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GESCHICHTE/177: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 55 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 45 / 3. November 2009
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1965/IV: Hauptausschuss beschließt Wiederaufnahme des gesamtdeutschen Sportverkehrs
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 55)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Als wichtigste Entscheidung seit 1961 sei in Kommentaren westdeutscher Zeitungen der Beschluss des Hauptausschusses des Deutschen Sportbundes (DSB) vom 30. Oktober 1965 bezeichnet worden, dass der gesamtdeutsche Sportverkehr wieder aufgenommen werden solle und damit die "Düsseldorfer Beschlüsse" vom 16. August 1961 aufgehoben wurden.

Die LSB-Zeitschrift "Sport in Niedersachsen" widmete dieser bedeutsamen Sitzung folgenden ausführlichen Beitrag:

"Der Deutsche Sportbund hat 'grünes Licht' für den Sportverkehr mit der Zone gegeben. Drei Sätze lang ist der Beschluß, den der Hauptausschuß auf seiner zweiten Sitzung am 30. Oktober 1965 in Köln faßte und der in ersten Kommentaren westdeutscher Zeitungen als wichtigste Entscheidung des DSB seit 1961 bezeichnet wurde:

'Das Internationale Olympische Komitee hat in Madrid den Status West- und Ost-Berlins eindeutig bestätigt.

Durch diese Klarstellung sieht sich der Deutsche Sportbund in der Lage, seine Aufgabe der menschlichen Begegnung im geteilten Deutschland wieder voll zu erfüllen.

Die Turn- und Sportvereine im DSB nehmen den Sportverkehr mit den Gemeinschaften des Deutschen Turn- und Sportbundes wieder auf.'

Thema "gesamtdeutscher Sport" wurde auf Antrag erst nachträglich auf die Tagesordnung gesetzt und stand dann im Mittelpunkt einer ausführlichen Aussprache, die sich im Anschluß an den Bericht von DSB- und NOK-Präsident Willi Daume über den Verlauf der 63. IOC-Session in Madrid ergab. Seit 1963, als feststand, daß es wieder eine gesamtdeutsche Olympiamannschaft geben würde, haben die Führungsgremien des DSB wiederholt ihre Bereitschaft geäußert, den Sportverkehr, an dem alle Deutschen teilnehmen, wiederaufzunehmen. Insofern bedeutet der Kölner Beschluß keine Überraschung.

Die Willenserklärung, wie sie jetzt verkündet wurde, geht über frühere Stellungnahmen jedoch hinaus. Begründet wird das mit jener Passage aus dem Madrider IOC-Beschluß, in der es sinngemäß heißt, daß der Berliner Sport in den Sport der Bundesrepublik und der Ostberliner Sport in den Sport der Zone integriert ist. Diese Feststellung hat nach Ansicht des DSB-Hauptausschusses ungeheures Gewicht. Ganz gewiß war es nicht die Absicht und steht es auch nicht in der Macht des IOC, eine politische Entscheidung in der Berlinfrage zu treffen, und es läßt sich sogar das Argument vorbringen, das Internationale Olympische Komitee habe nur Entscheidungen für den olympischen Sektor zu treffen; außer Frage steht aber, daß der Spruch des höchsten Sportgremiums der Welt erhebliches moralisches Gewicht hat und daß ein Verstoß dagegen überall in der Sportwelt auf massive Kritik stoßen würde.

Der Kölner Beschluß zeichnet sich durch Kürze und Prägnanz aus. Er enthält keine Forderung, die die Gegenseite zu einer Ablehnung ermutigen könnte oder geeignet wäre, neue Polemiken auszulösen. Der einleitende Satz läßt aber auch keinen Zweifel daran, daß der Deutsche Sportbund die Einbeziehung West-Berlins in den Ost-West-Verkehr als selbstverständliche Voraussetzung erwartet.

