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GESCHICHTE/183: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 58 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 49 / 1. Dezember 2009
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1966/III: Die "Charta des deutschen Sports" wird verabschiedet
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 58)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Bereits beim Bundestag des Deutschen Sportbundes (DSB) am 7. Mai 1966 im Maximilianeum, dem bayerischen Landtag in München, sollte die "Charta des deutschen Sports" verabschiedet werden. Doch es gab noch so viele Anregungen, so dass die endgültige Fassung erst bei der Herbsttagung des DSB-Hauptausschusses im Oktober 1966 in Hamburg vorlag.

Die einstimmig verabschiedete "Charta" hatte folgenden Wortlaut:

"Der Sport erfüllt in der modernen Gesellschaft wichtige biologische, pädagogische und soziale Funktionen. Die deutsche Turn- und Sportbewegung ist verpflichtet, Bedeutung und Aufgaben des Sports und der Leibeserziehung ständig zu überdenken und sich um ihre angemessene Einordnung in den Kulturbereich zu bemühen.

Sport und Leibeserziehung fördern die Gesundheit des einzelnen und stärken die vitale Kraft des Volkes, tragen zur Entfaltung der Persönlichkeit bei und sind nicht austauschbare Faktoren der Bildung, bieten durch vielfältige Übungs- und Gesellungsformen wirksame Hilfen für das Zusammenleben in der Gemeinschaft, ermöglichen eine sinn- und freudvolle Erfüllung der neugewonnenen Freizeit.

Die Turn- und Sportbewegung sieht es als ihren Auftrag an, die schulische Leibeserziehung, den Breitensport und den Leistungssport - ausgehend von einer modernen Vorstellung vom Menschen - gleichgewichtig zu fördern und diesen Bestrebungen durch die Erkenntnisse der Wissenschaften fortschreitend neue Anregung zu geben.

Leibeserziehung ist für Erziehung und Bildung des Menschen unentbehrlich; sie sind in Frage gestellt, wenn die Leibeserziehung nicht oder nur unzureichend berücksichtigt wird. Richtlinien, Bildungspläne und Vorschriften zur Schulreform müssen dieser Tatsache Rechnung tragen. Der Bedeutung der Leibeserziehung entsprechend, sind bei stärkerer Beachtung durch die Schulaufsicht sicherzustellen:

im 1. und 2. Schuljahr die tägliche Bewegungszeit; vom 3. Schuljahr an drei Wochenstunden Leibeserziehung im Lehrplan aller Schularten sowie zusätzlich zwei Spielstunden nachmittags in freiwilligen Neigungsgruppen; regelmäßige Leibeserziehung auch in den Berufs- und Berufsfachschulen.

Neben den Bundesjugendspielen ist das Jugendsportabzeichen in das Programm der schulischen Leibeserziehung aufzunehmen. Die Zusammenarbeit zwischen Schule und Verein ist enger zu gestalten.

Mangel an körperlicher Bewegung und Zuwachs an freier Zeit sind Kennzeichen der veränderten Lebensweise in unserer technisierten Welt. Die deutsche Turn- und Sportbewegung begegnet diesen Erscheinungen mit dem Ausbau der bewährten Formen des Breitensports durch die Maßnahmen des Zweiten Weges, um dem Erholungs- und Sportbedürfnis aller zu entsprechen. Die Erfüllung dieser Aufgabe setzt voraus, daß die notwendigen Sport-, Spiel- und Freizeitanlagen geschaffen und verstärkt ehren-, neben- und hauptamtliche Übungsleiter ausgebildet und eingesetzt werden.

Sport und Spiel sind ohne den Willen zur Leistung, ohne Wettbewerb und Meisterschaft nicht denkbar. Höchstleistungen geben vielfältige Impulse; auch die Gesellschaft erwartet sie vom Sport. Das Streben nach Leistung und Rekord greift heute tief in das Leben des Leistungssportlers ein und wird zu einer charakterlichen Bewährungsprobe. Ob das darin liegende Wagnis bewältigt wird, entscheidet über den Wert der sportlichen Leistung und über das Ansehen des Sports.

Sport und Gesellschaft sind verpflichtet, den Leistungssport durch Anstellung von Trainern und Schaffung von Trainings- und Forschungszentren zu fördern, dem Leistungssportler durch menschliche Führung zu helfen und ihn bei der Lösung seiner sozialen Probleme zu unterstützen.

Sport und Leibeserziehung stellen die Wissenschaften vor eine Reihe von Aufgaben; so bestimmen die Universitäten und Hochschulen heute entscheidend mit über ihre Entwicklung und ihren Rang in unserer Gesellschaft. Nur mit Hilfe der Universitäten und Hochschulen wird es gelingen, die weithin noch vorhandene intellektuelle Einseitigkeit in den Bildungsvorstellungen zu überwinden und die Bedeutung von Sport und Leibeserziehung nachzuweisen.

