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GESCHICHTE/146: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 41 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 29 / 14. Juli 2009
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1961/III: Zur Lage im gesamtdeutschen Sportverkehr nach dem Mauerbau
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 41)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Der am 13. August 1961 in Berlin von den Machthabern der DDR begonnene Mauerbau hatte zwangsläufig auch Folgen für den gesamtdeutschen Sportverkehr. Bereits drei Tage später fassten am 16. August nach langer Beratung der Geschäftsführende DSB-Vorstand und das NOK-Präsidium in Düsseldorf gemeinsam folgenden Beschluss:

"Die vom Regime der SBZ getroffenen Abschnürungsmaßnahmen werden auf das schärfste mißbilligt. Dieses Vorgehen widerspricht den Prinzipien der Menschlichkeit und verletzt auch alle sportlichen Grundsätze. Nach diesen Maßnahmen haben nur noch systemhörige Personen die Möglichkeit zu sportlichen Begegnungen mit der Bundesrepublik. Damit hat die SBZ den gesamtdeutschen Sportverkehr unterbunden. Sie trägt dafür die alleinige Verantwortung. Solange ein normaler Verkehr zwischen der SBZ und Berlin sowie der Bundesrepublik nicht möglich ist, können die Spitzenverbände Genehmigungen zur Durchführung von Sportveranstaltungen in der SBZ und mit Sportgruppen der SBZ in der Bundesrepublik nicht mehr erteilen. Ebenso können die Sportverbände der Bundesrepublik für die Dauer dieses von der SBZ geschaffenen Zustandes auch an internationalen Sportveranstaltungen innerhalb der SBZ nicht teilnehmen. Verhandlungen über gesamtdeutsche Fragen haben unter diesen Umständen keinen Sinn, sie werden ab sofort eingestellt."

Das DSB-Präsidium rief am gleichen Tag auch dazu auf, die Bindungen zum Berliner Sport zu festigen, und erklärte:

"In der gegenwärtigen Lage ist es eine Ehrenpflicht der Turn- und Sportbewegung der Bundesrepublik, den Sportverkehr mit Westberlin mit allen Kräften zu verstärken."


Willi Daume bat aus diesem außergewöhnlichen Anlass mit dem folgenden ausführlichen Rundschreiben, in dem er nochmals die Entwicklung des gesamtdeutschen Sportverkehrs in den letzten zehn Jahren schilderte, alle DSB-Mitgliedsverbände um Solidarität und Information ihrer Mitglieder:

"Der Sportverkehr zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetischen Besatzungszone hat seit der unseligen Spaltung Deutschlands immer unter zwei grundverschiedenen Gesichtspunkten gestanden. Er war für die Turn- und Sportbewegung der Bundesrepublik ausschließlich Ausdruck der menschlichen, sportlichen und turnbrüderlichen Verbundenheit mit den Kameraden jenseits der Zonengrenze. Für das Regime der Zone war der gesamtdeutsche Sportverkehr schwerpunktmäßig immer nur ein Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele. Diese Ziele haben im Laufe der letzten zehn Jahre mehrfach gewechselt.

In den ersten Jahren sah das Regime im gesamtdeutschen Sportverkehr ein Mittel, die Bundesrepublik politisch zu unterwandern. Nahezu alle Sportbegegnungen wurden damals mit Spruchbändern, politischen Ansprachen und anderen Propagandamitteln zu politischer Beeinflussung mißbraucht. Dieser uferlose Mißbrauch zwang die gesinnungs- und satzungsmäßig zu politischer Neutralität verpflichteten Turn- und Sportverbände der Bundesrepublik am 21. September 1952 zum Abbruch der Sportbeziehungen mit der SBZ. Drei Monate nach dem Abbruch sagte die politische Sportführung der SBZ zu, zukünftig bei Sportbegegnungen politische Demonstrationen zu unterlassen. Damit wurde der gröbste Mißbrauch ausgeschaltet und die Wiederaufnahme des gesamtdeutschen Sportverkehrs ermöglicht. Aufgegeben wurden die politischen Ziele vom Zonensport aber nicht.


