970: Aufrufe gegen Waldbrände bei Nizza, ein Naturschutzpark im Bayerischen Wald, viel Papier, fulminante Statistiken, endlose Festreden, Parteiengezänk, Nachrufe, Emotionen ohne praktische Auswirkung, frustrierte Mitarbeiter - aber hinter unserem Gartenzaun steht das Gespenst der Luftverschmutzung, des Gewässersterbens, der Vergiftung von Ackerkrume und Lebensmitteln und der Verwandlung der freien Natur in Abfallhaufen.

Unsere Gesetze - als stammten sie aus der Zeit des Biedermeier - können das nicht verhindern, aber sie bestrafen den Wanderer, der geschützte Blumen an seinen Hut steckt. Ob sich wohl jemand findet, der uns Wanderer und Blumenkinder selbst noch rechtzeitig davor beschützt, dass wir die für unser Leben so notwendigen Dinge zerstören? Die Industrie und ihre Produkte vergiften die Luft und verändern Klima und Sonnenstrahlung. Mangelhaft gereinigte Abwässer lassen einen Bach, einen Fluss, einen See nach dem anderen zur Kloake werden - die wir aufbereitet wieder trinken. Sogar das offene Meer ist schon zu mehr als einem Drittel geschädigt an Lebewesen und Lebensraum. Der Schrott- und Schuttgürtel um die Städte und Gemeinden frisst sich ins Land hinein, und die Bodenspekulation heizt nicht nur die Ballungszentren an, sie konsumiert zunehmend auch die freie Landschaft.

Trotzdem pumpt man Chemikalien in die Gewässer und versenkt Giftstoffe ins Meer, nur weil dies billiger ist, als sie chemisch zuruckzuverarbeiten; trotzdem entwickelt die Industrie keine abgasarmen Autos, Heizungen, Produktionsverfahren; trotzdem schwört die Landwirtschaft weiterhin auf Insektizide; trotzdem werden immer neue Strände, immer unersetzlichere Landschaften für den Bau von Appartements, Zweit- und Drittwohnungen freigegeben; und trotzdem drücken sich Wirtschaft und Kommunen um Abwasserbeseitigung und Müllverarbeitung herum. (...)

Wir könnten es ändern:

Wenn wir z. B. für unsere Autos soviel mehr zahlen, dass sie kein schädliches Blei mehr in die Luft abgeben, wenn wir der Industrie den Zuschlag für 'saubere Produktionsstätten? nicht verweigern, wenn wir den Gemeinden die Steuern für Müllbeseitigung, für moderne Kläranlagen und für die Nichtverbauung von Erholungsflächen entrichteten, wenn wir natürlich (und hygienisch) gedüngte Äcker und Wiesen und ohne Gift behandelte Lebensmittel fordern, und wenn wir den Landwirten für die Erhaltung der gesunden Lebensordnung - und nicht wie bisher für ihre Verschlechterung - bezahlen, und wenn wir eine geschlossene öffentliche Meinung bilden und die Gesetzgeber an ihre oft allzu lässig gewahrte Pflicht erinnern.

Dies bedeutet unter Umständen weniger Zuwachs an Lohn, Gehalt, Unternehmergewinn, wo nötig auch höhere Preise und Steuern, also eine Minderung an 'Lebensstandard' - wenn wir nicht Gesundheit und eine lebenswerte Zukunft über den Pegel im Geldbeutel setzen. Es gibt keine ernstere Sache mehr in dieser Welt als die Frage, ob die Vernunft oder die Unverantwortlichkeit siegen. Setzen wir auf die Karte der Vernunft. Und machen wir es den Unverantwortlichen von jetzt nicht mehr so leicht."


Moderner Dreikampf - eine gesellschaftspolitische Aufgabe für den Sport

"Nun also auch noch Sport und Umweltschutz. Nicht wenige werden die Nase rümpfen ob dieses im Hinblick auf die Tätigkeit von Expertengremien etwas laienhaft und wichtigtuerisch anmutenden Bemühens. Doch ein unüberlegtes 'Schuster bleib bei deinen Leisten? ist fehl am Platze. Der Sport befindet sich tatsächlich in einer kaum beneidenswerten Situation. Kann er noch bedenkenlos für Spiel und Spaß in frischer Luft und auf grüner Wiese werben, wo doch andererseits erschreckend deutlich geworden ist, dass diese Luft einer Läuferlunge nur noch per Filter zugemutet werden kann und die grüne Wiese fast schon zum Wunschraum wurde?

Die Deutsche Sportjugend sieht in der Bekämpfung der Umweltgefahren eine ganz wesentliche gesellschaftspolitische Aufgabe gerade für den Sport. Sie hat als ersten bescheidenen Beitrag die Plakataktion "Moderner Dreikampf" gestartet, die zunächst einmal die Probleme bewusst machen soll. Schon dieser Auftakt fand ein kaum erwartetes Echo. Besonders die Wassersportler aller Kategorien haben als Geschädigte ersten Grades spontan ihre Bereitschaft zur Mitarbeit angekündigt. Die Deutsche Sportjugend gibt ihr Poster 'Moderner Dreikampf? kostenlos an alle Interessenten ab."


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 24 / 15. Juni 2010, S. 17
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 23. Juni 2010