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GESCHICHTE/208: Bedeutsame Sportpersönlichkeiten der Nachkriegsgeschichte - Teil 6 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 11 / 16. März 2010
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

Bedeutsame Sportpersönlichkeiten der Nachkriegsgeschichte (6)

Herbert Kunze - ein Grandseigneur des Deutschen Sports


Die Olympischen Spiele und der Eissport haben ihn geprägt und lebenslang begleitet. Als Herbert Kunze am 2. Juli 1992 in Stuttgart beim Verbandstag des Deutschen Eissport-Verbandes nicht mehr als DEV-Präsident kandidierte, trat er vom Führungsamt eines der damals erfolgreichsten deutschen Sportverbände zurück, das er nicht weniger als 43 Jahre lang unangefochten innegehabt hatte. Damit hat Herbert Kunze in der deutschen Sportgeschichte die längste Präsidentschaft überhaupt ausgeübt und darüber hinaus immer führende Positionen in den Organisationen und Institutionen des deutschen Sports wahrgenommen.

Kunze wurde als Sohn des Bankprokuristen Hans Paul Kunze am 14. November 1908 in Berlin geboren. Er bestand dort 1927 das Abitur, studierte Jura und Volkswirtschaft und begann seine berufliche Laufbahn nach dem Referendar- und Assessorexemen 1936 in der Reichsfinanzverwaltung. Nach mehreren Stationen wurde der damals 32-jährige Jurist im Januar 1941 als Regierungsrat in das Reichsministerium der Finanzen in Berlin berufen.

In Berlin begann auch seine Aktivenzeit im Eishockey und Tennis und dann sein Wirken in ehrenamtlichen Funktionen für den Sport. Kunze schloss sich im Olympiajahr 1936 dem Berliner Schlittschuh-Club an und wurde 1940 dessen Geschäftsführender Vorsitzender. Nach Kriegsende - Kunze war von Berlin in die Heimat seiner Frau Annemarie Coenders nach Düsseldorf umgezogen - zählte er 1947 zu den Wiederbegründern der Düsseldorfer Eislauf-Gemeinschaft (DEG) und wurde 1948 zum Jugendwart und 1949 zum Vorsitzenden der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Eissport - der DEV-Vorläuferin - gewählt. Beruflich war er zunächst ab 1947 als Rechtsanwalt in Duisburg-Hamborn und Düsseldorf tätig und wurde 1951 zum Geschäftsführer des Bundesverbandes der deutschen Banken mit Sitz in Köln berufen.

Bei der Wiedergründung des Deutschen Eissport-Verbandes am 17./18. September 1949 in Mannheim wurde Kunze zum Präsidenten gewählt und war eine Woche später in Bonn als Vertreter des Eissports Gründungsmitglied des Nationalen Olympischen Komitees. Der Jurist gehörte im Dezember 1950 in Hannover auch zu den Mitbegründern des Deutschen Sportbundes, wurde zum Schatzmeister gewählt und blieb es bis 1967, als er zum Generalsekretär des Organisationskomitees für die Olympischen Spiele München 1972 berufen wurde. Herbert Kunze, der immer zu den Nachdenkern im Sport zählte und sich auch bis ins hohe Alter als DSB-Ehrenmitglied bei DSB-Tagungen durchaus kritisch zu manchen Entwicklungen im Sport äußerte, nahm in der Nachkriegszeit für den deutschen Sport im NOK, im DSB und in der DOG zahlreiche verantwortungsvolle Funktionen wahr, bei denen ihn stets seine entschiedene Überzeugung, aber auch seine noble Konzilianz auszeichneten.

Vor allem der Olympischen Bewegung verbunden, war Herbert Kunze bereits bei den Olympischen Winterspielen 1952 in Oslo Delegationsleiter der damals bundesdeutschen Mannschaft, dann 1956 in Cortina d'Ampezzo, I960 in Squaw Valley und 1964 in Innsbruck Mannschaftsführer der gesamtdeutschen Olympiamannschaften bei den Winterspielen. In seiner Funktion als damaliger Vizepräsident des NOK war Herbert Kunze am 3. Juli 1966 an der Gründung des Organisationskomitees der XX. Olympischen Spiele München 1972 führend beteiligt, wurde noch im gleichen Jahr vom Vorstand des OK zum Generalsekretär für die Münchner Spiele bestellt und nahm diese hauptberufliche Funktion zum 1. Januar 1967 auf. Herbert Kunze wechselte von Düsseldorf nach München, heiratete - verwitwet - 1968 dort in zweiter Ehe Irene Henne und war der Isarstadt nach der gelungenen Organisation der Spiele der XX. Olympiade, bei der er an verantwortlicher Stelle Hervorragendes geleistet hat, bis zu seinem Tode weiterhin verbunden.

Herbert Kunze wurde für seine vielfältigen Verdienste vom DSB und vom NOK zum Ehrenmitglied ernannt. Das 100 zeichnete ihn im Februar 1982 vor allem für seine Verdienste um die Münchner Spiele mit dem Olympischen Orden aus. Er war Ritter der französischen Ehrenlegion, Träger des Komturkreuzes des Königlich-Schwedischen Wasa-Ordens und Inhaber weiterer hoher in- und ausländischer Auszeichnungen. Dem Eissport, in dem er vor mehr als sechs Jahrzehnten sein sportliches Engagement begann, blieb Herbert Kunze auch im hohen Alter als Ehrenpräsident des Deutschen Eissport-Verbandes verbunden.

Zweieinhalb Monate vor seinem 99. Geburtstag ist Herbert Kunze am 31. August 2007 in München friedlich eingeschlafen. Bis wenige Wochen vorher hatte er sich mit seinen Freunden noch telefonisch über die Entwicklung des Sports unterhalten und dabei aus seiner Meinung keinen Hehl gemacht.


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 11 / 16. März 2010, S. 28
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 19. März 2010