Bei anderer Gelegenheit hat sich die Zone stets auf die Regelung innerhalb der internationalen Fachverbände berufen. Im Falle West-Berlin braucht sie sich dieser Regelung nur zu erinnern und ihr zu folgen: Unbestritten sind die Westberliner Sportler in die Fachverbände der Bundesrepublik integriert, die ihrerseits den internationalen Föderationen angehören. Für den Deutschen Sportbund ist West-Berlin kein Tauschobjekt. Die Mitglieder des Hauptausschusses haben denn auch keinen Zweifel daran gelassen, daß sie bereit sind, die Konsequenzen zu ziehen, wenn sich herausstellen sollte, daß West-Berlin - gemäß IOC-Beschluß auf sportlichem Gebiet nach den Worten Daumes "eine Stadt wie jede andere auch, wie Dortmund, Essen oder Köln" - isoliert werden sollte. Der Deutsche Sportbund wird diese Entwicklung sehr aufmerksam verfolgen. Nach den Vorstellungen des Hauptausschusses sollen die Vereine im gesamtdeutschen Sportverkehr den Anfang machen, wobei es besonderer Vereinbarungen nicht bedarf, wenn beide Seiten bereit sind, jene Grundlagen zu akzeptieren, die in früheren Jahren einen lebhaften Sportverkehr und menschliche Kontakte in ganz Deutschland ermöglichten.


6,8 Millionen Vereinsangehörige

In seinem Bericht vor dem Hauptausschuß stellte DSB-Präsident Daume besonders heraus, daß die Mitgliederzahl ständig steigt. Nach der letzten Bestandserhebung betrug sie mehr als 6,8 Millionen Turner und Sportler, die in 34.475 Vereinen zusammengeschlossen sind. Bemerkenswert ist vor allem, daß mehr als 40 Prozent aller männlichen Jugendlichen im Alter von 14 bis 21 Jahren Sportvereinen angehören und daß erstmals in der Geschichte des deutschen Sports die Zahl der Männer und Frauen über 45 Jahre erheblich angestiegen ist.

Daume führte dieses Ergebnis auf den "Zweiten Weg" zurück und bezeichnete es als eine staatspolitisch ungeheuer wichtige Aufgabe, dieses Gebiet weiter zu erschließen. Weitere Erfolge würden aber nur bei einer grundsätzlichen Verbesserung der schulischen Leibeserziehung zu erzielen sein. In diesem Zusammenhang nahm der Hauptausschuß mit Befriedigung Kenntnis von den Maßnahmen, die die Kultusminister tags zuvor in Hildesheim beschlossen hatten. Es ist in den letzten Monaten auch gelungen, das Sportabzeichen immer mehr in das Bewußtsein der Öffentlichkeit zu rufen. Die Entwicklung auf diesem Gebiet ist ermutigend. Der Hauptausschuß stimmte dem Vorschlag zu, den Bundestag, der am 24./25.

April 1966 stattfinden sollte, wegen terminlicher Überschneidung mit dem nächsten IOC-Kongreß auf den 6./7. Mai nächsten Jahres zu verlegen. Tagungsort bleibt München.

Der Bundesausschuß zur Förderung des Leistungssports ist mit großem Elan an seine Arbeit herangegangen und hat inzwischen bereits 28 Lehrgänge veranstaltet, die gute Grundlagen gelegt haben. Über den Deutschen Sportbund konnten den Fachverbänden 21 hauptamtliche Trainer zur Verfügung gestellt werden. Gute Fortschritte machen Planung und Bau der Leistungszentren: Inzell weiht im Dezember die Eisschnellaufbahn ein, die von führenden deutschen Aktiven als schönste Anlage ihrer Art in der Welt bezeichnet wird, die Leichtathleten freuen sich auf die Zentren in Dortmund, Stuttgart und Mainz, in Köln wird mit erheblichen finanziellen Aufwendungen eine Schwimmhalle gebaut, die Ruderer können in der Ruderakademie in Ratzeburg geschult werden, in Wiesbaden ist ein Schützenzentrum entstanden. Weitere Zentren: Frankfurt/Main (Ausbau der Turnschule), Warendorf (Reiter), Berchtesgaden (Rennrodel), Garmisch (Bob). Baukostenträger sind Bund, Länder und Kommunen.

