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GESCHICHTE/164: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 51 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 41 / 6. Oktober 2009
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1964/III: Der DSB-Bundestag verabschiedet ein neues Satzungswerk
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 51)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Der bereits ein Jahr zurückliegende 50. Geburtstag des Deutschen Sportabzeichens bot dem DSB-Präsidium Grund genug, es in den Mittelpunkt des Bundestages 1964 am 6. Juni in Wiesbaden zu stellen. Carl Diem hatte die Idee des Sportabzeichens 1912 von den Olympischen Spielen in Stockholm mitgebracht. In seiner Funktion als damaliger Generalsekretär des Deutschen Reichsausschusses für die Olympischen Spiele entwarf er Regeln für die Verleihung in Deutschland und setzte sie gegen Vorurteile und Widerstände auch durch. Am 7. Dezember 1913 war es soweit: der Präsident des Reichsausschusses, Staatsminister Victor von Podbielski, verlieh im Deutschen Stadion in Berlin-Grunewald die ersten 22 Deutschen Sportabzeichen, darunter an Carl Diem selbst und den damaligen Oberleutnant Walter von Reichenau, später Feldmarschall und Mitglied des IOC.


In der DSB-Chronik "50 Jahre Deutscher Sportbund" heißt es über diesen bemerkenswerten Bundestag u. a.

"Die absolute, die olympische Höchstleistung einiger Weniger wird hier abgelöst durch die persönliche Bestleistung möglichst Vieler! Der Rekord mag - unter anderem - eine Sache des Talents sein, in der kleinen Selbstüberwindung zur Sportabzeichenprobe kann es jeder zur Meisterschaft bringen. Und auch hier gilt - hier mehr als überall sonst - die olympische Devise: Teilnehmen ist wichtiger als Siegen!" betonte DSB-Präsident Willi Daume in seinem eindrucksvollen Referat, das über die beiden Fernsehprogramme bis ins kleinste Dorf ausgestrahlt wurde. Und Willi Daume fuhr fort:

"Das Deutsche Sportabzeichen ist ein rüstiger Fünfziger. Man sieht ihm seine Jahre nicht an. Die Grundsätze, unter denen es antrat, sind heute jung, zeitnah und modern, aber auch notwendiger - Not wendiger - als eh und je. Es hat sich den Entwicklungen und neuen Erkenntnissen immer aufgeschlossen angepaßt und bietet - heute wie gestern - jungen Menschen mit seinem idealen, vielseitigen Programm einen wichtigen ersten Ansporn, um zu möglichst vielfältiger sportlicher Leistung zu kommen, aus der sich möglicherweise dann sogar eine besondere Begabung herauskristallisieren kann. Auch dem alternden Leistungssportler bietet es eine wundervolle Chance, in einem ausgewogenen, wohldosierten und frei zu wählenden Test auf einem aktiven Altenteil in der Übung und unter alten Freunden zu bleiben. Aber ganz besonders soll es auch denen, die noch keine Leibesübungen treiben, einen Anreiz vermitteln, sich durch Turnen und Sport ein vielseitiges körperliches Können anzueignen.

Das Sportabzeichen ist nicht einfach ein Abzeichen wie viele andere auch, etwa ein Vereinsabzeichen, das auch die passiven Mitglieder tragen dürfen. Einer Vereinsmitgliedschaft bedarf es gar nicht, es bedarf nur etwas Willenskraft, öffentlich geschaffene Einrichtungen zu benutzen, für eine regelmäßige Vorbereitung zu benutzen und dann das schöne Gefühl zu erleben, daß man sich bewährt hat. Alljährlich wiederholt zählt es um so mehr in der Bilanz eines erfüllten Lebensjahres? gerade in der ständigen Wiederholung liegt ja sein eigentlicher Sinn.

So ist das Sportabzeichen der Ausweis für eine gesunde Lebensführung, eine Art Gesundheitspaß am Rockaufschlag, wie eine Schlagzeile es jüngst treffend ausdrückte. Und ich weiß einen noch besseren Vergleich: Ähnlich wie echtes Gold oder echtes Silber von einer besonderen Instanz den Stempel der Echtheit erhält, ist der Sportabzeichen-Inhaber ausgewiesen als Träger echter, gesunder Lebensvitalität, diese wiederum als eine fundamentale Voraussetzung für das echte Lebensglück.

Was die bisherigen Erfolge anbetrifft, so können wir bestehen. Wenn wir aber sehen, was noch zu tun übrig bleibt, dann erscheinen uns, auch was das Deutsche Sportabzeichen betrifft, die Entwürfe und die Initiativen der Vergangenheit vielleicht doch noch nicht fruchtbar und kühn genug. Die Deutschen als Volk in Leibesübungen: das wird noch lange ein Ideal bleiben, der Herzinfarkt dagegen eine Tatsache! Und - sehen wir auch in diesem Zusammenhang mal ruhig auf das ganze alte Europa - wenn die alten Völker jenem Ideal nicht nachstreben wollen oder zumindest nicht versuchen, sich ihm zu nähern, dann werden die jungen es tun und die Diktaturen auch, und sie werden dann eines Tages die Herrscher der Welt sein. Insoweit ist der Sport kein Spiel, sondern Schicksal.

