Schattenblick →INFOPOOL →SPORT → FAKTEN

GESCHICHTE/190: Januar 1990 - Noch elf Monate bis zur sportlichen Einheit (7) (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 1-3 / 19. Januar 2010
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

Januar 1990: Noch elf Monate bis zur sportlichen Einheit (7)
Auch Manfred Ewald, der bisher mächtigste Mann des DDR-Sports, musste abtreten

Von Friedrich Mevert


Am 1. Januar des neuen Jahrzehnts führten erstmals die Neujahrsläufe wieder durch beide Teile Berlins und der Hauptlauf mit 20.000 Aktiven sogar durch das Brandenburger Tor. Nachdem es zwischen dem 9. November und dem 31. Dezember 1989 nach den Aufzeichnungen des LSB Berlin fast 200 Ost-West-Sportbegegnungen in der noch geteilten alten Reichshauptstadt gegeben hatte, an denen nicht nur Vereine und Verbände aus beiden Teilen der Stadt, sondern auch von DTSB-Organisationen aus den anderen Bezirken der ehemaligen DDR teilgenommen hatten, kam es bereits in der ersten Januarwoche zum Sturz des früher mächtigsten Mannes des DDR-Sports. In der Mitgliederversammlung des NOK der DDR am 6. Januar 1990 trat Manfred Ewald nicht nur als Präsident, sondern auch als Mitglied des Olympischen Komitees zurück. Ewald war bereits am 5. November 1988 von seinem Amt als Präsident des Deutschen Turnund Sportbundes (seit 1961) abgelöst worden - laut Wikipedia-Enzyklopädie "durch eine Aktion der Staatssicherheit entmachtet"; in DDR-Deutsch dagegen "auf eigenen Antrag vom Bundesvorstand des DTSB von der Punktion des Präsidenten des DTSB entbunden". Nun musste er nach massiven Angriffen auch als Präsident des NOK der DDR und als NOK-Mitglied zurücktreten und verlor als einst mächtigster Mann damit sein letztes Amt. Sein Nachfolger als Übergangspräsident für ein halbes Jahr, der bisherige NOK-Vizepräsident, das IOC-Mitglied Dr. Günther Heinze, erklärte laut Deutscher Presse-Agentur zu dem Vorgang: "Ewald hat eine Reihe von Fehlern gemacht, die er als Leiter des Kollektivs mitzutragen hat." Davon, dass Heinze auch seit Jahren diesem "Kollektiv" angehört hatte, war in dessen Statement nicht die Rede. Nachdem am 16. Januar auch Manfred von Brauchitsch als Präsident der "Gesellschaft zur Förderung des Olympischen Gedankens in der DDR", des Gegenstücks zur bundesdeutschen DOG, seinen Rücktritt erklärt hatte, nachdem am 27. Januar bei einer außerordentlichen Tagung der Zentralvorstand der Gesellschaft für Sport und Technik ebenfalls zurückgetreten war, gab es am gleichen Wochenende bei der 17. Tagung des DTSB-Bundesvorstandes in der Sportschule Kienbaum gleich eine ganze Reihe von Ausschlüssen aus Führungsämtern des DDR-Sports. Auf Druck der Delegierten mussten wegen ihrer "dirigistischen Amtsführung im Sinne der damaligen SED-Führung" der ehemalige DTSB-Präsident Manfred Ewald und der amtierende DTSBPräsident Klaus Eichler ihre Ämter in dem 150-köpfigen Bundesvorstand zur Verfügung stellen. Doch dieses Los traf nicht nur diese beiden. Der Sportinformationsdienst (sid) berichtete aus Kienbaum: "Daneben wurde eine ganze Reihe von langjährigen Funktionären ausgeschlossen: Der Ende November 1989 entlassene Staatssekretär für Körperkultur und Sport, Professor Dr. Günter Erbach, wurde genauso abgewählt wie der ehemalige Leiter der Abteilung Sport im Zentralkomitee der SED, Rudi Hellmann. Erbach amtiert noch als DDR-Fußballpräsident, will aber in den nächsten Tagen auf Druck der Oberligaklubs auch dieses Amt aufgeben. Von ihren Funktionen entbunden wurden hinzu auch die ehemaligen Vizepräsidenten Volker Ränke, Siegfried Geilsdorf, Thomas Köhler, Bernhard Orzechowski und Professor Dr. Horst Röder. Volker Ränke steht unter Korruptionsverdacht, nachdem er sich aus öffentlichen Sportförderungsmitteln von Erbach ein zinsloses Darlehen für die Fertigstellung eines Eigenheimes in Höhe von 195.000 Mark bewilligen ließ."