Parole von der Einheit

Mit dem Beginn des Jahres 1957 gab das Regime die Parole von der "Einheit" Deutschlands zugunsten der Zweistaatentheorie auf. Ein friedlicher gesamtdeutscher Sportverkehr passte nicht in dieses politische Konzept. Die Turn- und Sportverbände der Bundesrepublik wurden deshalb plötzlich beschuldigt, den Sportverkehr zu Agenten- und Spionagezwecken, zu benutzen. Die bis dahin ziemlich häufigen Sportbesuche aus der SBZ wurden vom Regime der Zone rigoros gestoppt und auch alle fest vereinbarten Sportbegegnungen in der Bundesrepublik, oftmals in letzter Minute, abgesagt.

In schmerzlicher Erinnerung stehen auch die in diesem und den folgenden Jahren vom Regime der Zone mit allen Mitteln unternommenen Versuche, das Auftreten gesamtdeutscher Mannschaften zu verhindern und die Teilnahme an den Olympischen Spielen mit einer separaten Zonenmannschaft zu erzwingen. Mit unendlicher Geduld hat sich die Turn- und Sportbewegung der Bundesrepublik immer wieder mit Erfolg bemüht, den gesamtdeutschen Sportverkehr aufrechtzuerhalten. Sie hat dabei die unentwegt fortgesetzten Versuche der politischen Infiltration manchmal bis über die Grenze des Erträglichen und Verantwortbaren in Kauf genommen in der Überzeugung, daß die Aufrechterhaltung der menschlichen und sportlichen Beziehungen der alles überragende Gesichtspunkt sein müsse.

Zum zweitenmal ist der gesamtdeutsche Sportverkehr durch Maßnahmen des Zonenregimes erheblich eingeschränkt worden, als es sich die Zone einfallen ließ, den "Sportverkehr" vom eigentlichen Miteinander-Sport-Treiben auf die Veranstaltung von "Sportlerforen, gesamtdeutschen Aussprachen und Werbe- und Propaganda-Veranstaltungen" umzustellen. Auch jetzt wieder wurden fest vereinbarte Wettkämpfe in der Bundesrepublik in bemerkenswertem Umfang mnd mit fadenscheinigen Gründen abgesagt.


Thema: Konföderation

Etwa vom Jahre I960 an erhielt der Sport der SBZ eine andere politische Aufgabe: Er hatte das neue politische Konzept des Zonenregimes - "die Konföderation der beiden deutschen Staaten" - vorzuexerzieren. Mit Spalterfahne und Staatsemblem auf dem Sportdreß selbst der unbedeutendsten Mannschaften wurde im In- und Ausland für die Existenz zweier deutscher Staaten demonstriert. Gleichzeitig wurde die Bildung gemeinsamer Sportorgane, die Durchführung möglichst vieler spektakulärer gesamtdeutscher Veranstaltungen bis zu gesamtdeutschen Meisterschaften erstrebt. Selbst die gesamtdeutsche Olympia-Mannschaft wurde von Ulbricht als ein leuchtendes Vorbild einer Konföderation der beiden deutschen Staaten hingestellt. In dieses politische Konzept des Regimes der SBZ passte es nun wieder, Sportbesuche in der Bundesrepublik in größerem Umfang zuzulassen, was dann auch prompt geschah. Als aber der Flüchtlingsstrom anzuschwellen begann, gebot es die nackte politische Raison, die Schotten wieder dicht zu machen. "Abwerbung" und angebliche Kinderlähmungsseuche in der Bundesrepublik waren die an den Haaren herbeigezogenen Gründe, eine ganze Reihe vereinbarter Begegnungen plötzlich abzusagen.

Die leidvolle Geschichte des gesamtdeutschen Sportverkehrs beweist eindeutig, daß das Regime der SBZ immer nur so viel oder so wenig Sportverkehr zugelassen hat, wie es seinen jeweiligen politischen Zwecken entsprach. Es ist daher auch nur selbstverständlich, daß mit dem Augenblick der Abschnürung Berlins, die zugleich die vollständige Abschnürung der SBZ bewirkte, nahezu alle Sportbesuche in der Bundesrepublik wieder einmal kurzfristig abgesagt wurden.

