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GESCHICHTE/199: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 64 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 6 / 9. Februar 2010
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1967/V: Juniorpartner: DSB-Hauptausschuss diskutiert über Sportjugend
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 64)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Ebenso wie sich der Bundestag in Bonn am 1. Dezember erstmalig ausführlich mit Fragen des Sports befasst hatte, standen beim Hauptausschuss des Deutschen Sportbundes einen Tag später im Frankfurter Römer zum ersten Male Themen sportlicher Jugendarbeit im Mittelpunkt.

Dr. August Kirsch, damals Jugendwart des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) und Vorstandsmitglied der DSJ, berichtete darüber in der Zeitschrift "Olympische Jugend":

"Die Jugenddebatte vor dem Hauptausschuß des DSB wurde durch den Sportbeirat zusammen mit dem Arbeitsausschuß der DSJ vor einigen Wochen in einer Sitzung in Bensheim-Auerbach vorbereitet. Der Vorsitzende des Sportbeirates, Dr. Lotz, hatte es dann auch übernommen, eingangs das Ergebnis dieser Besprechung als Arbeitsgrundlage auszubreiten. (...)

Er bezeichnete die DSJ als den Juniorpartner, dem ein Mitspracherecht bei den unternehmerischen Maßnahmen eingeräumt werden müsse und der eben nicht nur bei organisatorischen und sogenannten überfachlichen Fragen angesprochen werden dürfe. Integration in die Aufgaben des DSB und Eigenverantwortlichkeit für echte Fragen im Jugendraum müssen in einem wohlabgewogenen Verhältnis stehen. Letztlich sollte es dann gelingen, die Führungskräfte der DSJ in weitere Aufgabenbereiche des DSB hineinwachsen zu lassen. Eine besondere Koordination der Aufgaben sei in den Bereichen notwendig, wo die Aufgaben aus dem Erwachsenen- und dem Jugendraum ineinander übergehen, bei der Lehrarbeit, den Übungsleiterfragen, dem Zweiten Weg, der besonderen Beachtung der Mädchen- und Frauenarbeit, bei Auslandsfragen.

Dieter Buchholtz, der Vorsitzende der DSJ, umriß (...) die Aufgaben, die dem modernen Jugendleiter in der sportlichen Arbeit gestellt sind. (...) Er begann mit einem deutlichen Bekenntnis zu den gemeinsamen Aufgaben im DSB. Für den Jugendsektor proklamierte er die Einheit der Aufgabe und der verantwortlichen Führung, die eine Trennung in fachliche und sogenannte 'überfachliche' Aufgaben nicht kennen kann. Der Terminus 'überfachlich' (...) ist heute so unpräzise geworden, daß er eigentlich nicht mehr gebraucht werden sollte.

Der Einführungsteil war ferner einer Kurzcharakteristik der heutigen Jugend gewidmet, die Dieter Buchholtz als gewandelte Jugend bezeichnete, die vom Sportverein verlangt, daß er ein sachlich begrenztes Bedürfnis befriedigt.

Nach seiner Auffassung spricht diese Erwartung gegen eine totale Bindung an die Gruppe, wie sie z. B. von Schelsky gesehen wird. Hier hätte man sich durch ein pädagogisches Grundsatzreferat weitere Darlegungen gewünscht, weil nur so eine umfassende Ausgangsposition für eine eingehende Behandlung dieses wichtigen Bereichs der Jugendarbeit gewonnen werden kann. Im Hauptteil zeigte Dieter Buchholtz dann die Arbeitsweise unserer Jugendorganisation auf, in der durch Überzeugung und mit Hilfe eines lockeren Abstimmungsverfahrens geführt wird. Das große Problem, jetzt 3,2 Millionen sporttreibender Jugendlicher durch erforderliche 160.000 Jugendleiter zu führen, für je 20 Jugendliche ein Leiter, erfordert eine überlegte Ausbildung der ehrenamtlichen Helfer. Der (...) Plan zur Ausbildung von Übungsleitern wird dabei helfen. (...)"


