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GESCHICHTE/161: Die Bundesfeier der Deutschen Jugend 1949 in Bonn ... (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 39 / 22. September 2009
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

Im Rückblick: Die Bundesfeier der Deutschen Jugend 1949 in Bonn ...
... und die Stern-Stafette zum Geburtstag der Bundesrepublik 40 Jahre später

Von Friedrich Mevert


Es war der damalige Oberkreisdirektor des Landkreises Dinslaken, Dr. Wilhelm Becker, der die Idee hatte, die Konstituierung des ersten Deutschen Bundestages mit einer "Bundesstaffel der deutschen Länder" und verschiedenen sportlichen Veranstaltungen zu verbinden und festlich zu begehen. Becker regte dies gegenüber Ministerialdirektor Dr. Hermann Wandersieb, dem Leiter des "Büros Bundeshauptstadt", an. Ziel es war - so Becker - "die Wiedergewinnung der neuen deutschen Staatlichkeit mit einer Volksfeier zu begehen, bei der die Jugendverbände, der Deutsche Sängerbund und die westdeutschen Turn- und Sportverbände die wesentlichen Träger sein sollten". Daraus wurde der Plan zu einer "Bundesfeier der Deutschen Jugend und des Deutschen Sports" entwickelt. In den Rahmen dieser "Bundesfeier" am 24. und 25. September 1949 sollte dann am Samstagnachmittag (24.9.) die Gründung des Nationalen Olympischen Komitees im Bonner Museum König eingebettet werden.

Die festlichen Tage wurden am Nachmittag des 24. September mit einer Feier der Schuljugend und der Jugendverbände auf dem Bonner Marktplatz eröffnet. Parallel dazu trafen die auswärtigen Teilnehmer in Bonn ein und wurden in ihre Quartiere eingewiesen; die Wassersportler (Ruderer, Kanuten und Segler) sammelten sich mit ihren Booten am Zeltlagerplatz in Rolandswerth. Von dort fuhren sie dann am Sonntagmorgen zum Festakt an der Rheinfront des Bundeshauses, wo Bundespräsident Prof. Dr. Heuss ihre Parade abnahm und außer den Wassersportlern die Motorrad-Stafette des ADAC aus Berlin, die Radfahrer-Staffel des BDR aus München, die Reiter-Staffel aus Lünen/Westfalen, die Läufer-Staffel aus Frankfurt/Main, die Wagen-Staffel des ADAC aus Lübeck und die Bodensee-Staffel der Ruderer aus Konstanz empfing.

Die Hauptveranstaltung mit 20.000 Teilnehmern fand dann am Sonntagnachmittag im Bonner Gronau-Stadion statt. Die im Mittelpunkt stehende Ansprache des Bundespräsidenten wurde von einem Bunten Rasen der Turnerjugend, leichtathletischen Wettkämpfen, einem Feldhandballspiel Mittelrhein gegen Niedersachsen und einem Fußballspiel Bonn gegen Köln umrahmt. Prof. Dr. Theodor Heuss bezog diese Kundgebung auf das ihm anvertraute Staatsamt und das Gefühl der Jugend, dass Deutschland nach dem furchtbaren 2. Weltkrieg und der Zerstörung der deutschen Städte wieder ein Stück weitergekommen war in seinem Wiederaufbau und auf dem Wege in die Völkergemeinschaft. In seiner ersten öffentlichen Rede überhaupt als oberster Repräsentant der noch jungen Bundesrepublik wandte sich Heuss unter dem Motto "In der Pflicht zum Guten" gezielt an die Turn- und Sportjugend unseres Landes. Aus dieser Rede werden nachfolgend die wesentlichsten Abschnitte zitiert:

"Wer die Geschichte kennt, weiß, dass in der deutschen Entwicklung vor hundert Jahren und etwas mehr das deutsche Turnen nicht bloß Leibesübung war, sondern ein Wissen um das Vaterland, das gesunde Menschen braucht, dass ein Stück politische Tradition mit durch diese deutsche Entwicklung gegangen ist. Und dann kam neben oder nach der Turnerei der Sport; in seinen vielerlei Gestalten in diesem Volk, in jenem Volk entstanden und dann über die Grenzen hinweggehend. Bis dann Pierre de Coubertin erkannte, dass in dieser Bewegung, die durch die Nationen geht, eine Möglichkeit ergriffen werden sollte, dass die Nationen nicht im Krieg, sondern im freien Wettbewerb des Spiels und in der ritterlichen Form der Anerkennung des andern sich finden könnten.

