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GESCHICHTE/137: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 36 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 24 / 9. Juni 2009
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1960/III: Denkschrift für die Besprechung des DSB mit dem Bundeskanzler
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 36)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Von der Geschäftsführung des DSB war für das in Teil 35 beschriebene Gespräch des DSBPräsidiums mit dem Bundeskanzler und CDU-Vorsitzenden Dr. Konrad Adenauer eine Kurzdenkschrift vorbereitet worden, die folgenden Wortlaut hatte: "Die Erhaltung der biologischen Substanz des deutschen Volkes Die weitgehende Freisetzung des Menschen von körperlicher Beanspruchung durch die Technik und eine Reihe anderer Begleiterscheinungen der modernen Zivilisation verursachen eine schwere Gefährdung der biologischen Substanz des Volkes. Diese Tatsache wird durch eine Reihe objektiver Feststellungen belegt, u. a. durch die chronisch krankhaften Störungen der Jugend im Einschulungs- und Schulentlassungsalter (rd. 40 bzw. 45%) und durch die Frühinvalidität (trotz Vollbeschäftigung scheiden rd. 75% der Erwerbstätigen zehn Jahre vor Erreichung der Altersgrenze aus) u. a. m. Der dadurch verursachte materielle Verlust ist enorm, die übrigen Schäden sind unübersehbar. Eine Reihe von Staaten geht dieser bedrohlichen Entwicklung unter Einsatz erheblicher finanzieller und moralischer Mittel zu Leibe.

So wichtig in dieser Sache auch die Bereitstellung genügender finanzieller Mittel ist, so ist doch entscheidend, die Gefahr bewußt zu machen und den Abwehrwillen der Bevölkerung zu wecken. Das ist - um nur einige Beispiele zu nennen - in den Vereinigten Staaten dadurch geschehen, daß sich so bedeutende Persönlichkeiten wie Altpräsident Hoover, Marshall, Foster Dulles und zuletzt Eisenhower selbst an die Spitze der "National Recreation Association" gestellt haben. In England ist die Königin Schutzpatronin des "Central Council of Physical Recreation", Prinz Philip sein Präsident. In Schweden und Japan sind die Kronprinzen führend. Die Ostblockstaaten haben außerdem die Frage in Form von Gesetzen oder Verordnungen angefaßt. Nach Auffassung des Deutschen Sportbundes und der deutschen Öffentlichkeit müssen in der Bundesrepublik nun auch ernsthaftere Anstrengungen gemacht werden, die Schäden zu verringern. Zu diesem Zweck ist vom Herrn Bundeskanzler die Unterstützung bei folgenden Schwerpunktaufgaben erbeten:

1. die Wichtigkeit der gestellten Aufgabe der Öffentlichkeit und, soweit erforderlich, den zuständigen Bundesbehörden bewußt zu machen; in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der CDU dahin zu wirken, daß auch in den Führungsgremien seiner Partei, in Bund, Ländern und Gemeinden das Verständnis und der Förderungswille für die Aufgabe erheblich wachsen;

2. sich den sogenannten "Goldenen Plan", der von der Deutschen Olympischen Gesellschaft, einem Mitgliedsverband des DSB, entwickelt worden ist, zu eigen zu machen und seine Durchführung zu fördern. Im "Goldenen Plan für Gesundheit, Spiel und Erholung" sind Maßnahmen zusammengefaßt, die vom Bund, den Ländern und den Gemeinden ergriffen werden müssen, um den Fehlbedarf an Einrichtungen für die Leibeserziehung der Schul- und schulentlassenen Jugend und für sinnvoll betriebene Leibesübungen und körperliche Erholung der Erwachsenen zu beseitigen. Angesichts der in diesem Memorandum geführten Nachweise erscheint es unverständlich, daß das Finanzministerium in den z. Zt. laufenden Etatverhandlungen auf einer Kürzung des Sportstättenbaufonds des Innenministeriums von 10 auf 5 Millionen besteht. Der Fonds müßte erheblich erhöht werden.

3. Der DSB erbittet vom Bundeskanzler in seiner Eigenschaft als Parteivorsitzender der CDU er der CDU insbesondere die Unterstützung bei seinen Bestrebungen, der Leibeserziehung in den Schulen einen dem zeitlichen Umfang und der Qualität nach ausreichenden Raum zu verschaffen.

