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GESCHICHTE/128: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 30 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 16 / 14. April 2009
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1959/I: Das IOC trifft sich zur 56. Session in München
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 30)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Zehn Jahre nach der Wiedergründung des NOK für Deutschland im September 1949 in Bonn war NOK-Präsident Dr. Karl Ritter von Halt erstmalig nach Kriegsende Gastgeber für die "olympische Familie" in seiner Heimatstadt München. Vom 22. bis 28. Mai 1959 traf sich das Internationale Olympische Komitee zu seiner 56. Session in der bayerischen Landeshauptstadt und vergab im Rahmen dieser Vollversammlung u. a. die Olympischen Winterspiele 1964 an Innsbruck und die Sommerspiele 1964 an Tokio. Neben Ritter von Halt hatte auch der drei Jahre zuvor für den ausgeschiedenen Herzog von Mecklenburg ins IOC berufene 46jährige Willi Daume ein "Heimspiel" in München und startete damit seine spätere eindrucksvolle Karriere im olympischen Bereich.

Karl Adolf Scherer, fast 40 Jahre leitender Journalist beim SID mit Schwerpunkt Olympismus und Chefredakteur der Olympischen Sport Bibliothek (OSB), analysierte und dokumentierte in seinem 1995 erschienenen Standardwerk "100 Jahre Olympische Spiele" ausführlich diese wichtige IOC-Session in Deutschland:

"Nach den Olympischen Spielen von Melbourne fiel das IOC in einen sportpolitischen Tiefschlaf. Die Vollversammlungen von Sofia 1957 und Tokio 1958 waren mit 29 und 26 Mitgliedern nur schwach besucht, und wären in Tokio nur zwei Olympier weniger erschienen, wäre das IOC nicht beschlußfähig gewesen. IOC-Präsident Brundage machte sich Sorgen. Immer noch mußten die IOC-Mitglieder ihre Reisekosten selbst bezahlen, auch die Hotelunterbringung ging auf ihre Kosten. Der Jahresbeitrag eines IOC-Mitglieds betrug immerhin noch 250 Schweizer Franken.

Der 56. Session 1959 in München kam deshalb eine besondere Bedeutung zu. Seltsamerweise fand sie in der olympischen Öffentlichkeit sehr wenig Beachtung, obwohl sie wegweisende Arbeit leistete. Dazu trug allerdings auch bei, daß der Veranstalter, Karl Ritter von Halt, im Haus des Sports in München nüchterne Büroräume anbot. Für die Delegierten bedeutete dies: weniger Empfänge und Feste, dafür mehr Arbeitssitzungen. Und es gab Teilnahmerekorde zu melden: 53 von 60 IOC-Mitgliedern waren zugegen, und beim Zusammentreffen der IOC-Exekutive mit den Weltfachverbänden am 23. Mai waren die Vertreter von 22 Föderationen anwesend; nur die Repräsentanten von Basketball, Kanusport und Eishockey fehlten.

Brundage mußte sich gegen Vorwürfe aus dem kommunistischen Lager verwahren, er sei ein Faschist, Nazi, Imperialist oder Rassist. Die Existenz zweier koreanischer, zweier chinesischer und zweier deutscher Staaten warf Probleme auf, die in ermüdenden Debatten besprochen, aber nicht gelöst wurden - sieht man von dem Beharren auf einer gesamtdeutschen Mannschaft ab.

Tokio als Kandidat für die Sommerspiele 1964 und Innsbruck für die Winterspiele im selben Jahr gewannen gleich im ersten Durchgang die Abstimmung unter den Olympiabewerbern. Die Weltfachverbände, die sich ein Mitspracherecht erkämpft hatten, blamierten sich, als sie nach ihren Favoriten unter den insgesamt sieben Bewerbern (vier für die Sommerspiele, drei für die Winterspiele) gefragt wurden: Von den 22 anwesenden IF-Vertretern fehlten sechs bei der Vorstellung der Kandidaten.

Die Leichtathleten setzten die Wiedereinführung des 800-m-Laufes der Frauen durch. Der Weltverband der Sportjournalisten AIPS wurde olympisch anerkannt, doch die Journalisten nicht zu den Sitzungen zugelassen; es ist bis heute so geblieben.

Die Amerikaner hatten Erfolg mit ihrer Weigerung, in Squaw Valley eine Bobbahn zu bauen, und der damals völlig desolate Internationale Bobverband hatte weder eine eigene Meinung noch eine Lobby im IOC, das sogar eine Verlegung der olympischen Bob-Wettbewerbe von Squaw Valley nach Lake Placid ablehnte. Es gab dann eine Weltmeisterschaft 1960 in Cortina d'Ampezzo.

Die Versuche der stalinistischen sowjetischen IOC-Mitglieder Konstantin Andrianov und Alexei Romanov, das IOC zu demokratisieren, wie sie dessen Entmachtung euphemistisch umschrieben, fanden kein Gehör. Die Rassendiskriminierung in Südafrika war ein Tagesordnungspunkt und deutete kommende Schwierigkeiten an, die am 31. Dezember 1963 zum olympischen Ausschluß Südafrikas für 24 Jahre (1964 bis 1988) führten.

Als Herausforderer von Brundage begann sich der britische Marquess of Exeter (vorher Lord Burghley) zu profilieren, der für die Internationalen Fachverbände einen gewissen Anteil an den olympischen Einnahmen forderte. Der Edelmann dachte an eine Beteiligung an den Gewinnen der Spiele, obwohl zu diesem Zeitpunkt die Fernseheinnahmen noch keine Rolle spielten. Fünf Jahre später warf Exeter seinen Hut in den Ring, als der Präsident des IOC neu zu wählen war. Brundage gewann wieder, Exeter verlor. Aber er rächte sich, indem er als Präsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) die gesamtdeutsche Mannschaft in seinem Sport trennte und damit das IOC in Zugzwang brachte.

In München hatte Ritter von Halt als olympischer Gastgeber seinen großen Auftritt. Neben ihm stand der ehrgeizige Willi Daume, der 1956 ins IOC berufen worden war, nachdem der Herzog zu Mecklenburg seinen Verzicht erklärt hatte. Halt hatte Daume seinem Freund Brundage vorgestellt und das Entree arrangiert. 1964 starb Halt. Die Trauerrede an seinem Sarg hielt der Bankier Hermann Josef Abs.

Nach der Münchener Session 1959 wurde Daume zum wichtigsten Verfechter der olympischen Idee in Deutschland. Er widersprach noch im selben Jahr seinem Bundeskanzler Konrad Adenauer, der dem NOK für Deutschland empfohlen hatte, auf die Olympiateilnahme 1960 in Squaw Valley zu verzichten. Stein des Anstoßes: Aus Anlaß ihres zehnjährigen Bestehens hatte die DDR 1959 eine eigene Fahne (Schwarz-Rot-Gold mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz) eingeführt, weshalb Brundage am 17. November 1959 nach Daumes Zusage entschied, daß die gesamtdeutsche Mannschaft unter Schwarz-Rot-Gold mit den olympischen Ringen anzutreten habe. Daumes zweiter olympischer Coup jener Zeit war die Übernahme der olympischen Vollversammlung für das Jahr 1963, als Nairobi absagen mußte. Die Session in Baden-Baden sollte zu einer der wichtigsten in der Geschichte des IOC werden."


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 16 / 14. April 2009, S. 22-23
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
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veröffentlicht im Schattenblick zum 12. Mai 2009