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GESCHICHTE/182: Auch Helmut Schmidt kritisierte schon vor 50 Jahren die Schulsportmisere (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 48 / 24. November 2009
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

Auch Helmut Schmidt kritisierte schon vor 50 Jahren die Schulsportmisere
Als erster Bundeskanzler im November 1979 in der Deutschen Sporthochschule Köln zu Gast

Von Friedrich Mevert


Er war in der Zeit von 1974 bis 1982 Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland und er galt - bis heute - als excellenter Stratege und Wirtschaftsexperte, aber auch als ein Mann, der offene Worte liebte und diese auch deutlich aussprach. Helmut Schmidt hatte deshalb auch - mit durchaus anerkennendem Unterton - im Volksmund den Beinamen "Schmidt-Schnauze" bekommen.

Als erster deutscher Bundeskanzler überhaupt besuchte Helmut Schmidt am 27. November 1979 die Deutsche Sporthochschule in Köln und sprach in einer Grundsatzrede anlässlich dieses Besuchs "Die Bedeutung des Sports für die Gesamterziehung" unter mehreren Gesichtspunkten an. Einige Passagen zum Problem des Schulsports aus dieser Rede, die auch nach drei Jahrzehnten noch nichts an Bedeutung verloren haben, sollen deshalb im folgenden wörtlich zitiert werden:

Täglich eine Stunde Sportunterricht

"Ich habe vor einigen Jahren vor dem Deutschen Sportbund die damals zu konstatierende, heute etwas gebesserte Misere im Schulsport beklagt. Ich will einräumen, dass inzwischen in Nordrhein-Westfalen besonders viel auf diesem Felde geschehen ist. Aber es gibt immer noch Klagen, dass Sportlehrer fehlen. lch hoffe sehr - und mein Besuch soll dazu beitragen, die öffentliche Aufmersamkeit auf diesen Punkt zu lenken -, dass sich hier im Laufe der nächsten Jahre noch sehr viel bessert.

Ich hatte während meiner Schulzeit acht Jahre lang täglich eine Stunde Sportunterricht, und ich möchte das in meiner Erinnerung nicht missen. Pur meine Erziehung hat dieser Schulsport große Bedeutung gehabt. Er war ein wesentlicher Teil unserer Erziehung, der uns zugleich ein Gemeinschaftserlebnis geboten hat. Ich glaube, in kaum einem anderen Unterrichtsfach in der Schule kann man so gut wie im Sport lernen, sich in der Gruppe zu bewegen, sich in die Gruppe, in die Mannschaft einzufügen. Nirgendwo sonst wie im Sport wird den jungen Menschen soviel Kontakt mit anderen Menschen vermittelt. Beim Sport kommt man ja ganz unvermeidlich miteinander in Kontakt - manchmal auch so hart, dass es Schürfungen oder Verletzungen gibt -, aber im Grunde lernt man doch, freundschaftlich in Kontakt zu sein. Man entwickelt Sinn für 'fair play', auch für Freundschaft und Solidarität."


Lernen, sich an Regeln zu halten

"Man lernt im Übrigen im Sport auch, sich an Regeln zu halten. Man lernt, Rücksicht zu nehmen. Manche lernen sogar, den Mund zu halten, an der Stelle, an der es angebracht ist - auch, wenn man Entscheidungen des Schiedsrichters für ungerechtfertigt hält. Es ist gar nicht so leicht, dann den Mund zu halten. Ich halte Sport in der Erziehung auch deswegen für ganz besonders wichtig, weil Sport eine unmittelbar erlebbare Form der Selbstverwirklichung als Person und auch als Gruppe ist. Das Erlebnis der eigenen sportlichen Leistung trägt zur Bildung der Persönlichkeit bei. Das scheint mir von ganz großer Bedeutung für die Gesamterziehung von Kindern, von jungen Menschen zu sein. Das sollte die Pädagogik insgesamt erkennen und nicht vernachlässigen."


Sport hörte auf, wenn man die Schule verließ

"Der Schulsport ist früher oft sehr eng verstanden worden. Zu meiner Zeit war es meistens so, dass der Sport aufhörte, wenn man die Schule verließ. Aber es hat auch früher schon Pädagogen gegeben, die es als ihre Aufgabe angesehen haben, den Schulsport zu nutzen, um damit den Menschen für ein ganzes sportliches Leben zu motivieren. Diese Aufgabe des Schulsports wird heute allgemein anerkannt. Je mehr man den Sport als etwas ansieht, an dem man Freude hat, je mehr man ihn als Spiel ansieht, desto leichter fällt diese Motivation.


Sport ist auch immer Leistung

Auf der anderen Seite ist Sport natürlich immer auch Leistung. Ich denke aber, man sollte vorsichtig sein, wenn man sich selbst oder wenn man andere, zumal in der Schule, auf Leistung oder gar auf Hochleistung trimmt. Hochleistung kann gefährlich sein, das weiß jeder, nicht nur wegen der Risse, Brüche oder Gipsbeine, sondern auch, wenn dabei die Freude am Sport über Bord geht, wenn der selbstgesetzte, der selbstgewollte Zwang das Übergewicht gewinnt, so dass Verkrampfung an die Stelle der Lockerheit tritt, die der Sport ja eigentlich bewirken soll. Hier das richtige Gleichgewicht zwischen der Leistung auf der einen und der Freude an der Leistung und der spielerischen Lockerheit auf der anderen Seite zu finden, scheint mir eine wesentliche Aufgabe für die Sportpädagogen und für Pädagogen überhaupt zu sein."

Rektor der Sporthochschule war damals Prof. Dr. Hans-Joachim Lieber. 25 Jahre später - 2004 - erklärte der heutige Leiter der DSHS Köln Prof. Dr. Walter Tokarski als schon damaliger Rektor zur Schmidt-Rede:


Fehlentwicklungen auch im Schulsport

"Es gibt Fehlentwicklungen im Sport, die auch nach 25 Jahren offensichtlich keiner Lösung zugeführt werden konnten. Der Schulsport gehört dazu!" und er fragte vor fünf Jahren gleichzeitig: "Man fragt sich, was eigentlich in den letzten 25 Jahren im und mit dem Schulsport passiert, oder besser: nicht passiert ist, dass wir heute über dieses Thema immer noch in derselben Art und Weise diskutieren und zu ziemlich gleich lautenden Schlüssen kommen wie Helmut Schmidt?"

Und was würde Helmut Schmidt heute - nach dreißig Jahren - zum Zustand des Schulsports im auslaufenden Jahr 2009 sagen?


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 48 / 24. November 2009, S. 35-36
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 10. Dezember 2009