Eine ausreichende Leibeserziehung in der Schule ist der entscheidende Punkt des ganzen Fragenkomplexes. Trotz des offenbar guten Willens der Ständigen Konferenz der Kultusminister der deutschen Länder sowie der Kultusminister selbst und trotz des Bestehens zweckmäßiger Richtlinien der Kultusministerkonferenz, an denen der DSB maßgebend mitgewirkt hat, entspricht in der Praxis der Stand der Leibeserziehung in den Schulen der Bundesrepublik etwa dem von 1872. Der Deutsche Sportbund stellt nicht nur eine Dachorganisation dar, die erstmals die Turn- und Sportverbände und alle gleichwie gearteten weltanschaulichen Gruppen - einschließlich der kirchlichen und der sozialistischen - vereint, sondern deren Sache auch das Interesse und die Zustimmung vieler Millionen Menschen der Bundesrepublik hat, die nicht unmittelbar bei uns organisiert sind. Es ist sehr schwer, eine solche Organisation unter Beachtung der gebotenen politischen Neutralität zu führen. Der Deutsche Sportbund glaubt, das bisher verstanden zu haben. Er braucht aber zur Aufrechterhaltung seiner Grundsätze und zur Erfüllung seiner gemeinnützigen Aufgaben mehr als bisher das fördernde Wohlwollen der Regierung."


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Bundeskanzler Dr. Adenauer hatte bei dem Gespräch am 5. August an sich auch seinen Besuch bei der 10-Jahresfeier des DSB, dem Bundestag am 10./11. Dezember 1960 in Düsseldorf, zugesagt, mußte dann jedoch kurzfristig seine Teilnahme absagen. In seinem Grußwort brachte er dann aber nochmals eindeutig zum Ausdruck, welche besondere Wertschätzung die gemeinnützige Arbeit der deutschen Sportbewegung bei ihm genoss: "Der 'Goldene Plan' und der 'Zweite Weg' bedeuten einen vielversprechenden Anfang, den es mit allen Kräften zu fördern gilt. Die bei unserer Jugend vorhandene Liebe zum Sport muß stärker als bisher von der Zuschauerarena auf die Sportplätze verlegt werden. Nur die eigene Betätigung auf den Sportplätzen dient der Hebung der Volksgesundheit. Dabei sollte nicht vergessen werden, in welchem Ausmaß durch den Sport auch Persönlichkeitswert und Gemeinschaftsgesinnung entfaltet werden. Es geht weniger darum, die einseitige Rekordleistung von der Tribüne aus zu bejubeln, sondern die eigenen Körperkräfte zu trainieren und zu stählen. Das sind Pläne, die meine volle Unterstützung finden."


Bundessportfonds auf 20 Millionen DM verdoppelt

Wenige Monate nach dem Adenauer-Gespräch lief im November 1960 folgende Pressemitteilung über die Agenturen: "Das eindeutige "Ja", das Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer den führenden Männern des deutschen Sports bei der Bonner Besprechung am 5. August im Hinblick auf eine wirksame finanzielle Hilfe des Staates bei den großen Vorhaben des "Goldenen Plans" gab, wird nunmehr seine erste Auswirkung haben. Unter dem Titel "Bundesmittel zur Spitzenfinanzierung des Baues von Turn- und Sportstätten" enthält der Haushaltsplan 1961 für diesen Zweck eine Erhöhung von 10 auf 20 Millionen DM. Der kulturpolitische Ausschuß des Bundestages hat im Rahmen seiner Etatbesprechung bereits dieser Verdoppelung zugestimmt.

Damit beträgt dieser Fonds das Vierfache der Summe aus dem Etat 1959, der lediglich 5 Millionen DM für diese Zwecke vorsah. Ein Erfolg des deutschen Sports, der gerade zum zehnjährigen Jubiläum des Deutschen Sportbundes die während eines Jahrzehnts gewonnene Bedeutung und allgemeine Anerkennung nur unterstreicht.


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 24 / 9. Juni 2009, S. 36-37
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
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veröffentlicht im Schattenblick zum 26. Juni 2009