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GESCHICHTE/118: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte - Teil 21 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 8 / 17. Februar 2009
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1956/II: Ansprache von Präsident Willi Daume anläßlich des DSB-Bundestages am 14. April 1956 in Berlin
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 21)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Im Vorfeld des 4. Bundestages am 14./15. April 1956 im Berliner Rathaus Schöneberg, der der Darstellung des Sports in Bildung und Erziehung diente, hatte Willi Daume eine Enttäuschung erlitten, weil es ihm nicht gelungen war, nach dem spanischen Philosophen Ortega y Gasset 1954 wieder einen hervorragenden Wissenschaftler als Festredner für diesen Anlass zu gewinnen. So sprang Daume selbst mit einer die Gäste und Delegierten begeisternden programmatischen Rede, die sich umfassend mit allen Problemen befasste, die den Sport damals betrafen und bewegten, ein. Aus ihr wird nachfolgend auszugsweise zitiert:

"Meine verehrten Freunde!

Vor fünf Jahren gründeten Sie den Deutschen Sportbund. Sie riefen nach Einigkeit, und Sie riefen nicht vergebens. Sie einten sich zu wirklicher Sammlung und schlossen sich zusammen zu einer notwendigen Phalanx uneigennützigen Dienstes. Denn all unsere Mitgliedsverbände, so verschiedenartige Wege sie auch gehen mögen, sind letzten Endes Diener an ein und demselben Werk. Das ist der Sinn des DSB. So faßten wir große Probleme an, wie sie uns zugemessen waren, ohne uns durch dankbarere Aufgaben und leichter erreichbare Ziele ablenken zu lassen.

Der im Abstand von zwei Jahren stattfindende Bundestag soll aufrütteln, enthüllen, auffordern, erwecken. Er soll dartun, was sich denn nun eigentlich an unserer großen Bewegung bewegt. Die Gesamtzahl der Mitglieder des Deutschen Sportbundes beträgt nach der Statistik des Jahres 1955 5.053.837 Mitglieder. Wenn die Repräsentanten einer Organisation von solcher Größe nur alle zwei Jahre zusammentreten, ist es dringend angezeigt, eine Art Standortbestimmung vorzunehmen. Die moderne Zeit ist so schnellebig und sie verändert die Umweltbedingungen in so ungewöhnlich kurzen Abständen, daß immer wieder geprüft werden muß, ob sich die Entwicklung des Sportes auf dem rechten Wege befindet. Ein solcher Überblick kann nur dann wirklich umfassend gewonnen werden, wenn man sich nicht darauf beschränkt, das Sachgebiet des Sportes und des Turnens für sich zu betrachten, sondern im Zusammenhang und in seinen Beziehungen zur gesamten übrigen Welt. Solche Überblicke vermögen uns eigentlich nur große Geisteswissenschaftler zu vermitteln.


Geistige Durchdringung unserer Probleme

Den meisten von Ihnen, meine Damen und Herren, wird der verflossene Bundestag des DSB in Düsseldorf unvergeßlich bleiben, auf dem Ortega y Gasset den Horizont unserer Zeit und unsere Aufgaben in dieser Zeit so weit absteckte, daß es fast atemberaubend war. Dieses einzigartige Erlebnis erweckte in uns das Verlangen, diesen so glücklich beschrittenen Weg fortzusetzen und hier in Berlin einmal einen deutschen Wissenschaftler von Weltrang zu unserem Thema sprechen zu lassen. Was uns not tut, das ist freilich nicht irgendeine Festrede aus dem weiten Gebiet geistiger Betätigung, sondern eine lebendige Durchdringung unserer sportlichen Probleme mit den Mitteln des Geistes, so wie es Ortega y Gasset getan hat, der mit dem gesamten Gewicht seiner geistigen Substanz Herkunft und immerwährende Aufgaben des Sportes zu durchleuchten versuchte.

