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GESCHICHTE/134: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 35 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 22-23 / 26. Mai 2009
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1960/II: DSB-Präsidium mit Bundeskanzler Dr. Adenauer im Gespräch
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 35)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Die deutsche Sportbewegung hatte lange auf ein ausführliches Gespräch mit dem Regierungschef, Bundeskanzler Dr. Konrad Adenauer, gewartet. Dieses Gespräch fand nun am

5. August 1960 im Beisein von dem für die Sportförderung zuständigen Bundesinnenminister Dr. Gerhard Schröder sowie den Staatssekretären Anders, Globke und van Scherpenberg im Bonner Palais Schaumburg, dem damaligen Sitz des Bundeskanzleramtes, statt. Das ausführliche Gespräch führte zu nahezu vollständiger Übereinstimmung in den angesprochenen Punkten vom Sportstättenbau über den Schulsport bis zum gesamtdeutschen Sportverkehr und fand seine äußere Würdigung dann auch in der Tatsache, dass der "Bundessportfonds" der Bundesregierung für das folgende Jahr 1961 von 10 auf 20 Millionen DM verdoppelt wurde. Guido von Mengden, seit 1954 Hauptgeschäftsführer des DSB, berichtete im Pressedienst des DSB ausführlich über den Rahmen und die Ergebnisse des Gesprächs. Auszüge dieses Berichtes sind nachfolgend wiedergegeben:

"Die Besprechung war lange und gut vorbereitet. Viele Faktoren, nicht zuletzt aber die öffentliche Meinung, Presse und Funk, haben die großen Probleme unermüdlich bloßgelegt. In der Besprechung ging es letzten Endes darum, zu klären, welche Stellung und welchen Rang die Bundesregierung der deutschen Turn- und Sportbewegung in Staat und Gesellschaft einräumt, für wie wichtig sie die zukünftigen Aufgaben dieser Bewegung ansieht und inwieweit sie diese Aufgaben, die auf das Wohl des ganzen Volkes gerichtet sind, zu unterstützen bereit ist.

Die Wünsche der Turn- und Sportbewegung waren in einer Kurzdenkschrift zusammengefaßt worden. Zur Überraschung der Besprechungsteilnehmer fanden beim Kanzler nicht die außenpolitischen und internationalen Gesichtspunkte das erste Interesse, sondern die "auf die Erhaltung der biologischen Substanz des Volkes und auf eine sinnvolle Verwendung der Freizeit gerichteten Bestrebungen der deutschen Turn- und Sportbewegung".

Der Kanzler erklärte unmißverständlich, er stehe voll und ganz hinter den vom Präsidenten des DSB vorgetragenen und in der Kurzdenkschrift zusammengefaßten Plänen und Absichten und werde sie mit allen Kräften unterstützen. Die Situation sei jetzt reif, "einen entscheidenden Schritt zu tun". Auf die skeptische Frage eines Verhandlungsteilnehmers, ob die Unterstützung der Bundesregierung denn auch wirksame finanzielle Hilfe einschließe, antwortete der Kanzler ebenso eindeutig mit "Ja" und fügte hinzu, er habe wegen des Goldenen Planes bereits mit dem Finanzminister gesprochen.


Übereinstimmung nahezu vollständig

Der Teil der Kurzdenkschrift, zu dem sich der Kanzler vorbehaltlos bekannte, enthielt folgende Hauptpunkte:

1. die Wichtigkeit der gestellten Aufgaben der Öffentlichkeit, den Bundes- und Staatsbehörden bewußt zu machen und sie aufzufordern, daran mitzuwirken;

2. sich den Goldenen Plan der DOG zur Förderung des Spielplatz- und Erholungsstättenbaues zu eigen zu machen und ihn auch durch die Bundesregierung kräftig fördern zu lassen;

3. sich in seiner Eigenschaft als erster Vorsitzender der CDU innerhalb seiner Partei dafür einzusetzen, daß in den Schulen ein der Qualität und dem zeitlichen Umfang nach ausreichender Turn- und Sportunterricht gegeben wird, damit vernünftig betriebene Leibesübungen zu einer Volksgewohnheit werden.

