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GESCHICHTE/121: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte Teil 24 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 11 / 10. März 2009
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1957/I: Die Wiedervereinigung steht beim DSB obenan
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 24)

Eine Serie von Friedrich Mevert


"Das Jahr 1957 soll das Jahr des gesamtdeutschen Sportverkehrs werden!", betonte DSB-Präsident Willi Daume in seinem Grußwort zum Jahresbeginn des nacholympischen Jahres und stellte dieses deshalb auch unter das Motto "Die Wiedervereinigung steht obenan". Daumes Ausführungen, die über die Verbandsorgane der Mitgliedsorganisationen des DSB und über die Tagespresse verbreitet wurden, sind nachfolgend wörtlich zitiert:

"Das Olympische Jahr geht zu Ende. Der Sport macht Bilanz. Schwerpunkte unserer Bemühungen waren 1956 die schulische Leibeserziehung und die Vorplanung aller Aufgaben, die mit dem Freizeitproblem auf die deutsche Turn- und Sportbewegung zukommen. Uneigennützig und redlich haben wir uns bemüht, unserem Volke das Leben zwischen Technik und Zivilisation zu erleichtern und ein wenig zu Gesundheit, Lebensfreude, vielleicht sogar zum menschlichen Glück beizutragen.

Mit tiefem Erschrecken, das noch lange in uns nachzittern wird, sind wir aber in den letzten Monaten wieder einmal darüber belehrt worden, wie fragwürdig all unsere Bemühungen sind, solange Waffen den Frieden bedrohen und Gewalt vor Recht geht. In den Stunden, als in Ungarn und am Suezkanal Blut floß, als das Wort vom friedlichen Wettkampf der Jugend der Welt eine scheinheilige Phrase zu werden drohte, haben wir uns dennoch entschlossen, unsere Olympiamannschaft nach Melbourne zu entsenden. Einige haben uns vorgeworfen, wir hätten uns als unzulängliche Idealisten mit diesem Entschluß aus der harten Welt der Wirklichkeit in eine Scheinwelt utopischer Wunschvorstellungen geflüchtet. Oder, schlimmer noch, durch unser Spiel mit den Begriffen Friede und Völkerfreundschaft trügen wir dazu bei, die Ernsthaftigkeit aller Bemühungen um Frieden und Freundschaft in Frage zu stellen.

An Ideale zu glauben, heißt noch lange nicht, die Wirklichkeit nicht mehr zu erkennen. Aber vor dem Schreckbild der Wirklichkeit den Glauben an eine mögliche Besserung zu verlieren, heißt, die Zukunft der Menschheit aufzugeben.

Wir sind uns der geringen Wirkung der Olympischen Spiele auf den Frieden der Welt bewußt. Übrigens konnten sie auch im klassischen Altertum Kriege nicht verhindern. Wir sind uns allerdings auch dessen bewußt, daß wir dem tatsächlichen Frieden ein gutes Stück näher wären, wenn in allen Bezirken menschlicher Beziehungen nur ein gleich bescheidener Beitrag wie der unsrige geleistet würde. Jedenfalls kann keine Skepsis und auch keine übelwollende Zunge die Tatsache aus der Welt schaffen, daß es nur eine deutsche Olympiamannschaft gegeben hat. Diese schlichte und doch so eindrucksvolle Bekundung des Wiedervereinigungswillens des deutschen Volkes wurde von lebendigen jungen Menschen dem Forum der Welt vorgetragen. Er hatte deshalb die Sprache des Unmittelbaren und wurde dadurch zu einem unüberhörbaren Appell an das Gewissen der Welt.

Dieser Erfolg wird die deutsche Turn- und Sportbewegung und damit ja immerhin schon mal einen wesentlichen Teil des deutschen Volkes ermutigen, im kommenden Jahr mit aller Kraft der Überzeugung auf dem beschrittenen Weg der Wiedervereinigung des Sports weiterzuschreiten. Die ,olympische Welle' muß die Idee forttragen, und zwar für alle, denn es ist nicht einzusehen, warum das Gemeinsame auf die Spitzensportler beschränkt sein soll. Das Jahr 1957 soll das Jahr des gesamtdeutschen Sportverkehrs werden!

Natürlich werden gewisse politische Funktionäre dabei versuchen, im Trüben zu fischen. Wir kennen die Methoden und fürchten sie nicht. Sie kommen nicht mehr an, denn die Menschen, die hüben und drüben die Begriffe der Gemeinsamkeit und der Menschlichkeit noch in ehrlichen Herzen tragen, sind in der gewaltigen Überzahl. Es ist nicht nur im immerwährenden Optimismus des Sports begründet, wenn wir glauben, daß der Wunsch dieser Menschen, wieder zusammenzukommen, einmal in Erfüllung geht.

Höheres, Schöneres und mehr kann man zu einem Zeitpunkt, da ein Kind den Frieden auf die Erde bringen soll, nicht wünschen.

Willi Daume
Präsident des Deutschen Sportbundes"


*


Willi Daume war - leider - zu optimistisch in seinen Hoffnungen für das neue Jahr. Weder brachten die Bemühungen des Sports um Frieden und Völkerfreundschaft in aller Welt die erhofften positiven Ergebnisse, noch konnten neue Kriege und die Unterdrückung besetzter Völker verhindert werden. Auch mit aller Kraft der Überzeugung "auf dem beschrittenen Weg der Wiedervereinigung des deutschen Sports weiterzuschreiten" (Daume) brachte leider keinen Erfolg. Noch im gleichen Jahr 1957 wurde am 28. April in Ost-Berlin der "Deutsche Turn- und Sportbund" (DTSB) als einheitliche Massenorganisation des Sports in der DDR gegründet.

