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GESCHICHTE/126: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 29 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 16 / 14. April 2009
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1958/III: Heuss an den deutschen Sport: Laßt das Herz sprechen
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 29)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Bundespräsident Prof. Dr. Theodor Heuss hatte als Schirmherr des Deutschen Sportbundes schon immer eine herzliche und enge Bindung zum Sport als großer sozialer Gemeinschaft und insbesondere persönlich zu DSB-Präsident Willi Daume. Davon zeugt auch der folgende Brief, den er Anfang Dezember 1958 an Willi Daume richtete und den der DSB-Präsident umgehend an alle Mitgliedsorganisationen und deren Vereine weiterleitete:


"Liebe Freunde! Der Schirmherr des DSB, der Herr Bundespräsident, hat folgenden Brief an mich gerichtet:

Lieber Herr Daume,

vor einigen Tagen hatte ich mit einigen jüngeren Mitgliedern des Bundestagsausschusses für Jugendfragen ein eingehendes Gespräch über die Situation jüngerer Ostzonenflüchtlinge, die zwar überwiegend in irgendeine Arbeitsstelle kommen, aber den seelischen und gesellschaftlichen Anschluß oft genug nicht finden konnten und infolgedessen unter einer Art von Heimweh um ihren alten Kreis und einem Verlassenheitsgefühl leiden, das sie in der Bundesrepublik, trotz größerer ökonomischer Möglichkeiten, quält.

Es wurde die Idee von individuellen "Patenschaften", die evtl. von einer Familie übernommen werden könnten, erwogen. Ich selber kenne solches Verhalten aus meiner eigenen Kindheit, das mein Vater den Kindern der Familie eines kranken Mannes gegenüber wahrnahm. Aber solches ist ja nicht improvisiert oder mit irgendeinem Aufruf zu leisten, sondern hängt immer von der individuellen Willigkeit ab.

Aber was mir als Möglichkeit doch eingefallen ist, will ich Ihnen kurz vortragen. Es ist ja wohl üblich geblieben, daß Turnvereine, Sportvereine, Gesangvereine, meinethalben auch Orchestervereinigungen und Jugendverbände Weihnachtsfeiern veranstalten. Gibt es noch eine technische Möglichkeit, entweder durch eine der Organisationszeitschriften oder durch rasche Übermittlung an Landesverbände usw., dies den Vereinsleitungen ans Herz zu legen, solche einzelstehenden "jungen Flüchtlinge" zu diesen Veranstaltungen heranzuziehen. Ich habe ja in einigen meiner Ansprachen von Anbeginn darauf hingewiesen, daß in diesen Vereinigungen ein Stück seelischer Ersatzheimat gesichert werden könne. Das galt damals vor allem für die "Vertriebenen", und ich habe bei manchen Gelegenheiten die unmittelbare Erfahrung gemacht, daß in der Praxis, vermutlich ganz unabhängig von meiner Bitte, dieses Verfahren mit gutem Erfolg praktiziert wurde. Aber bei den "jüngeren Flüchtlingen" ist die seelische Situation wohl kritischer. Sie wollen es mir deshalb gestatten, daß ich mit diesem Brief Sie, wie auch die für die anderen Vereinigungen zuständigen Vorsitzenden, bitte, diese Anregung mit zu durchdenken und die Wege zur Praktizierung zu finden.

Mit bestem Gruß Ihr Theodor Heuss

Die vorstehende, so zu Herzen gehende Bitte des Herrn Bundespräsidenten gebe ich an Sie, meine Freunde, weiter. Tragen Sie alle dazu bei, daß diese liebenswerte Anregung nicht in Zustimmungserklärungen steckenbleibt, sondern über das bisher schon geübte Maß hinaus an den jungen Flüchtlingen verwirklicht wird. Das materielle Opfer, das damit verbunden ist, ist gering und sicher jedem Verband und Verein zumutbar. Es kommt vor allem auf die Bereitschaft der Herzen an. An diese Bereitschaft ist in der deutschen Turn- und Sportbewegung noch nie vergeblich appelliert worden. Darum bin ich davon überzeugt, daß auch dieser Aufruf Erfolg haben wird.

