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GESCHICHTE/155: Im Sommer vor 40 Jahren - DSJ-Austritt aus dem Bundesjugendring (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 35 / 25. August 2009
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

Im Sommer vor 40 Jahren:
DSJ-Austritt aus dem Bundesjugendring mit vielen positiven Auswirkungen auf die sportliche Jugendarbeit in Deutschland

Von Friedrich Mevert


Als die Bundesversammlung am 5. März 1969 mit Gustav Heinemann erstmals einen SPD-Politiker zum Bundespräsidenten gewählt hatte und dieser bei seinem Amtsantritt am 1. Juli u. a. erklärte, dass sich überall die Tradition die Frage nach der Rechtfertigung gefallen lassen müsse, denn "Nicht weniger, sondern mehr Demokratie - das ist die Forderung", da kam diese Aufforderung für die damals Verantwortlichen der deutschen Jugendverbände zu spät. Wenige Wochen zuvor hatten diese bei der Vollversammlung des Deutschen Bundesjugendringes es (DBJR) am 29. Mai 1969 im DGB-Haus in Düsseldorf mit ihrer Stimmenmehrheit die Anträge der Deutschen Sportjugend abgelehnt, die Strukturen und Stimmrechte innerhalb der Vollversammlung und des Geschäftsführenden Ausschusses des DBJR zu demokratisieren und sie den veränderten Verhältnissen in der Jugendverbandsarbeit in der Bundesrepublik anzupassen.

Die anderen Jugendverbände hatten die Vorstellungen der DSJ bereits im Januar vorgelegt bekommen und ausreichend Gelegenheit gehabt, sich in ihren Organisationen mit diesen Reformbestrebungen auseinanderzusetzen. Sie mussten sich z. B. mit der Frage befassen, ob es dem mit 55% der Mitglieder bei weitem größten deutschen Jugendverband in dieser Dachorganisation weiterhin zugemutet werden könne, mit nur knapp zehn Prozent aller Stimmen in der Vollversammlung vertreten zu sein oder aber - mit damals über 3,6 Millionen Mitgliedern - im Geschäftsführenden Ausschuss des DBJR, der über wichtige jugend- und finanzpolitische Fragen (Bundesjugendplan) entschied, mit nur einer Stimme mit nur gleichem Gewicht mitentscheiden zu können wie z.B. die nur 35.000 Mitglieder umfassende Deutsche Schreberjugend.

In Düsseldorf ging es, wie Hans-Dieter Krebs damals in einem Kommentar schrieb, "um den Erhalt der versteinerten Positionen und sogenannter Mandate im jugendpolitischen Establish-Establishment gegen eine dynamische Jugendbewegung, die an der Bildung von Millionen junger Menschen mitwirkt".

Der Arbeitsausschuss (Vorstand) befasste sich in seiner Sitzung am 23. Juni 1969 mit den Ergebnissen der Vollversammlung und erklärte - nach den langwierigen vergeblichen Bemühungen - als konsequente Folge der ablehnenden Haltung der übrigen DBJR-Mitgliedsverbände zur Satzungs- und Strukturreform den Austritt der Deutschen Sportjugend aus dem Deutschen Bundesjugendring und erklärte dazu:

"Die Absage der DSJ zu einer weiteren Mitwirkung im DBJR in seiner jetzigen Form bedeutet nicht, dass die DSJ grundsätzlich gegen eine Zusammenarbeit von Jugendverbänden und ihren Zusammenschluß in Form von Gemeinschaften ist. Sollten sich in der Zukunft Formen ermöglichen, die den berechtigten Forderungen der DSJ entgegenkommen, so wäre die Deutsche Sportjugend bereit, wieder in einer solchen Gemeinschaft mitzuwirken. Die DSJ ist auch jederzeit für Gespräche über eine mögliche Form solcher Gemeinschaften sowie auch zu einer Zusammenarbeit in Sachfragen der Jugendarbeit bereit."

Im Bereich der Öffentlichkeit - sogar der "Spiegel" widmete seinerzeit dieser Auseinandersetzung einen längeren Beitrag - und der Politik fand die Deutsche Sportjugend Verständnis für ihren Schritt. Dies ging aus zahlreichen Erklärungen hervor, die auch Bundestagsfraktionen nach ihren Gesprächen mit dem DSJ-Vorstand veröffentlichten. Nach einer Anhörung des zuständigen Bundestagsausschusses für Jugend, Familie und Gesundheit zur Reform des Bundesjugendplanes und einer gerechteren Verteilung der Mittel setzte der Haushaltsausschuss des des Parlamentes die Zuschüsse für die DSJ für 1970 um ein Drittel höher an als im Vorjahr, und der Deutsche Bundestag beschloss entsprechend.