Es ist mir eine große Genugtuung, dass auch bei uns in Deutschland das Olympische Komitee sich wieder gebildet hat. Es bleibt für mich eine eindrucksstarke Erinnerung, als ich vor mehr als eineinhalb Jahrzehnten in Olympia weilte und dort das Denkmal dieses großen Franzosen sah. Er hat noch darunter gelitten, wir alle haben darunter gelitten, dass jener Glaube, der in dem olympischen Gedanken steckt, von der Politik nicht innerlich bewahrt werden konnte. Ich sehe in den Fragen der Turnerei und des Sports den Erziehungsfaktor für den einzelnen und für die Gruppen, auch für die Politik. Nicht im Materiellen, aber in der Gesinnung. Denn das, was das Wesentliche des guten Turners, des guten Sportlers ausmacht, ist die Fairness im Kampf und auch das anständige Unterliegen können. Und es wäre eine sehr gute Weisheit der Entwicklung, wenn auch in der Politik dieses Stück der Tradition aus dem sportlichen Leben hineinwirken könnte."

Heuss sprach den Sinn des sportlichen Lebens an, begrüßte die Vielfältigkeit in der neuen Jugendverbandsarbeit und betonte die Abkehr von einer Staatsjugend, in der ein "Deutscher Typ" genormt werden solle: "Wenn ich mir überlege, was der tiefe Sinn des sportlichen Lebens ist, dann doch der, im einzelnen und in der Gruppe das Lebensgefühl zu erhöhen. Das heißt, wir sprechen auch in dieser bösen Zeit von dem Recht der Jugend auf die Freude. Aber bei dem Davon-Sprechen ist unser Denken und unser Wissen überschattet, wenn wir an die Menschen denken, denen wir immer mit menschlichem Gefühl begegnen, denen der Krieg die Wunden geschlagen hat, die ihnen diese Freude, diese Erhöhung des Lebensgefühls nicht gestatten. Und ich bitte all diejenigen, die nun in der Kraft der Freiheit ihrer Glieder leben, ihre Gedanken den Kriegsversehrten nie zu verweigern, ihnen die zarte Freundschaft des Helfens in ihrer eigenen Freude mitzuschenken. Was an uns liegt, so soll nie mehr den jungen Menschen unseres Volkes, den jungen Menschen aller Völker dieses Glück, gesund und lebensvoll sein zu können, geraubt werden.

In diesem Kreis ist die Sportjugend, ist die Wanderjugend, sind die Gruppen der politischen Parteien, sind die Gruppen der Kirchen, sind überkonfessionelle Gruppen beisammen, und dieses Beisammensein aus einem rasch gefassten Entschluss ist das, was mich am meisten beglückt und was ich als Symbol begreifen möchte. Mag einer sagen, es sei zuviel. Doch es kann in Deutschland nach meiner Meinung nicht genug an Vielfältigkeit des Lebens vorhanden sein. Wir wollen nichts mehr wissen von etwas wie einer Staatsjugend, in der ein deutscher Typus genormt werden soll. Wir sind froh darüber, dass nun in den einzelnen Gruppen ein so oder so gestaltetes Sonderleben sich entwickelt hat, wenn es weiß, dass es brüderlich und schwesterlich mit den anderen Gruppen zusammengehört."

Der Bundespräsident sprach auch Bund-Länder-Zuständigkeiten an und appellierte, dass man - unabhängig von den vom Grundgesetz vorgegebenen Zuständigkeiten - eine Form finden müsse, dass Jugendfragen "deutsche Angelegenheiten" sein müssten. Das stehe in unseren Herzen. Er schloss seine Rede mit den Worten:

"Ich stehe vor Ihnen als Präsident der Bundesrepublik Deutschland. Wer von Ihnen das Grundgesetz gelesen hat - es sind nicht sehr viele, die es gelesen haben, aber einige haben es gelesen -, hat dann entdecken können, dass in den Paragraphen das Recht oder die Macht des Bundespräsidenten eng beisammen ist. Aber immerhin, ich bin da; und für Euch bin ich immer da.

Und ich denke, der heutige Tag ist eine Verpflichtung über Paragraphen hinaus, zwischen dem Staatsoberhaupt, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, und der deutschen Jugend eine unmittelbare Verbindung herzustellen. Im Grundgesetz steht auch, dass Jugendpflege und solche Dinge eine Sache der Länder sind. Und ich bin weit davon entfernt, heute einen Kompetenzkonflikt des Bundespräsidenten mit den Länderregierungen anzukündigen, aber Jugendfragen sind deutsche Angelegenheiten. Das steht nicht im Grundgesetz, das steht in unseren Herzen. Und wir werden die Form finden, diesem einen fruchtbaren Ausdruck zu verleihen. Das, was wir heute schon gefunden haben in diesem Zusammensein, ist das Wissen des Gemeinsamen, dass Ihr und wir, die wir nun in das Schicksal gesetzt sind, an der Spitze diedes werdenden Staates zu stehen, dass wir gemeinsam uns finden, gefunden haben - lassen Sie mich ein ganz einfaches Wort sagen - in der Pflicht zum Guten!"


