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GESCHICHTE/169: Vor 30 Jahren in Berchtesgaden - Statuten für die Europäische Sportkonferenz (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 43 / 20. Oktober 2009
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

Vor 30 Jahren in Berchtesgaden
Die Europäische Sportkonferenz gab sich bei ihrer 4. Tagung neue Statuten

Von Friedrich Mevert


Bei bilateralen Sportbegegnungen und am Rande von Sitzungen des Europarates war Mitte der sechziger Jahre die Idee entwickelt worden, ein Kontaktforum unter dem namen "Europäische Sportkonferenz" ins Leben zu rufen. So sollte auch im internationalen Spannungsfeld der Politik im damals langsam abklingenden "Kalten Krieg" die Kooperation auf europäischer Ebene zwischen den nach dem Zweiten Weltkrieg stark gewachsenen freien Sportbewegungen sowie den zuständigen Ministerien im westlichen Bereich einerseits und den staatlichen geleiteten bzw. überstaatlichen Sportstrukturen des europäischen Ostblocks andererseits aufgebaut und sichergestellt werden. An dieser Sportkonferenz sollten - über den damaligen "Eisernen Vorhang" hinweg - verantwortliche Persönlichkeiten der nationalen Sportorganisationen und/oder der staatlichen Institutionen des Sports möglichst aller europäischen Länder teilnehmen. Besondere Initiativen gingen dabei von der Zentrale des Deutschen Sportbundes (DSB) in Frankfurt am Main in der Person des damaligen Generalsekretärs Karlheinz Gieseler aus. In den Vorgesprächen kristallisierte sich heraus, dass ein neutrales Land mit gleichermaßen guten Beziehungen zu den west- wie den osteuropäischen Sportverbänden am besten als erster Veranstalter auftreten sollte.

So lud dann die Österreichische Bundessportorganisation (BSO) für die Zeit vom 12. bis 17. Mai 1973 zur 1. Europäischen Sportkonferenz unter dem Patronat der UNESCO nach Wien ein. Dabei gab es erstmals die Möglichkeit, gesellschaftspolitische Fragen des Sports und Themen wie den Sportstättenbau, die Erkenntnisse beim Sport beider Geschlechter und die Rolle der Massenmedien bei der Forderung nach einem "Sport für alle" offen über gesellschaftspolitisch unterschiedliche Systeme hinweg miteinander zu diskutieren. Die Konferenz endete mit dem Bekenntnis, dass solche Zusammenkünfte ein geeignetes Mittel seien, engere Kontakte zwischen den nationalen Organisationen und staatlichen Institutionen des Sports herzustellen, den Erfahrungsaustausch zu verstärken, Fragen und Probleme von gemeinsamem Interesse zu beraten sowie Lösungsvorschläge auszuarbeiten. Es wurde außerdem beschlossen, "Europäische Sportkonferenzen" zu einer ständigen Einrichtung zu machen. Schließlich wurde die DDR mit der Ausrichtung der 2. Europäischen Sportkonferenz im Jahr 1975 betraut. Die 2. ESK im Mai 1975 in Dresden und die 3. ESK 1977 in Kopenhagen führten zu dem Ergebnis, dass die ESK einer festeren Struktur bedürfe, um den europäischen Sport möglichst geschlossen vertreten zu können. Auch mehrere konkrete Aufgaben wurden der ESK gesetzt. So z. B. engere Verbindungen zwischen den nationalen Organisationen oder staatlichen Institutionen des europäischen Sports zu schaffen. Die 4. Europäische Sportkonferenz fand dann auf Einladung des DSB vom 9. bis 13. Oktober 1979 in Berchtesgaden unter dem Generalthema "Begegnung und Verständigung durch Kooperation" statt und endete mit dem Beschluss, dass zwischen den alle zwei Jahre stattfindenden Konferenzen ein Koordinationskomitee tätig werden solle, das die von der ESK erteilten Arbeitsaufträge vollziehe und die Tätigkeit der eingesetzten Arbeitsgruppen koordiniere.

