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GESCHICHTE/106: Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte - Teil 11 (DOSB)


DOSB-Presse Nr. 46 / 11. November 2008
Der Artikel- und Informationsdienst des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)

1952/I: Städtetag verabschiedet Leitsätze für die kommunale Sportpflege
Sportpolitische Dokumente aus sieben Jahrzehnten Nachkriegsgeschichte (Teil 11)

Eine Serie von Friedrich Mevert


Eine enge Zusammenarbeit pflegte der Deutsche Sportbund schon in der Entstehungsphase und dann seit Beginn seines Wirkens mit den Kommunen und deren Spitzenverbänden. Frankfurts im Jahre 1956 viel zu früh verstorbener Oberbürgermeister Dr. Walter Kolb, der im September 1950 in Tübingen zum Präsidenten des Deutschen Turner-Bundes gewählt worden war und die entscheidenden Abschlussgespräche vor der DSB-Gründung im Dezember 1950 mitgeführt hatte, war als Vorsitzender des Sportausschusses des Deutschen Städtetages dafür nicht nur der beste Verbindungsmann zwischen beiden Bereichen, sondern auch eine der treibenden Kräfte für die Förderung des Sports auf der gemeindlichen Ebene.

Bereits im Juni 1952 verabschiedete die Hauptversammlung des Deutschen Städtetages folgende Leitsätze für die kommunale Sportpflege:

I. Grundsatz

Im Leben unserer Städte sind Körpererziehung, Turnen und Sport wichtige gesellschaftliche Faktoren. In ihm finden sich Kräfte, die zur geistigen und körperlichen Gesundung des deutschen Volkes beitragen. Falsch getriebener Sport kann Schaden anrichten. Deshalb ist die Sportpflege eine wichtige Aufgabe der Gemeinden. Es gilt nicht nur, denen, die bereits Sport treiben, behilflich zu sein; es gilt vor allem, die im Sport liegenden sittlichen, gesundheitlichen und erzieherischen Werte der Allgemeinheit zugänglich zu machen und im Sportleben, selbst zu erhalten und zu stärken.


II. Organisation

Zur Erfüllung dieser Aufgaben wird sich vor allem in größeren Städten, die Errichtung einer besonderen Dienststelle und eines Fachausschusses empfehlen, zu dem Sachverständige der Sportvereine, des Schulwesens, des Bauwesens, der Ärzteschaft und der Wirtschaft herangezogen werden können.


III. Aufgabenbereich

1. Die Sportpflege umfaßt die Förderung der sportlichen Tätigkeit der Bürgerschaft und ihrer Jugend innerhalb und außerhalb von Vereins- und Gruppenbindungen in allen Altersstufen. Hierbei sind bisher Fernstehende für den Sport zu gewinnen. Bei der Förderung der Sportvereine bleibt deren organisatorische und sachliche Selbständigkeit unberührt.

2. Wenn eine besondere Dienststelle für die Sportpflege errichtet ist, so ist es zweckmäßig, ihr auch die Angelegenheiten des Berufssportes zu übertragen, soweit die Stadt mit ihnen befaßt ist.


IV. Städtische Einrichtungen und Veranstaltungen

1. Für die Sportpflege durch stadteigene Einrichtungen kommt vorwiegend die Errichtung und Unterhaltung von Übungsstätten (Turnhallen, Schwimmbäder, Sportplätze) in Frage. Auf die sportlich wie baulich (gärtnerisch) einwandfreie Gestaltung der Übungsstätten muß geachtet werden. Zur bestmöglichen Ausstattung der Anlagen empfiehlt sich, bei der Planung und Errichtung eigener und fremder Anlagen die "Zentrale Beratungsstelle" hinzuzuziehen. Daneben ist vor allem auch die Selbsthilfe der Vereine und der Bürgerschaft zu fördern.