Nach lebhafter Diskussion wurden die "Leitsätze zur Jugendarbeit" einstimmig verabschiedet:

I.
Spiel und Sport gehören zum Leben des jungen Menschen unserer Zeit. Ungezwungene Freude an frei entfalteter Bewegung, das Erlebnis mitmenschlicher Begegnung, Wetteifer und Leistung sind auch wesentliche Elemente für die Bildung der Persönlichkeit. Mit der Anleitung und Betreuung von mehr als drei Millionen Jugendlicher haben die Turn- und Sportverbände und Vereine freiwillig eine wichtige gesellschaftspolitische Aufgabe übernommen, die von keiner anderen bestehenden Institution mit ähnlicher Wirkung erfüllt werden könnte. Umfang und Bedeutung dieser Aufgaben steigen, je mehr die Bequemlichkeit unseres modernen Lebens im technologischen und wissenschaftlichen Fortschritt gleichzeitig zum Verfall der vitalen Kräfte des Volkes und der Gesundheit seiner Bürger führt. Es sind Programme zu entwickeln, welche die gesunde Vorstellungskraft unserer Jugend ansprechen und sie mit Enthusiasmus erfüllen. Schließlich hängt von der frühen sportlichen Erfahrung der Jugend entscheidend die spätere Einstellung des älteren Menschen zum Sport ab.

II.
Im Bewußtsein, daß vom Wirken der Sportjugend die Zukunft der deutschen Turn- und Sportbewegung abhängt, hält der Hauptausschuß des Deutschen Sportbundes folgende Maßnahmen für erforderlich:

1. In der Turn- und Sportbewegung und in den zuständigen staatlichen Institutionen ist der Jugendarbeit der ihr gebührende Rang zu sichern; entsprechend der Wichtigkeit sind auch die personellen Voraussetzungen zu schaffen.

2. Die Stellung des Jugendleiters in Verein und Verband ist auszubauen; angesichts der ständig steigenden Zahl junger Sportler verlangt die Ausbildung des Jugendleiters erhöhte Aufmerksamkeit.

3. Überlegungen zur Errichtung einer Akademie für die Heranbildung eines qualifizierten Führungsnachwuchses sind gerade unter dem Aspekt der Jugendarbeit vom Präsidium des DSB baldmöglichst in einer umfassenden Konzeption zu verdichten.

4. In der Leistungsförderung im Jugendalter kommt der menschlichen Führung und sportärztlichen Betreuung besondere Bedeutung zu. Jugendordnungen und -Schutzbestimmungen sind den neuesten Erkenntnissen von Wissenschaft und Praxis anzupassen.

5. Ein enger Kontakt mit Elternhaus, Schule und Hochschule ist anzustreben; besonders dort, wo der Schulsport noch unzureichend ist, könnten Vereine und Verbände Hilfestellung geben.

6. Pur die Jugendarbeit im Sport sind in verstärktem Maße eigene und öffentliche Mittel bereitzustellen. Eine Ausweitung des Bundesjugendplanes und der Landesjugendpläne auf sportliche Jugendarbeit ist anzustreben; denn Sport ist - wie auch der Deutsche Bundestag bestätigt hat - Jugendpflege im besten Sinne.

III.
Als Zusammenschluß der Jugend der deutschen Turn- und Sportverbände wirkt die Deutsche Sportjugend selbsttätig und mitverantwortlich an der Entwicklung einer zeitgemäßen vielgestaltigen Jugendarbeit im Deutschen Sportbund mit. Die Ziele der Deutschen Sportjugend sind integriert in die "Charta des deutschen Sports". Die DSJ koordiniert ihre Arbeit mit den anderen Organen des DSB; sie hält enge Verbindung zu den Organisationen und Institutionen der Jugendpflege.


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 6 / 9. Febraur 2010, S. 19
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
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veröffentlicht im Schattenblick zum 12. Februar 2010