Unterstützung fand die DSJ auch im Bundesministerium für Jugend und Familie durch den jugendpolitischen Abteilungsleiter, Ministerialdirektor Philipp Ludwig, der sich kritisch mit Erklärungen des DBJR zum DSJ-Austritt auseinandersetzte und u. a. betonte: Die Deutsche Sportjugend vertrete die Auffassung, dass allgemein politische Erklärungen des DBJR demokratisch legitimiert sein müßten. Um diese demokratische Legitimation herbeizuführen, habe sich die Deutsche Sportjugend darum bemüht, im Wege der Satzungsänderung eine Repräsentanz der Mitgliedsverbände entsprechend der Mitgliederstärke der einzelnen Organisationen im DBJR zu erreichen. Diese Bemühungen seien jedoch gescheitert.

Die Bundesregierung nahm per Erlass in den 20. Bundesjugendplan (1970) erstmalig die "Sportliche Jugendbildung" in die Kategorie der förderungswürdigen Bereiche der Jugendpflege auf und stockte auch die Förderungsbeträge für die DSJ aufgrund ihrer gewachsenen Bedeutung und Größenordnung erheblich auf. Für die Deutsche Sportjugend aber galt es nach diesem Schritt, sich nachdrücklich um den Aufbau eines eigenständigen jugend- und gesellschaftspolitischen Profils zu bemühen, was den ehren- und hauptamtlichen Verantwortlichen auch erfolgreich gelang.

Neben den sportlichen, pädagogischen und gesundheitspolitischen Aspekten ihrer Arbeit war die DSJ in den Folgejahren verstärkt darum bemüht, die sozialpolitische Funktion des Sports - auch gegenüber den sogenannten Randgruppen unserer Gesellschaft - in allen Vereinen und Verbänden bewusst zu machen und selbst Modelle zu entwickeln. Die DSJ fungierte bald als das "gute Gewissen des Sports", wie Pfarrer Martin Hörmann, der frühere Sportpfarrer der EKD, es einmal formulierte. Neue Aufgaben wurden erkannt und in Angriff genommen, so die Bemühungen um die Resozialisierung von jugendlichen Strafgefangenen, um die Rehabilitation jugendlicher Behinderter und Versehrter, um die Integration jugendlicher Ausländer durch Spiel und Sport, so erste Aktivitäten zum Verhältnis von Sport und Umweltschutz bereits 1971. Die DSJ legte auf diese Weise durch zahlreiche Modellprojekte schon vor vierzig Jahren den Grundstein für die später so benannte "Soziale Offensive des Sports".

Im gleichen Rahmen müssen auch die Bemühungen um eine verbesserte Sporterziehung im im Elementarbereich (Vorschulerziehung) und die Erarbeitung einer Konzeption für Entwicklungshilfe im Jugendsport genannt werden, die in mehreren Seminaren für Sportlehrer und Jugendleiter aus afrikanischen Staaten auch in der Praxis erprobt wurde und vorbildhaft für spätere Aktivitäten in der sportlichen Entwicklungshilfe gewirkt hat. Überhaupt ist die internationale Jugendarbeit seit den 60er Jahren verstärkt zu einem Schwerpunkt in der Arbeit der DSJ und ihrer Verbände und Vereine geworden. Das wurde möglich durch die finanzielle Unterstützung dieser Aktivitäten durch die Bundesregierung aus Mitteln des Bundesjugendplans und des Deutsch-Französischen Jugendwerks. Schrittmacherdienste für eine engere Zusammenarbeit im Jugendsport und im Sport überhaupt unter den europäischen Nationen leistete die DSJ, als sie 1971 im Aufwind der bevorstehenden Olympischen Spiele zur 1. Europäischen Sportjugendleiterkonferenz nach München einlud und sich damit bereits damals auch um den Aufbau eines europäischen Sportjugendverbandes bemühte.

In ihrer Zeitschrift "Olympische Jugend", die sich in den folgenden Jahrzehnten immer mehr zu einem Diskussionsforum im deutschen Sport entwickelte, wurde einem breiten Meinungsspektrum Raum gegeben. Als ein kritisches Blatt vertrat sie nicht immer die Auffassungen der etablierten Sportführungen und führte vielfach zu Kritik und emotionalen Diskussionen - über den Vorstand der DSJ bis ins Präsidium des DSB hinein. Als vielfach unbequeme Zeitschrift kommentierte die "OJ" aber - oft über den Sport hinaus - Entwicklungen, die die junge Generation der jeweiligen Jahre und Jahrzehnte bewegten, und trug dadurch maßgeblich auch dazu bei, das Bewusstsein für die gesellschaftspolitische Verantwortung des Sports zu schärfen. Die spätere Entwicklung des DSB und seiner Jugendorganisation zeigte, wie wichtig es war, dass die "OJ"-Verantwortlichen von ihrem Auftrag überzeugt waren und ihren Weg auch konsequent durchhielten.


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 35 / 25. August 2009, S. 34-35
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 11. September 2009