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GESCHICHTE/205: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 67 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 9 / 3. März 2010
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1968/HI: Innenminister plant Bundeszentrale für Sport - DSB lehnt ab
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 67)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Bereits in der ersten "Sportdebatte" des Bundestages am 1. Dezember 1967 hatte Bundesinnenminister Paul Lücke in seinem Redebeitrag die vom BMI geplante Gründung einer "Bundeszentrale für Sport" angesprochen, ohne dass aber hierzu bereits eindeutige und konkrete Vorstellungen entwickelt wurden. Das folgte im Januar 1968 durch den Autor der entsprechenden Studie, Manfred Lepper, in einer Pressekonferenz in Bonn, über die wie folgt berichtet wurde: "Die geplante Bundeszentrale für Sport wird keine staatliche Behörde, sondern eine selbständige Institution. Mit dieser Feststellung, die Oberregierungsrat Dr. Manfred Lepper von der Abeilung Sport im Bundesinnenministerium traf, verbanden sich erste konkrete Vorstellungen über diese neue Einrichtung. Sie wird nach den Worten von Ministerialrat Dr. Cornelius von Hovora, dem Leiter der Abteilung Sport, erst in zwei bis drei Jahren voll aktionsfähig sein. Vor Journalisten, die auf Einladung des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung in Bonn weilten, wurden die Aufgaben der Bundeszentrale für Sport umrissen:

1. Erarbeitung eines wissenschaftlich-methodischen Trainingskonzeptes für die einzelnen Sportarten im Zusammenwirken mit den Hochschulinstituten an den Universitäten und der Deutschen Sporthochschule Köln, deren eigentliche Aufgaben (Grundlagenforschung und Ausbildung von Sportpädagogen) damit nicht angetastet werden.

2. Aufbau einer Abteilung für Dokumentation und Information. Sie soll die Vielzahl der wissenschaftlichen Erkenntnisse sammeln und aufarbeiten.

3. Systematische Portbildung der Trainer und Vermittlung der neuesten Erkenntnisse.

4. Eingliederung des Instituts für Sportstättenbau, das augenblicklich im Zusammenhang mit der Deutschen Sporthochschule Köln arbeitet.

Die mit einem wissenschaftlichen Institut vergleichbare neue Einrichtung, deren Pläne gemeinsam mit dem Deutschen Sportbund erarbeitet werden, kann nur in der Nähe schon bestehender Anlagen ihren Sitz finden. Über personelle Fragen, die der DSB entscheidet, läßt sich jetzt noch nicht sprechen. Erste Bewerbungen liegen vor. Dr. von Hovora betonte, daß das Bundesinnenministerium eine Erhöhung der Zahl von bisher 40 haupt- und nebenamtlichen Trainern bei den Fachverbänden anstrebt, für die im Jahr rund eine Million DM aus dem Bundesetat aufgewandt werden. Ein Trainer am Ort des Leistungszentrum der jeweiligen Disziplin und ein Reisetrainer zur Talentsuche sollten zukünftig das Minimum sein. Der Ausbau der Trainingszentren schreitet weiter fort. Die Pläne für das Unterkunftsgebäude des Leichtathletikzentrums Stuttgart, das als einzige Halle der Welt einen kompletten Tartanbodenbelag besitzt, sind fertiggestellt. Dr. von Hovora rechnet, daß die Bauten für das Frankfurter Turnzentrum in zwei Monaten und für die Ruderakademie Ratzeburg in wenigen Wochen übergeben werden können. Die Skiläufer erhalten neben dem Zentrum für die nordischen Disziplinen am Herzogenhorn im Schwarzwald auch noch eine Trainingsstätte für den alpinen Sport in Garmisch-Partenkirchen. Der Kostenvoranschlag steht allerdings noch aus.

Schwierigkeiten bereitet dagegen vor allem die Verwirklichung des schwimmsportlichen Leistungszentrums, das seit Jahren in der Planung liegt, wobei die Grundsteinlegung immer wieder hinausgeschoben werden mußte."

In seiner 68. Sitzung am 6. Juli in Wiesbaden befasste sich das DSB-Präsidium ausführlich mit der zwischenzeitlich vom BMI übergebenen Studie und lehnte diesen unter dem Namen "Lepper-Studie" bekanntgewordenen Plan wegen seines "dirigistischen Grundgehalts" einmütig ab.

Das Präsidium machte in einer der Presse übergebenen Erklärung aber auch deutlich, dass es selbst durch eine unter der Leitung Willi Weyers stehende Kommission "detaillierte Vorschläge für zentrale Maßnahmen zur Förderung des Sports auf verschiedenen Gebieten" erarbeiten lassen werde.

