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GESCHICHTE/224: 1980 - Nationales Olympisches Komitee mehrheitlich für Olympiaboykott (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 19 / 11. Mai 2010
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1980: NOK entschied mehrheitlich für den Olympiaboykott
Der Druck der Politik gab vor 30 Jahren den Ausschlag für den Teilnahmeverzicht

Von Friedrich Mevert


Bis heute hat diese Entscheidung vom 15. Mai vor 30 Jahren Wunden hinterlassen. Für manche der Sportlerinnen und Sportler wäre es die einzige Olympiateilnahme in ihrem Leben gewesen, andere hatten auf dem Höhepunkt ihrer sportlichen Laufbahn gute Medaillenchancen. Nicht wenige Sportführer und Verbandspräsidenten bedauerten später öffentlich ihre unter politischem Druck zustande gekommene Stimmabgabe in Düsseldorf für einen Boykott, darunter der damalige DSB-Präsident Willi Weyer.

Es war die entscheidende Mitgliederversammlung des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) für Deutschland im Hotel Intercontinental, in der das Gremium nach einer vierstündigen Diskussion und "mit Sand im Mund", wie es der damalige Präsident des Deutschen Fechterbundes, Klaus-Dieter Güse, ausdrückte, mit 59 gegen 40 Stimmen schriftlich der zum Antrag erhobenen Empfehlung des Präsidiums zustimmte.

Dieser Antrag lautete, "die Mitgliederversammlung des NOK möge beschließen, dass unter den heute gegebenen Umständen auf die Entsendung einer Mannschaft zu den Olympischen Sommerspielen 1980 in Moskau und Tallinn verzichtet wird." Anschließend wurde Präsident Willi Daume, der bis zuletzt für eine Teilnahme gekämpft hatte, einstimmig ermächtigt, "im Einvernehmen mit dem Präsidium eine neue Mitgliederversammlung einzuberufen, wenn eine Änderung der Voraussetzungen für den Beschluss das notwendig oder zweckmäßig erscheinen lasse."

Vorausgegangen war diesem Düsseldorfer Beschluss eine eindeutige Empfehlung der Bundesregierung und des Deutschen Bundestages vom 23. April 1980, in dem die Bundesregierung dem NOK empfahl, "keine Mannschaft oder einzelne Sportler" zu den Spielen in Moskau und Tallinn zu entsenden. Bereits im zweiten Satz der Empfehlung hieß es: "In Übereinstimmung mit der gemeinsamen Presseerklärung des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika und des Bundeskanzlers vom 5.3.1980 hält sie eine Teilnahme deutscher Sportler an den Olympischen Sommerspielen 1980 nicht für angebracht, solange die sowjetische Besetzung Afghanistans andauert. Sie steht auch in dieser Frage zu ihrem Verbündeten USA."

In zwei weiteren Abschnitten wird ausführlich begründet, warum die Bundesregierung einen Teilnahmeverzicht für erforderlich hält und abschließend "ebenso an die staatsbürgerliche Verantwortung unserer Sportler und Sportorganisationen wie an deren Solidarität mit den Sportlern anderer Staaten appelliert, die an der Olympiade nicht teilnehmen werden." Zusätzlich zu dieser Empfehlung hatte Bundeskanzler Helmut Schmidt in einem gesonderten Gespräch mit dem NOK-Präsidium die Problematik eines möglichen Boykotts persönlich eingehend erörtert und auf den Teilnahmeverzicht gedrungen.

Ausgangspunkt der mehrmonatigen Boykottdebatte im ersten Halbjahr 1980 war die militärische Invasion sowjetischer Luftlandetruppen und Panzerkolonnen im Dezember 1979 in Afghanistan, die auf scharfe Kritik in den USA stieß und zunächst auch zu einer Forderung von US-Präsident Carter an das IOC führte, Moskau die Durchführung der Spiele zu entziehen. Später riefen die USA dann dazu auf, Olympische Spiele "in der Hauptstadt eines Landes im Kriegszustand" zu boykottieren. Diese Forderung nach einem Teilnahmeverzicht löste in aller Welt kontroverse Debatten in Politik und Sport aus, während sich die Wirtschaft kaum angesprochen fühlte.

Das Präsidium des Deutschen Sportbundes (DSB) hatte sich bereits in seiner Sitzung am 29. Februar und 1. März in Frankfurt mit dem drohenden Boykott beschäftigt und dabei frühere Erklärungen auch des NOK und der Deutschen Sportkonferenz unterstrichen, dass es an der UdSSR liege, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Mannschaften aus allen Ländern an den Olympischen Spielen in Moskau teilnehmen könnten. Gleichzeitig sah sich das Präsidium zu der Erklärung verpflichtet, dass es Überlegungen für eine "Gegenolympiade" für grundsätzlich falsch halte. Solche Veranstaltungen würden eine weitere schwere Belastung für die Einheit der internationalen Sportbewegung darstellen.

Im Rahmen der emotionsbeladenen Diskussionen um das Für und Wider eines Olympiaboykotts hatte sich auch die Deutsche Sportjugend für eine Teilnahme am Olympischen Jugendlager in Moskau ausgesprochen, allerdings unter der Voraussetzung, dass die UdSSR die politischen Voraussetzungen dafür schaffe. Dieter Graf Landsberg-Velen, damals Präsident der Deutschen Reiterlichen Vereinigung und heute Ehrenmitglied des Deutschen Olympischen Sportbundes, betonte seinerzeit, man könne nicht akzeptieren, Sport als politisches Mittel einzusetzen, "solange man sich weigert, andere Maßnahmen zu ergreifen, die zum Beispiel im wirtschaftlichen Bereich liegen." Auch Thomas Bach, damals 26jähriger Sprecher der Aktiven im Bundesausschuss Leistungssport (BAL) des DSB und vier Jahre zuvor in Montreal Olympiasieger geworden, war bei der NOK-Mitgliederversammlung auf Antrag von Willy Bogner einstimmig das Rederecht gewährt worden, so dass auch die Stimme der Sportlerinnen und Sportler deutlich gehört und in die Meinungsbildung einbezogen wurde.

An den Spielen vom 19. Juli bis 3. August 1980 in Moskau nahmen schließlich 81 von 144 möglichen Ländern teil. 16 Mannschaften trugen beim Einmarsch protestierende Signale. In den Ländern, die sich damals dem von den USA geforderten Teilnahmeverzicht nicht anschlossen, zählten unter anderen auch Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien, Österreich, Schweden, die Niederlande und die Schweiz.


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 19 / 11. Mai 2010, S. 30
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 13. Mai 2010