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GESCHICHTE/175: November 1989 - Auf dem Weg zur sportlichen Einheit Deutschlands - Teil 4 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 45 / 3. November 2009
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

Der Beitritt des DDR-Sports erfolgte nach dem Muster der Politik
November 1989: Auf dem Weg zur sportlichen Einheit Deutschlands (4)

Von Friedrich Mevert


Nach der ersten Begegnung am 17. November kurz nach der Maueröffnung vom 9. November 1989, bei der der Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB) Präsident Hans Hansen, und der Präsident des Deutschen Turn- und Sportbundes der DDR (DTSB),Klaus Eichler, in Berlin mit sofortiger Wirkung den freien und unreglementierten deutsch-deutschen Sportverkehr verkündeten, wurden zügig weitere Gespräche zwischen beiden Organisationen geführt und weitere Vereinbarungen getroffen. Doch es bedurfte zunächst noch weiterer interner Konferenzen und Abklärungen des jahrzehntelang vom ZK und Politbüro der SED geführten DTSB-Bundesvorstandes, um den Rahmen für die Zielvorstellungen für die deutsch-deutschen Verhandlungen von DDR-Seite abzustimmen.

Während in der Bevölkerung beispielsweise die Rufe "Wir sind ein Volk!" immer lauter und fordernder wurden, beriet der DTSB-Bundesvorstand am 29./30. November in Kienbaum noch - so die "Chronik des DDR-Sports" - "über die Aufgaben der Sportorganisation in einer sich erneuernden DDR und den DTSB als selbständige, von Parteien unabhängige, demokratische Massenorganisation" und bestätigte DTSB-Präsident Klaus Eichler einstimmig in seinem Amt. Erst mit dem Rücktritt von Egon Krenz als Vorsitzender des DDR-Staatsrates am 7. Dezember hatte Klaus Eichler seinen politischen Rückhalt verloren und trat nach massiven Protesten aus dem ganzen Land am 12. Dezember vom DTSB-Vorsitz zurück.

Am 4. Dezember hatte das DTSB-Präsidium bei seiner 44. Tagung noch ein Papier "Für einen neuen DTSB" vorgelegt. Damit wurde - in personeller Hinsicht - am 27. Januar 1990 eindrucksvoll begonnen, als bei der 17. Tagung des DTSB-Bundesvorstandes in Kienbaum die ehemalige Führungsspitze des DDR-Sports mit Präsident Klaus Eichler und seinem Vorgänger Manfred Ewald aus dem Bundesvorstand ausgeschlossen wurden. Das gleiche Los traf u. a. den ehemaligen Staatssekretär für Körperkultur und Sport, Prof. Dr. Günter Erbach, den früheren Leiter der Abteilung Sport des ZK der SED, Rudi Hellmann, sowie den DTSB-Vizepräsidenten Volker Ränke.

Der Potsdamer Olympiazweite im Kanu, Volker Schmidt, kommentierte das gegenüber der Deutschen Presseagentur (dpa) damals sehr drastisch: "Der DTSB fällt im Augenblick nur dadurch auf, dass sich die Funktionäre für die Sünden der Vergangenheit gegenseitig die Schuld zuschieben." Am 28. Januar rief der zum Vorsitzenden des Arbeitssekretariats des DTSB gewählte Jochen Grünwald in einer Pressekonferenz zu einer breiten Diskussion bei der Erneuerung des DDR-Sports auf.

Die personelle Erneuerung wurde beim Außerordentlichen Turn- und Sporttag des DTSB am 3./4. März weiter in die Tat umgesetzt und der Bobsportler und Werningeroder Bürgermeister Martin Kilian zum - ersten ehrenamtlichen - DTSB-Präsidenten gewählt. Vizepräsidenten wurden Dr. Margitta Gummel und der heutige Thüringer LSB-Hauptgeschäftsführer Rolf Beilschmidt. Zum Generalsekretär wählten die 1.100 Delegierten Jochen Grünwald. Damit standen der DSBFührung nun adäquate Partner für die weiteren Verhandlungen auf der DDR-Seite gegenüber, so dass die folgenden Einigungsverhandlungen nun zügig und mit konkreten Ergebnissen in den verschiedenen Kommissionen und Arbeitsgruppen fortgeführt werden konnten.

Nach dem ersten "Sportgipfel" zwischen den Präsidenten Hansen und Kilian am 5. April in Hannover und der zweiten Runde am 18. April in Berlin zeichneten sich bereits die Konturen für den geplanten Vereinigungsprozess ab. Danach sollte die Vereinigung der Sportorganisationen nach dem politischen Vorbild, d. h. nach Artikel 23 des Grundgesetzes, durch Beitritt der noch zu bildenden ostdeutschen Landessportbünde zum Deutschen Sportbund erfolgen. Martin Kilian kündigte an, dass schon unmittelbar nach Bildung der neuen Länder in der bisherigen DDR Landessportbünde nach dem Vorbild der Bundesrepublik gegründet werden würden.

