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GESCHICHTE/193: Bedeutende Sportpersönlichkeiten der Nachkriegsgeschichte (2) (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 1-3 / 19. Januar 2010
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

Bedeutende Sportpersönlichkeiten der Nachkriegsgeschichte (2)

Heinz Lindner - Exponent und Befürworter des Sportbund-Gedankens


(DOSB PRESSE) Beim Neuaufbau einer demokratischen deutschen Sportorganisation nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches 1945 gab es verschiedene Modelle in dem gemeinsamen Bemühen, eine sportliche Einheitsbewegung zu schaffen. Viele Persönlichkeiten riefen jedoch dazu auf, den Sportbetrieb nicht wieder getrennt in verschiedenen Lagern zu organisieren, sondern ein gemeinsames Dach zu schaffen, unter dem sich alle zu Hause fühlen sollten. Einheitsverbandsprinzip in der Form von Sportbünden auf Landesebene als Dach für die Vereine oder aber zentralistisches Fachverbandsprinzip - so hieß damals die Alternative. Dahinter steckte natürlich auch der Wunsch nach entsprechender Einflussnahme sowohl in der Zielsetzung wie auch bei der Mittelvergabe der öffentlichen und der Toto-Mittel.

Ein Exponent für den Sportbund-Gedanken war ohne Zweifel der Darmstädter Heinz Lindner, der eigentlich aus dem "bürgerlichen" Sport kam. Heinz Lindner wurde am 15. Januar 1904 als Sohn eines Reichsbahnsekretärs in Darmstadt geboren, verlor schon als siebenjähriges Kind die Mutter, studierte nach dem Abitur in Frankfurt ab 1922 Rechtswissenschaften und Volkswirtschaft, arbeitete zur Finanzierung seines Studiums nebenher als Bankangestellter und begann seine berufliche Laufbahn 1933 als Diplom-Volkswirt in der Devisenstelle des Landes Hessen, Bis dahin betätigte er sich sportlich als Mittel- und Langstreckenläufer sowie als Trainer im SV Darmstadt 98, war über ein Jahrzehnt Kreisleichtathletikfachwart und nahm als Kampfrichter an den Olympischen Spielen 1936 in Berlin teil. Nach dem Kriegsdienst, bei dem er 1944 schwere Verletzungen erlitt, kehrte er im Juni 1945 nach Darmstadt zurück, wo er bereits wenig später als Beamter im Referat Bankenaufsicht im Regierungspräsidium eingestellt wurde.

Nach beruflichen Problemen - Lindner war denunziert, von der Militärregierung entlassen, kurz darauf aber rehabilitiert worden - begann er zu Jahresbeginn 1946 mit seinem regionalen Einsatz für den Aufbau des Sports in Hessen. Nach zahlreichen Verhandlungen mit der amerikanischen Militärregierung und erheblichen Auseinandersetzungen mit Vertretern anderer Organisationsprinzipien gelang es ihm als Vertreter der Einheitsbewegung und damit auf der Linie der ehemaligen Arbeitersportler liegend, den hessischen Sport aus einer Sackgasse zu führen. Am 1. Juni 1946 fand in Frankfurt eine erste größere Zusammenkunft von Vertretern der hessischen Sportkreise statt, bei der - unter dem Vorsitz von Lindner sowie den Frankfurtern Martin Schmidt und Willy Linnenberg - eine provisorische Leitung für den zunächst Landessportverband genannten späteren Landessportbund (LSB) Hessen gewählt wurde.

Heinz Lindner baute in den folgenden Jahren den LSB planmäßig zu einem "Bund der Vereine" auf, dessen Vorsitz er von 1946 bis 1970 innehatte. Er engagierte sich auch über die Zonen- und späteren Ländergrenzen hinweg beim Aufbau der neuen deutschen Sportorganisation, wurde - als Gegenspieler von Dr. Peco Bauwens - im Oktober 1948 mit 20:19 Stimmen zum Vorsitzenden der provisorischen Arbeitsgemeinschaft Deutscher Sport (ADS) gewählt und gehörte seit der Gründung des Deutschen Sportbundes 1950 in Hannover bis 1970 dessen Präsidium an, seit 1954 als Vizepräsident. 1970 wurde er zum DSB-Ehrenmitglied ernannt.

Heinz Lindner, zuletzt Leitender Regierungsdirektor im Regierungspräsidium Darmstadt, wurde für seine Leistungen beim Wiederaufbau an seinem 65. Geburtstag durch Hessens Innenminister Heinrich Schneider mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. DSB- und NOK-Präsident Willi Daume erinnerte daran, dass Lindner nach dem Zusammenbruch 1945 das Hauptverdienst daran hatte, dass der Sport wieder auflebte und ein gemeinsames Dach erhielt. 1970 trat Heinz Lindner von allen seinen Ämtern im Sport zurück, als die weitere Entwicklung des Sports seiner Gemeinschaftsidee widersprach und er auch die wachsende Kommerzialisierung persönlich nicht mehr mittragen konnte. Lindner schied im Zorn, denn wesentliche Teile dessen, was er in mühseliger Kleinarbeit aufgebaut hatte, waren seinerzeit vom hessischen Sportbundtag mit der Annahme von Satzungsänderungen zunichte gemacht worden.

Heinz Lindner ließ sich als Ehrenpräsident nur noch selten bei "seinem" LSB in Frankfurt blicken und starb am 18. März 1982 im Alter von 78 Jahren in Malchen bei Darmstadt. Die Erinnerung an ihn hält der LSB Hessen mit dem Heinz-Lindner-Preis aufrecht, mit dem alljährlich hessische Vereine für beispielhafte Vereinsarbeit ausgezeichnet werden.


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 1-3 / 19. Januar 2010, S. 17
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 29. Januar 2010