Die Erklärung im Wortlaut:

"Ohne sich in die Diskussion darüber einmischen zu wollen, ob die von einem Beamten des Bundesministeriums des Innern vorgelegte Studie zur Errichtung einer sogenannten "Bundeszentrale für Sport" amtlichen Charakter hat oder nicht, trifft der Deutsche Sportbund in Anbetracht zahlreicher Meinungsäußerungen in der Öffentlichkeit folgende Feststellungen:

1. 1. Sprecher aller im Bundestag vertretenen Parteien und der Regierung haben wiederholt, zuletzt in der Bundestagsdebatte am 1. Dezember 1967 wie auch auf dem DSB-Bundestag 1968, die gesellschaftspolitische Bedeutung des Sports herausgestellt, das Subsidiaritätsprinzip staatlicher Sportförderung betont, Staatssport oder staatlich gelenkten Sport jedoch nachdrücklich abgelehnt.

2. Eine Koordination auf wichtigen Teilgebieten des Sports ist anzustreben, wobei größter Wert darauf gelegt werden muß, daß die Kenntnisse, Erfahrungen und Impulse der freiwillig in der deutschen Turn- und Sportbewegung wirksamen schöpferischen Kräfte auch weiterhin voll genutzt werden. Eine staatlich kontrollierte Sportbehörde kann nicht die Billigung des DSB und seiner Mitgliedsorganisation finden.

3. Der deutsche Sport ist für jegliche ideelle und/Materielle Hilfe von Bund, Ländern und Gemeinden dankbar, die dazu beiträgt, seine freiwillig übernommenen, dem Gemeinwohl dienenden Aufgaben zu lösen. Unterstützung der öffentlichen Hände benötigt er auch für

a) eine Initiativstelle für die Forschung auf allen Gebieten des Sports (einschließlich Medizin, Pädagogik, Soziologie, Übungsstättenbau, Sportgeräte usw.),

b) eine umfassende Dokumentation des Sports und der Leibeserziehung,

c) eine Akademie zur Ausbildung von Führungskräften des Sports (einschließlich Trainer) auf allen Ebenen,

d) Bau und Unterhaltung der Leistungs- und Trainingszentren des Spitzensports.

Dabei empfiehlt sich - bis auf die Akademie - aus wirtschaftlichen und pragmatischen Gründen die enge Anlehnung an bestehene Stätten der Forschung und Lehre.

Die deutsche Turn- und Sportbewegung hat sich im Deutschen Sportbund auf demokratischem Wege die zentrale Stelle des Sports in der Bundesrepublik geschaffen. In diesem Sinne wird eine vom Präsidium berufene, unter Leitung Willy Weyers stehende Kommission demnächst detaillierte Vorschläge für zentrale Maßnahmen zur Förderung des Sports auf verschiedenen Gebieten erarbeiten und mit den zuständigen staatlichen Instanzen beraten."


Normale Sportbeziehungen auch zu Israel

Für eine Aktivierung der sportlichen Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland sprach sich der Bundestagsabgeordnete Dr. Müller-Emmert (Kaiserslautern) aus.

Zum Abschluß des Aufenthaltes der ersten offiziellen Sportdelegation des israelischen Sportverbandes Hapoel in der Bundesrepublik beim Landessportbund Nordrhein-Westfalen erklärte der Vorsitzende der Sportgemeinschaft des Deutschen Bundestages: "Zwei Jahre nach der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik ist es sicherlich an der Zeit, auch um normale sportliche Beziehungen bemüht zu sein.

Die Deutsche Sportjugend hat auf diesem Gebiet bisher vorzügliche Vorarbeit geleistet. Der erste offizielle Besuch der Sportlehrerdelegation des israelischen Sportverbandes Hapoel hat bewiesen, daß man auch in Israel an einem verstärkten Austausch von Sportlern interessiert ist.

Nachdem die ersten Schwierigkeiten offenbar überwunden sind, wäre die Durchführung von Sportländerkämpfen zwischen Israel und der Bundesrepublik zu begrüßen. Ich halte es für denkbar, daß der DFB als größter Sportverband die offiziellen Sportbegegnungen beider Länder mit einem Fußball-Länderspiel eröffnen könnte."

Diesem Appell Dr. Müller-Emmerts vorangegangen war ein mit neun gegen vier Stimmen erfolgter Beschluss des Exekutivkomitees des israelischen Sportverbandes "Hapoel Sport Association" unter der Führung von Josef Inbar, offizielle Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland aufzunehmen.

Im Hapoel-Sportverband, einer Arbeiter-Turn- und Sportbewegung, waren damals rund 80 Prozent aller Sportlerinnen und Sportler in Israel organisiert.


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 9 / 3. März 2010, S. 22
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 10. März 2010