Nach langem Bemühen fanden wir auch einen deutschen Gelehrten von Weltruf, der sich dieser Aufgabe zu unterziehen bereit erklärte. Dieser Gelehrte hat monatelang mit dem Stoff gerungen und uns dann in dankenswerter Aufrichtigkeit erklärt, an dem Thema gescheitert zu sein. Vielleicht gibt es in Deutschland noch irgendwo die Stube eines großen Gelehrten, in der auch unsere Probleme in aller Stille durchforscht und durchdacht werden.

Aber die Tatsache, daß eine Bewegung von mehr als 5 Millionen Menschen keinen Namen eines großen deutschen Geisteswissenschaftlers weiß, bei dem sie geistigen Rat holen kann, kennzeichnet die Situation, vor die sich der Sport in Deutschland gestellt sieht, eindeutig. Dabei ist der Sport unbezweifelbar ein modernes Phänomen, was die Massen im Positiven oder Negativen gewaltig bewegt, ein Phänomen, was geistiges Ringen geradezu herausfordert und Forschung erforderlich macht. Soweit der Sport in Deutschland überhaupt in das Blickfeld der geistigen Schicht tritt, wird er fast immer ein Objekt verhältnismäßig oberflächlicher und negativer Kritik.

Ein sehr bekannter deutscher Soziologe und Staatswissenschaftler verbat sich, aufs äußerste empört, daß der Sport überhaupt nur das Ansinnen an ihn stelle, auf dem Bundestag des DSB ein Referat zu halten, weil er sich in keiner Weise mit dem modernen Sport zu kompromittieren wünsche. Dabei unterliegt es kaum noch einem Zweifel, daß sich heutzutage gerade ein Soziologe, also ein Gesellschaftswissenschaftler, eher damit kompromittieren sollte, daß er mit dem soziologischen Phänomen Sport nichts zu tun haben will, als daß er sich damit befaßt. Ich möchte nicht mißverstanden werden. Wir wehren uns nicht gegen eine negative Beurteilung an sich. Wenn ein Wissenschaftler nach gründlicher Forschung zu einem negativen Urteil über den Sport kommen würde, so würden wir dieses Urteil honorieren und ganz sicher den ernsten Versuch machen, die mit Recht erhobenen Beanstandungen zu beseitigen. Wir wehren uns gegen oberflächliche Urteile, die ja auch der Wissenschaft nicht anstehen, und wir wehren uns am meisten dagegen, daß man in Deutschland erst gar nicht den Versuch macht, den Sport in die moderne Wissenschaft einzubeziehen. Dabei bieten die deutschen Universitäten nahezu jeder Wissenschaft und Forschung eine Heimstätte, nur der Sport ist angeblich nicht wissenschaftswürdig. Die These, daß Leibeserziehung ein integrierender Bestandteil der Gesamterziehung ist, wird in der ganzen Welt und auch in Deutschland voll anerkannt. Trotzdem gibt es an den deutschen Universitäten, ich betone, um nicht mißverstanden zu werden, an Universitäten, nach dem Ausscheiden von Hermann Nohl nicht einmal unter den Pädagogen einen einzigen Ordinarius, dem die Erziehung vom Leibe her ein bedeutendes wissenschaftliches Anliegen wäre.


Lehrstuhl für den Sport

Sport und Leibeserziehung ist, wie die Fakultäten meinen, keine Wissenschaft. Wir können mit den "Professores Hochgelahrt" nicht anders darüber diskutieren als mit einem Rest von gesundem Menschenverstand und fragen: Ist Musik denn etwa eine Wissenschaft oder das Theater? Oder, meine sehr verehrten Anwesenden, ist eine Zeitung eine Wissenschaft? Und doch gibt es Lehrstühle für Musikwissenschaft, für Theaterwissenschaft und für Zeitungswissenschaft. Was das letztere anbetrifft, so wäre es eine Doktorfrage, festzustellen, warum man nun Lehrstühle für Zeitungswissenschaft eingerichtet hat und für den Sport nicht. Etwa deshalb, weil die Zeitungen so viel besser sind als der Sport und darum Lehrstühle verdienen? Oder umgekehrt, weil der Sport so viel besser ist als die Zeitung und deshalb keine Lehrstühle nötig hat?