Mit herzlichen Grüßen Willi Daume"


DSJ-Vollversammlung forderte 1938 stärkere Förderung der sportlichen Jugendarbeit

Die Hansestadt Hamburg hatte im Herbst vor 51 Jahren gleich zweimal im Mittelpunkt der Sportpolitik in der Bundesrepublik gestanden. Vom 17. bis 19. Oktober fand im Hamburger Rathaus der 5. Bundestag des Deutschen Sportbundes statt. Zwei Wochen vorher trafen sich aber bereits am 4. und 5. Oktober über 100 Delegierte der Jugendausschüsse der Bundesfachverbände und Landessportbünde zur 10.Vollversammlung der Deutschen Sportjugend im Hamburger Haus des Sports.

Im Mittelpunkt des ersten Tagungstages stand ein Referat von Prof. Dr. Walter Schnell zum Thema "Sportliche Jugendarbeit und Volksgesundheit". Der Marburger Universitätsprofessor spannte in seinem Vortrag den Bogen von den durch die Zivilisation und Technisierung der Volksgesundheit drohenden Gefahren bis zur Zielsetzung der in der Sportbewegung tätigen Jugendleiter. Er unterstrich dabei die Bedeutung des Sports für die Freizeitgestaltung der Menschen und beendete seine Ausführungen über das schwere und bedeutungsvolle Amt der Jugendleiter im Hinblick auf die körperliche und geistige Entwicklung der Jugend mit dem Schiller-Wort: "Der Menschen Würde ist in Eure Hand gegeben - bewahret sie!"

Einstimmig verabschiedeten die Jugendwarte eine Empfehlung an den Bundestag des DSB, der Jugendarbeit im Sport künftig eine noch stärkere Förderung zukommen zu lassen:

"Der Raum der sportlichen Jugendarbeit ist immer ein Raum, in dem sich Erziehung vollzieht und in dem allein das Leitbild des an Leib, Geist und Seele gleichwohl gebildeten ganzen Menschen Gültigkeit haben darf. Die in ihm zu treffenden Entscheidungen müssen daher in jedem Fall von erzieherischen Erwägungen bestimmt sein. Das gilt auch für die Frage der Zulassung von Jugendlichen zum Wettkampf. Die menschliche Entwicklung unserer Jungen und Mädchen ist wichtiger als das Prestige eines Vereins oder Verbandes.

Alle Formen der sportlichen Jugendarbeit stehen und fallen mit der Person des Jugendleiters. Seiner Wahl im Verein und seiner Ausbildung kommt daher entscheidende Bedeutung zu. Die Besten sind für die Aufgabe gerade gut genug.

Wenn der gesundheitliche Wert der Leibesübungen gesichert bleiben soll, so ist eine regelmäßige gesundheitliche Überwachung der Sporttreibenden erforderlich. Das gilt besonders für die am Wettkampf teilnehmende Jugend."


Als neue Mitgliedsverbände wurden die Luftsportjugend, die Gehörlosen-Sportjugend und die Sportfischer-Jugend in die Gemeinschaft der DSJ aufgenommen, und einstimmig wurde festgelegt, die Vollversammlungen künftig nur noch alle zwei Jahre und in den Zwischenjahren nur Arbeitstagungen durchzuführen.

Für den wegen Arbeitsüberlastung ausscheidenden Prof. Dr. Karl Zimmermann wurde Dr. Wilhelm Sälter (Hagen) zum neuen DSJ-Vorsitzenden gewählt. 2. Vorsitzender blieb Dr. Harald Eimermacher. Als weitere Arbeitsausschussmitglieder wurden Martin Gaßner, Kurt Blut, Dieter Buchholtz, Oswald Hörn, Günter Hein, Hildegard Esser und Hildegard Sievers bestätigt.

Die an den DSB-Bundestag gerichtete Empfehlung, der Jugendarbeit im Sport künftig eine noch größere Bedeutung zuzumessen und ihr eine stärkere Förderung unter Beachtung pädagogischer Grundsätze zukommen zu lassen, wurde zwei Wochen später beim DSB-Bundestag einstimmig beschlossen.


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 16 / 14. April 2009, S. 25
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
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veröffentlicht im Schattenblick zum 8. Mai 2009