Nun, wir kennen unsere Grenzen. Wir können uns nur einordnen in alle Bestrebungen zur Wohlfahrt unseres Staates, zu dem wir trotz des ihm anhaftenden Provisoriums und anderer Unzulänglichkeiten stehen, zur Wohlfahrt unseres Staates also und seiner Bürger. Was nun den speziellen Anlaß betrifft, der uns hier zusammenführt, so werde ich heute nachmittag dem Bundestag des Deutschen Sportbundes ein in verschiedene Punkte gegliedertes Aktionsprogramm für die Ausbreitung des Sportabzeichens zur Beschlußfassung vorlegen, wie es den Stimmungen und Überzeugungen dieser festlichen Versammlung und dem, was unsere Gäste zur Sache noch zu sagen haben werden, gerecht wird. Es ging nur um ein einfaches Abzeichen aus gestanztem Blech, aber es liegt ja oft in einer geprägten Form etwas geschlossen und beschlossen, das weit mehr ist als Form. Ich habe das sichere Gefühl, einer Sache von außerordentlicher zukünftiger Bedeutung nachgespürt zu haben. Und das sind eigentlich die drei Artikel meiner Erkenntnis. Mit ihnen ziehe ich den Schluß aus unserer vergangenen und zukünftigen Einstellung zum Deutschen Sportabzeichen, und sie sind auch der Schluß meiner Rede: Das Ziel des Sportabzeichens ist ein vollkommenerer Sport, denn das Sportabzeichen ist ein werbliches Instrument. Das Ziel des Sportes ist ein vollkommenerer Mensch, denn der Sport ist ein soziales Instrument. Das Ziel des Menschen ist ein vollkommeneres Leben, denn der Mensch ist ein göttliches Instrument."


Bundesminister Dr. Heck, Bischof Dr. Stangl, Prälat Dr. Bornhäuser, Prof. Dr. Bock, die Bundestagsabgeordneten Eisenmann und Dröscher, sämlich Träger des Goldenen Sportabzeichens, unterstrichen in Wiesbaden in eindringlichen kurzen Ansprachen den Wert, den auch sie diesem körperlichen Fitness-Test, der jedem offen steht, beimessen. In einer Resolution wurden die bereits laufenden und noch anzustrebenden Initiativen aller Landessportbünde in ein Drei-Punkte-Programm gefasst, das als nationales Programm gegen den Niedergang der vitalen Kräfte unseres Volkes wirken sollte. Zur eigentlichen Arbeitstagung im Rahmen des Bundestages sprach auch Bundesinnenminister Dr. Hermann Höcherl. Mit besonderem Beifall wurden seine Worte von der Freiheit des Sportes in der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen.

"Der Sport ist eine Äußerung der Lebensfreude und wohl gerade darum ein gutes Heilmittel für Körper und Geist. Große Worte sind nicht seine Sache. Wenn ich trotzdem von einer Gemeinschaftsaufgabe sprach, dann deshalb, weil das für die Bundesregierung eine Aktivlegitimation ist, den Sport zu fördern. Bei uns ist der Sport frei, und er wird es bleiben. Das ist unser Stolz ... Bei uns soll der Sport weder Wehrertüchtigung der Nation noch vormilitärische Ausbildung sein. Die Bundesregierung hat keinen anderen Ehrgeiz, als ein uneigennütziger Ratgeber und Förderer des Sports zu sein!"
betonte der Minister, der sich gleichzeitig dafür aussprach, dass immer dann wo es erreicht werden könne, gesamtdeutsche Mannschaften an den Start gehen sollten.

Nach einstimmiger Wiederwahl von Willi Daume zum Präsidenten gab es im Präsidium einige Änderungen: Dr. Walter Wülfing und Heinz Lindner wurden als Vizepräsidenten wiedergewählt, für die beiden ausgeschiedenen bisherigen Vizepräsidenten Werner Bockelmann und Dr. Heino Eckert wurden Dr. Günther Riebow (DFB) und Dr. Fritz Dommel (DTB) berufen und als fünfter Vizepräsident Nordrhein-Westfalens Innenminister und Sportbundvorsitzender Willi Weyer in den engeren Vorstand gewählt. Für die ausgeschiedenen Präsidialmitglieder Dr. Karl Ritter von Halt und Anton Martini wählte der Bundestag Fritz Bauer (Hamburger Sportbund), Dr. Kurt Entholt (Deutscher Tisch-Tennis-Bund) und Bundespräses Willy Bokler (Deutsche Jugendkraft) neu in den Kreis der Beisitzer.

Auf Grund guter Vorarbeiten konnte auch das Satzungswerk des DSB, das seit seiner ursprünglichen Fassung vor nunmehr 15 Jahren dringend einer "Überholung" bedurft hatte, mit überwältigender Mehrheit verabschiedet werden. Die neue Satzung schaffte u. a. durch den Hauptausschuss ein wichtiges neues Organ, das insbesondere die Mitarbeit der Mitgliedsverbände verstärken sollte, wandelte einige Ausschüsse in Organe um und verschaffte ihnen dadurch ein stärkeres Gewicht, besonders dem neuen Frauenbeirat, und regelte schließlich auch das Stimmenverhältnis der Mitgliedsverbände und Anschlussorganisationen neu.


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 41 / 6. Oktober 2009, S. 39-40
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 17. Oktober 2009