Dieses geschah dann auch am 15. September in Brandenburg und am 27. September in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Im Rahmen der Herbsttagung der Ständigen Konferenz der Landessportbünde am 26. Oktober 1990 in Hannover übergaben die fünf ostdeutschen Präsidenten Prof. Dr. Gerhard Junghähne, Wolfgang Remer, Andreas Deckertf, Prof. Dr. Klaus-Dieter Malzahn und Prof. Dr. Manfred Thieß die formellen Aufnahmeantrage an DSB-Präsident Hans Hansen.

Nachdem am 31. August 1990 der Einigungsvertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR unterzeichnet worden war, in dem auch die Umwandlung der DDR-Sportstrukturen auf Selbstverwaltung festgelegt worden war, beschloss der Bundesvorstand des DTSB am 22. September 1990 seine Auflösung zum 5. Dezember 1990 und den Beitritt der ostdeutschen Landessportbünde zum DSB.

Im Einigungsvertrag wurde im Kapitel VIII, Art. 39 Sport, festgelegt:

"(1) Die in dem in Artikel 3 genannten Gebiet in Umwandlung befindlichen Strukturen des Sports werden auf Selbstverwaltung umgestellt, Die öffentlichen Hände fördern den Sport ideell und materiell nach der Zuständigkeitsverteilung des Grundgesetzes.

(2) Der Spitzensport und seine Entwicklung... wird, soweit er sich bewährt hat, weiter gefördert. Die Förderung erfolgt im Rahmen der in der Bundesrepublik Deutschland bestehenden Regeln und Grundsätze nach Maßgabe der öffentlichen Haushalte in dem in Artikel 3 genannten Gebiet. In diesem Rahmen werden das Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) in Leipzig, das vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) anerkannte Dopingkontrolllabor in Kreischa (bei Dresden) und die Forschungs- und Entwicklungsstelle für Sportgeräte (FES) in Berlin (Ost) - in der jeweils angemessenen Rechtsform - als Einrichtungen im vereinten Deutschland in erforderlichem Umfang fortgeführt oder bestehenden Einrichtungen angegliedert.

(3) Für eine Übergangszeit bis zum 31. Dezember 1992 unterstützt der Bund den Behindertensport." Die Aufnahme in den DSB wurde durch den satzungsgemäß zuständigen Hauptausschuss des DSB einstimmig am 14. Dezember 1990 unmittelbar vor dem 21. Bundestag aus Anlass des 40jährigen DSB-Jubiläums am 15. Dezember im Kuppelsaal der Stadthalle von Hannover vollzogen. Beim Bundestag wurde der bisherige DTSB-Präsident Martin Kilian (Werningerode) zum DSB-Vizepräsidenten und die LSB-Präsidenten Prof. Dr. Gerhard Junghähne (Potsdam) und Prof. Dr. Manfred Thieß (Jena) zu Beisitzern des Präsidiums gewählt. Wegen erwiesener Stasi-Kontakte mussten die beiden Letzteren jedoch von ihrer Funktion im DSB wie auch von ihren LSB-Ämtern später wieder zurücktreten.

Auch bei der Deutschen Sportjugend hatte sich die Vereinigung planmäßig vollzogen. Mit dem Ziel des stufenweisen Aufbaus eines gesamtdeutschen Sportjugendverbandes war am 31. März in Berlin-Grünau zunächst die "Sportjugend DDR" gegründet worden. Über die intensiven Kontakte auf Länderebene entstanden im September die Sportjugenden der fünf ostdeutschen Landessportbünde. Deren gewählte Vertreterinnen und Vertreter nahmen dann am 12./13. Oktober erstmalig an der Jugendhauptausschuss-Sitzung der DSJ teil und begründeten damit das erste gesamtdeutsche Jugendparlament des Sports.

Im Bereich der beiden Nationalen Olympischen Komitees hatte es am 29. Januar 1990 in Berlin ein erstes - noch informelles - Gespräch zwischen den Präsidenten Willi Daume (West) und Günter Heinze (Ost), beide Mitglieder des IOC, gegeben. Zuvor war am 6. Januar 1990 in der Mitgliederversammlung des NOK der DDR Manfred Ewald als Präsident und als Mitglied des NOK zurückgetreten. Damit hatte der einst mächtigste Sportführer der DDR auch sein letztes Amt verloren. Mit ihm trat - wie später dann auch beim DTSB - NOK-Vizepräsident Rudi Hellmann, Leiter der Sportabteilung im ZK der SED, zurück. Der bisherige Vizepräsident Günter Heinze wurde zum Präsidenten für eine Übergangszeit gewählt und erklärte zum Rücktritt Ewalds: "Ewald hat eine Reihe von Fehlern gemacht, die er als Leiter des Kollektivs des NOK mitzutragen hat."

