Schattenblick →INFOPOOL →SPORT → FAKTEN

GESCHICHTE/213: April 1990 - Noch acht Monate bis zur sportlichen Einheit Teil 10 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 13-14 / 30. März 2010
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

April 1990: Noch acht Monate bis zur sportlichen Einheit (10)
Die Präsidenten Hansen (DSB) und Kilian (DTSB) treffen sich zum ersten Gespräch


In einem gemeinsamen Beitrag für das Buch "Der Sport - ein Kulturgut unserer Zeit", erschienen zum 50. Geburtstag des Deutschen Sportbundes (DSB) im Dezember 2000, zogen die ehemaligen Präsidenten des DSB und des DTSB, Hans Hansen und Martin Kilian, nach zehn Jahren Bilanz über das erste Jahrzehnt der Vereinigung im deutschen Sport und erklärten zum Schluss: "1990 war das Jahr der Vereinigung. Es folgten die Jahre des Zusammenwachsens, Probleme blieben nicht aus. Der 'Goldene Plan Ost' fand im Zuge der Finanzierung der Vereinigung nur geringe Resonanz bei der Politik. Doping- und Stasi-Aufklärung bestimmten viele Debatten im Sport und in den Medien. (...)

Unabhängig von den Begleiterscheinungen war die Vereinigung ein Geschenk für alle. Der Sport hat dabei seine Integrationskraft in den Dienst dieser deutsch-deutschen Vereinigung gestellt und auf allen Ebenen Erfolg gehabt. Manches bleibt noch zu tun. Unsere Zuversicht haben wir behalten."

Diese Zuversicht war bereits im ersten Gespräch aufgekommen, zu dem sich Hansen und der vier Wochen zuvor neugewählte DTSB-Fräsident Kilian aus der Harzstadt Wemigerode am 5. April 1990 in Hannover trafen. So konnte Hansen nach den dreistündigen Beratungen, an denen auch die beiden Generalsekretäre Norbert Wolf (DSB) und Jochen Grünwald (DTSB) teilgenommen hatten, erklären, dass es "bei dem hervorragenden Gespräch weitgehende Übereinstimmung gab" und man sich auch menschlich nähergekommen sei.

Diesen Eindruck hatte damals auch der Sportchef der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, Manfred Lehnen, der seinen Artikel über das Gespräch "Tempobolzer der deutschen Einheit" betitelte und von "lieben, alten Verwandten" schrieb, die da miteinander sprachen. Beide wirkten - so Lehnen - wie "Brautväter der sportlichen Einheit" , die "Optimismus versprühten" und sich gegenseitig im "Einrennen offener Türen" übten, "Wir haben beide auf das Tempo gedrückt. Bei der Klärung der Prägen darf es keinen Aufschub geben, Bis Ende Juni wollen wir das Konzept für die Einheit des Sports auf den Tisch legen", erklärten Hansen und Kilian anschließend. Die wesentlichsten Ergebnisse des Gespräches in Hannover waren, bis Ende Juni 1990 verbindlich zu vereinbaren, in welcher Form und unter welchen Bedingungen der sportliche Zusammenschluss erfolgen solle. Dafür wurden vier gemischte Kommissionen (Leistungssport, Breitensport, Wissenschaft und Strukturen) eingesetzt. Die erste Verhandlung der steuernden Präsidialkommission beider Organisationen wurde für den 18. April in Berlin (Ost), die nächste für den 23. Mai in Berlin (West) und die abschließende für den 28. Juni festgelegt. Auch über die Form der Vereinigung wurde Übereinstimmung erzielt.

Falls die politische Einheit nach Artikel 23 des Grundgesetzes erfolgen solle, also durch den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik, dann werde es auch im Sport eine entsprechende Form geben, erklärte Hansen, und Kilian kündigte an, dass nach der Bildung von Ländern in der DDR auch nach bundesdeutschem Vorbild Landessportbünde gegründet werden würden. Was seinen Vorgänger, den langjährigen DDR-Sportchef Manfred Ewald betreffe, so gebe es weder ein Comeback noch eine Rehabilitierung.

Die am 18. März demokratisch gewählte Volkskammer der DDR wählte am 12. April Lothar de Maizière zum neuen Ministerpräsidenten und Cordula Schubert zur Ministerin für Jugend und Sport. Sie sprach sich schon wenige Tage später in einem Rundfunkinterview für ein gesamtdeutsches Olympiateam für 1992 aus. Am 21. April entschied sich in einer Volksabstimmung in Karl-Marx-Stadt die Mehrheit der Bevölkerung für eine Rückbenennung ihrer Stadt in Chemnitz. Wichtige Daten aus dem Bereich des Sports im Monat April 1990 waren u. a. auch

am 17. April eine erstmalige Etappe der Internationalen Niedersachsen-Rundfahrt der Radsportler durch den DDR-Bezirk Magdeburg mit dem Ziel Halberstadt vor tausenden Zuschauern am Straßenrand;
am 18. April das zweite DSB/DTSB-Spitzengespräch der Präsidenten Hansen und Kilian in Berlin (West);
am 19. April die Neuwahl des Präsidiums der "Gesellschaft zur Förderung des olympischen Gedankens" der DDR mit Gerhard Lindner und Prof. Helmuth Westphal an der Spitze, nachdem der langjährige Präsident Manfred von Brauchitsch "auf eigenen Wunach" zurückgetreten war;
am selben Tag beim UEFA-Kongress auf Malta das erste Treffen und Gespräch der beiden deutschen Fußball-Präsidenten Hans-Georg Moldenhauer und Hermann Neuberger, sowie
am 28. April in Gera die erste gesamtdeutsche Meisterschaft der Gewichtheber in der Allkategorie, bei der es gleichzeitig um die Qualifikation der deutschen Teilnehmer für die bevorstehenden Europameisterschaften ging.

An den Wochenenden 21./22. und 28./29. April gab es eine ganze Anzahl von sogenannten Wendeverbandstagen der DDR-Fachverbände, in denen überall neue Präsidenten gewählt wurden. Neu gegründet wurden im April der Deutsche Golf-Verband der DDR, der Deutsche Eishockey-Verband der DDR sowie der Bund Technischer Sportarten.

Auch der Aufbau neuer Sportstrukturen auf der Kreisebene schritt zügig fort. Insbesondere in den grenznahen Kreisen diesseits und jenseits der jetzt offenen Zonengrenze kam es zu vielen Austauschbegegnungen zwischen den Vorständen und Fachvertretern der DTSB- und LSB-Kreise, die auch überraschende Informationen über die gegenseitigen Strukturen zu Tage brachten.

Das bundesdeutsche NOK. wartete zunächst noch die Ergebnisse der für Mitte Juni geplanten demokratischen Neuwahlen des NOK der DDR ab, um dann in konkrete Verhandlungen einzutreten. Auf Kooperationskurs gingen dafür nach und nach - insbesondere nach den personellen Führungswechseln in den DDR-Fachverbänden - die bundesdeutschen Spitzenverbände, was sich auch an einer Vielzahl von gemeinsamen Besprechungen, Wettkämpfen, deutsch-deutschen Vergleichen und Lehrgängen in den einzelnen Sportarten zeigte.


*


Quelle:
DOSB-Presse Nr. 13-14 / 30. März 2010, S. 43
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
Herausgeber: Deutscher Olympischer Sportbund
Otto-Fleck-Schneise 12, 60528 Frankfurt/M.
Tel. 069/67 00-255
E-Mail: presse@dosb.de
Internet: www.dosb.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 13. April 2010