Und die Bemühungen des DSB um eine Verstärkung des gesamtdeutschen Sportverkehrs liefen ins Leere. Bei einer "Gesamtdeutschen Sportkonferenz" im thüringischen Wintersportort Oberhof wurde im Zusammenhang mit der Forderung nach Bildung von gesamtdeutschen Mannschaften von hohen SED-Politfunktionären sogar die Parole ausgegeben, "dass man es den friedliebenden Sportlern der DDR nicht mehr zumuten könne, gemeinsam mit den Vertretern eines Staates aufzutreten, dessen Regierung ausgesprochen aggressive Absic hten habe".

Der DSB sah sich im November 1957 in einem Rundschreiben an seine Mitgliedsorganisationen zum Thema Ost-West-Sportverkehr schließlich zu folgender abschließenden Mitteilung veranlaßt (?..)


"Neuerdings stellen die Sportfunktionäre der sowjetischen Besatzungszone für die Genehmigung zu einem sportlichen Besuch in der Bundesrepublik wieder besondere Bedingungen. Sie haben ziemlich übereinstimmend folgenden Wortlaut:

'Nach den Ergebnissen der Bundestagswahlen erscheint es nicht angebracht, daß Mannschaften der DDR zuerst in die Bundesrepublik fahren; der westdeutsche Gegner soll vielmehr ersucht werden, zuerst hier zu spielen. Nach einer Beurteilung oder Einschätzung des Gegners wird dann eventuell die Erlaubnis zum Rückspiel erteilt'.

Diese Begründung zur Einschränkung des sportlichen Kontaktes spricht für sich selbst. Der DSB und seine Mitgliedsverbände werden selbstverständlich von ihrer Linie nicht abgehen und auch in Zukunft in jedem turnerischen und sportlichen Treffen nichts sehen als menschliche Begegnungen von Angehörigen des gleichen Volkes. Für solche Absichten erübrigt es sich, politische oder sonstige Bedingungen zu stellen."


Altbewährte Freundschaft im geteilten Eichsfeld

Es gab aber auch zahlreiche positive Beispiele im gesamtdeutschen Sportverkehr der 50er Jahre, wie der folgende - auszugsweise - Bericht aus "Sport in Niedersachsen" über eine Begegnung zwischen durch die Zonengrenze willkürlich getrennten Sportlern aus dem Obereichsfeld (Thüringen) und dem Untereichsfeld (Niedersachsen) im Sommer 1957 beweist:

"Waren zu Ostern 50 Turner und Sportler aus dem Kreis Worbis nach Duderstadt über die Zonengrenze gekommen, um in einer ersten gesamtdeutschen Begegnung alte Freundschaften zu erneuern, die sich vor Jahrzehnten aus der gemeinsamen Zugehörigkeit zu den gleichen Organisationen ergeben haben, und neue nicht minder herzliche Beziehungen der nachgewachsenen nunmehr aktiven Generationen anzuknüpfen, so machten nun umgekehrt die Duderstädter den mehr als 200 km langen Umweg, um in die Wettkampforte zu kommen, die von Duderstadt aus kaum mehr als 20 km entfernt liegen.

Die damit verbundene Grundsatzfrage, ob sich ein solcher Umweg lohnt, muß trotz aller damit verbundenen Unbequemlichkeiten und finanziellen Opfer hundertprozentig bejaht werden, denn es zeigte sich erneut, daß die unglückliche Grenze nicht nur quer durch das eichsfeldische Land, sondern gleichsam auch quer durch deutsche Herzen geht, denn von hüben zu drüben bestehen vielfache, sehr enge persönliche und verwandtschaftliche Beziehungen. Über Eisenach, wo sich nur ein kurzer Besuch der Wartburg ermöglichen ließ, führte der Weg über Mühlhausen in das eichsfeldische Land nach Niederorschel. Da war kein Haus, das nicht fahnengeschmückt war, da standen die Männer, Frauen und Kinder vor ihren Häusern und winkten ihren Gästen zu.

Da gab es auf dem Marktplatz durch den Kreisvorsitzenden des Deutschen Turn- und Sportbundes, Heinrich Solf, durch den Bürgermeister Hoppmann und durch den Vorsitzenden des Rates des Kreises Worbis, Flechsig, eine so herzliche Begrüßung, daß es nicht leicht war, die rechten Worte zu finden, um für diesen spontanen Empfang zu danken.

Genauso war es an den folgenden Tagen, als die Turner und Fußballer in Dingelstädt begrüßt wurden. Die Niederorscheler Einwohnerschaft, deren Gäste die Turner und Sportler vom Untereichsfelde sein durften, überboten sich in der Gastfreundschaft, so daß die Abschiedsstunde immer wieder hinausgeschoben werden mußte. Bester Beweis dafür, wie ausgezeichnet es den Duderstädtern gefallen hat."


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 11 / 10. März 2009, S. 32
Der Artikel- und Informationsdienst des
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veröffentlicht im Schattenblick zum 1. April 2009