An jeder der 24 deutschen Universitäten und Hochschulen gibt es zwar ein Institut für Leibesübungen, aber kein Institutsleiter ist Ordinarius. Ein einziger von den 24 Institutsdirektoren ist außerordentlicher Professor. Alle anderen sind Regierungs- oder Oberregierungsräte oder stehen im Rang von Studienräten. An keinem dieser Institute gibt es die Möglichkeit zu doktorieren. Angeblich gibt das so komplexe Gebiet des Sports in Deutschland kein geeignetes Thema für Doktorarbeiten her. Dabei enthält das Verzeichnis der Dissertationen der amerikanischen Universitäten von 1930 bis 1946 allein 420 Doktordissertationen über den Sport. Und was die Qualität dieser Dissertationen anlangt, so scheint mir eine zahnmedizinische Doktordissertation über die Zahnärzte Goethes oder eine Doktordissertation über den Flaschenverschluss bei alkoholischen Getränken, die an deutschen Universitäten angenommen wurden, nicht gerade dissertationswürdiger zu sein als beispielsweise die Doktorarbeit von Eva Osnato von der Universität New York über das Thema "Die Bereicherung des Lehrstoffs für die körperliche Erziehung im Hinblick auf eine gesundheitsfördernde und wertvolle Verbringung der Freizeit im späteren Leben".

Meine Damen und Herren, ich beabsichtige mit meinen Ausführungen nicht anzuklagen. Dafür wäre das von mir vorgebrachte Material auch zu dürftig. Mir lag nur daran, einige Symptome für die Tatsache anzuführen, daß ich hier vor Ihnen auf dem Rednerpult stehe mit vielleicht unzulänglichem Bemühen und mit dem größten Bedauern, daß an meiner Stelle nicht ein deutscher Gelehrter steht, einer jener geistigen Wegweiser, deren auch der Sport in einer Zeit nicht entbehren kann, in der die menschliche Kultur in eine ihrer ernstesten Krisen geraten ist.

Was die Kulturkrise betrifft, so wird dazu an einer späteren Stelle meines Vortrages, wo ich mich der schulischen Leibeserziehung zuwende, noch einiges zu sagen sein. Im Augenblick möchte ich mich doch noch eine Weile lang mit der Tatsache befassen, daß der Sport immer noch nicht in genügendem Umfang in das Blickfeld der führenden Schichten getreten ist. Wir können uns zwar darüber nicht beklagen, daß wir bei offiziellen Anlässen von hohen und höchsten Stellen immer wieder ihres äußersten Wohlwollens versichert werden, aber wenn es zu Taten kommen soll, so werden wir fast immer belehrt, daß man aus diesem oder jenem Grunde die an sich durchaus berechtigte Forderung nicht erfüllen könne. (?)


Die Masse der Inaktiven

Noch vor hundert Jahren haben die Menschen selbst gesungen, getanzt, gespielt und geturnt. Gewiß hatten sie auch damals ein gewisses Publikum, Es spielte aber im Verhältnis zu den 'Aktiven' nur eine geringe Rolle. Nach und nach sind die Menschen dazu übergegangen, sich etwas vorsingen, vortanzen und vorspielen zu lassen. Immerhin waren die 'Inaktiven' noch bei den Veranstaltungen 'dabei'. Dann aber fing die Technik mit der Kinomatografie die Schatten der Spiele auf. Nun waren die Menschen größtenteils als Passive nicht einmal mehr beim Spiel selbst zugegen, sie saßen stumm vor den (Schatten der Wirklichkeit. Wir nehmen das alles so selbst-verständlich hin und bemerken gar nicht, daß wir uns immer mehr in eine blutleere Gespenster-welt der Spiele begeben.