Die deutsche Turn- und Sportbewegung will leidenschaftlich die Weiterführung des gesamtdeutschen Sportverkehrs, der die Begegnung von Mensch zu Mensch als wesentliches Element einschließt. Ein solcher Sportverkehr kann deshalb selbst dann noch sinnvoll sein, wenn er über einen Stacheldraht hinweg durchgeführt werden muß. Das trifft aber nur so lange zu, wie Sportbegegnungen mit der Turn- und Sportbevölkerung von drüben möglich sind. Ein gesamtdeutscher Sportverkehr verliert dann völlig seinen Sinn, wenn er sich nur auf den Verkehr mit einigen ausgesuchten linientreuen Gruppen, wie sie zur Zeit nur von dem Zonenregime über die Grenze gelassen werden, beschränkt. Politische Neutralität muß aktiv sein. Aktive politische Neutralität ist gleichbedeutend mit der Bereitschaft, den politischen Mißbrauch des Sports von der anderen Seite abzuwehren.


Aus Tatsachen gefolgert

Die Düsseldorfer Beschlüsse des DSB und NOK haben aus einer von der SBZ geschaffenen Tatsache, für die sie die alleinige Verantwortung trägt, nur die erforderlichen Folgerungen gezogen. Die Folgerungen dienen in letzter Auswirkung der Wiederherstellung eines den Prinzipien des Sports gerecht werdenden gesamtdeutschen Sportverkehrs.

Nach Ansicht des DSB und des NOK war abermals der Zeitpunkt gekommen, innerhalb und außerhalb Deutschlands klarzumachen, daß der Mißbrauch des Sports zu politischen Zwecken durch das Regime der SBZ eine Grenze hat, jenseits derer Selbstachtung und Menschenwürde Gefahr laufen, verlorenzugehen. Dies in einem Augenblick zu tun, wo 17 Millionen Deutschen die letzten Grundrechte aller Menschen genommen werden sollen, heißt nur, zur eigenen Sache zu stehen; denn Menschlichkeit und Freiheit sind unveräußerliche Bestandteile der deutschen Turn- und Sportbewegung. DSB und NOK sind in ihren Beschlüssen bewußt maßvoll geblieben, obwohl sie der Öffentlichkeit hier und da erhebliche weitergehende Konsequenzen erwartet wurden.

Den internationalen Sportverkehr werden wir weiter durchführen, soweit keine entwürdigenden Umstände dem entgegenstehen. Unsere eingegangenen internationalen Verpflichtungen werden wir selbstverständlich erfüllen, und wir sind sicher, daß die internationalen Verbände dies in einer für uns tragbaren Form ermöglichen werden.


Appell an Verantwortung und Einheit

Wie alle Menschen auf der Welt hoffen auch die Mitglieder der deutschen Turn- und Sportbewegung inbrünstig, daß die menschliche Verantwortung und die politische Einsicht einen Ausweg aus der gegenwärtigen Krise und eine Möglichkeit zu einem menschenwürdigen Nebeneinanderleben finden werden. Die Turner und Sportler der Bundesrepublik werden dann unter den ersten sein, die die zeitweilig und hoffentlich nur kurzfristig unterbrochenen Verbindungen zu dem anderen Teil Deutschlands wieder aufnehmen.

Inzwischen wird es eine Aufgabe von hohem Rang sein, den Turn- und Sportverkehr mit Berlin zu verstärken und zu beweisen, daß die gegebenen Solidaritätserklärungen nicht nur ein Lippenbekenntnis sind. Ein entsprechender, gleichfalls am 16. August in Düsseldorf gefaßter Beschluß lautet:

"In der gegenwärtigen Lage ist es eine Ehrenpflicht der Turn- und Sportbewegung der Bundesrepublik, den Sportverkehr mit Westberlin mit allen Kräften zu verstärken."

Alle Mitgliedsverbände des DSB sind herzlich gebeten, sich mit vorstehenden, dem Gebot der Stunde entsprechenden Beschlüssen solidarisch zu erklären, entsprechende Konsequenzen zu ziehen und ihre Mitglieder darüber zu unterrichten.

Willi Daume
Präsident des DSB und des NOK"


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 29 / 14. Juli 2009, S. 38-40
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
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veröffentlicht im Schattenblick zum 6. August 2009