Schattenblick →INFOPOOL →SPORT → FAKTEN

GESCHICHTE/225: Bedeutende Sportpersönlichkeiten der Nachkriegsgeschichte - Teil 12 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 19 / 11. Mai 2010
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

Heinrich Sorg - Vor allem politisch für den Sport engagiert
Bedeutende Sportpersönlichkeiten der Nachkriegsgeschichte (12)


Noch überzeugter als andere Arbeitersportler seiner Jahrgänge hatte sich Heinrich Sorg bereits als junger Mann in der Weimarer Republik gegen den wachsenden Einfluss der Nationalsozialisten gewandt, auch im aktiven Kampf im Rahmen der "Eisernen Front", deren Kampfleitung im Rhein-Main-Gebiet er angehörte. So geriet er in große Gefahr und musste - nach einer verratenen Aktion - bereits 1933 in die Tschechoslowakei und von dort sechs Jahre später nach England flüchten. Dies dürfte auch ein Grund dafür gewesen sein, dass er sich nach Kriegsende 1945 zunächst für die Wiedergründung der Arbeitersportverbände einsetzte. Dabei stieß er aber im Nachkriegsdeutschland auf erheblichen Widerstand und konnte sich nicht durchsetzen.

Im hessischen Bischofsheim in der Nähe von Hanau wurde Heinrich Sorg am 7. November 1898 geboren. Der Sohn einer Arbeiterfamilie engagierte sich schon als 15-jähriger Schüler in der Sozialistischen Arbeiterjugend, wurde Mitglied in der Freien Turnerschaft und arbeitete nach Schulabschluss und Ausbildung als Bürokaufmann. Sorg trat 1917 der SPD bei, wurde im Frankfurter Westend Vorsitzender des Arbeiter-Sportvereins und begann seine hauptberufliche sportpolitische Laufbahn 1926 als Sekretär des ATSB-Kreises Frankfurt am Main.

Während der Emigration vertrat er - zunächst in Prag, später von 1942 bis 1946 in London - den deutschen Arbeitersport in der Sozialistischen Arbeitersport-Internationale (SASI). Gemeinsam mit seiner Frau Rosa leitete er während der Jahre im britischen Exil ein Kinderheim.

Gleich nach Kriegsende bemühte sich Sorg zunächst noch von England aus um den Neuaufbau der Arbeitersportorganisation, doch Fritz Wildung und andere ehemalige ATSB-Funktionäre strebten eine Einheitssportbewegung unter Einschluss der ehemaligen bürgerlichen und konfessionellen Verbände an. Im Juli 1946 kehrte Sorg aus London zurück, trat im September als Leiter der Abteilung Sport in der Sozialistischen Kulturzentrale in Frankfurt die Nachfolge von Wildung als Sportreferent der SPD an und wurde bei der Gründungsversammlung des Landessportverbandes Hessen am 12./13. Juli 1947 in Mörfelden als Stellvertreter von Heinz Lindner zum 2. Vorsitzenden des späteren Landessportbundes (LSB) Hessen gewählt. In diesem Amt wirkte er 16 Jahre bis zu seinem frühen Tode am 21. September 1963 und arbeitete erfolgreich vor allem beim Aufbau der SportJugend, der Förderung des Sports in Kommunen und im Breiten- und Freizeitsport. Er nahm als hessischer Vertreter an den Vorbereitungskonferenzen zur Gründung des Deutschen Sportbundes und an der DSB-Gründungsversammlung 1950 in Hannover teil. Im DSB arbeitete er im Sportbeirat als Vertreter der ehemaligen Arbeitersportler mit und arbeitete an Programmen mit, die später als "Zweiter Weg" und "Goldener Plan" verwirklicht wurden.

In der SPD bemühte sich Sorg, einerseits die Bedeutung des Sports in den Parteiprogrammen und Parteigremien aufzuwerten, und nahm dafür zahlreiche Auseinandersetzungen in Kauf. Andererseits versuchte er vergeblich, alle ehemaligen Arbeitersportler in die Einheitssportbewegung in der Bundesrepublik zu integrieren und in ein gemeinsames Konzept einzubinden.

Mit Härte führte er über Jahre einen Kampf gegen Carl Diem, dessen Tätigkeiten während der NS-Zeit er für unvereinbar mit der Übernahme von neuen Ämtern im Sport der Nachkriegszeit hielt. Die Wahl Diems in das neu gegründete NOK für Deutschland und die Berufung zum ersten Sportreferenten der Bundesregierung empfand er als eine Provokation der ehemaligen Arbeitersportler, wurde aber nicht von allen Teilen der SPD unterstützt. In den fünfziger Jahren arbeitete Sorg als Stellvertreter Lindners vor allem daran, seine Ideen vom Volkssport in einen - alternativ zum traditionellen Wettkampfsport stehenden - Freizeitsport für alle Bürger einzubringen.

Aus Anlass von Sorgs 100. Geburtstag am 7. November 1998 erhielt der LSB Hessen durch eine Stiftung ein unerwartetes Millionengeschenk. Ingeborg Sorg-Häfner, die Tochter Sorgs, übereignete dem Verband ein 18.000 Quadratmeter großes Grundstück in Schlangenbad.


*


Quelle:
DOSB-Presse Nr. 19 / 11. Mai 2010, S. 31
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
Herausgeber: Deutscher Olympischer Sportbund
Otto-Fleck-Schneise 12, 60528 Frankfurt/M.
Tel. 069/67 00-255
E-Mail: presse@dosb.de
Internet: www.dosb.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 15. Mai 2010