... und die Stern-Stafette der LSB nach Bonn 40 Jahre später

So wie vor 40 Jahren der Sport der erste öffentliche Lebensbereich war, der sich mit der Konstituierung der Bundesrepublik Deutschland im September 1949 symbolisch und praktisch verbunden fühlte, so gratulierten vor zwanzig Jahren - im September 1989 - rund 300.000 aktive Sportlerinnen und Sportler - stellvertretend für rund 20 Millionen Bürgerinnen und Bürger in mehr als 65.000 Vereinen des Deutschen Sportbundes der Bundesrepublik Deutschland am 16. September 1989 zum 40. Geburtstag.

Seit dem Frühjahr 1989 waren von der Ständigen Konferenz der - damals elf - Landessportbünde in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Sportbund vier Stafetten vorbereitet worden, die von den Ausgangspunkten Berlin, Kiel, München und Saarbrücken am 2. September quer durch alle Bundesländer sternförmig nach Bonn starteten und dabei rund tausend Städte und Gemeinden durchquerten. Es waren vor allem Läufer, aber auch Schwimmer, Ruderer, Kanuten, Radfahrer, Rollschuhläufer, Rollstuhlfahrer, Reiter und sogar Kletterer, die die Staffelstäbe durch die Bundesrepublik trugen und dabei viele Grußbotschaften von den Stadt- und Gemeindeoberhäuptern mit auf den Weg in die Bundeshauptstadt nahmen. In fast allen Orten, die die Stafetten passierten, gab es repräsentative und abwechslungsreiche Sportprogramme, die auch die enge Verpflechtung und Verbundenheit des Sports mit der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland deutlich machten.

Fast zwei Wochen liefen die Stafetten vom 2. bis 15. September 1989 von ihren Ausgangspunkten bis zum Treffpunkt Bonn. 60 Fahrzeuge - vom PKW bis zum Kleinbus - standen zur Verfügung, um aktive Teilnehmer, Trainer und Betreuer sowie das benötigte Material zu transportieren. Die Gesamtkoordination hatte für die Ständige LSB-Konferenz der Landessportverband Baden-Württemberg übernommen. Bei einer zentralen sportlich-musikalischen Großveranstaltung mit 1.200 Aktiven im Bonner Stadtpark Nord wurden Dr. Wolfgang Schäuble - damals wie heute Bundesminister des Innern - durch DSB-Präsident Hans Hansen die Glückwünsche des deutschen Sports übermittelt und von den Schlussläufern der Stafetten die Grußbotschaften an die Bundesregierung übergeben. Bundesminister Dr. Schäuble dankte für die übermittelten Botschaften aus der ganzen Bundesrepublik und lobte das Engagement der insgesamt 300.000 Teilnehmer. "Die Sportstafetten haben das Fröhliche und Spielerische im Sport, seine Vielfalt, Buntheit und Begeisterung dargestellt", betonte der selbst im Sport aktive Politiker.

Auch Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl hat damals anlässlich der sportlichen Aktivitäten zum Jubiläum "40 Jahre Bundesrepublik Deutschland" die besonderen Verdienste des Sports in den vergangenen Jahrzehnten gewürdigt. In einem Brief an DSB-Präsident Hans Hansen hob er die Leistung der "größten Bürgerinitiative" des Landes hervor und wies auf Parallelen zum gesamten Gemeinwesen hin: "Unsere junge Demokratie verfügt - um beim Sport zu bleiben - über ein pulsierendes Herz, ausdauernden Atem, Kondition, Leistungswillen und Einsatzbereitschaft." Der Kanzler unterstrich den wichtigen Platz des Sports in unserer Gesellschaft und seine Vorbildfunktionen, die "noch stärker unser aller Leben prägen" müssten, "um eine Gesellschaft mit menschlichem Antlitz zu verwirklichen".

Auch auf die Partnerschaft zwischen Staat und Sport und die noch gemeinsam zu lösenden Probleme ging Kohl in seinem Schreiben ein: "Ich unterstütze die Autonomie des Sports und setze auf eine weiterhin partnerschaftliche Zusammenarbeit. Die Probleme des Sports mache ich mir zu eigen. Ich weiß, dass es Handlungsbedarf gibt in den Bereichen Sport und Umwelt, Sport und Gesundheit. Hier werden wir mit dem Sport gemeinsam befriedigende Lösungen finden." Schließlich legte der Bundeskanzler ein Bekenntnis zum Breiten- und Leistungssport, zum sportlichen Miteinander von Behinderten und Nichtbehinderten und zur Begegnung von jung und alt im Verein ab und dankte für jahrelanges erfolgreiches Engagement aller Gliederungen des Sports auf den verschiedensten Gebieten. Kohl: "Ich nenne beispielhaft den Brückenschlag zu den Aktiven im anderen Teil unseres Vaterlandes sowie nach West und Ost, die einzelnen Initiativen zur Gesundheitserziehung, die Integration von abseits Stehenden." Den Spitzenathleten bestätigte der Kanzler: "Unsere Sportlerinnen und Sportler sind bei internationalen Begegnungen gute Botschafter der Bundesrepublik Deutschland."


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 39 / 22. September 2009, S. 28
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veröffentlicht im Schattenblick zum 7. Oktober 2009