Prof. Nöcker, der Vorsitzende des Bundesausschusses zur Förderung des Leistungssports, berichtete über seine Eindrücke bei der "Internationalen Sportwoche" in Mexiko, ohne sich ein abschließendes Urteil über die Probleme der Höhenanpassung zu erlauben. So viel stehe aber schon jetzt fest: es sei falsch, die Probleme, die sich aus der Höhenlage von Mexiko City ergeben, überzubewerten, doch bedürfte es andererseits sorgfältiger Untersuchungen, um allen Schwierigkeiten auf geeignete Weise zu begegnen. Die deutschen Sportärzte werden weitere Untersuchungen anstellen."


Sport ist echte Jugendpflege

Anlass zur Freude und Genugtuung hatte zum Jahresende 1965 auch der Vorstand der Deutschen Sportjugend, hatte doch Bundeskanzler Prof. Dr. Ludwig Erhard in einem Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (sid) die sportliche Jugendarbeit ausdrücklich als echte und förderungswürdige Jugendpflege bezeichnet - im Gegensatz zu manchen einflussreichen Funktionären anderer Jugendverbände und nicht wenigen ministeriellen Jugendbeamten, die dies bis in die 70er Jahre hinein immer noch bestritten, aus heutiger Sicht völlig unverständlich! Das Interview bestand nur aus zwei Fragen des sid-Journalisten und Erhards Antworten und hatte folgenden Wortlaut: "sid: Ist die sportliche Jugendarbeit in den 33.00 Turn- und Sportvereinen nicht eine voll und ganz förderungswürdige Jugendpflege?

Bundeskanzler Erhard: Wir können nur glücklich darüber sein, daß wir in Deutschland über 33.000 Turn- und Sportvereine verfügen. Daß hier eine förderungswürdige Jugendpflege betrieben wird, ist so selbstverständlich, daß man es eigentlich gar nicht besonders zu erwähnen braucht. Die sportliche und turnerische Leibeserziehung in den deutschen Vereinen war und ist vorbildlich. Sie ist aber kein Ersatz für die schulische Leibeserziehung. Im Gegenteil: In der Schule muß weiter mehr als bisher - und in dieser Frage stimme ich voll mit dem Deutschen Sportbund überein - die allgemeine sportlich-turnerische Grundlage für alle jungen Menschen gelegt und gepflegt werden. Wenn unsere Vereine auf einer solchen Grundlage dann ihre Arbeit aufbauen und fortführen können, verbinden sich Schule und Vereine im Interesse der Volksgesundheit und auch der sportlichen Leistungsfähigkeit unserer jungen Menschen.

sid: Auf dem Höhepunkt des Wahlkampfes ist die Diskussion um die unbefriedigende Lage der schulischen Leibeserziehung durch das Memorandum des Deutschen Sportbundes erneut entfacht worden. Gehört die Leibeserziehung wirklich zu den wesentlichen Elementen von Erziehung und Bildung, und darf man ihre Förderung als eine vordringliche kulturpolitische Aufgabe betrachten?

Bundeskanzler Erhard: Heute wie schon immer vertrete ich den Standpunkt, daß die Leibeserziehung seit den Zeiten des klassischen Altertums und über die Zeit von Jahn und Pestalozzi hinaus unverzichtbares Element bei der Erziehung junger Menschen ist. Es ist für mich selbstverständlich, daß Sportförderung im Rahmen der Bildungsförderung auf einer Stufe rangieren muß, die der Bedeutung der Leibesübung für ein gesundes Volk entspricht. Insofern halte ich die Sportförderung für eine vordringliche kulturpolitische Aufgabe."


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 45 / 3. November 2009, S. 34-36
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 21. November 2009