Bei seiner Versammlung begrüßte das NOK auch die Idee, im Jahr 2000 oder 2004 Olympische Spiele in Gesamt-Berlin auszutragen.

Bereits Mitte Februar beriet dann auch die Bürgerinitiative Olympia 2000 mit Mitgliedern des DTSB-Arbeitssekretariats über die Vorbereitungen für Olympische Sommerspiele "in beiden Teilen" Berlins - von einem wiedervereinigten Berlin ging man zu diesem Zeitpunkt noch ebenso wenig aus wie von einer gemeinsamen deutschen Olympiamannschaft für 1992. So erklärte Werner Neumann als Sprecher des DTSB in Barcelona 1992 könne es "etwas ganz Spektakuläres" geben: "Es werden zwar zwei deutsche Mannschaften starten, aber sie werden unter einer Flagge einmarschieren..." Auch NOK-Präsident Dr. Günter Heinze betonte: "Eine Bildung von gesamtdeutschen Mannschaften für 1992 steht nicht auf der Tagesordnung." Für 1996 wolle er sich jedoch noch nicht festlegen.

Am 4. März gab es aber ein erstes Treffen zwischen Willi Daume und Dr. Joachim Weiskopf, der dann vom 16. Juni 1990 an als Präsident des NOK der DDR tätig wurde, und IOC-Mitglied Walther Tröger, zu diesem Zeitpunkt ehrenamtlicher IOC-Sportdirektor und bundesdeutscher NOK-Generalsekretär, erklärte zu den Plänen für eine gesamtdeutsche Olympiamannschaft, dass zunächst die Politik die Voraussetzungen schaffen müsse. Nach einer staatlichen Vereinigung werde das IOC selbstverständlich dem deutschen Wunsch auf Anerkennung eines NOK (und damit einer Mannschaft) nachkommen. Für ein gemeinsames deutsches Olympiateam

1992 plädierte am 22. April auch Cordula Schubert, die neue Ministerin für Jugend und Sport der DDR, und am 1. Mai sprachen sich in Berlin Olympiasieger aus beiden deutschen Staaten für eine gemeinsame Olympiamannschaft aus.

In der Mitgliederversammlung des DDR-NOK am 16. Juni 1990 in Kienbaum wurde Prof. Dr. Jochen Weiskopf zum Präsidenten gewählt, der es als seine wichtigste Aufgabe bezeichnete, für Albertville 1992 und Barcelona 1992 gemeinsame Olympiamannschaften zu bilden und eine frühestmögliche Fusion anzustreben. Darüber wurde bereits am 4. Juli bei einem Gipfeltreffen der beiden NOK-Präsidenten verhandelt und die Beratung am 7. August auf Arbeitsebene in Baden-Baden insbesondere zu Struktur- und Personalfragen fortgesetzt. Am 17. August erzielten die beiden deutschen NOKs weitgehende Einigkeit über das Verfahren für die beabsichtigte Vereinigung, die ein Vierteljahr später - am 17. November 1990 - in Berlin vollzogen werden sollte.

Fragen des Beitritts der DDR zur Bundesrepublik und die Auswirkungen auf den Sport wurden am 7. September auch, auf höchster Ebene zwischen Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl, Bundesinnenminister Dr. Wolfgang Schäuble, NOK-Präsident Willi Daume und DSB-Präsident Hans Hansen in Bonn erörtert. Dabei sagte der Bundeskanzler zu, sich für die Erhaltung des hohen Niveaus des Leistungssports in der DDR einzusetzen.

Gleich zwei Veranstaltungen besiegelten am 17. November 1990 die olympische Vereinigung der beiden deutschen NOKs. Zunächst beschloss im Roten Rathaus in (Ost-)Berlin die Mitgliederversammlung des NOK der DDR, sich mit Wirkung vom 1. Januar 1991 mit dem NOK der Bundesrepublik zum NOK für Deutschland zu vereinen. Im Reichstag in (West-)Berlin fand anschließend ein gemeinsamer Festakt beider NOKs aus diesem Anlass statt. Sportlich fair wurde die Zusammensetzung des neuen gemeinsamen NOK für Deutschland geregelt: Das NOK der DDR benannte aus seinen Reihen zehn Persönliche Mitglieder sowie als Vizepräsidenten den parteilosen Zahnmediziner und früheren Kanu-Präsidenten Prof. Dr. Joachim Weiskopf, als Beisitzer Ulrich Wehling und als Aktivensprecherin Jutta Behrendt bis zu den turnusmäßig anstehenden Neuwahlen im Jahr 1993.


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 45 / 3. November 2009, S. 22-24
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 18. November 2009