2. Als städtische Veranstaltungen kommen in Frage:
a) eine alljährliche Feierstunde (Meisterehrung, Olympische Kundgebung)
b) Durchführung der Bundesjugendspiele für Schule, Vereine und freie Jugend
c) Unterstützung der Prüfung für das Sportabzeichen
d) Förderung des Versehrtensports und der Leibesübungen für Körpergeschwächte
e) Feriensportkurse für Jugendliche, Kinderkurse, Mütterkurse, freie Gymnastikkurse,
Schwimmunterricht in Zusammenarbeit mit Vereinen und privaten Turn- und Sportlehrern.


V. Förderung der Vereine

1. Die Betreuung des Vereinswesens erfolgt durch Bereitstellung von Übungsstätten, Beratung, Förderung der Lehrarbeit und finanzielle Beihilfen.

2. Die Ausbildungstätigkeit der Vereine soll angeregt, gefördert und ggf. geleitet werden. Dies kann durch städtische Sportlehrer geschehen. Auch soll durch Vorträge, Feierstunden usw. zur geistigen Anregung der Vereine beigetragen werden. Auf den Schulturnunterricht ist belebend einzuwirken. Er bedarf der Ergänzung durch den Vereinssport und damit der geregelten Überleitung der Schüler in die Vereine und einer entsprechenden Lehrtätigkeit der Turnlehrer in den Vereinen. Gemeinsame Veranstaltungen von Schulen und Vereinen werden empfohlen.

3. Bei den finanziellen Beihilfen ist zu beachten, daß der Sport grundsätzlich eine Sache der Selbstfinanzierung ist. Bezahlter Sport ist kein Sport. Finanzielle Beihilfen sollen nur da gewährt werden, wo durch die Träger jede zumutbare Vorleistung aufgewiesen wird. Eine schematische Verteilung der Mittel ist zu vermeiden. Bürgschaften und Beteiligungen sollen nur in besonders begründeten Ausnahmefällen geleistet werden. Die finanzielle Verantwortung des Veranstalters soll grundsätzlich erhalten bleiben, Einzelzuwendungen kommen auch für besonders von der Stadt anzuregende Einrichtungen in Frage, z. B. Sportheime, Sportschulen, Wintersporthallen, Heilstätten. Die Kameradschaft der Sportvereine untereinander und ihr Verhältnis zur Stadt darf durch finanzielle Fragen nicht leiden.


VI. Förderung des freien Sportes

1. Die Aufgaben der Sportpflege dürfen sich in der Betreuung des organisierten Sportes nicht erschöpfen.

2. Die Förderung des freien Sportes erfolgt in Verbindung mit Schule und Jugendamt. Für die Erfüllung dieser Aufgaben sollten fachlich besonders geeignete und mit den gesellschaftlichen Bindungen vertraute Kräfte eingesetzt werden, die insbesondere auch geistig und körperlich gefährdete Menschen - vor allem Jugendliche - anzusprechen vermögen.

3. Von besonderer Bedeutung ist der Versuch, über den Beruf zur allgemeinen Verbreitung des Sportes vorzudringen, wobei das Verhältnis zu den Vereinen mit besonderer Sorgfalt zu beachten ist."

Ein kurzer Kommentar des selbst seit Jahrzehnten in einer norddeutschen Landeshauptstadt lebenden Chronisten aus heutiger Sicht darf zu diesen über 50 Jahren alten Leitsätzen nicht fehlen: Viele der damals selbst formulierten Zielsetzungen der Kommunalpolitiker sind bis heute nicht in die Praxis umgesetzt worden - Ausnahmen bestätigen die Regel - oder langsam mit den Jahren unbeschadet der seinerzeit aus Überzeugung freiwillig übernommenen Verpflichtungen wieder in den Schreibtischschubladen und Aktenschränken verschwunden. Schade!


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Quelle:
DOSB-Presse Nr. 46 / 11. November 2008, S. 34
Der Artikel- und Informationsdienst des
Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB)
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veröffentlicht im Schattenblick zum 25. November 2008