In diesem Teil der Besprechung gab es für den temperamentvollen DSB-Präsidenten und seine Mannschaft praktisch nichts zu verfechten. Die Meinungsübereinstimmung mit dem Kanzler war nahezu vollständig. Die dadurch aufgesparte Kraft wird man verwenden müssen, dahin zu wirken,daß die Entscheidung des Kanzlers weder verwässert wird, noch in Vergessenheit gerät.


"Bin kein Emblemjäger!"

Der weitaus schwierigere Teil der Besprechung war der internationale und gesamtdeutsche Fragenkomplex. Der Kanzler war natürlich nicht sehr erbaut davon, daß z. B. Helmut Recknagel, der in Squaw Valley die Fahne der deutschen Mannschaft getragen hat, einige Monate vorher, wie der Kanzler sagte, in Essen bei einer sogenannten gesamtdeutschen Aussprache politisch gegen die Bundesrepublik gehetzt hatte. Er zeigte sich auch besorgt vor den Folgen einer dauernden politischen Infiltration durch den gesamtdeutschen Sportverkehr.

Das Gespräch wurde bei dieser Frage sehr lebhaft. Die beiderseitigen Standpunkte wurden in einem regelrechten, mit allem Freimut geführten Wechselgespräch dargelegt, bei dem der Bundeskanzler zeigte, daß er auch ein sehr aufmerksamer und geduldiger Zuhörer sein kann. Die Tatsache, daß es möglich ist, mit dem Kanzler in einer solchen Form zu sprechen, ist ein Beweis dafür, daß es so etwas wie Demokratie bei freien Völkern doch gibt.

Und noch etwas war sehr eindrucksvoll. Der Kanzler revidierte seinen eigenen Standpunkt unter dem Eindruck der Darlegungen Daumes und seiner Mitstreiter und ließ sich von dem großen, in der menschlichen Begegnung liegenden Wert des gesamtdeutschen Sportverkehrs überzeugen. Der Kanzler gab dieser Meinungsänderung selbst mit den Worten Ausdruck: "Meine Herren, ein Emblemjäger bin ich nicht."


Alle waren zufrieden

Mit dem Emblem Hammer und Zirkel hat die politische Sportführung der sowjetischen Besatzungszone allerdings schwer gegen den gesamtdeutschen Sportverkehr geschossen. Jeder Aktive, und sei er Mitglied der untersten Mannschaft der geringstklassigen Betriebssportgemeinschaft, muß jetzt dieses Emblem bei Besuchen in der Bundesrepublik auf der Sportkleidung tragen. In einigen Bundesländern ist dieses Emblem verboten. Der Kanzler sagte zu, diese Frage, die für ihn sicher nicht leicht zu lösen ist, im Kabinett erneut zu prüfen und dann mit den Länderministern abzusprechen.

Konrad Adenauer hatte sich für die Delegation der deutschen Turn- und Sportbewegung eine Menge Zeit genommen. Während des gemeinsamen Essens und im Anschluß daran auf der Terrasse des Palais Schaumburg war reichlich Gelegenheit, in Einzelgesprächen mit dem Kanzler und dem sehr aufgeschlossenen Bundesinnenminister die angeschnittenen Fragen noch zu vertiefen.

Über der Parklandschaft mit ihrem wunderbar gepflegten Rasen lag Sonnenschein, als Konrad Adenauer stehend in seiner Mokkatasse rührte. Das war für ihn kein Problem mehr. Seine Gäste machten zufriedene Gesichter; es war für sie und die deutsche Turn- und Sportbewegung, der sie dienen, ein guter Tag ... und, wie es schien, für den Bundeskanzler auch."


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 22-23 / 26. Mai 2009, S. 24-25
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 17. Juni 2009