Um dieses Ziel zu erreichen, ist es notwendig:

Forschung und Lehre auf dem Gebiete des Sports und der Leibeserziehung durch Einrichtung von Lehrstühlen zu gewährleisten,

die Institute für Leibesübungen an den Universitäten und den Hochschulen auszubauen,

die Ranggleichheit der Leibeserziehung mit den anderen Fächern in allen Studien- und Prüfungsordnungen für das Lehramt an Schulen sicherzustellen.

Die deutsche Turn- und Sportbewegung bekennt sich zu den Grundsätzen und Forderungen dieser Charta.

Dieses Programm beruht auf der Initiative freier Bürger; es bedarf zu seiner Erfüllung der Mitwirkung des ganzen Volkes. Schule und Elternhaus, Kirche und Staat, alle gesellschaftlichen Gruppen und die politischen Parteien sind zur Partnerschaft aufgerufen."


Lehrerverbände unterstützten das DSB-Memorandum zum Schulsport

Das vom Deutschen Sportbund im Vorjahr herausgegebene "Memorandum zum Stand der schulischen Leibeserziehung" hatte ein starkes Echo.

Professor H. Rodenstein Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Lehrerverbände, nahm wie folgt Stellung: "Die 'Arbeitsgemeinschaft Deutscher Lehrerverbände (GEW und BLLV)' begrüßt die Bemühungen des Deutschen Sportbundes, wie sie in den 'Empfehlungen' von 1955 und dem 'Memorandum' von 1965 zum Ausdruck kommen.

Die folgenden Anmerkungen zum 'Memorandum' sollen eine weitgehend gemeinsame Sache fördern, auch wenn sie sich teilweise kritisch mit der Beurteilung der Situation und den Vorschlägen auseinandersetzen.

1. Die im Memorandum angegebenen Zahlen sind unbrauchbar, mißverständlich und zu allgemein, um daraus wirkliche Schlüsse ziehen zu können. Eine gezielte und einwandfrei interpretierte Bestandsaufnahme der Situation der schulischen Leibeserziehung wäre schon deshalb von Nutzen, weil sie das unzweifelhaft vorhandene Positive neben dem Negativen deutlicher erscheinen ließe.

2. Eine kritische Untersuchung des wirklich Möglichen könnte besonders wertvoll sein. So wäre es u. a. von der Zahl der Stunden im Lehrplan her gesehen durchaus möglich, in der Grundschule weitere Turnstunden vorzusehen, ohne die Kinder zu überlasten. Für die tägliche Bewegungszeit im 1. und 2. Schuljahr sprechen viele Argumente. Es muß deshalb nach den Gründen gefragt werden, die in so auffallendem Maße die Durchführung verhindern.

3. Die Errichtung von Mittelpunktschulen hilft auf dem Land das Problem der Übungsstätten lösen. Vorteile für die Leibeserziehung ergeben sich auch durch die Einführung des 9. und 10. Schuljahres. Der DSB sollte alle Bestrebungen in dieser Hinsicht unterstützen, zumal die Situation der Berufsschulen trotz mancher Ansätze kaum Hoffnung auf baldige Besserung läßt. Die AGDL begrüßt die Bemühungen der deutschen Turn- und Sportvereine gerade um die Berufsschuljugend und hofft, daß sich recht viele Lehrer zur Jugendarbeit in den Vereinen bereitfinden.

4. Das Memorandum fordert mit Recht die Gleichstellung der Leibeserziehung mit anderen Bildungsbereichen. Diese Gleichstellung ist nur zu erreichen, wenn auch für die Leibeserziehung das Vollstudium, das heute das Abitur voraussetzt, gefordert wird. Eine solche Regelung müßte sich auch in der finanziellen Gleichstellung dokumentieren und stünde im Interesse der Dignität der Leibeserziehung.

5. Die AGDL möchte das Augenmerk des Deutschen Sportbundes auf eine Gefahr lenken, die der Leibeserziehung in der Schule durch manche in der Öffentlichkeit hochgespielte Erscheinungen im Sport droht. Die öffentliche Meinung und das Verhältnis der Jugend zum Sport werden nicht wenig durch das Betonen von Sensationen und Mißständen beeinflußt. So verliert der Sport seine Anziehungskraft auf die Jugend, und der gute Wille des Lehrers wird strapaziert. Die Auswirkungen in den Turnstunden sind nicht zu übersehen.

1962 betonte der Präsident des Deutschen Sportbundes, Willi Daume, in einem Brief an die AGDL die Obereinstimmung der Gedanken von DSB und AGDL. Um dieselbe Arbeit an der gleichen Jugend geht es auch heute. Die AGDL würde sich freuen, wenn die in den "Empfehlungen zur Förderung der Leibeserziehung in den Schulen" gegebenen Ziele recht bald erreicht werden könnten und unterstützt daher die Bemühungen des DSB um eine gesunde Entwicklung und Erziehung der Jugend.


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 49 / 1. Dezember 2009, S. 26-28
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 12. Dezember 2009