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GESCHICHTE/214: Vor 40 Jahren - Willi Daume tritt als DSB-Präsident zurück (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 15 / 13. April 2010
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

Vor 40 Jahren: Willi Daume tritt als DSB-Präsident zurück


Als ein Markstein in der Geschichte des deutschen Nachkriegssports ist später vielfach der Bundestag des Deutschen Sportbundes am 24./25. April 1970 in Mainz bezeichnet worden. Knapp 20 Jahre nach der Gründung des DSB in Hannover trat nicht nur Willi Daume als Präsident zurück, um sich künftig mehr auf seine olympischen Aufgaben in München konzentrieren zu können; auch die Vizepräsidenten Heinz Lindner und Walter Wülfing, als Männer der ersten Stunde zwei Jahrzehnte lang im Führungsorgan des DSB, verabschiedeten sich.

Minutenlanger Beifall dankte dem später einstimmig zum DSB-Ehrenpräsidenten gewählten Daume für seinen einstündigen Rechenschaftsbericht, in dem er sich auch betonte, dass "wir in München ganz und gar nicht allein nach den errungenen Medaillen beurteilt werden, sondern nach der Selbstdarstellung, die wir von uns und unserem Volke geben werden". Daume begrüßte die veränderte Führungstruktur des DSB, forderte aber gleichzeitig weiterhin die gemeinsame geistige Linie für den Sport in einer Zeit des Fortschritts und der Modernität.

Daume beschrieb auch noch einmal den Weg des Sports nach 1945:

"Die Delegierten, die am 10.12.1950 im Hodlersaal des Rathauses zu Hannover zusammenkamen (...), waren noch belastet mit der Erinnerung an die Kämpfe, die sie in der Weimarer Republik gegeneinander ausgetragen hatten. So bestand ein verständliches Misstrauen untereinander. Alle aber waren gezeichnet von der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus, von dem brutalen Machtmissbrauch (...). Aus dem Krieg, aus dem KZ und aus der Emigration kamen die Männer zurück, die jetzt den Weg des Sports bestimmten. Für die Zukunft der Turn- und Sportbewegung sollte man dies im Gedächtnis behalten, im Gedächtnis und im Gewissen. (...) Mehr als 40 Prozent aller Sportanlagen und 60 Prozent der Hallen waren zerstört, die materiellen Grundlagen der Vereine durch die Währungsreform auf ein Nichts zusammengeschmolzen, alle Verbände hatten ihr Vermögen verloren. Es gab auch weit wichtigere Dinge als den Sport: Hunger, Wohnungsnot, Flüchtlingselend und vieles andere mehr. Am allerschlimmsten aber war die völlige Zerstörung der moralischen Substanz des Sports. Der Nationalsozialismus hatte sie so schrecklich pervertiert, dass die geistige Führungselite (...) vom Sport nichts mehr wissen wollte. Weite Kreise gaben ihm in Verwechslung von Ursache und Wirkung wegen der Überbetonung der Leibesübungen einen wesentlichen Teil der Schuld an der moralischen Verrohung der Nation. Und so zeigten sich uns die Eliten, die Hochschulen und Schulen, ja teilweise auch die Kirchen verschlossen. Die deutsche Turn- und Sportbewegung war auf ihren tiefsten Stand zurückgefallen."

In einer Kampfabstimmung um die Nachfolge setzte sich der von den Fachverbänden favorisierte Celler Oberlandesgerichtspräsident und DTB-Vorsitzende Wilhelm Kregel mit 173 Stimmen gegen den nordrhein-westfälischen LSB-Präsidenten Willi Weyer (113) durch. Nach der am Vortag beschlossenen neuen Satzung, die eine Verkleinerung des Präsidiums und das Ressortprinzips vorsah, wurden zwei neue Vizepräsidenten gewählt: Hubert Claessen (Bonn) für Verbindung zu den Mitgliedsorganisationen und Württembergs LSB-Vorsitzender Hans Gmelin (Tübingen) zur Wahrnehmung der internationalen Aufgaben.


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 15 / 13. April 2010, S. 24
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 20. April 2010