Weitere sporthistorisch wichtige Daten für die spätere deutsch-deutsche Vereinigung waren im Januar 1990 aber auch:

Am 5. Januar konstituierte sich der "Runde Tisch des Sports" und forderte u. a. mit Erfolg die Volkskammer der DDR auf, ein Jugend- und Sportministerium einzurichten;
am gleichen Tag wurden im ersten Gespräch zwischen den beiden deutschen Schwimm-Verbänden DSV und DSSV gemeinsame Lehrgänge und Trainingslager verabredet;
am 10. Januar berieten die beiden Eishockeyverbände DEB und DEL? In München über eine engere Zusammenarbeit im Eishockey;
am 11. Januar einigten sich die beiden Fußballverbände DFB und DFV bei der zweiten Gesprächsrunde nach dem Mauerfall über die Bestimmungen bei künftigen Spielerwechseln;
ebenfalls am 11. Januar führten DSB und DTSB ein weiteres Gespräch und vereinbarten zusätzliche Formen der Zusammenarbeit, u. a. durch die Bildung gemeinsamer Kommissionen;
zwei Tage später, am 13. Januar, setzten der Verband Deutscher Sportfischer und der Deutsche Angler-Verband der DDR den Reigen der Verbandsgespräche fort und berieten über mögliche Kooperationen;
am 23. Januar wurde eine Athletenkommission des DTSB gegründet, der gewählte Sprecher aller Sportfachverbände angehörten;
am 27. Januar gab es im Berliner Olympiastadion vor 52.000 Zuschauern nach fast 30 Jahren das erste Zusammentreffen der beiden Traditionsvereine 1. FC Union (Ost) und Hertha BSC (West), in dem die Herthaner knapp mit 2:1 siegten;
am 27./28. Januar trafen sich auf Einladung des LSB Niedersachsen in Hannover Vertreter des Landessportbundes mit Beauftragten der angrenzenden DTSB-Bezirke Magdeburg, Erfurt und Schwerin und vereinbarten eine partnerschaftliche Zusammenarbeit beim Aufbau einer demokratischen Sportbewegung. Zu diesem Zweck wurde u. a. die Bildung von fünf gemeinsamen Arbeitsgruppen vereinbart, bei denen die Federführung aufgeteilt wurde;
schließlich kamen am 29. Januar in Berlin-West die Präsidenten der beiden deutschen NOKs, Willi Daume und Günther Heinze, beide Mitglieder des IOC, zu einem als "informell" bezeichneten ersten Gespräch zusammen.

Besonders wichtig war aus gesamtpolitischer Sicht der 30. Januar. Da trafen sich der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow und DDR-Ministerpräsident Hans Modrow in Moskau. Schon vorher hatte Gorbatschow zum Ausdruck gebracht, dass die Sowjetunion prinzipiell nichts gegen eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten einzuwenden habe.

Einen Einblick in die Stimmung an der sportlichen Basis in der DDR-Provinz gibt ein Bericht der "Wolfsburger Nachrichten" vom 11. Januar 1990 über einen Besuch einer Delegation des DTSBKreises Halberstadt in der VW-Stadt wieder:

"Besonders interessant, aber auch befremdend wirkten die Ausführungen über den Leistungssport in der DDR auf die Zuhörer. So wurden bisher die Sportstars der Zukunft bereits im Vorschulalter gesichtet und systematisch an den Leistungssport herangeführt. Jochen Pegelow, im Kreis Halberstadt zuständig für den Kinder- und Jugendsport, erläuterte den Modus am Beispiel des Geräteturnens, das neben dem Schwimmsport im Kreis Halberstadt besondere Priorität genießt.

So wurden Größe und Gewicht aller Jungen und Mädchen, die in den Kindergarten kamen, auf Listen erfasst. Die hauptamtlichen Übungsleiter des DTSB-Kreises durften diese Listen einsehen und trafen eine Vorauswahl. Stimmte die Statur mit den Voraussetzungen überein, die erforderlich sind, um später vielleicht ein großer Turner zu werden, durchliefen die Kinder einen sportärztlichen Test. Pro Jahrgang wurden so in Halberstadt etwa 35 Kinder herausgefiltert, die dann drei Jahre lang in einem Kader einmal in der Woche trainieren konnten.

Pegelow wies ausdrücklich daraufhin, dass zu alldem immer die Einwilligungen der Eltern nötig waren. Allerdings räumte er ein, dass nur wenige Eltern ihre Zustimmung nicht erteilten. Pegelow: "Eines muss hier mal ganz deutlich gesagt werden. Wenn ein Kind das Zeug hat, sportlich groß herauszukommen, dann ist das mit materiellen Vorteilen verbunden, die auch den Eltern zugute kommen. Da gab es nur wenige, die das abgelehnt haben. Bislang war es so, dass ab einem bestimmten Alter die Besten nach Berlin beordert wurden, weil es die Partei so wollte. Sie hatte die Aufsicht über den Leistungssport."


*


Quelle:
DOSB-Presse Nr. 1-3 / 19. Januar 2010, S. 26-27
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
Herausgeber: Deutscher Olympischer Sportbund
Otto-Fleck-Schneise 12, 60528 Frankfurt/M.
Tel. 069/67 00-255
E-Mail: presse@dosb.de
Internet: www.dosb.de


veröffentlicht im Schattenblick zum 26. Januar 2010