Für gemeinsames Handeln in der Europäischen Sportkonferenz wurden damals folgende Bereiche als besonders geeignet angesehen: Erfahrungsaustausch zum Sport für alle; Seminare und Konferenzen über sportwissenschaftliche und organisatorische Fragen; Forschung auf allen Gebieten des Sports; Maßnahmen zur Bekämpfung des Dopings; sportliche Entwicklungshilfe; Erfahrungsaustausch über Sportstättenbau und Sportgeräte. In Vertretung von Bundeskanzler Helmut Schmidt sprach Bundesminister Josef Ertl zur Eröffnung am 9. Oktober und betonte: "Die Europäische Sportkonferenz ist von ihrem gedanklichen Ursprung, ihren weitgefächerten Zielsetzungen und ihren neuen Formen der Beteiligungen nationaler Organisationen und staatlicher Institutionen her ein wirkungsvolles Beispiel für den politischen Entspannungsprozess, wie er in der Schlussakte von Helsinki 1975 formuliert worden ist." Im Hauptreferat über "Formen der Zusammenarbeit" betonte DSB-Präsident Willi Weyer eingangs, dass Sport aus unserer modernen Welt nicht mehr wegzudenken sei. "Nie zuvor hatte er einen solchen Rang im Leben der Menschen wie heute. Millionen betreiben ihn, um Freude zu finden und elastisch bis ins hohe Alter zu bleiben. Viele unterwerfen sich dabei härtesten Leistungsproben, um im internationalen Wettstreit bestehen zu können. Noch mehr Menschen nehmen Anteil an den großen Ereignissen der Olympischen Spiele, der Welt- oder Europa-Meisterschaften und lassen sich von ihnen unterhalten. Dies alles sind Zeichen unserer Zeit, die der Sportbewegung in jedem Land besondere Aufgaben stellen und die uns auch gemeinsam in die Pflicht nehmen."

"Mit dem Ziel der Begegnung und der Verständigung" trug Willi Weyer sodann die Vorstellungen des Deutschen Sportbundes über mögliche Formen der Zusammenarbeit in sechs Punkten vor, die sich "für gemeinsames Handeln" besonders eignen würden:

Gemeinsame Erarbeitung von Programmen zum Sport für möglichst alle Menschen, permanenter Erfahrungsaustausch u. a. i.;
Gemeinsame Kurse, Seminare und Konferenzen im sportwissenschaftlichen und organisatorischen Bereich;
Gemeinsame Forschung auf allen Gebieten des Sports, Entwicklung, Erprobung und Austausch der Ergebnisse;
Gemeinsame Maßnahmen zur Bekämpfung des Dopings und anderer Bedrohungen des Hochleistungssports;
Gemeinsame Planung und Abstimmung der sportlichen Entwicklungshilfe;
Gemeinsamer Aufbau von Verbindungen zur Industrie etc. für den Bau der Sportanlagen und -geräte.

Die vom Deutschen Sportbund ausgerichtete IV. ESK ging am 13. Oktober mit neuen Statuten und einer gemeinsamen Erklärung zu Ende. Sie brachte eine Rekordbeteiligung von 28 Ländern und die ersten Anzeichen dafür, die ESK zu institutionalisieren. Aus dem internationalen Vorbereitungs-Komitee, das die Zeit zwischen den Konferenzen zur Vorbereitung der nächsten nutzte, wurde ein Koordinierungs-Komitee, das u. a. auch die Veranstaltung von gesamteuropäischen Seminaren leitete, die 1980/81 in Österreich (Sportstättenbau), in der DDR (Jugendsport) und in der Schweiz (Freizeitsport) abgehalten wurden.


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 43 / 20. Oktober 2009, S. 29
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 31. Oktober 2009