Was hier vor sich geht, trifft gerade die Seele des Sports. Noch steigt die Abwanderung vom aktiv betriebenen Sport zum Zuschauen an. Radio und insbesondere Fernsehen tragen die Veranstaltungen und Spiele bis vor den Lehnsessel ins Haus. Vielleicht bezeichnet man in einigen zehn Jahren den schon als Aktiven, der noch zum Ort des Geschehens hingeht, dort einige Stunden steht oder bequem sitzt, alles in allem aber doch wenigstens noch dabei ist und nicht den Schatten des Spiels oder die Geisterstimmen der Radioreportage für die Wirklichkeit aus Fleisch und Blut nimmt. Nun wäre nichts törichter als der Versuch, die moderne Technik und die Lebensbedingungen des modernen Menschen etwa rückwärtsdrehen zu wollen. Im Gegenteil, Je klarer wir die Entwicklung erkennen oder gar voraussehen, um so klarer wissen wir um unsere Aufgabe im Rahmen der Gesamtentwicklung.


Die Standortlotung

So können wir nun eine Standortlotung wagen:

1. Wir müssen uns vor den Schnelldenkern und Entweder-oder-Parolen hüten und mit uns selbst und mit der Zeit, in der wir leben, Geduld haben; denn alles natürliche Wachstum braucht Zeit,

2. Wir müssen alles tun, in der sich immer mehr vertechnisieren den Welt Oasen der Erholung, des Spiels, der menschlichen Begegnungen nicht nur zu erhalten, sondern in großem Umfang auch neu zu schaffen.

3. Wir müssen uns überall, namentlich aber in unserem praktische Turn- und Sportbetrieb, vor den Superlativen hüten und Maß halten.

Einsteins schon erwähnte große Entdeckung, die Relativitätslehre, gab den exakten Wissenschaften die der Neuzeit angepaßte Grundlage. Seine Erkenntnisse sind aber schon seit geraumer Zeit auch im Raum der modernen Geisteswissenschaften anerkannt.

Jede Zeit braucht ihre eigenen Maßstäbe. Wenn Coubertin sagte 'schneller, höher, stärker', so ist der uns bekömmliche und unserer Zeit angepaßte Maßstab: 'schnell, hoch, stark'.... aber nicht über das dem Menschen gesetzte Maß hinaus. 'Mut und Maß', so hat Professor Heuss einmal dies wünschenswerte Streben schön formuliert. Und lassen Sie mich noch einen 4. Punkt hinzufügen, der eine Standortlotung sein mag für unser ganzes Denken und Verhalten, sowohl innerhalb unserer engeren Gemeinschaft im DSB als auch außerhalb unseres eigenen Kreises im Raum unseres Vaterlandes und der Menschheit. Lassen Sie mich für diesen Punkt Formulierungen entleihen, die wir unserem großen Freund und Denker Huizinga verdanken: 'Das Dilemma, vor das uns die Zeit stellt, wird mit jedem Tag bedrückender. Überall Verwicklungen, die binnen kurzem Auflösung erfordern und von denen der vorurteilslose Betrachter anerkennen muß, daß eine Auflösung, die keinen berechtigten Interessen schadet und keine berechtigten Wünsche unerfüllt läßt, kaum auszudenken ist.

In vielen Fällen steht gewisses Recht gegen gewisses Recht. Eine Entscheidung scheint nur auf zwei Arten möglich. Eine davon ist bewaffnete Gewalt. Die andere ist eine Regelung auf Grund weitgehenden internationalen Wohlwollens. Sie begründet auf einem beiderseitigen Absehen von an sich gerechten Wünschen, sie beruht auf einem Verzicht um des Rechtes des anderen willen, kurzum auf Uneigennützigkeit und Gerechtigkeit. Die neue Kultur wird eine Askese sein nicht der Weltverleugnung, sondern der Selbstbeherrschung und der gemäßigten Schätzung von Macht und Genuß.'

Diese 'Neue Askese' ist ein guter Kompaß für den Weg, den wir auch bei Sport und Turnen suchen und finden wollen, auch im Deutschen Sportbund, denn nicht zu trotzen oder zu träumen, sondern in Freiheit zu dienen ist sein Sinn."


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 8 / 17. Februar 2009, S. 34
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veröffentlicht im Schattenblick zum 5. März 2009